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Ponte und der Totomat

Simon Zimmerli am Freitag den 28. Februar 2014

Zurück im Rampenlicht: Raimondo Ponte trainiert den FC Sion. (Keystone/Maxime Schmid)

Raimondo Ponte ist in der langen Liste der Trainer des FC Sion ein Sonderfall. Erstmals hatte Präsident Christian Constantin nach zwei Partien noch mehr Vertrauen in den Mann auf der Bank als die Öffentlichkeit. Gerade hier in Zürich wäre in diesen regnerischen Februartagen wohl eher ein blühender Kirschbaum zu finden gewesen als ein Fussballfan, der in Ponte den richtigen Mann am richtigen Ort gesehen hätte. Nicht nur weil er einst beim FCZ aus dem Bürofenster flüchtete oder in Zürich und Lugano wegen zu vieler Ausländer auf dem Matchblatt Forfait-Niederlagen kassierte. Pontes grösste Hypothek beim Fussballvolk ist sein Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen mürrisch, skeptisch und leicht beleidigt liegt.

Ciriaco Sforza hat diese Mimik ebenfalls drauf. Ich bezeichne sie darum in Anlehnung an die Heimatorte der beiden Aargauer Fussballgrössen als Windisch-Wohlen-Gesicht und kann mir gut vorstellen, dass Ponte und Sforza schon zusammen vor dem Spiegel geübt haben. Nun hat es aber dieses Sittener 3:0 gegen YB gegeben, diesen überzeugenden Auftritt einer Mannschaft, die beim 1:3 in Thun sportlich noch mausetot schien. Natürlich könnte ich einfach behaupten, dass die 11-Nationen-Auswahl trotz Ponte gewonnen hat, weil ja jede Negativserie irgendwann einmal zu Ende gehen muss. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass der Sieg durchaus mit Pontes Art des Krisenmanagements zu tun hat, mit seiner Weigerung, das Spiel in Thun zu thematisieren, mit seiner Fähigkeit, dem Sturm zu trotzen, weil er schon so viele Stürme überstanden hat.

Ponte während eines Spiels zwischen Sion und Thun. (Keystone/Marcel Bieri)

Man könnte durchaus sagen, dass Ponte ein gutes Vorbild für seine Spieler ist, weil er nach Jahren des Rumwurstelns in der Zweitklassigkeit die Rückkehr in die Super League geschafft hat, obwohl ihm das noch viel weniger zugetraut worden war als Sion in den schlimmsten Zeiten der Ligaerhalt. Das hier soll aber keine Lobeshymne für Raimondo Ponte werden, obwohl ich schon noch erwähnen möchte, dass er mit Konjic, Bartlett, Nonda und Lima einst eine ganze Reihe von Spielern auf den Letzigrund holte, die später in grossen Ligen Karriere machten. Vielmehr geht es mir um die Frage, wie viel die tatsächlichen Fähigkeiten eines Fussballtrainers und sein Image miteinander zu tun haben.

Auf die Frage, ob Ponte ein guter Trainer sei, hätten vor einer Woche wohl 80, 90 Prozent mit Nein geantwortet, nun dürften sich die Zahlen sehr zu seinen Gunsten verlagert haben. Nicht weil er kein Windisch-Wohlen-Gesicht mehr machen würde, sondern wegen eines einzigen Resultats. «Positive Energie im FC Sion» titelte die NZZ am Tag nach dem Erfolg über die Young Boys, und die «Aargauer Zeitung» sah gar eine «Auferstehung des FC Sion». Es stimmt eben schon, was Sions Präsident Constantin sagt: «Der Totomat entlässt die Trainer, nicht ich.» Und der Totomat entlässt nicht nur, er verhilft bisweilen auch den Untoten des Trainerbusiness zum vierten, fünften oder sechsten Frühling.

Doch zurück zu Ponte: Wer seine Arbeit wirklich beurteilen will, muss wohl oder übel für ein paar Wochen ins Wallis reisen, Morgen für Morgen das Training der Sittener beobachten und Ponte zuhören, wenn er mit den Spielern spricht. Das kann Ponte übrigens in vier Sprachen. Wer nicht bereit ist, dies zu tun, ob im Fall von Ponte oder einem anderen Trainer, sollte sich vielleicht mit seinem Urteil ein wenig mehr zurückhalten und nicht gleich «Fehlbesetzung!» schreien, wenn einer mit einem Windisch-Wohlen-Gesicht einen Job bekommt. Die meisten von uns haben nämlich unter dem Strich auch nicht mehr Ahnung von diesem komplexen Business als der impulsive Monsieur Constantin oder der zahlenorientierte Totomat.

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