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Gefangen im Statistik-Dschungel

Claudia Lässer am Sonntag den 24. Juni 2012
Viel Schüsse, aber kein einziger Sieg: Die Holländer sind ein Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Interpretation von Statistiken.

Viel Schüsse, aber kein einziger Sieg: Die Holländer sind ein Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Interpretation von Statistiken.

Es gibt sie für Einwanderer, Sexpraktiken oder Fusspilz. Also praktisch für alles: Statistiken erklären uns die Welt. In ihnen werden Menschen zu Nummern, Ereignisse verwandeln sich in Prozente, aus Vergangenem wachsen Balken.

Kein Fussballspiel kommt mehr ohne Statistik aus. Als Fernsehzuschauer werden Sie gefüttert mit Angaben zu Ballbesitz, Laufdistanz, Zweikämpfen, Karten, Schüssen, Toren. Erst durch die Interpretation bekommen die Zahlen Sinn eingehaucht. Und genau hier liegt die Krux: Statistiken richtig zu deuten, ist so anspruchsvoll wie Zlatan Ibrahimovics Seitfallzieher. Weil wir Menschen intuitiv Zusammenhänge suchen und nach Mustern schielen, ist die Quote der Fehlinterpretation hoch. So kann sich hinter dem scheinbar Offensichtlichen ganz etwas anderes verstecken:

Holland hat hinter Frankreich und Spanien am meisten aufs Tor geschossen – ein Indiz für die Spielstärke von Oranje oder für mangelnde Geduld? Der Kroate Mario Mandzukic hat in der Gruppenphase die meisten Tore erzielt und am zweitmeisten Fouls begangen – bedingt das Erste das Zweite? Nur ein einziger Penalty in 24 Gruppenspielen – britischer Sportsgeist oder die strenge Hand von Schiedsrichterchef Pierluigi Collina? Neun von zehn Toren fielen durch Schüsse im Strafraum – weil die Ballfertigkeit der Angreifer so gross ist oder weil in den von Disziplin geprägten Taktiken kein Platz mehr ist für Knaller aus 30 Metern?

Was glauben Sie? Noch fallen Ihnen die Antworten wahrscheinlich leicht. Noch. Aber die Halbwertszeit im Fussball ist gering. Nur Stunden nach dem Spiel lösen sich die Emotionen auf. Schon bereits kurz nach dem Turnier verblasst die Erinnerung. Übrig bleiben die nackten Fakten, die in Datenbanken ein düsteres Dasein fristen. Meist sind sie austauschbar: 49 Prozent Ballbesitz hier, 52 Prozent gewonnene Zweikämpfe da. Nur wenige Zahlen haben die Kraft, ein ganzes Spiel zu erzählen und einen Mythos zu nähren, zum Beispiel diese:

667 vs. 325
775 vs. 197
617 vs. 209

Obwohl ich Ihnen rate, Statistiken zu hinterfragen und Analysen zu misstrauen, weil 99,999 Prozent der Bevölkerung komplett falsche Schlussfolgerungen ziehen (ja, gerade auch Experten), gebe ich meinen Tipp ab: Wer zwei-, drei- oder gar viermal so viele Pässe spielt wie der Gegner, verteidigt souverän den Titel. Dagegen nützt die überdurchschnittlich gute Zweikampfquote des Finalgegners Deutschland gar nichts – rein statistisch gesehen. Eben, nur rein statistisch gesehen. Die Wahrheit liegt wie immer auf dem Platz.

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4 Kommentare zu “Gefangen im Statistik-Dschungel”

  1. Nino sagt:

    Was nützt mir die eine Statistik welche 70:30% Ballbesitz für Rüssland gegen Griechenland aufzeigt und Griechenland gewinnt 1:0? Ohne diese Zahlen zu hinterfragen, nichts! Spiele zu analysieren will gelernt sein! Für eine fachmännische Analyse ist die Mischung aller Informationen (Statistik, Videoanalyse, Matchbeobachtung, Vergangenheit etc) wichtig, eine Statistik alleine führt zu völligen Falschinterpretationen.

  2. Nino sagt:

    @Claudia Lässer: Übrigens ein gutes Thema gewählt, gratuliere. Was mich ärgert sind nicht die während dem Spiel eingeblendeten Statistiken, sondern die Sportkommentatoren welche diese Statistiken völlig falsch interpretieren.

  3. Auguste sagt:

    hmm…, statistisch gesehen, war der gordische knoten auch unauflösbar – dann kam alexander der grosse…

    noch gibt es eine kleine chance, dass wieder ein alex oder alessandro die statistik lügen strafen könnte, aber die statistische wahrscheinlichkeit dafür scheint eher gering zu sein.

  4. Urs-Werner Merkli sagt:

    Welches Finalgegners? Deutschland? Tut mir leid, Sie haben keine Ahnung! Uebrigens schreiben Sie wie Sie TV-Werbung machen: unprofessionell. Passt nicht in den Tagi