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1994: Das Jahr, als der Fussball sexy wurde

Thomas Renggli am Samstag den 30. April 2011

Früher roch der Fussball nach Bratwurst und Rumpunsch. Wer sich im Stadion eine kulinarische Extravaganz leistete, kaufte Magenbrot oder gebrannte Mandeln. Die Rentner auf der Tribüne schimpften über die Grossverdiener auf dem Platz und schwärmten von den guten alten Zeiten. Ihr Stumpenqualm machte alle zu Passivrauchern. Der Schweizer Nationaltrainer trug einen dicken Bart und hiess Paul Wolfisberg. Er war sympathisch und populär, erinnerte aber eher an einen Alpaufzug als an die grosse weite Welt. Seine Spieler rannten in unvorteilhaften Hosen und schlecht geschnittenen Trikots dem Erfolg hinterher.

Vier Jahre nach dem Rücktritt des Innerschweizers qualifizierte sich die Nationalmannschaft erstmals seit 1966 wieder für eine WM – auf dem altehrwürdigen Hardturm mit dem 4:0 gegen Estland am 17. November 1993. Der Trainer hiess nun Roy Hodgson.

Der englische Whiskey-Liebhaber schaffte mit dem historischen Erfolg nicht nur einen sportlichen Quantensprung. Er hievte den Schweizer Fussball auch gesellschaftlich in neue Sphären. Im folgenden Sommer blickte das ganze Land gebannt in die USA, feierte das längste Fussball-Fest seit 1954 und lag sich nach dem 4:1 gegen Rumänien freudentrunken in den Armen. Zwar wurden Hodgsons Himmelstürmer von den Spaniern im Achtelfinal zurück auf den Boden der Realität geholt. Ein anderer Prozess liess sich aber nicht mehr aufhalten. Quasi über Nacht war der Fussball in der Schweiz mehrheitsfähig geworden – generationenüberspannend, geschlechterübergreifend. Jeder und Jede wollte Chapuisat, Bregy oder Knup sein.

Der Video-Screen hiess damals noch Grossleinwand, das Public-Viewing nannte man öffentliche Fernsehaufführung, die Fanmeile passte in eine Lagerhalle, doch plötzlich konnte der Fussball auch bei der Jugend mit dem Discobesuch oder dem Ausflug ins Niederdorf mithalten. Wer seine Kollegen und Kolleginnen beeindrucken wollte, wies die lückenlose Panini-Sammlung seit 1974 vor, entdeckte seine Liebe zum FC St. Pauli oder besass die letzten zehn WM-Songs auf Vinyl.

Die Kreativen und Intellektuellen zogen nach: Studenten, Kunstgewerbsschüler, Werber, Designer, Architekten, Journalisten, Kulturschaffende, Alternative – alle kokettierten mit dem Unterschichts-Phänomen. Der Fussball war szenenfähig und sexy geworden – und der Mode-Fan geboren!

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32 Kommentare zu “1994: Das Jahr, als der Fussball sexy wurde”

  1. Hubert Fröhlich sagt:

    Sorry, aber Fussball ist heute eine Mischung aus sehr lokalem Nationalismus (eigentlich Regionalismus) und unglaublicher kommerzieller Verwertungsindustrie. Wer die heutige Fussballindustrie kritisiert wird ziemlich schnell in die Ecke von Spassbremse, Staatsfeind, Assozial gestellt. Interssanterweise ist das sog. “Hooliganproblem” erst ein Medienthema seit der Kommerzialisierung des Fussballs. Deswegen wurden mit entsprechender Medienpropaganda Bürgerrecht in erheblichem Umfang eingeschränkt. Sorry, Fussball wird heute von Reichen Menschen zum politischen agieren missbraucht. Es geht nicht mehr darum, wer, wie und wie gut den Lederball im generischen Tor versenkt. Es geht nur noch um Millionen, Werbebanner, Sponsoren, FiFa und Medien die das Ganze verbreiten.

    • DAM sagt:

      @Hubert Fröhlich
      “Interssanterweise ist das sog. “Hooliganproblem” erst ein Medienthema seit der Kommerzialisierung des Fussballs.”

      Was wollen Sie uns denn damit sagen? Dass es solche Ausschreitungen erst seit der Kommerzialisierung gibt, ist schlicht nicht war. Und die Präsenz in den Medien ist mMn sogar positiv, da das Problem dadurch omnipräsent ist und angepackt werden muss.

