«Liebes-Aus» in Zürich

Unter dem zivilisierten Verhalten sind durchaus starke Gefühle. ich schwör!

Unter dem zivilisierten Verhalten sind durchaus starke Gefühle. Ich schwör!

Vor ein paar Wochen haben sich zwei Bekannte von mir getrennt. «Liebes-Aus nach viereinhalb Jahren» würden die Kollegen vom Blick wohl titeln. In Zürich. Man kann uns Zürchern vorwerfen, dass wir in Sachen Flirten und Leidenschaft eher um den Abstieg spielen (sorry, gäll), aber was stilvolle Trennungen angeht, sind wir Weltspitze.

Also, die beiden haben sich getrennt, aber arbeiten noch immer zusammen an gemeinsamen Projekten. Die Wohnung hat er inzwischen verlassen, kann aber am Wochenende noch da übernachten, falls es im Ausgang mal länger geht. Die Beiden haben einen gemeinsamen Freundeskreis, den sie zum grössten Teil schon länger kennen als sie zusammen waren, und den sie weiter pflegen. Das Umfeld reagiert gelassen, man verbeisst sich die ersten paar Monate Beziehungswitze, wenn beide im Raum sind. Rundum ist niemand unangenehm berührt, wenn beide an der gleichen Party auftauchen. Das gehört einfach dazu.

Ich selbst hab mich vor bald zehn Jahren mal in London von einer Freundin getrennt. Von einer Londonerin. Da gibts ganz klare Rituale, wie man mit Trennungen umgeht. Zuerst gehen der Mann und die Frau mit ihren jeweiligen Freundinnen/Freunden eine Bar leer saufen. Dann schreiben sie sich einige Monate lang Hassmails, während sie den jeweils Anderen für das Scheitern der Beziehung verantwortlich machen.

Nebenbei erzählen sie jedem, der es wissen will oder auch nicht, wie Scheisse der Partner oder die Partnerin im Bett war. Zum Schluss trifft man sich in Begleitung von Sekundanten, um die Möbel, die Haustiere, den Freundeskreis und die Pubs in der Stadt aufzuteilen. Kein Witz, der Freundeskreis wird nach «wir sind bessere Freunde als ihr» aufgespalten und die Loyalität derjenigen Freunde rigoros eingefordert.

In anderen grossen Städten habe ich schon Dramen erlebt, neben denen sich Arztromane wie Bedienungsanleitungen für Staubsauger ausnehmen. Selbstmorddrohungen, Stalking, betrunkene Liebesgeständnisse und Eifersuchtsszenen, ganz grosses Kino. In Zürich ist das grösste Drama, wenn man in den ersten Wochen nach der Trennung die Strassenseite wechselt, wenn man den oder die Ex im Quartier antrifft  – oder wenn man sein Velo demonstrativ auf der anderen Seite des Bahnhofs parkiert. Beispiel gefällig? In Zürich bin ich der Patenonkel vom Kind meiner Ex und meines besten Freundes.

In Zürich wird das Umfeld und der Lebensmittelpunkt Stadt oft genau so stark gewichtet wie die Beziehung, was dazu führt, dass beide im gleichen Umfeld weiterleben wollen. Da Zürich nicht besonders gross ist, muss man sich damit abfinden, wenn man sich dauernd über den Weg läuft. Man will weiter in seine Stammbeizen gehen, in den Club der Wahl, in die Badis, in denen die Peergroup verkehrt, man will sogar weiter im gleichen Quartier wohnen, da die Wahl des Stadtteils oft ein Statusstatement ist. Und das geht nur, wenn man eine einigermassen zivilisierte Trennung hinter sich hat.

Wer jetzt denkt, «zivilisiert» bedeute «nicht gehässig», hat das falsch verstanden. Trennung geht meist nicht ohne Verletzungen. Nur, wie man diese kommuniziert, ist in Zürich sehr kultiviert.

Wenn sie meint: «Es klappt erstaunlich gut mit der Aufteilung der Kinder», sagt sie eigentlich: «Als wir noch zusammen waren, hab ich die ganze Erziehungsarbeit gemacht, jetzt kann er sich auch mal um den ganzen Stress kümmern. Aber ich bin jedes Mal froh, wenn die Kinder lebend und unverletzt von den Wochenenden bei ihm zurückkehren, so verantwortungslos, wie er ist».

