China-Postpunk in Zürich

«Zürich ist für uns so etwas wie das Tor zu Europa» Foto: Dieter Seeger

«Zürich ist für uns so etwas wie das Tor zu Europa» Foto: Dieter Seeger

Musiker Hua Dong tritt mit seiner Band Re-Tros heute Abend in Zürich auf. Ein Gespräch über Punk, sein Heimatland China, zerschnittene CDs und Bertolt Brecht.

Sie spielen mit Ihrer Band Re-Tros eine Art Punk, wie kommt die Rebellion in Ihrer Heimat China an?

Wir sind gezwungen, Umwege zu gehen. Die Regierung würde einen direkten Angriff nicht tolerieren. Das heisst, wir sagen nicht: «Der Staat ist schlecht», sondern erzählen eine Geschichte, die diesen Sachverhalt möglicherweise verdeutlicht. Kennen Sie Brechts Verfremdungseffekt? Wir wollen damit die Distanz zwischen Publikum und Künstlern erreichen. Das ist ein kraftvoller Effekt.

Reagieren die Behörden nie?

Die wissen wohl nicht einmal, dass es uns gibt. Wir sind zu klein. Wir sind nicht U2 oder was Ähnliches. Wir sind bloss eine etwas berühmtere Undergroundband, was bei der Grösse des chinesischen Marktes aber doch reicht, um davon zu leben. Doch wir singen ja auch Englisch, das verstehen wohl nicht alle Funktionäre. (lacht)

Wenn Sie also berühmter wären, gäbe es Probleme.

Könnte sein. Cuijuian etwa, der Musiker, der als Bob Dylan Chinas gilt, hatte immer viele Probleme mit der Polizei und durfte nicht auftreten. Gerade kürzlich wurde er ins Fernsehen eingeladen, in eine Sendung, die mehrere Millionen Menschen verfolgen. Vor der Show bekam er eine Liste mit den Liedern, die er spielen darf. Da hat er die Show kurzerhand gestrichen. Das war ein Skandal.

Wäre so ein Fall wie der von Pussy Riot auch in China denkbar?

Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. Etwa sollte man nicht über Sex und Gewalt singen. Wenn wir uns auf dem Tiananmen-Platz vor dem Mao-Denkmal staatskritisch äussern würden, würde es uns wohl ähnlich ergehen wie Pussy Riot. Oder wie Ai Wei-Wei, der genau deswegen im Gefängnis sass. Die Musiker in China haben sich oft diesen indirekten Stil angeeignet, die Methode des Storytellings.

Wie reagieren die Medien auf Sie?

Es ist alles sehr aufregend im Moment. Vor zehn Jahren noch war die Szene sehr überschaubar. In den letzten fünf Jahren ist die Subkultur explodiert. Alle sind gespannt, wie es weitergeht. Vor zehn Jahren gab es vor allem Heavy Metal und eine Subkultur mit vielen Punk- und Hardcore-Elementen. Mit geheimen Konzerten. Das war der Underground.

Sie zählen viele englische Bands wie Joy Division, Bauhaus oder Gang of Four zu Ihren Vorbildern. Waren diese Platten in China erhältlich?

Es war sehr schwierig, an solche Musik heranzukommen. Wir kauften Raubkopien oder sogenannte Cut-off-CDs. Das sind importierte CDs, die vom Zoll extra beschädigt werden. Trotzdem konnte man sich mehr als die Hälfte der Songs auf diesen CDs anhören. Der Markt für solche beschädigten CDs florierte, vor dem Internet hat es bei uns ja fast nur diese gegeben. Ein Freund von mir wurde durch das Geschäft mit Cut-off-CDs zum Millionär.

Wie sieht es derzeit in Sachen Popkultur aus in China?

Trotz Youtube-Verbot wächst die Popkultur seit der Ausdehnung des Internets immens. Die Jungen kommen leicht an westliche Popmusik heran. Auch existieren zahlreiche neue Festivals. Der Markt boomt. Wir spielen mit den Re-Tros diesen Sommer in einem Monat an acht Festivals. Mit dem Geld, das wir verdienen, leben wir danach ein halbes Jahr. Insgesamt gibt es in China rund 150 Musikfestivals pro Jahr. Auch sehr viele ausländische Bands spielen bei uns. Björk hat gerade kürzlich gespielt oder auch die Rolling Stones.