      • 1896 sagt:

        Lesen Sie den Satz noch zweimal durch….dann kennen Sie die antwort……….Was Sie sagen stimmt schon……. nur lässt die art und weise des ”anpackens” einiges zu wünschen übrig. Seitdem die medien (sehr einseitig) über die bösenbösen fussbalfans schreiben werden alle in den gleichen topf geworfen und wie tiere behandelt. da soll man sich noch wundern wenn sie sich nachher so benehmen……. mittlerweile sind wir schon soweit, dass feuerwerk mit gewalt gleichgesetzt wird. Ein guter ansatz ich muss schon sagen…..

  2. Fredy sagt:

    Was beweisst:
    Dass es bei den «Wenigsten» um den Fussball, sondern um eine willkürliche Passivbeschäftigung geht, die «gemeinsam» erlebt werden kann und fürs Umfeld Gesprächsstoff liefert. The same für die andere Ecke der Fans – die Prügelknaben. So oder so eine Ideale Situation fürs Geschäft und dessen Marketing.
    Denn mit solch selbstüberlisteten «Mode-Fans» lässt sich Unmengen Geld machen, schliesslich sind sie manipulierbar geworden.

    Das ist heute Fussball.
    Für mich ist und bleibt Fussball eine aktive Leidenschaft – Die Sportvariante des Schachs. Die übrigens keine Mode-Fans braucht. :-))

    HipHipHurra

    • Patrick Roth sagt:

      Fussball = Sportvariante des Schachs? Spiele weder Fussball noch Schach, aber glaube «Football» sowie es u.a. an den amerikanischen Universitäten seit über hundert Jahren gespielt wird könnte durchaus auch als «Sportvariante des Schachs» definiert werden.

    • Stars... sagt:

      Ohne Stars geht es auch beim Schach nicht. Wenn ein Spitzespieler kommt, dann fliessen auch hier die Rubel… Was ist schlecht daran, wenn Leute sich finden und gemeinsam Spass haben. Was ist schlecht am “Event Fussball”. War er früher wirklich besser? So sind Dopingvorwürfe und Drogenmissbrauch im Fussball nicht erst seit Toni Schumacher bekannt (WM 54). Es gibt Leute, die gehen nicht an ein Fussballfest, sondern in den Europapark, andere in die Diskos und wiederum andere sitzten mit Chips vor dem Fernseher und sind froh, niemanden zu sehen.
      Was hingegen beim Kommerz bekämpft werden muss, ist die Ausbeutung von Menschen. So kann es nicht angehen, dass Stadien unter misserablen Verhältnissen gebaut werden, Einheimische an einer WM ihre Produkte nicht verkaufen können etc. Das Gleiche gilt aber für Ausbeuterische Firmen…

  3. roger pellaux sagt:

    Zu Bild 8: Das 1:0 gegen Spanien war 2010, nicht 2006.

  4. Daniel sagt:

    Die Hauptsache ist doch ganz einfach, das jede und jeder seine/ihre Freude so zum Ausdruck bringt wie es für ihn/ihr stimmt!

  5. Kraft sagt:

    Das glaube ich so nicht ganz, Herr Renggli. Grosse Turniere verwandeln ohnehin die Mehrheit der Bevölkerung in Fans. Das hat dann aber wohl mehr mit Herdeneffekten zu tun als mit echtem Interesse für den Sport. Freundinnen von mir waren 2006 und 2010 auch plötzilch auf jeder Fanmeile unterwegs, obwohl sie zuvor nicht wussten in welchen Trikots ihre Mannschaft spielt. Ist das Turnier vorbei, verlieren die Leute auch gleich wieder das Interesse. Ich würde die eher als Event-Fans bezeichnen.
    Das Modefansyndrom hat demgegenüber etwas mit dem Erfolg einer Vereinsmannschaft zu tun. Es äussert sich auch viel stärker in einer zur Schau getragenen Identifizierung mit dem Verein, Verzeihung, mit der Marke, da diese als Ausdruck der Persönlichkeit (FCZ=cool, urban) wahrgenommen wird. Während die Event-Fans einfach Spass haben wollen und deshalb nach dem Ausscheiden der Schweiz ohne Intensitätsverluste Spanien, Kamerun oder die Fidji Inseln anfeuern.

    • Kathy sagt:

      Auf die Spitze getrieben hat es eine Freundin von mir: Auf meine Frage nach dem Grund für ihr Portugalshirt antwortete sie “diese Farbe steht mir einfach unglaublich gut!” 🙂

  6. Hilfiger F sagt:

    Ich fand Fussball schon als Kind super und ich habe Jahrgang 1972!