Wenn er meint «Ich mach mir keine Sorgen, dass sie wieder einen guten Partner findet», will er damit ausdrücken «Die Schlampe war schon immer leicht zu haben. Würde mich nicht wundern, wenn sie schon einen Ersatz scharf gemacht hat, während wir noch zusammen waren».

Die Umgebung nickt dann zustimmend und kann sich damit die Freundschaft zu beiden Expartnern weiterführen. Das ist extrem ressourcenorientiert. In einer kleinen Stadt wie Zürich sind allfällige zukünftige PartnerInnen nämlich nicht so breit gestreut. Meist kommt man mit jemandem zusammen, der bereits zum Freundeskreis oder zum erweiterten Freundeskreis gehört. Lernt man jemanden neu kennen, stellt sich heraus, dass man gemeinsame Freunde hat, mit denen man oft bereits auch schon im Bett war (Lesen Sie dazu die fröhliche Parabel «Die Rundreise der Zürcher Filzlaus Bertram»). Und dann muss man sich freundlich und gelassen über die gemeinsamen Bekannten, Ex-Freunde oder beste Freunde von Ex-Partnern unterhalten können.

Also, Zürchern wird oft fehlende Leidenschaft nachgesagt. Das mag so scheinen, wenn man den kulturellen Code of Conduct nicht versteht. Wenn man aber selbst Teil der Gemeinschaft ist, kann man die tiefen Gefühle unter dem kultivierten Verhalten durchaus erkennen. Bei Trennungen ist diese Art der Zurückhaltung ein enormer Vorteil.

Beim Flirten ist es dann schon etwas schwieriger. Es ist einfach schwerer zu erkennen, ob ein «Hey, wie geht’s?» einfach «Hey, wie geht’s?» oder eben doch «Ich will dir die Kleider vom Leib reissen und es gleich hier mit dir tun!» bedeutet.

29 Kommentare zu ««Liebes-Aus» in Zürich»

  • KMS a PR sagt:

    ich werde wieder nostalgisch. der gv in den 80ern in züri. frei nach dem motto – „liebe, triebe, hiebe!“ hach. das waren noch zeiten, als die weiber zur ihrer geilheit standen. yeah-baby-yeah! 🙂

  • Oliver Brunner sagt:

    Züri isch halt einfach besser als andere Weltstädte – in diesen wird Zürich aber gar nicht wahrgenommen.Wie schafft ihr es, so locker cool zu bleiben. Respekt von einem zugezogenen Hinterwäldler, der sich nicht so aalglatt getrennt hat.

    • Réda El Arbi sagt:

      Die meisten Zürcher sind ehemalige Hinterwäldler.

      • Robert F. Reichmuth sagt:

        Stimmt, Mister El Arbi, sogar die allermeisten. Es hat aber schon auch noch einige Vorderwäldler im Z-Muki-Z.
        Meine „Flirts und Trennungen in Z“ liegen schon Jahre hinter mir. Trotzdem haben Ihre Zeilen mir den einen oder anderen Lacher entlockt. Züri liebt, hasst, au über d’Gass – wie eh und jeh oh weh. Also – wiiter öpe e so und tanke villmal …

      • KMS a PR sagt:

        bei mir ist’s grade umgekehrt. 🙂

  • Raquel García y Cantalejo sagt:

    Das Drama danach ist angemessener Ausdruck dafür, wenn aus einer Liebe Verrat, Misstrauen oder Kleingeist geworden sind. Es steht im Gleichgewicht zur verlorenen Liebe! Es ist zweckfrei und in diesem Aspekt wie Kunst: Wer das macht, kann nicht anders. Das Drama ersetzt die ausgestorbenen Klageweiber und die wegrationalisierten grossen Taschentücher aus Stoff, die man voll Trauer und Wut noch richtig zerknüllen konnte, selbst wenn sie schon pflutschnass waren. Das Drama ist keiner Zukunft verpflichtet, es lebt nur im Jetzt und wünscht sich Vergangenes zurück – bis leise und meist ganz plötzlich der Mut fürs Neue aufersteht. Zum Glück können wir uns darauf verlassen!

  • Küsel sagt:

    Réda, du hast mir echt den Abend aufgelockert. Es stimmt halt schon zu 90%. Hab mich köstlich amüsiert, da ich deinen Artikel nur allzu gut nachvollziehen kann.

