Entköppelung: empörte Heuchelei

Der Sturm der Entrüstung, der jedoch jetzt gerade durch Stadt und Parteien fegt, ist völlig übertrieben. Nicht verhältnismässig. In der politischen Debatte hat Köppels Partei, die SVP, Menschen als Messerstecher diffamiert und sich viele andere Geschmacklosigkeiten geleistet. Köppels eigenes Blatt brachte ein Roma-Kind mit Pistole auf der Front. Auch hier – ausser in der reinen Provokation – völlig unkreativ und in gewissem Masse sogar unethisch.

Köppel selbst schrieb vor ein paar Wochen ein verschmustes Editorial über den Nazi-Führer Göring. Eine sanfte Hommage mit der Bitte um Verständnis für diesen doch so unverstandenen Kader der Nazischlächter. Sein Parteifreund Claudio Zanetti, bald wohl Chef der Zürcher SVP, twitterte rassistische Neonazi-Inhalte mit dem Tag #WhiteGenocide, und suggerierte in seiner medialen Richtigstellung, dass Migranten einen «Clash of the Cultures» mit ihren Genitalien betrieben.

Die politische und mediale Empörung über solche – wohlgemerkt nicht satirischen oder künstlerischen – Inhalte hielt sich im Verhältnis zum jetzigen Aufruhr in Grenzen. Keine Politiker vor Mikrophonen, die den Verantwortlichen den Job wegnehmen wollten, niemand stand auf und sagte: «Solchen Nazi-Dreck wollen wir nicht in unserer Stadt. Und wir wollen solche Leute nicht mit Steuergeldern finanzieren.»

Wie gesagt, ich finde die Kunstaktion dämlich und für den gesellschaftlichen wie politischen Diskurs kontraproduktiv. Sie macht den Agitatoren und Täter Köppel zum Opfer, dem nun von links bis rechts die Politiker zur Verteidigung zur Seite springen. Sie unterscheidet sich auf der kommunikativen Ebene nicht vom Hakenkreuzplakat am HB.

Aber die Empörung, die diese Aktion in der Zürcher Politikergemeinde auslöst, ist pure Heuchelei. Es birgt absolut kein Risiko, sich gegen eine kleine Gruppe von Künstlern zu äussern und deren Verhalten zu kritisieren. Es ist eine Art M-Budget-Empörung: Sie kostet nichts, man ist sicher auf der richtigen Seite und man setzt sich mit seinen Statements absolut keiner Gefahr aus.

Gegen politische Kollegen, die sich mit Nazi-Inhalten profilieren, hält man sich aber eher zurück. Weil die sich wehren können, vor allem, wenn sie gleich auch noch Verleger und Chefredaktoren sind oder bald als regionale Parteichefs fungieren. Da hält man wohl lieber die Füsse still.

PS: Und kommt mir jetzt nicht wieder mit der «Nazikeule». Ich wars nicht, der Göring verniedlichte und rassistische Tweets von US-Neonazis verbreitete.