  7. Auguste sagt:

    hmm…, oder war es 1996, als der französische nationalspieler christian karembeu das slovakische super-model adriana sklenarikova auf einem flug paris – mailand traf und später heiratete. prächtiger füllte noch selten jemand einen wonderbra und ihr damaliger, ganzseitiger werbegruss “hello boys!” in der morgentlichen “financial times” degradierte selbst 500 punkte im dow jones zur reinen nebensächlichkeit.

  8. Franz Melliger sagt:

    Ob man zum negativen Schluss mit dem wohl nicht positiv gemeinten Ausdruck Modefan kommen muss, weiss ich nicht. Aber immerhin fand ich den Artikel ziemlich witzig geschrieben.

    Der erste Absatz ist sehr gelungen, das muss ich zugeben, auch wenn ich Rengglis Kolumnen ansonsten nicht so viel abgewinnen kann. 😉

  9. Markus sagt:

    An die Zeit vor Hodgson kann ich mich leider nicht mehr erinnern, dazu bin ich zu Jung. Aber die beschriebene Veränderung gab’s auch in den letzten 10 Jahren.
    Mein erstes “Public Viewing” Erlebnis (den Begriff gab’s noch nicht) hatte ich als Schüler an der EM 2000 unter der Kornhausbrücke – unglaublich intensiv, brütende Hitze, alles improvisiert, aber einfach genial. Mit den plötzlich gross aufspielenden Portugiesen um Figo… So eine Stimmung habe ich danach in Zürich nicht mehr erlebt, zuletzt war’s einfach nur noch öde. Vor ein paar Jahren hat der Züritipp während einer EM oder WM empfohlen, an ein Public Viewing zu gehen, wenn man mal über was anderes als Fussball reden wolle, da sich dort eh keiner mehr für Fussball interessiere – sagt eigentlich alles.
    Schade, aber wohl nicht mehr zu ändern.

    • John Tobler sagt:

      ach…. die zeit unter der kornhausbrücke hatte ich schon fast vergessen. danke dass sie mich daran erinnert haben.

  10. paedemorf sagt:

    fuer mich eine der traurigen erfahrungen meines lebens dass fussball so wichtig fuer die menschheit werden konnte. hier werden agressive nationalisten gezuechtet (nicht die spieler sondern die unterbelichteten zuschauer) man schaue nur den wortschatz rund ums spiel: siegen – schiessen -verteidigen – demuetigen – gewinnen – angreifen – strategie ……
    hab immer noch nicht rausgefunden, wo hier die voelkerverbindende note sein soll. hooligans freuen sich auf jeden fall – die machen das, was die meisten wahrscheinlich nur denken.

  11. Franz sagt:

    Schade, dass hier Fussball auf EM, WM, Champions League und die obersten Landesligen reduziert wird. Wer keine Spiele unterer Ligen besucht, wird diesen Sport nie verstehen können. Er sieht nur die fertig ausgebildeten Profis, der Weg dahin, die Leidenschaft, der immense Aufwand, die Existenznöte der kleinen Vereine, all das kennt der TV-Zuschauer bzw. der Event-Fan nicht. Wer sich an zwei- oder vierjährlichen Massenveranstaltungen erfreuen will, bitte, habe nichts dagegen. Persönlich brauche ich das nicht, sowenig wie die sog. Champions League, sogenannt, weil ja nicht nur Champions teilnehmen können, sondern es darum geht, dass die Grossklubs noch mehr Geld scheffeln können, um ihre hirnrissigen Ausgaben wenigstens teilweise zu decken. All das hat mit der Realität des Fussballs wenig zu tun. Die Entwicklung ist bedauerlich.

    • Kraft sagt:

      Tja, Franz, die Spiele der unteren Ligen besuchen wir nicht, weil wir dort selber auf dem Feld stehen 😉

      • kurt abächerli sagt:

        wir sind gc fans und müssen nicht in den unteren ligen nachschauen gehen. kein kult, kein trend, einfach fussball, GCZ (manchmal auch grottenschlecht und unmotiviert…)

  12. Marcel Senn sagt:

    In Basel war Fussball schon vor 1994 sexy… Ich (Jahrgang 1960) bin Anfang der siebziger erstmals ins alte Joggeli gegangen und da hatte es bis zu 56000 Fans an Meisterschaftsspielen. Der FCB war und ist in Basel eigentlich omnipräsent, überall in der Stadt sieht man blaurote Fahnen – gehört einfach zur Stadt wie die Fasnacht usw.. Dass es mit der WM 1994 in der ganzen Schweiz einen nationalen Schub gegegen hat stimmt schon, hat mit der schweizer Teilnahmen und den verbesserten Technologien zu tun

  13. sepp z. sagt:

    und wann verschwindet (verschwand) fussball wieder in der mottenkiste?
    mit dem rücktritt aus der nationalmannschaft von alex frei?

