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Pirlos Elfmeter war eine einzige Demütigung

Hakan Yakin am Montag den 25. Juni 2012

Wie Italiens Spielmacher Andrea Pirlo im Elfmeterschiessen den Ball ins englische Tor schnippelte, war natürlich ganz grosse Klasse. Ich würde sagen schlicht Weltklasse. Das war Coolness pur. Als der Juve-Star zum Schuss anlief, stand er unter einem gewaltigen Druck. Die Engländer waren zu diesem Zeitpunkt in einem psychologischen Vorteil, die Italiener in Zugzwang, hatten sie  doch bereits durch Montolivo kläglich einen Strafstoss verschossen. Doch Pirlo wartete die Reaktion der Torhüters eiskalt ab und schlenzte den Ball lässig Mitten ins Tor.

Dieser Mann muss Nerven wie Drahtseile haben. Ein Spieler, der auf diesem Niveau einen solchen Elfmeter tritt, muss technisch perfekt und mental unheimlich stark sein. Mit seiner Aktion hat Pirlo Englands Keeper Hart, zweifelsohne einen der besten Torhüter des Turniers, fast schon der Lächerlichkeit preisgegeben. Er lag geschlagen in der rechten Ecke seines Tores und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Er musste sich irgendwie wie ein Clown vorgekommen sein. Und prompt wirkte der Torhüter vom englischen Meister Manchester City, der in den letzten zwei Jahren auf der Insel zum Keeper des Jahres ausgezeichnet wurde, nicht mehr so selbstbewusst.

Die Verunsicherung war dann auch bei den anderen englischen Elfmeterschützen förmlich zu spüren. Young  traf die Latte und  Cole scheiterte an Italiens Keeper Buffon. So gesehen war Pirlos Elfmeter eine einzige Demütigung für die Engländer. Pirlo ist mittlerweile auch schon 32 Jahre alt. Dank seiner Klasse und immensen Erfahrung konnte er es sich überhaupt leisten, in dieser aufreizenden Art und Weise einen Elfmeter zu schiessen. Doch wer sich so etwas zutraut, muss auch einen gewissen Hang zu einem Selbstdarsteller haben.

Ich bin allerdings sicher, dass dieser Elfmeter von Pirlo vor allem auch ein  Ärgernis für viele Trainer ist. Es ist zu befürchten, dass Pirlo jetzt viele Nachahmer findet. Jeder möchte ihn kopieren und so cool und ausgebufft sein wie der italienische Superstar. Das das ganz schön in die Hosen gehen kann, musste der FC Zürich in der  vergangenen Saison erfahren. Sein Spielmacher Xavier Margairaz versuchte es a là Pirlo. Doch Sions Keeper Vanins blieb stehen und schnappte den schwach und mitten aufs Tor geschossenen Elfmeter ohne Probleme. Im Nachhinein war es leider der Anfang vom Ende für Urs Fischer als FCZ-Trainer. Für die Zürcher, die als Vizemeister in die Saison gestartet waren, ging es nach dem ersten Saisonspiel im Wallis nämlich nur noch bergab und Fischer musste gehen.

Ich persönlich würde auch als 87-facher Nationalspieler nie  einen solchen riskanten Elfmeter schiessen. Bei einem Fehlschuss müsste die ganze Mannschaft die Konsequenzen tragen und darunter leiden.

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