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Warum Shaqiri für den Kosovo spielen darf

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 30. Januar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Steilpass-Mitinitiant Samuel Reber*


In der Schweiz herrscht eine Meinung vor, dass Sportler mit ausländischen Wurzeln, die in der Schweiz aufgewachsen und ausgebildet wurden, sich auch für die hiesige Landesauswahl zu entscheiden hätten. Ich glaube, dass ich sogar selber einmal diese Ansicht vertreten habe. Nicht fanatisch, aber doch. Kürzlich wurde mir bewusst: Das ist doch kompletter Quatsch.

Und das kam so: Im vergangenen Herbst spielte die Schweizer Fussball-Nati in Luzern gegen Albanien. Ich sass an diesem Dienstagabend mit guten Freunden vor dem TV. Und ja, auch wir diskutierten über die Spieler mit albanischen Wurzeln in unseren Reihen: Shaqiri, Behrami, Xhaka, Mehmedi und Dzemaili.

Heimvorteil: Xhaka, Shaqiri und Behrami (v.l.) beim Länderspiel Schweiz-Albanien in Luzern. (Bild: Keystone)

Heimvorteil: Xhaka, Shaqiri und Behrami (v.l.) beim Länderspiel Schweiz-Albanien in Luzern. (Bild: Keystone)

Ich beobachtete: In unserer Diskussion ereiferten sich plötzlich besonnene und auch einigermassen gebildete Geister, warum sich diese Spieler zu schade seien, die Nationalhymne mitzusingen. Das sei doch das Minimum. Wer hier leben und profitieren will, der … blabla … Das sei adäquate Loyalität. Und so weiter. Und so fort. Wir kennen die Diskussion. Auch TV-Moderator Sascha Ruefer galoppierte während dem Spiel auf dieses Feld. Etwas kopflos, würde ich meinen.

Später an diesem Abend im September, als meine Freunde gegangen waren, und ich alleine inmitten leerer Bierflaschen und Pizzaresten auf dem Sofa sass, dachte ich etwas nach. Da wurde mir klar: Das ist doch Wahnsinn, was man von diesen Menschen verlangt. Ein Shaqiri soll doch für die Kosovo-Nati spielen dürfen, ohne dass sich hier jemand aufregt. Auch wenn der Spieler in der Schweiz gross geworden ist. Denn ein Sportler soll für das Land auflaufen, für das sein Herz schlägt. Von dieser Identifikation lebt der Sport zu einem grossen Teil, ganz sicher der Nationalmannschaftssport.

Und jetzt stellen wir uns noch einen jungen Kosovo-Albaner vor, der in die Schweiz kommt. Seine Situation kann sehr speziell sein. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass er mit seinen Eltern vor dem Krieg fliehen musste. Nun wohnen sie in einem fremden Land, wo die Familie um die Heimat bangt und um die Verwandten, die sie zurückgelassen haben. Hunderte, wenn nicht Tausende aus dem eigenen Volk sterben. Man verfolgt die Nachrichten, leidet und betet, zum Beispiel für einen eigenen Staat. Dieser scheint tatsächlich auch auf die Beine zu kommen, wird teilweise von anderen Ländern anerkannt, ist aber fragil und kann jede mögliche Starthilfe mehr als gut gebrauchen.

Das Herz unseres jungen Sportlers schlägt für den neuen Kosovo. Durch die lange Leidensgeschichte wahrscheinlich intensiver als das eines Schweizer Fussballers für die Schweiz. Und auf der anderen Seite ist klar: Der Kosovo braucht die Sportler, denn was ist identitätsstiftender und eint stärker als eine Fussball-Nati?

Ich kenne die Geschichte der Familien Shaqiri und Xhaka nicht genau. Doch für mich ist sonnenklar: Wollen diese Fussballer für den Kosovo spielen, sofern es dort in absehbarer Zukunft eine Nati gibt, dann sollen die das machen, ohne dass in der Schweiz jemand einen dicken Hals und einen roten Kopf kriegt. Es wäre eine Entscheidung, die ich wahrscheinlich auch so treffen würde. Oder die ich auf jeden Fall sehr gut nachvollziehen könnte.

*Samuel Reber ist Blattmacher und Tagesleiter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet, Steilpass-Mitinitiant und war während mehreren Jahren Captain der Herrenmannschaft des SC Wipkingen.

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