  14. antikicker sagt:

    Ich war in meinem Leben an einem einzigen “Matsch”, FCB gegen GC, das Resulat weiss ich nicht mehr, nach ein paar Jahrzehnten. Es blieb auch bei dem einzigen Event-Erlebnis, welches nichts anderes bietet als Volksverblödung – BROT UND SPIELE. Was daran sexy sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis und Wahrnehmung. Aber trotzdem für Fussballbegeisterte, dran bleiben, ohne Radau und dergleichen. Denn diese Pfeiffen sind hier sicher nicht angesprochen, nehme ich an.

    • DAM sagt:

      Was sie als antikicker in einem Fussballblog suchen ist mir schleierhaft. Ausserdem haben Sie den Blog entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Es geht eben genau darum, dass der Fussball heute sexy geworden ist, dies früher (Sie schreiben das besuchte Spiel sei ein paar Jahrzente her) aber nicht der Fall war.

  15. Sugus sagt:

    1994 war ich ein echter, ahnungsloser sexy Event-Modefan. Ich hatte keinen Hochschimmer von Fussball aber der TV vor der Haustüre war ein Vorwand für eine erweiterte WG-Party. Die Polizei machte dem Spass wegen Ruhestörung ein Ende…

    Heute – als reife, aber immer noch gut erhaltene, Dame – finde ich jede Form von Public Viewing richtig eklig, einerseits die Sorte mit mit dem Eintritt, den Fähnli, der Bierwerbung und den ungehobelten SVP-Typen vom Lande, und andererseits die auf Untergrund gepimpten Veranstaltungen urbaner Kunst, Werbe und Social Media- Hipster, die behaupten Fussball sei nur echt, wenn er

    Mit dem Gartenschlauch kalt abspritzen! Alle. Ich freue mich schon auf die nächste WM. Da rufe ich die Polizei wegen Ruhestörung.

  16. #10 sagt:

    Ein Engländer liebt Whisky, nicht “Whiskey”

  17. Severin Brunner sagt:

    Alain Sutter war der Grund, warum die Schweizer Frauen angefangen haben, Fussball zu schauen. Vielleicht noch Ciri Sforza und Adrian Knup. Die Schönlinge unter Roy Hodgson, der dem Fussball mit seinem Englischen Temperament noch einen gewissen Glammour vermittelt hat.

  18. Geni Meier sagt:

    Herr Renggli, für die Fans von “damals”, war der Besuch eines Fussballmatsches ein günstiges Sonntagsvergnügen. Man rauchte einen Stumpen, ass vielleicht eine Wurst, trank jedenfalls ein Bier. Im Gegensatz zu Ihrem Kommentar, also nicht Rentner, die über die Grossverdiener auf dem Platz fluchten, sondern viele Familienväter, meist mit Kindern, die den freien Tag genossen. Da Sie zur Zeit der grossen Spieler (im gegensatz zu heute mit internationalem Niveau) noch nicht auf der Welt waren, irren Sie sich bei gewissen Details. Die Spieler hatten auch schon damals Fans und galten nach heutigem Begriff als “sexy”. Zu verdienen gab es in den fünfziger Jahren 50 Fr pro Sieg, 35 Fr. für ein Unentschieden, 0 Fr. für eine Niederlage.
    Zusätzlich nach jedem Spiel ein Nachtessen oder 10 Fr. als Gegenwert, wenn man anderes vorhatte. Dies notabene für Nationalspieler in der damaligen Nationalliga A, die 4 x nacheinander CH-Meister wurden.

  19. Hugo Sanchez sagt:

    Zu Bild 2: Warum haben Uli und Paul die gleiche Uhr, tragen sie aber anders??? hmm… Erklärungen willkommen 🙂

    • René sagt:

      ich glaubs ich weiss es. hatte auch so ein ding. der erste pulsmesser von polar. wolfisberg hat glaubs am anderen handgelenk seine richtige uhr. wieso die trainer eine pulsmessuhr trugen weiss ich nicht, diese kamen aber zur damaligen zeit auf den markt.
      kann aber auch sein, dass das schweizer fernsehen einen auf lustig gemacht haben, so nach dem motto, komm wir zeigen einen bericht über die coaches der schweiz und wie hoch der puls ist, damit der zuschauer sieht wie aufgeregt so ein trainer ist während dem spiel. so zeugs machen die sportjournis vom SF noch heute. dazu gibts dann impressionen in zeitlupe und dramatische musik…