Das männliche Sexdating-Trauma

«Wenn du nicht kommst, bist du ein Versager. Wenn sie nicht kommt, ebenfalls.» - 6 Männer sprechen übers Casual-Dating in Zürich.
Es hat sich seit den 50ern nicht viel grundsätzliches geändert.

Es hat sich seit den 50ern nicht viel Grundsätzliches geändert.

Sex- und Datingkolumnen von Frauen um die Dreissig gibts in Zürich gefühlte Drölfzigmillionen. Nur: Wie Männer das Dating in dieser Stadt empfinden, bekommt nirgends eine Bühne. Vielleicht, weil das voyeuristische Element fehlt. So haben einige Bekannte und ich an einem Männerabend in der Stadt den Entschluss gefasst, einige Erfahrungen von Singlemännern in Zürich zu dokumentieren.

Dani*, 35

«Flirten im echten Leben, also nicht digital, ist in Zürich die Hölle. Es ist, als ob du eine Kür vor Preisrichtern laufen müsstest, aber nicht mal genau weisst, in welcher Sportart. Ich bin jetzt 35, seit zwei Jahren Single und ich habs noch immer nicht raus. Wie um Himmels Willen soll ich wissen, ob eine Frau offen ist für Casual Dating? Soll ich Gedanken lesen? Spreche ich eine Dame an, mit der ich vorher vielleicht drei oder vier Blicke und ein Lächeln getauscht habe, kann das trotzdem aufdringlich empfunden werden. Ich kriege eine Abfuhr.

Und eine Abfuhr ist nun mal schmerzhaft. Man nimmt seinen ganzen Mut zusammen, versucht einen geraden Satz zu stottern und wird abgefertigt. Dann der Anspruch, man(n) soll „authentisch“ sein. Und wenn ich meine Unsicherheiten nicht überspiele, bin ich ein Wimp. Wir sind nun mal nicht alle supercool. Als Mann steckst du eine Weile ein, dann lässt du es bleiben.

Wenns dann mal klappt, geht der Stress erst richtig los. Du willst nicht zu früh kommen, du musst der beste Lover der Welt sein, du willst nicht, dass dein Bauch zu fett aussieht. Und vorallem: Du bist nicht nur für deinen eigenen Orgasmus zuständig, du trägst die Verantwortung für beide Orgasmen. Kurz: Wenn du nicht kommst, bist du ein Versager. Wenn sie nicht kommt, ebenfalls. Ich weiss nicht, warum wir Männer uns das antun.»

Felix*, 39

«Ich bin bald 40 und suche keine Beziehung. Ich will nur mein Singleleben nicht sexlos verbringen. Und man könnte meinen, im 21. Jahrhundert sei das nicht so schwierig. Aber sexuelle Revolution und Emanzipation haben gewisse Grundstrukturen zwischen den Geschlechtern nicht geändert. Als Mann bist du für den ersten Schritt zuständig. Du bist Bittsteller, musst dich verkaufen, musst umwerben, verführen, überzeugen. Echt.

Ich will niemanden davon überzeugen müssen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich will einer Frau auf Augenhöhe begegnen. Die Anziehung ist da und man gibt ihr nach. So einfach, eigentlich. Wenn sie mit mir ins Bett will, schön. Wenn nicht, auch gut. Dann verabschiedet man sich freundlich und sucht nach einem Gegenüber, das das Gleiche sucht. Ich bin nicht mehr bereit, mich zu verbiegen.»

Albert*, 45

«Viele Frauen denken noch immer, Sex sei eine Art Belohnung, die sie für ein erwartetes Verhalten gewähren. Ich muss eine Show performen, die dann mit Sex ausgezeichnet wird – oder eben nicht. Gleichberechtigte Sexualität sieht für mich aber etwas anders aus. Ich gebe genau so viel wie ich nehme. Ich bin kein Konsument. Frauen sind für mich keine Objekte, die ich wie einen Pokal erst erobern muss.

