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Retortenklubs schaden dem Fussball nicht

Fabian Ruch am Freitag den 24. Januar 2014


Red Bull ist gut für den Fussball. Engagiert sich eine potente Weltfirma wie Red Bull, die über eines der grössten Werbebudgets verfügt, im Fussball, kann das nur positiv für die Sportart sein. Natürlich, Puristen rümpfen die Nase, wenn der Dosengigant wie in Leipzig einen Klub übernimmt, ihn alimentiert und ihm Flügel verleiht – und an die Spitze führen will. Sie schreien aufgeregt, RB Leipzig habe keine Tradition im Fussball und sei ein lächerlicher Retortenklub, der sich den Erfolg bloss erkaufe.

Ich frage: Wo ist das Problem?

Red Bull dominiert die Formel 1, Red Bull finanziert Fun- und Adventure-Sportarten, Red Bull kann auch den Fussball revolutionieren. RB steht ja nicht für Red Bull, sondern für RasenBallsport, weil Sponsoren nicht im Vereinsnamen stehen dürfen. Bayer Leverkusen bildet eine Ausnahme, weil dieser Klub schon seit Jahrzehnten so heisst. Heute regt sich übrigens auch kaum noch jemand auf, dass eine so kleine Stadt wie Leverkusen regelmässig an der Champions League teilnimmt.

RB jedenfalls ist ein genialer Brand. Und Red Bull ist eine dynamische, innovative Firma im Sportsponsoring, die im Fussball mächtig investiert, bei ihrem Engagement in Salzburg aber nicht immer glücklich agierte. In Leipzig wirbelt Red Bull erst seit ein paar Jahren, auf dem anvisierten Durchmarsch von der Fünftklassigkeit in die Champions League steht der Klub derzeit nach bisher zwei Aufstiegen in der 3. Liga auf Rang 2. Das würde zur Promotion in die 2. Bundesliga berechtigen.

In Deutschland tobt deshalb mal wieder eine lustvolle Debatte. Traditionsvereine fühlen sich von den aufstrebenden Klubs wie RB Leipzig und Hoffenheim bedroht, und sie argumentieren, für die neureichen Vereine interessiere sich kaum jemand. Zudem würden diese kaum Fans an die Auswärtsspiele mitbringen. Natürlich haben Klubs wie Köln, Kaiserslautern, 1860 München, Düsseldorf oder Dynamo Dresden eine tolle Vergangenheit, eine grosse Fangemeinde und enorm viel Potenzial. Wegen Misswirtschaft in den letzten Jahren aber spielen diese Klubs derzeit nicht in der Bundesliga. Ich finde das ebenfalls schade. Doch der Fussball hat auch in Leipzig eine grosse Tradition, und die TSG 1899 Hoffenheim gibt es offensichtlich schon seit 115 Jahren…

Gerade in Leipzig und in Hoffenheim wird der Erfolg zudem sowieso nicht (mehr) nur kurzfristig erkauft. Es wird auf Nachhaltigkeit gesetzt und beispielsweise in den Nachwuchs, in die Infrastruktur und in die Trainerausbildung investiert. Beide Vereine sind mittlerweile in der Region etabliert und ziemlich beliebt. Und wenn Hoffenheim stark spielt, ist das Stadion mit 30’000 Zuschauern auch ausverkauft, obwohl der Klub vor 30 Jahren noch in der 8. Liga vor 15 Leuten auftrat.

Zugegeben: Es wäre ungewöhnlich, wenn beispielsweise Wohlensee, Spreitenbach oder Agno in der Schweiz dank der Unterstützung einer grossen Firma um den Titel mitspielen würde. Aber wenn es so wäre, würde es mich überhaupt nicht stören. So kann das in der freien Marktwirtschaft gehen. Und sowieso: Wir wollen nicht grübeln, wie die meisten Weltklubs in der Vergangenheit wirtschafteten und mit Geld nur so um sich schmissen. Oder vielleicht nur ein bisschen. Barcelona und Real Madrid etwa werden in Spanien teilweise skandalös bevorzugt, wenn es um Immobilien, Ländereien, Steuern oder TV-Gelder geht. Und auch andere Traditionsvereine wie Milan, Inter Mailand oder Chelsea, um nur ein prominentes Trio zu nennen, haben Hunderte von Millionen Franken ausgegeben, die ihnen ihre vermögenden Besitzer zur Verfügung stellten. Das hat wenig mit der glanzvollen Vergangenheit zu tun.

Im modernen Fussball mit den Scheichen und Oligarchen, Indern und Spekulanten an den Schalthebeln der grössten Klubs der Welt, ist fast alles vorstellbar. Und es ist fraglich, ob das Financial-Fairplay, welches der Europäische Fussballverband einführt, viel daran ändern wird. Demnach dürfen Klubs – grob erklärt – bald nur noch so viel ausgeben, wie sie selber einnehmen. Sonst dürfen sie nicht am Europacup teilnehmen.

Bayern München ist das leuchtende Ausnahmebeispiel, dass man sportlich und finanziell Grosserfolg haben kann. Die Bayern treffen heute Abend im Startspiel der Bundesliga-Rückrunde auswärts auf Gladbach. Dieses Duell faszinierte in den Siebzigerjahren die Fussballwelt, und nicht nur Romantiker freuen sich auf diese Begegnung stärker als auf Hoffenheim – Wolfsburg (VW-Firmenteam). Dennoch muss es im Fussball Platz haben für viele Facetten, Veränderungen sind gut und auch in anderen Bereichen völlig normal. Oder wo war Google vor 20 Jahren? Fehlt Facebook nicht die Tradition? Und warum ist Kodak heute kein weltweiter Branchenleader mehr?

Was denken Sie? Stören Sie sich an neureichen Vereinen wie Hoffenheim und RB Leipzig? Wie wichtig ist Tradition im Fussball? Und wie werden Klubs in Zukunft geführt werden?

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