  • Zorana sagt:

    Amüsanter und sympathischer Artikel.. Es kommt mir einiges bekannt vor.. Vielen Dank

  • Viola sagt:

    Nur gut hat sich Réda nicht von einer Muslima, einer Lesbe oder sonst irgendwas, das unter seinem persönlichen Artenschutz steht, getrennt. Bei der dümmlichen Verallgemeinerung der Engländer scheint sein political correctness Zensurbalken nicht zu greifen.

    • Réda El Arbi sagt:

      So ziemlich der dümmste Kommentar in diesem Jahr. Ich hab auch die Zürcher Kultur ironisch beleuchtet.

      Dass du den Unterschied zwischen Ironie und Abwertung nicht erkennen kannst, sagt nichts über meinen Text, aber sehr viel über dich.

      • Stephan Buisson sagt:

        Ganz im Gegenteil. Das ist einer der besten Kommentare, die ich seit langem las. Präziser kann man die grassierende political correctness in der Medienwelt kaum destillieren.

        • Réda El Arbi sagt:

          Hm, also weil ich nicht gegen Schwule, Moslems und Ausländer hetze, bin ich politisch überkorrekt? Ich dachte, ich mache das nicht, weil ich kein A******** sein möchte.

          • Zoltan Tivadar sagt:

            Viola hat doch völlig Recht und ich wundere mich, dass Dich jemand für diesen Müll auch noch bezahlt.

            • Réda El Arbi sagt:

              Ah, Zoltan. Der Typ, der kein eigenes Leben hat und mir nun von Plattform zu Plattform folgt, um allen zu zeigen, was für ein Verlierer er ist.

              Freut mich, dass dich jetzt auch das Stadtblog-Publikum kennen lernen darf. Und was deine Kommentare angeht: Solltest Du die Grenzen überschreiten, sollte dir klar sein, dass ich hier deine IP-Adresse einsehen kann. Du bist also nur für die Leser anonym, ich kann mit zwei Klicks deinen Namen feststellen, wenn du hier deinen üblichen fremdenfeindlichen Müll abladen willst.

              Schön, dass du jetzt zu meinen Fans gehörst!

  • thomas sagt:

    hahah ich kann nicht mehr 🙂 ALLES GENAU SO ERLEBT!!!! Ich würde sagen so wahr war noch nie ein Reda Artikel 🙂

  • Tim Birke sagt:

    Es sind zwei Themen:

    1.) Es ist ein Zeichen einer modernen Gesellschaft, wenn man sich im gegenseitigem Einverständnis, ohne einen Scherbenhaufen zu hinterlassen, trennt.

    2.) Leidenschaftlich waren Schweizerinnen/Schweizer noch nie (da ziehe ich alle anderen Kulturen vor, sorry).

  • Hans Knecht sagt:

    Ohje, was für eine Herzlose Gesellschaft.
    Was war der eigentliche Grund für die Beziehung?
    Und was war der Stein des Anstosses für die Trennung?
    Wenn für ersteres niedere Beweggründe wie Sex waren, dann das man sich m.E. nicht wundern wenn dies dann der selbst Beweggrund für die Trennung war.

  • Benedict De Rochard sagt:

    Ich glaube, der Trend geht sogar noch weiter. Stadtzürcher Paare sind heutzutage gar nicht mehr wirklich „zusammen“, weswegen man sich auch nicht mit Schluss machen befassen müsste.

  • Blaubär sagt:

    Jetzt müsste man noch wissen, wo es in Zürich denn noch Zürcher gibt… Hat wahrscheinlich weniger mit leidenschaftslosen Züzis zu tun dieser besagte Ruf als denn damit, dass sich jedes Landei, welches sich nach Züri verläuft, plötzlich als ungemein Züri-Hypestar fühlt und drum eins auf pseudo coole Sau tun muss (weils mit der Selbstsicherheit dann eben doch etwas weit her ist???)… z.B. in Frankreich gilt auch jeder Pariser als arrogant, obwohl da kaum noch echte Pariser leben.. so ist das eben in den coolsten Städten des jeweiligen Landes..

