Ärztekinder zuerst

Auf der Notfall-Station des Zürcher Kinderspitals werden Kinder von Ärzten bevorzugt behandelt.

(Foto: Keystone/Petra Orosz)

Solche Anrufe liebe ich: Beim Turnen hat das Mädchen den Ball auf die Nase bekommen. Jetzt schnell zum Notfall ins Kinderspital Zürich. Widerwillig ziehe ich mich an und fahre mit dem Tram bis zum Hottingerplatz und dann steil die Strasse hoch.

Beim Empfang geht alles schnell. Name, Alter, Versicherung. Dann zur Triage. Eine Mittfünfzigerin haut auf die Tasten. Sie guckt streng Richtung Bildschirm, aber selten hoch. Einen ausländischen Vater herrscht sie an: «Sie kommen erst nachher dran.» Die Tür geht auf, wieder ein Vater. Er ist mit seinem Sohn gekommen, es geht um Laborberichte. Der Vater ist ein Doktor, hat eine Arztpraxis. Die Mittfünfzigerin erkennt seine Stimme und lächelt. Die beiden kennen sich. Sogar sehr gut. Sie zwinkert ihm zu und deutet ihm an, dass er natürlich nicht lange warten müsse. Dem Doktor ist das ein bisschen peinlich. Verlegen murmelt er: «Also nur, wenn es geht.»

Es geht. Die Triage-Frau steht auf und begleitet ihn direkt zum Facharzt. Mich kennt hier niemand, verloren stehe ich vor dem leeren Schalter. Neben mir die Tochter, die etwas jault. Eine Minute, zwei Minuten, zwölf Minuten. So lange stehen wir vor dem verwaisten Stuhl. Es kommen immer mehr Leute. Irgendwann auch eine Ärztin. Sie fragt jemanden, wo die Triage stecke. Allgemeines Schulterzucken.

Nach zwölf Minuten kommt die Halbgöttin zurück. Wieder haut sie in die Tasten. Dann gehen wir zum Warteraum. Eine muslimische Frau sitzt da wie angegossen. Neben ihr die Tochter. Ich frage die Frau: «Wie lange warten Sie schon?» Sie guckt mich mit leeren Augen an. Ihre Tochter hilft: «Seit zwei Stunden.» Ein Mann redet Arabisch mit dem Mädchen. Dann wendet er sich zu mir: «Wir sind halt im Kispi.» Auch er hat die Sonderbehandlung des Arztes mitbekommen. Er schüttelt den Kopf.

Ich hole einen ekligen Kaffee vom Automaten. Selten trinke ich einen Kaffee nicht fertig. Aber diesen schütte ich gleich aus. Wütend gehe ich zurück in den vollen Warteraum. Ich sehe einen kleinen Spanier. Den hat es schlimm erwischt. Sein Handgelenk ist ausgerenkt. Die Hand hängt schlaff runter. Trotzdem will der kleine Mann auf der grossen Playstation «Fifa 18» spielen. Aber mit einer Hand geht das schlecht. Darum schiesst er nur Penaltys. Das geht auch mit einer Hand.

Ich gehe nochmals zur Triage. «Warum haben Sie den Mann hinter uns vorgelassen?» Die Frau guckt erstaunt und bittet mich in ein Nebenzimmer. Sie erklärt mir, dass es doch normal und menschlich sei, Kinder von Ärzten bevorzugt zu behandeln.

Ist es das? Ich frage später beim Kispi nach. «Das Verhalten der Triage», so die Medienverantwortliche, «ist nicht zu beanstanden.» Der Grund: Niemandem ging es im Warteraum schlechter als dem kleinen Patienten des prominenten Vaters.

Zurück in den Warteraum. Irgendwann werden auch wir aufgerufen. Wir landen wieder in so einem Zimmer, wo man warten muss. Meine Tochter findet ein Wimmelbuch: «Mein Kinderspital Zürich». Im Buch wird der Beruf der Pflegefachfrauen erklärt: «Sie kümmern sich rund um die Uhr um die kleinen Patienten und ihre Eltern.»

9 Kommentare zu «Ärztekinder zuerst»

  • Yossi magnus sagt:

    Gott straft in der Turnhalle. Vor einer Woche haben sie ueber eine neue Turnhalle gelästert und kurz danach…..
    Evtl sollten sie sich überlegen was sie schreiben

  • Bionic Hobbit sagt:

    Also ich bin Ärztin und war vor einiger Zeit mit meinem Sohn und seinem zerquetschten und mehrfach gebrochenen Finger auch im Kispi. Er war zuvor schon vom Hort zum Hausarzt gebracht worden, hatte schon Röntgenbilder und eine telefonische Überweisung war gemacht worden. Trotzdem stand ich eine Stunde mit dem blutenden Kind im Arm vor der Rezeption. Dann 2 h im Wartesaal, dann nochmal 2h auf den Op gewartet. Leider wurde in der Zeit der Finger nicht ein einziges Mal desinfiziert und nachher hatten wir einen langwierigen Knocheninfekt, der noch mehrere Operationen und lange Antibiotika zur Folge hatte. Also, wie gesagt, zur Beruhigung des Autors: ich bin selbst Ärztin. Vielleicht hätte ich das laut rufen müssen? Der Rezeptionistin zuzwinkern müssen?

    • Bionic Hobbit sagt:

      Ich möchte noch gerne anfügen, dass die Dame an der Rezeption, wahrscheinlich auch eine Pflegefachfrau, während dem tippen am PC plötzlich fragte: „Welches Kind röchelt da so? Stellen Sie es bitte hier neben mich, dass ich es im Auge behalten kann…“. (das Baby wurde im Autositz dann neben sie gestellt), Also die richtig lebensbedrohlichen Fälle werden von den höchst kompetenten PFFs sehr wohl prioritär behandelt. Und der Finger meines Sohns war futsch aber nicht lebensbedrohlich. Probleme am Kispi sind die vielen Kinder mit kleinen Bobos oder verschnupften Nasen, die eigentlich zum Hausarzt/Kinderarzt gehen sollten.

