Ruhe bewahren in der Stadt

Wie kommt man in den Zürcher Zen-Modus? Unser Autor hat es nicht geschafft, nachdem ihm der Bus vor der Nase weggefahren ist.

Wenn der Bus zu schnell abfährt, fällt es schwer, ruhig zu bleiben. Foto: Ennio Leanza (Keystone).

«Scheiss-Brasilianer», rief in der Fussballbar eine junge Frau auf Hochdeutsch, als es vor Spielschluss noch mal brenzlig wurde. «Macht sie fertig! Erst die Scheiss-Mexikaner und jetzt noch die!»

«Du hast es nicht so mit den Südamerikanern», sagte der Barmann freundlich. Bewundernswerte Gelassenheit, dachte ich. Das ist der Zürcher Zen. Das liebe ich an dieser Stadt.

Dann fielen sich die Leute um den Hals – in neun Monaten wird es sicher ein paar Babys geben. Wir machten uns auf den Heimweg, und eben, da habe ich ihn verraten, den Zürcher Zen. Das ging so: Wir standen dicht gedrängt, als wäre Büroschluss im Tram, ein paar Junge grölten olé!, olé!, olé!, die meisten Menschen allerdings waren in sich gekehrt, vielleicht genossen sie den Moment oder dachten an den nächsten Arbeitstag. Aber selbst in der Stille hatte man das Gefühl, in einer richtig grossen Stadt zu sein, wo auch am Sonntag die Nacht zum Tag wird.

Am Nachmittag hatte ich einen der Buben zum Fussball begleitet, nach Oberrieden, ein idyllisches Dorf, man hat einen unglaublichen Ausblick auf den glitzernden See und die Berge. Wir fuhren an Villen und Gärten vorbei, die Gegend erinnerte an die Vorstädte in Amerika, wo der Rasensprenger läuft und man dauernd erwartet, ein abgetrenntes Ohr im Gras liegen zu sehen, wie im Film «Blue Velvet». Ich war froh, als wir wieder in die Stadt zurückkehrten; beim ersten Betrunkenen, der über den Fussgängerstreifen torkelte, wurde mir warm ums Herz. Städte sind ein Spiegel des Lebens. Ungefiltert, unzensuriert.

Diesen Gedanken hing ich auf dem Heimweg im Tram nach, als wir umsteigen mussten. Der Bus kam schwungvoll angefahren, ich wollte den Türknopf drücken, als der Fahrer ohne anzuhalten wieder aufs Gas ging und uns zurückliess. «Idiot!», rief ich und warf meinen Rucksack gegen das Fenster.

Ich mache ihn fertig, dachte ich. Doch dann tat er mir leid, armer Kerl, er muss arbeiten, während die ganze Stadt vor dem Fernseher sitzt. Aber trotzdem, dachte ich, man kann den Busfahrern nicht alles durchgehen lassen. Ach, sagte ich mir, freu dich über den Fussballmatch! Was bist du für ein kleinlicher Spiesser. Du willst ein Grossstädter sein? Komm mal runter, es gibt Wichtigeres.

Das ist das Schöne an den Städten, dass das Leben weitergeht, dass man nicht gleich die Hände verwirft. Vielleicht hat der Fahrer uns schlicht und einfach nicht gesehen.

Aber ich schaffte es nicht, in den Zürcher Zen-Modus zu kommen. Ich war beleidigt. Gedemütigt. Und wie aufgebracht wäre ich erst gewesen, wenn ich gewusst hätte, was mir meine Frau später erzählte? Der Zufall wollte es, dass sie ausgerechnet in jenem Bus gesessen ist. Uns hat sie nicht gesehen, aber sie hat beobachtet, wie ein paar junge Leute im Bus den Halt-Knopf drückten, «da hat es einen Vater mit Kindern an der Haltestelle», riefen sie. Doch der Bus jagte in die Nacht hinaus. Welcher Geist hat den Fahrer geritten? Wird man es je wissen?