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Weshalb die Spanier Di Matteo zu Dank verpflichtet sind

Hakan Yakin am Freitag den 8. Juni 2012
Wiedersehen möglich: Fernando Torres mit dem EM-Pokal am 29. Juni 2008 in Wien. (Bild: Keystone)

Wiedersehen möglich: Fernando Torres mit dem EM-Pokal am 29. Juni 2008 in Wien. (Bild: Keystone)

Auch wenn Chelseas Torjäger Fernando Torres nach dem gewonnen Endspiel der Champions League in München gegen die Bayern sich über seinen Trainer Roberto Di Matteo beschwerte, weil ihn dieser nicht für die Stammelf, sondern nur als Joker nominierte, darf sich der Spanier über den Schaffhauser wahrlich nicht beklagen. Er kann ihm nämlich sehr viel verdanken. Unter Di Matteo feierte Torres eine wundersame Auferstehung, nachdem er in England fast zur Lachnummer verkommen wäre.

Torres, den Chelsea für 60 Millionen Euro von Liverpool verpflichtete, hat eine schwere Zeit hinter sich. Der Madrilene hatte zum portugiesischen Trainer André Villas-Boas überhaupt keinen Draht. Zudem musste er sich in den Medien und sogar von den eigenen Fans mit Häme überschütten lassen. In 38 Spielen für Chelsea erzielte er in der vergangenen Saison keine zehn Tore, während 24 Spielen, von November 2011 bis Februar 2012, schoss er sage und schreibe kein einziges Tor und wurde von Villas-Boas vorwiegend auf die Bank verbannt.

«Ich lernte, wie sich Fussballer fühlen, die nicht spielen», wurde Torres in den Medien zitiert. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie grausam es sein kann, wenn ein Vollblutfussballer die Spiele von der Bank oder sogar von der Tribüne aus verfolgen müss. Ähnlich erging es mir in der Türkei bei Galatasaray Istanbul und in Deutschland beim VfB Stuttgart. Aber nun zurück zu Fernando Torres. Sein Glück war es, dass Villas-Boas bei Chelsea entlassen und durch seinen Assistenten Roberto Di Matteo ersetzt wurde.

Der Schaffhauser, der einst beim FC Zürich, Aarau, Lazio Rom, Chelsea sowie in der italienischen Nationalmannschaft spielte, ist ein Mann, der die Sprache der Spieler spricht. Er kann sich als ehemaliger Profi regelrecht in sie hineinfühlen. Di Matteo sprach deshalb auch viel mit seinem Sorgenkind Fernando Torres, baute ihn mental und systematisch wieder auf. Und prompt traf Torres wieder das Tor. Unter Di Matteo fand er seinen Killerinstinkt wieder.

Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque zögerte lange, Torres überhaupt für die EM zu nominieren. Doch nach dem verletzungsbedingten Forfait von Barcelona-Stürmer David Villa rückte Torres nach. Und ich bin ganz sicher, dass er die ganz grosse Attraktion des Turniers werden wird. Ich traue Torres zu, dass er Spanien zum EM-Titel führt und sogar Torschützenkönig wird. Torres wurde für die Spanier vom Pflegefall zum Hoffnungsträger. Die Spanier sind Di Matteo zu Dank verpflichtet.

Im Übrigen war Torres in der letzten Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich der gefeierte Mann. Sein Tor im Endspiel gegen die Deutschen krönte Spanien zum Europameister. Und nur schon das ist ein gutes Omen.

Hakan Yakin, 35, schoss in 87 Länderspielen für die Schweiz 20 Tore. Bei der AC Bellinzona lässt der Ex-Internationale seine Karriere ausklingen.

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