Wir Zurückgebliebenen

Alle reden über die «Republik». Und das ist gut so. Denn ein Hype ist das beste Startkapital.

Das ehemalige Hotel Rothaus, Sitz der «Republik»-Redakton. (Foto: Samuel Schalch)

Kürzlich sass ich mit einem Kollegen von der WOZ zusammen, wie die «Wochenzeitung» im Volksmund genannt wird. Wir sprachen über die «Republik», die ganze Stadt redet über nichts anderes, seit das Online-Magazin-Projekt vor wenigen Tagen eine sensationelle Sammelaktion gestartet hat, mehr als 2,5 Millionen Franken sind bisher zusammengekommen.

Es gibt sie also, die Zivilgesellschaft – man muss sie nur abrufen, denkt man bei den Bildern von letzter Woche, als die Menschen im Regen vor dem Hotel Rothaus angestanden sind, wo die Redaktion der «Republik» untergebracht ist.

Mehr noch, vielleicht ist die Zivil­gesellschaft schwer im Kommen, ein wachsendes Kapital der Stadt, ein Gradmesser ihrer Lebensqualität. Und vielleicht braucht die neue Zivil­gesellschaft ihre eigenen Medien, so wie die Gesellschaft von 1981 die WOZ brauchte. Medien sind ja mehr als  bloss Nachrichten und Recherchen, sie sind eine Art zu reden, zu denken, die Welt zu sehen.

Die Frage ist bloss, kommen «Republik» und WOZ aneinander vorbei? Oder überschneidet sich ihre Leserschaft? «Blödsinn», sagte der Kollege von der WOZ, «wer sich warm anziehen muss, das sind die grossen Blätter, der Tagi und die NZZ. Wir haben unsere Leser», sagte er, «die ‹Republik› ist keine Konkurrenz für uns. Aber Wettbewerb tut immer gut.» Er nehme den Hype um die «Republik» gelassen.

Mich hat der «Hype um die ‹Republik›» begeistert. Klar, man kann immer mäkeln, aber Neugründungen haben etwas Grossartiges, es gibt nichts Verführerisches als unsere Fantasie. Neugründungen sind wie Auswanderungspläne: Komm, lass uns siedeln im Mittelwesten, eröffnen wir eine Bar in Brasilien! Und Neugründungen gehören zum Journalismus wie die Gurke aufs Butterbrot, sie sind wie  eine Wette mit dem Zeitgeist. Der Hype um Neugründungen, er ist bereits die halbe Miete, er ist das Vertrauenskapital des neuen Titels, von dem dieser leben muss, wenn er auf hoher See ist. Denn ist der Hype einmal angefacht und wird am Leben erhalten, ist er wie eine kräftige Brise, sie bläst und bläst und scheint nie aufzuhören. Den Zurückgebliebenen aber, weht sie ins Gesicht.

Beschämt muss ich eingestehen: Ich war nie an einer Neugründung dabei. Ich bin wahrscheinlich zu ängstlich, ich habe immer zu den Zurückgebliebenen gehört, als sich unsere Redaktionsräume beim «Magazin» geleert haben und die Kollegen abgewandert sind, erst zum «Facts» – wie waren sie aufgeregt, voller Tatendrang, alle wollten dabei sein beim neuen Nachrichtenmagazin an der Höschgasse, das war 1995. Zwölf Jahre später wurde «Facts» eingestellt. Über fünfzig Arbeitsplätze gingen verloren. Nachher ist man immer klüger, aber die Kollegen haben sicher grossartige Zeiten erlebt, man kann auch glorreich untergehen, ohne Risiko kein Fun.

2001 rief die «Weltwoche» von  Roger Köppel, wieder verliess uns die halbe Redaktion. Hoch ist die «Welt­woche» geflogen, lange hat die Brise geweht, tolle Zeiten, ganz bestimmt, bis der Wind gekehrt hat. 2013 kam «Watson», und jetzt hebt bald die «Republik» ab. Konkurrenz ist immer gut, sagte der Kollege von der WOZ.

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

2 Kommentare zu «Wir Zurückgebliebenen»

  • Küde sagt:

    Man ist sich ja von Zürich einiges gewohnt. Dass beispielsweise 300 Menschen für eine Wohnungsbesichtigung anstehen. Dass aber 300 Menschen mittlerweile für eine Zimmerbesichtigung anstehen, stimmt mich nachdenklich. Was ist bei Euch in Zürich bloss los?

  • Matt Kimmich sagt:

    Keine Kritik, nur eine Frage: ist „Hype“ in Deutsch grundsätzlich neutral besetzt? Im Englischen würde ich den Begriff eigentlich eher negativ wahrnehmen und als „viel Lärm um Nichts“ verstehen; wenn etwas im Englischen als „hype“ bzw. als „hyped“ bezeichnet wird, dann besteht eine Diskrepanz zwischen der Aufmerksamkeit und dem Ding, dem diese Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl es sie gar nicht in dem Mass verdient. Wurde das Wort im deutschen Gebrauch uminterpretiert?

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