So ein Käse!

An der Zürcher Goldküste kriegt man ein richtiges Walliser Raclette. Wir sind begeistert.

Es ist eng, es ist laut und auch ein bisschen chaotisch. Wenigstens am Freitagabend, wenn die beiden kleinen Gast­stuben des Chez Crettol in Küsnacht pumpenvoll sind. Es ist so gar nicht, was wir uns unter einem Restaurant an der Goldküste vorgestellt haben. Nicht schickimicki und nicht nobel und auch gar nicht so teuer. Das Chez Crettol ist fröhlich und gemütlich und ein «bisschen stinken» tut es gar nicht, obwohl auf den meisten Tischen eifrig in Fonduecaquelons gerührt wird und vor dem offenen Cheminée mehrere halbe Raclette-Käselaibe vor sich hin schmelzen, die à discrétion serviert werden (56 Fr. inklusive Trockenfleischteller oder Salat zur Vorspeise).

Was ich hier beschreibe, sei schlicht und einfach walliserisch, sagt der Sohn, der in Musiklagern und der Rekrutenschule mit welschen Kollegen zusammen war. Laut, fröhlich und ein bisschen chaotisch. Und tatsächlich hören wir hinter der Theke dieses unverkennbare, leicht kehlig ausgesprochene Französisch, das einen unvermittelt mit einem Glas Weisswein in der Hand auf wacklige Stühle auf einen lauschigen Dorfplatz versetzt, auf dem die Zeit stehen geblieben scheint.

Das Chez Crettol wird in zweiter Generation von Denise Crettol geführt. Und ja, die Eltern kamen aus dem Wallis hierher. Ihr Bruder Jérémie hilft regelmässig aus und ist für die Aus­stattung verantwortlich: Diese ist über­bordend, fröhlich und etwas chaotisch. Er ist hauptberuflich Bildhauer und Maler, meisselt eigentümliche Wesen aus Carrara-Marmor und zeichnet farbig-skurrile Bilder – eines davon hängt in der Ahnengalerie des Zürcher Regierungsrats. Denn Jérémie Crettol wurde von der ehemaligen Zürcher Finanzdirektorin Ursula Gut mit dem traditionellen Porträt der abtretenden Regierungspräsidenten beauftragt.

Eng und etwas chaotisch ist auch die Speisekarte. Sie ist in schwungvoller Handschrift geschrieben und mit  – wohl vom Bruder des Hauses – gezeichneten Fabelwesen versehen. Die wichtigste Seite ist die der Lieferanten, denn hier liegt eine besondere Stärke dieses Lokals: Die Auswahl der Produzenten von Käse, Trockenfleisch, Wein und auch Schnaps ist erstklassig. Wir wissen wirklich nicht, wann wir das letzte Mal so gute Charcuterie aufgetischt bekommen haben. Und wir erinnern uns nicht, je so gutes Raclette gegessen zu haben. Die Pfeffermühle kann uns gestohlen bleiben.

Auch das Fondue soll hervorragend sein – und die Salatsauce wird geradezu überschwänglich gelobt. Irgendwann kommt die Rechnung. Und diese ist – etwas chaotisch: Der hervorragende Weisswein (ein Humagne Blanc), den wir zum Apéro bestellten, fehlt, was wir erst im Zug sitzend realisieren. Wir werden ihn das nächste Mal nachzahlen. Dann gibts Fondue.

Den Crettols liegt übrigens das Wirten wirklich im Blut. So betreibt Jérémie Crettol auf dem Gaswerkareal bei Schlieren, wo er ein Atelier hat, bei schönem Wetter das Open-Air-Bistro Sonne. Es ist improvisiert, fröhlich und ein bisschen chaotisch.

Chez Crettol, Florastrasse 22,
8700 Küsnacht, Tel. 044 910 03 15.
Geöffnet Di–So 18.30–23 Uhr.

2 Kommentare zu «So ein Käse!»

  • Othmar Riesen sagt:

    Raclette à discretion für 56 CHF? Und 32 CHF für das billigste Fondue Maison?
    Das scheint mir sehr teuer zu sein. Jedenfalls kann man diesbezüglich nicht sagen, dass dieses Restaurant untypisch für die Goldküste ist.

  • Rene Staubli sagt:

    Ein Lokal mit echter Tradition: Als wir mit dem FC Küsnacht um 1980 herum (also vor fast 40 Jahren) in der ersten Liga spielten, gingen wir zum Jahresabschlussessen manchmal ins Chez Crettol. Damals waren die Eltern der heutigen Wirte noch am Werk – auch ein wenig chaotisch und laut, aber extrem charmant und zutiefst walliserisch. Dass es dieses Lokal immer noch gibt, freut mich extrem. Gratulation! Da muss ich auch mal wieder hin.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.