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Keine Kaffeefahrt nach Auschwitz, bitte!

Alexander Kühn am Mittwoch den 21. März 2012
Oliver Bierhoff vor einem Plakat der deutschen Mannschaft, Juni 2010 in Südafrika.

Der Manager der deutschen Mannschaft hat dem Zentralrat der Juden in Deutschland vor der EM in Polen und der Ukraine ein «Kamingespräch» angeboten: Oliver Bierhoff vor einem Plakat der deutschen Mannschaft, Juni 2010 in Südafrika.

Knapp drei Monate vor dem Beginn der Euro 2012 in Polen und der Ukraine sinnen die Gralshüter des deutschen Fussballs noch immer darüber nach, wie sich ihre Nationalmannschaft in den einst von Wehrmacht und SS unterjochten Gebieten zu benehmen hat. Dabei haben die DFB-Oberen mit ihrem Eiertanz um den vom Zentralrat der Juden in Deutschland gewünschten Besuch im Konzentrationslager Auschwitz schon jetzt mehr Schaden angerichtet, als Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler im Sommer wieder gutmachen können.

Teammanager Oliver Bierhoff sagt zwar, er fände es prinzipiell eine gute Sache, wenn die Sportler die zur Gedenkstätte umgewandelte Todesfabrik besuchen würden, zu einer verbindlichen Zusage konnte sich der Europameisterschütze von 1996 aber noch nicht durchringen. Stattdessen brüskierte er den Zentralratsvorsitzenden Dieter Graumann mit dem Angebot eines «Kamingesprächs». Eine gehörige, wenn auch unfreiwillige Geschmacklosigkeit, wie Graumann zurecht befand: «Meine Grosseltern sind in Auschwitz vergast und verbrannt worden. Und Herr Bierhoff schlägt nun vor, die deutschen Nationalspieler sollen in Polen am Kaminfeuer über den Holocaust sprechen.»

Natürlich kann man dem DFB zugute halten, dass er sich seit Jahren gegen jede Form von Rassismus engagiert, etwa mit der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises, der nach einem von den Nationalsozialisten ermordeten Nationalspieler benannt ist und besondere Verdienste um Demokratie, Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten honoriert. Bierhoff und seine Vorgesetzten hätten in der Diskussion um den Auschwitz-Besuch aber von Anfang an klar Stellung beziehen müssen. Ein Nein zu Graumanns Vorschlag wäre dabei bei entsprechend sensibler Argumentation ebenso denkbar gewesen wie ein Ja. Das schlimmste aber ist jenes Jein, dass die Vertreter des grössten europäischen Sportverbandes nun formuliert haben. Fahren die DFB-Fussballer nicht nach Auschwitz, das 550 Kilometer von ihrem EM-Quartier in Danzig entfernt liegt, stehen sie als Ignoranten da, begeben sie sich an den Ort des Schreckens, haftet der Aktion etwas Erzwungenes an. Auf Befehl trauern, das kann man nicht.

Der aus einer polnisch-jüdischen Familie stammende Autor Henryk M. Broder stellte im «Spiegel» mit Recht die rhetorische Frage, was die Fussballer in Auschwitz denn tun sollen: «Schwören, dass es ihnen leidtut? Erklären, dass so etwas nie wieder passieren darf?» Broder ist deshalb der Meinung, dass die Sportler auf dem Gelände hinter dem Tor mit der berüchtigten Aufschrift «Arbeit macht frei» nichts verloren hätten. Es sei denn, sie kämen als Privatpersonen und aus dem ehrlichen Antrieb heraus, den Toten und Geschundenen die Ehre zu erweisen. Ohne Fotografen, Kameraleute und Journalisten im Schlepptau. Tatsächlich wäre eine von den Medien eskortierte Klassenfahrt nach Auschwitz wohl mehr geschmacklos als hilfreich. Dass einige der Spieler noch nicht einmal deutsche Wurzeln haben, sei hier nur am Rande erwähnt.

So wenig die Mitglieder der DFB-Auswahl selbst mit dem Holocaust zu tun haben, so sehr sollte den Deutschen gerade in Polen an einem sauberen Auftreten ihrer Schlachtenbummler gelegen sein. Nicht auszudenken, was für eine Schande es wäre, sollten sich die deutschen Anhänger noch einmal so daneben benehmen wie am 4. September 1996, als sie bei einem Länderspiel in Zabrze ein Transparent mit der Aufschrift «Schindler-Juden, wir grüssen euch» entrollten. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Täter längst nicht mehr auf den Rängen stehen dürfen, hatten sie doch schon während der Nationalhymne wie viele andere im Stadion auch den Arm zum Hitlergruss erhoben und zuvor widerwärtige Parolen à la «Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen» oder «Hindenburg liegt gleich bei Auschwitz» skandiert. Hindenburg ist der alte deutsche Name der Stadt Zabrze, die nur rund 30 Kilometer vom Ort des grössten industriellen Massenmordes der Geschichte trennen.

Im Fokus des DFB sollte also nicht der verkrampfte Versuch stehen, Vergangenes medienträchtig zu betrauern, sondern im Fall der Fälle angemessen auf das Gegenwärtige zu reagieren. Sollte es an der Euro während einer Partie zu antisemitischen Pöbeleien kommen, gibt es für die deutschen Spieler nur eine passende Reaktion: sofort den Platz verlassen und nicht mehr aus der Kabine kommen. Ein solcher Schritt würde die rassistischen Provokateure in einer fussballbegeisterten Nation wie Deutschland wirksamer diskreditieren als jedes Lippenbekenntnis und jeder Besuch einer Gedenkstätte.

«Sich mit toten Juden zu solidarisieren, ist eine wohlfeile Übung. Man kann die Ermordeten weder noch einmal umbringen noch nachträglich retten. Aber falls jemand doch so etwas wie Verantwortung verspürt, was im Prinzip nicht verkehrt ist, sollte er sich mit denjenigen solidarisch erklären, die heute leben», findet Henryk M. Broder. Treffender kann man es nicht formulieren.

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