    • Lichtblau sagt:

      @Blaubär: Hier. Beide mitten in Zürich geboren, aufgewachsen und mit Stadtzürcher Bürgerrecht. Jahrelang gemeinsam in der Szene unterwegs und sogar zusammen gearbeitet. Hätte ihn nicht der Sensemann viel zu früh geholt, wir wären zusammen alt geworden.
      Ich finde diese wohltemperierten Trennungen zwar komfortabel, aber auch seltsam. Wäre ich gefühlsmässig noch involviert, würde ich wohl ordentlich Drama machen. Ausser, es sind Kinder da.

      • Réda El Arbi sagt:

        Siehst du, „ausser, es sind Kinder da“ zeigt, dass sogar das Drama eine wohldossierte Emotionalität ist. Etwas, das wir Zürcher wählen können, wenn uns danach ist. Das ist nicht das unkontrollierbare Drama anderer Mentalitäten. 😀

        • Derwisch sagt:

          Genau. Gottseidank! Drama bringt nämlich allermeistens weniger als nichts. Mir gefällt dieser Zürcher Pragmatismus. Weder kann man mit Drama eine lädierte Beziehung retten, noch die Basis für ein friedliches Nebeneinander nach der Paarbeziehung schaffen. Vielmehr werden mit Drama unnötig Gräben aufgerissen und Geschirr zerschlagen, welches dann später vielleicht ein ganzes Leben lang nicht mehr gekittet werden kann. Das dürften die meisten beteiligen früher oder später bereuen. Auch wenn man nicht in der selben Bar oder im selben Verein verkehrt.
          Ein viel grösseres Problem sehe ich da in der sprichwörtlichen Zürcher Kontaktphobie. Damit meine ich ausdrücklich nicht körperlichen Kontakt.

  • Jonas Henn sagt:

    Intressant wie korrekt so eine Trennung in Zürich abläuft. In Winterthur habe ich da schon grössere Dramen erlebt inklusive Freundeskreis aufspliten und die uneingeschränkte Solidarität der Freunde einfordern. Was eine gute Freundin getan hat.

    Ich wurde dafür nach einer Trennung von einer Kollegin der Ex mit einem Drink übergossen. Auch sehr taktvoll.

    Die einzige Frage die sich mir nun stellt, können wir dafür auch besser Flirten als die Zürcher?

    • Réda El Arbi sagt:

      Checks nochmals. Die Leute, von denen du berichtest, sind sicher Zugewanderte 🙂

  • Ralf Schrader sagt:

    Es scheint ein Gesetz zu geben, welches besagt, dass umso mehr über Emotionen geredet wird, je weniger die vorhanden sind. Vergleicht man langzeitlich Texte im TA und im Berliner Gegenstück ‚Tagesspiegel‘, fällt auf, dass der Begriff ‚Empathie‘ im TA häufig und nicht selten kontextfrei (z.B. in einem politischen Text), im Tagesspiegel praktisch nie benutzt wird. Letzteres ist eigentlich logisch, denn Begriffe, welche Privates bezeichnen, haben in einer Tageszeitung eigentlich nichts verloren.

    Aber in Zürich, der Schweiz wird einem stocklangweiligen Politiker schon beim einmaligen Heben der Stimmer Emotionales unterstellt.

    Nennen wir das die unemotionale Emotionalität der Schweizer.

    • Réda El Arbi sagt:

      Nun ja, emotionale Grundvoraussetzungen für ethisches Handeln wie zum Beispiel Empathie gehören meines Erachtens ganz klar in politische Beiträge.

      Medientechnisch ist es sicher auch wichtig, welche Formate man vergleicht. Blog, Glosse, Reportage, News etc.

      Und dann noch: Es gibt überall genau gleich viele Gefühle. Etwas anderes zu behaupten, würde der Biologie und der Evolution widersprechen. Wie man damit umgeht, oder wie man diese Emotionen kommuniziert, kann sich kulturell unterscheiden. Und ja, die Berliner sind oft direkter. Wir würden sagen „unhöflich“. Das ist nicht ein Unterschied in der emotionalen Qualität, sondern im kulturellen Umgang.

      • Ralf Schrader sagt:

        Evolutionär geht die Tendenz in Richtung Minimierung der emotioanlen Handlungssteuerung. Das liegt an der zunehmenden Alltags- Komplexität. Ein mittelfristige Einschätzung der politischen Situation und die notwendige Verhaltens- Ausrichtung ist heute weder emotional, noch bio- rational möglich. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass Politiker schrittweise durch Software ersetzt werden.

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