Ich habs inzwischen beinahe aufgegeben. Zwar funktionierts ab und zu, man trifft jemanden, der die Anziehung auch spürt, aber die Zurückweisungen, die Abwertungen bis dahin und die Forderungen, die Komplikationen und das Drama danach, sind mir einfach die Zeit nicht wert. Sex ist wichtig. Aber so wichtig nun auch wieder nicht.“

Daniel*, 29

«Ich finds schön, dass Frauen heutzutage ihre sexuellen Wünsche und Vorstellungen endlich frei formulieren könnten. Jede Frau wird bewundert, wenn sie auf einen Mann zugeht und sagt: ‚Hey, ich will mit dir ins Bett‘. Wenn du als Mann so ungezwungen daher kommst, siehst du Pfefferspray und einen #Metoo-Hashtag hinter deinem Namen. Eine Frau, die einfach nur Sex will, ist emanzipiert. Ein Mann, der einfach nur Sex will, ist ein Schwein.

Sieh dir doch die ganzen Datingkolumnen der jungen Frauen an. Da gehts meist darum, jemanden zu daten und dann mit ihm uns Bett zu gehen, um ihn danach in die Wüste zu schicken, weil er den Anforderungen nicht genügt. Und diese Kolumnen laufen gut, weil sich wohl jede Singlefrau damit identifiziert.

Natürlich ist es immer noch so, dass viele Frauen ihre Bedürfnisse nicht offen ansprechen und nicht auf Männer zugehen. Nicht, weils unschicklich ist, sondern weil sie irgendwo tief drin wissen, dass Zurückweisung schmerzt und sie das lieber den Männern überlassen.»

Henry*, 32

«Ich geh gar kein Risiko mehr ein. Ich kläre alles im Voraus virtuell. Der ganze Stress, ob du jetzt Körperkontakt herstellen darfst, zum Beispiel die Hand nehmen, die Unsicherheit, ob sie nur freundlich ist oder ob sie flirtet, ob die Aufforderung, sie nach Hause zu begleiten, auf Knutschen hinweist oder einfach kollegial gemeint ist. Puh, nein. Zum Glück gibts Tinder. Da kann man klar sagen, was man sucht. Da kann man sich unterhalten und ehrlich miteinander umgehen. Man kann sogar gemeinsam lachen.

Wenn man sich dann trifft, muss man nur noch abchecken, ob die Chemie im echten Leben auch stimmt. Ist die Anziehung da, wunderbar. Ist sie nicht da, kein böses Blut. Man hat ja virtuell eine gute Zeit miteinander verbracht. Für mich ist Tinder ein Segen. Auch weil man gleich aussortieren kann, wenn eine „Pferde stehlen“ oder „Nur Freunde treffen“ in ihr Profil schreibt.»

James*, 46

«Ich date meist online, hauptsächlich Tinder und eine Seitensprungseite. Und da treff ich meist keine Locals sondern Touristinnen und Expats. Das ist ok, auch wenn ichs schade finde, dass dann die Option auf eine echte Beziehung gleich von Anfang an wegfällt.

Wenn ich mich mit Zürcherinnen treffe, steht meist mein beruflicher Status im Vordergrund. Ja, ich bin erfolgreich und man kennt mich in der Stadt. Aber ehrlich, willst du als Mann eine Frau, die mit dir ins Bett geht, weil du beruflich Glück hast und dein Kopf ab und zu in den Medien erscheint? Eher nicht. Du willst jemanden, der sich körperlich und auch ein wenig emotional auf dich einlässt, weil du du selbst bist. Nicht weil du Erfolg hast. Das ist ja, wie wenn man sich Sex kaufen würde. Einfach mit Protzerei und Status. Das hat dazu geführt, dass ich auf den Profilen von Datingseiten weder Beruf noch echten Namen angebe.

* Die Namen sind den Protagonisten frei zugeordnet worden. Der Autor hat ihnen Diskretion zugesagt.