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Matchhirn

Mämä Sykora am Montag den 12. November 2012
Wie heisst der Typ rechts von Heinz Bertschi? Karl Odermatt. Die Schweizer Nationalspieler geben am 5. Juni 1963 Autogramme. (Bild: Keystone)

Wie heisst der Typ rechts von Heinz Bertschi? Karl Odermatt. Die Schweizer Nationalspieler geben am 5. Juni 1963 Autogramme. (Bild: Keystone)

Mein Vater wuchs in der damaligen Tschechoslowakei auf, spielte in seiner Jugend ziemlich gut Eishockey und interessierte sich nebenbei natürlich auch für Fussball. Sein Lieblingsverein war Slovan Bratislava. 1968 flüchtete er als 22-Jähriger vor den sowjetischen Panzern in die Schweiz. Als ich kürzlich im Zürcher Sportantiquariat auf einen reich bebilderten Band über die USA-Reise von Sparta Prag in den Sechzigern stiess, kam ich nicht umhin, ihm diesen als Geschenk zu überreichen. Selbstverständlich erkannte er die meisten Spieler, darüber hinaus mochte er sich auch noch an viele der hinten im Buch aufgeführten Resultate der Freundschaftsspiele auf dieser Tour erinnern. Unbedeutende Freundschaftsspiele einer Mannschaft, die nicht mal seine liebste war, und die mehr als 40 Jahre zurück liegen. Er quittierte diese Tatsache mit der Frage: «Warum können wir uns bloss solch unnötigen Blödsinn merken?»

Es fällt in der Tat schwer, sich eine Situation vorzustellen, in der es nützlich wäre, das Resultat eines Testspiels zwischen Sparta Prag und den Baltimore St. Gerards von 1966 zu kennen. Nun ist ja aber nicht so, dass Fussballbegeisterte sich hinsetzen und Resultate, Torschützen und Tabellen büffeln würde, wie andere sich durch Periodensysteme oder Formeln arbeiten. Einmal gehört, gelesen oder gesehen – nie mehr vergessen. Da es doch vermessen wäre zu behaupten, solche Leute hätten ein leistungsfähigeres Gehirn, liegt die Befürchtungen nahe, dass andere, deutlich wichtigere Dinge mit diesem Nonsens überschrieben werden.

Nimmt man die männlichen Mitglieder meiner Familie als Beispiel, so muss vermutet werden, dass diese Flut an unnützen Fussballinformationen im Hippocampus abgelegt wird, wodurch dessen Funktionen stark beeinträchtigt werden. Der Hippocampus ist zuständig für den Orientierungssinn, der in unserer Familie derart verkümmert ist, dass wir alle es erst nach unzähligen Fehlversuchen schaffen, den Weg von einer Restauranttoilette zurück zum Platz zu finden. Da ich aber doch einige Fussballverrückte kenne, die durchaus ohne Navigationsgerät spazieren gehen können, muss diese Theorie bereits als widerlegt betrachtet werden.

Oder muss man Leute, die sich noch immer im Detail an das unglaubliche Spiel um Platz 3 des Afrika-Cups 1998 zwischen Kongo und Burkina Faso (4:4) erinnern können, bereits zu den sogenannten «Savants» zählen? Savants können in einem kleinen Teilbereich aussergewöhnliche Leistungen erbringen, zum Beispiel 12’000 Bücher auswendig kennen oder Pi bis auf 22’514 Stellen nach dem Komma aufsagen. Dinge halt, die ähnlich nützlich sind wie Resultate von Freundschaftsspielen aus längst vergangener Zeit. Savants weisen fast immer schwere soziale Defizite auf, über die Hälfte sind Autisten. Die Fussballnerds, die ich kenne, pflegen hingegen alle ein gesundes Sozialleben, können sich auch bestens auf einem anderen Parkett bewegen und geben gute Freunde ab, die man auch brauchen kann, wenn man nicht gerade bei «Wer wird Millionär?» auf dem Stuhl sitzt und einen Telefonjoker benötigt, der als richtige Antwort «Mongi Ben Brahim» ausspuckt.

Bleibt eigentlich nur die simple Theorie, dass einem Menschen das in Erinnerung bleibt, was ihn besonders interessiert. Ob er will oder nicht. Und auch wenn jede Woche wieder einige Spiele und Tore dazu kommen, die sich auf der Festplatte festsetzen, müssen wir wohl nicht befürchten, dass uns gerade der Name der aktuellen Freundin partout nicht einfallen will. Höchstens vielleicht, was sie am Samstag vor zwei Wochen trug. Dafür können wir mit Gleichgesinnten stundenlang vor einem Bier sitzen und uns gegenseitig von Nebensächlichkeit aus grauer Vorzeit erzählen. Und wenn diese sich auch noch daran erinnern können, dann haben wir die Gewissheit, dass da oben wohl doch alles irgendwie in Ordnung ist. Auch wenn es verstopft ist mit Dingen, die wirklich niemand wissen muss.

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