  • Emil Hauenstein sagt:

    Wenn Kindlein BoBo hat oder hüstelt wird sofort ins KiSpi gerannt und erwartet, dass die ganze Welt alles stehen und liegen lässt und sich umgehend und sofort um das vermeindlich todkranke Kind kümmert. Woher kommt eigentlich diese Erwartungshaltung, dieser Anspruch? Der Autor Beni Frenkel scheint keinerlei medizinisches Grundwissen zu haben und regt sich auf wenn die Triage entscheidet, dass zur Zeit dringendere Fälle zu behandeln sind als das Näschen der Tochter welches halt ein bisschen blutet. Das Pflegefachpersonal im KiSpi Notfall ist mit Sicherheit bemüht sich um jedes Kind zu kümmern, was ja auch in diesem Fall geschehen ist. Das Kind musste halt ein wenig warten. Das dieser Beni Frenkel nun aber über das Pflegefachpersonal herzieht ist unterste Schublade 🙁

  • Saskia Sitta sagt:

    Ich frage mich, warum der Autor wegen eines auf die Nase bekommenen Balls ins KiSpi auf den Notfall gehen muss? Hat er denn keinen Kinderarzt? Der Arzt, der mit seinem Sohn kam, hat sich womöglich selbst nicht mehr zu helfen gewusst, sodass eine Untersuchung im KiSpi unumgänglich war. Ich finde diese Triagen klasse, denn sie können Spreu vom Weizen trennen. Und ich finde es auch in Ordnung, wenn Fachpersonen vorgezogen werden, da sie in der Regel über das notwendige Wissen verfügen, wann ein Notfall vorliegt Indexen nicht.

  • Ronald sagt:

    Was will uns B.Frenkel mitteilen? Ich selber bin Vater einer 4 1/2 jährigen Tochter welche mit einem defekten Hirn auf die Welt gekommen ist. Mehrmals wurden wir schon durch die Triage durchgewunken und in ein Behandlungszimmer gebracht. Mit meiner Tochter auf dem Arm sieht man mir meinen Beruf nicht an, auch meiner Tochter sieht man dann die schwere der Not nicht an.
    Der Schlusssatz mit dem Hinweis auf den Beruf der Pflegefachfrau wirkt irritierend. Was will uns der Schreiber mitteilen? Ich war vom 5. – 18.12.17 jden Nacht bei meiner Tochter im KISPI. War Bestandteil der Abläufe, hatte mit allen Arbeitsschichten Kontakt. Ich habe Hochachtung vor dem Beruf der Pflegefachfrau.
    Eine Frage stell sich mir: Warum in den Notfall und nicht zum Hausarzt wenn ein Ball den Kopf trifft ?

  • Cappuccino sagt:

    Es ist sicher unschön, wenn man sich unfair behandelt fühlt, besonders wenn das eigene Kind verletzt oder erkrankt ist. Andererseits: Mit einer Nasenprellung oder einem Nasenbruch brauchen Sie nicht die Notfallstation des Kinderspitals aufzusuchen. Medizinisch gesehen ist das kein schwerer Notfall, und mit Wartezeiten ist somit zu rechnen. Bei Ihrer eigenen Kinderärztin oder einer der Permanencen wäre Ihr Kind an der richtigen Adresse gewesen. Ich jedenfalls bin froh, dass wir in der Schweiz ein so gut funktionierendes, für alle leicht zugängliches Gesundheitssystem haben. Und ich wundere mich doch ziemlich, dass Sie sich über diese selbst mitverursachte kleine Unannehmlichkeit derart aufregen.

  • Martin Frey sagt:

    Ein etwas seltsamer, leicht pikiert wirkender, tendenziöser Beitrag, aus dem mangels Informationen nicht sehr viel hinauszulesen ist. Aber klar, das Verhalten der Triagefrau ist ein Stück weit irritierend, das längere Verlassen der Leitstelle unprofessionell, und ihre Argumentation (falls sie so stattgefunden hat) befremdlich.
    Trotzdem muss man festhalten, dass der Autor keine Ahnung haben kann, was die anderen Kinder für medizinische Probleme haben, die gleichzeitig im Kispi ankommen. Lassen Sie sich auch gesagt sein, Arztkinder können dort ebenso Stunden lang warten, bis sie angeschaut werden. Und dass das Kispi insbesondere am Abend und am Wochenende mit selbstzuweisenden Leichtnotfällen meist ausländischer Provenienz nachgerade verstopft wird, ist ein offenes Geheimnis.

    • Martin Frey sagt:

      Aber klar, kein Vater erträgt es problemlos, wenn er an einem solchen Ort lange warten muss, und er immer wieder mitbekommt, wenn andere Kinder am eigenen Kind vorbei triagiert und vorgezogen werden. Diese Triage, eine äusserst anspruchsvolle und delikate Aufgabe, gehorcht jedoch primär medizinischen Kriterien, was aus verschiedenen Gründen anderen, monierenden Angehörigen kaum vermittelbar ist. Zugewiesene Patienten werden iaR gegenüber den walk-in Leichtnotfällen ebenfalls vorgezogen, nach Initialbeurteilung der Triage. Und nebenbei, meist ist es ja eher so, dass die, die am lautesten schreien, nicht die sind, die auch medizinisch vorgezogen werden sollten. Insofern hat der Autor auch diese etwas informelle These eher bestätigt.

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