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Mehr Gelb-Schwarz, bitte

Mämä Sykora am Montag den 10. Dezember 2012
Der Wiler Marko Muslin, rechts, gegen den Berner Alasin Nef, links, beim Fussball Achtelfinal-Cupspiel zwischen dem Challenge Laegue Club FC Wil und dem Super League Verein BSC Young Boys in der AFG-Arena in St. Gallen, am Sonntag. 9. Dezember 2012. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Der Wiler Marko Muslin (r.) im Zweikampf mit dem Berner Alain Nef (l.) , 9. Dezember 2012. (Keystone/Walter Bieri)

1927 gewann die Schweizer Nati kein einziges Spiel, Dynamo Kiew wurde gegründet und Newcastle United holte seinen bislang letzten Meistertitel. Aber das wichtigste Ereignis in jenem Jahr fand bereits am 22. Januar statt. Dann nämlich wurde die erste Radio-Livereportage eines Fussballspiels ausgestrahlt. Auf BBC konnte man die Partie Arsenal gegen Sheffield United mitverfolgen. Damit die Zuhörer sich das Spiel besser vorstellen konnten, druckten Programmzeitschriften ein in nummerierte Rechtecke eingeteiltes Fussballfeld ab, und während der eine Kommentator das Spielgeschehen rapportierte, nannte ein zweiter jeweils das Feld, in dem sich der Ball gerade befand. Es war der Beginn einer lang anhaltenden und innigen Liaison zwischen dem Fussball und dem Radio, die mit dem Aufkommen des Fernsehens abrupt abkühlte.

So ganz zu Ende ist sie indes noch nicht. Zum Glück. Zwar verbinden nur noch Pensionäre ihre schönsten Fussballerinnerungen mit den Stimmen einst berühmter Radioreporter, doch das Internetzeitalter schuf Nischen für eine Wiederbelebung der Beziehung Fussball/Hörfunk. Das Berner Radio Gelb-Schwarz besetzt so eine Nische (Und ich bin froh, dass ich den Namen nur schreiben und nicht sagen muss. Dieses «Gäub» ist wohl für Zürcher das, was das «Chuchichäschtli» für Nicht-Schweizer ist) . Seit dreieinhalb Jahren kommentieren Simon Klopfenstein und Brian Ruchti die Spiele ihrer Young Boys und haben in dieser Zeit eine treue Fangemeinde gewonnen. Im Schnitt verfolgen rund 3000 Personen ihre emotionalen Matchberichte.

Gestern waren sie natürlich wieder im Einsatz. YB spielte in St. Gallen im Schweizer Cup gegen den FC Wil. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt bauten sie in der AFG-Arena ihr Material auf und versorgten ihre Hörerschaft mit Informationen zu jenem Spiel, das für YB zum Debakel werden sollte. Sie taten dies trotz des erschütternden Spielverlaufs wie immer. Mit viel Humor, aber ohne in Blödeleien abzudriften. Mit guten Analysen, ohne trocken zu wirken. Und mit sehr viel Engagement und Leidenschaft. «Parteiisch, aber fair» heisst der Slogan von RGS. Er passt perfekt.

In St. Gallen mussten Simon* und Brian ziemlich leiden. Nicht nur die miserable Leistung ihres Teams machte ihnen zu schaffen, auch der starke Schneefall verlangte nach kreativen Lösungen, um die Ausrüstung zu schützen. So berichteten die RGS-Kommentatoren zwischen versandeten YB-Angriffen vom Bau eines Schutzwalls aus Papier, begleitet von ironischen Ratschlägen an die Adresse des Architekten des Stadions. Es sind diese Momente, die RGS zum besonderen Genuss machen. Mühelos wechseln sie zwischen zwangslosen und unterhaltenden Plaudereien und Aufschreien nach verpassten Chancen oder hanebüchenen Fehlpässen. Wer eine Partie auf RGS verfolgt, der fühlt sich, als sässe er selbst mit Freunden im Stadion, wo man ebenso wenig ausschliesslich übers Spiel spricht.

So hört man Brian auch mal ein Lied summen, dessen Name ihm partout nicht einfallen will. Derweil fordert Simon den Einsatz von Müslüms «Süpervitamin», um den 0:3-Rückstand beim Unterklassigen noch aufzuholen. Gepaart mit dem unbestreitbaren Fussballwissen der beiden Herren ergibt das eine erfrischende Mischung und damit eine willkommene Alternative zur ewig gleichen und biederen Fussballberichterstattung auf anderen Kanälen.

Derzeit kommen nur YB-Fans in den Genuss einer Radioreportage, die so informativ und unterhaltend ist, dass man ganz vergisst, dass man gar keine Bilder vom Spiel hat. Es ist höchste Zeit, dass ein ähnliches Konzept in den nationalen Sendern eingeführt wird. Wer braucht denn schon die holprigen Teleclub-Livespiele im TV, wenn man stattdessen ein ungemein eindrücklicheres Erlebnis beim Fussball-Hören haben kann? Die Schweizer TV-Aufarbeitung des Fussballs ist mittlerweile derart lieblos, dass die zweite grosse Radiorevolution nach 1927 dringend gebraucht wird.

* RGS betreibt Nachwuchsarbeit: Wie nicht nur einige Kommentatoren, sondern auch die Beteiligten selber anmerkten, war gestern nicht «Simu», sondern Praktikant Dario Hitz mit Brian im Einsatz. Dass der Autor dies nicht bemerkte, spricht durchaus für die Qualität der Nachwuchsarbeit bei RGS.

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