Gab es da nicht einen Skandal?

Genau. Mit Björk gab es Probleme, weil sie ein Lied über Tibet spielte, obwohl es nicht auf ihrer Setlist stand. Diese und die Songtexte musst du vor dem Konzert bei den Funktionären abliefern. Die Isländerin hatte sich nicht an ihre Setlist gehalten. Das ist zwar cool, doch hatten daraufhin vor allem die ansässigen Veranstalter darunter zu leiden. Ebenso die Künstler, die noch kommen: Es ist seither wieder schwieriger geworden, für ausländische Bands. Sogar Elton John bekam nun Probleme, er durfte bei seinem letzten Konzert nur zehn Lieder aufführen.

Sie waren vor zwei Jahren schon in Zürich. Wie erleben Sie die Stadt?

Unser Besuch in Zürich war der erste Aufenthalt für die Band in Europa überhaupt. Ich selber kenne ja den deutschen Sprachraum durch meinen Studienaufenthalt in Halle, wo ich Germanistik studiert habe. Für die Band aber ist Zürich jetzt so was wie das Tor zu Europa. Ich habe mich sehr schnell wohlgefühlt hier. Und klar: Es ist alles sehr entspannt hier und gut organisiert. Sie sollten mal Peking sehen . . .

Ist das Leben in Peking so unterschiedlich?

Nun, wir gehen ebenfalls in Bars und Clubs. Die Stadt ist, was das kulturelle Angebot angeht, sehr westlich geworden in letzter Zeit. Es gibt immer mehr Musikclubs und Bars. Und das nicht nur in Peking, sondern auch in den Provinzstädten. Vor fünf Jahren noch gab es vielleicht zwei, drei tolle Orte für Konzerte in der Stadt. Heute sind es beinahe 20. Tendenz steigend. Die Regierung beginnt sich dafür zu interessieren, weil sie damit Geld verdienen kann oder zumindest den Standortvorteil eines attraktiven kulturellen Lebens erkennt.

Ihre Musik klingt sehr europäisch . . .

. . . vielen Dank!

Benutzen Sie auch traditionelle chinesische Elemente, oder orientieren Sie sich ausschliesslich an westlicher Popmusik?

Die traditionelle chinesische Musik hat keine Bedeutung für uns. Ich hörte immer bloss Musik aus dem Westen. Wir machen mit den Re-Tros halt einfach, was uns echt berührt. Also all die Experimente, die damals im Zuge des Punks vonstattengingen. Punk ist in China jetzt vorbei, wie in England vor 30 Jahren. Nun sind wir beim Postpunk angelangt. Wie Sie sehen, alles ist etwas zeitverzögert. (lacht)

Die Musik der Re-Tros ist sehr kraftvoll. Was ist das Wichtigste für Sie beim Musikmachen?

Franz Kafka hat gesagt: «Ein Buch muss sein wie eine Axt, um das Eis der Seele zu spalten.» Dasselbe gilt für mich für die Musik. Ich will Musik machen, welche die Leute aufwühlt.

Hua Dong spielt mit seiner Band am China-Drifting-Festival.

18 Kommentare zu «China-Postpunk in Zürich»

  • Ursi sagt:

    Was tummeln sich hier schlaue Leute (immer die gleichen vier TA-Mitarbeiter bzw. -Sympathisanten (richtig geschrieben??), es gibt aber auch kein Thema, bei dem es sich nicht lohnt, seinen intellektuellen (richtig geschrieben??) Senf dazu zu geben, dabei Kafka zu zitieren und sich en passant mal als ausländerfeindlich zu outen.

    • Réda El Arbi sagt:

      Ursi, unsere Stammkommentatoren sind hier, weils ihnen hier gefällt- Wieso Sie allerdings hier sind, frag ich mich schon seit ihrem ersten Kommentar. Gibts nicht Blogs, die sie mögen und lesen können? Müssen Sie Blogs lesen, die Sie eigentlich doof finden? Und wenn ja, warum, um Himmels Willen tun Sie sich das an? Fragen über Fragen. Und natürlich wären wir, die Autoren, froh, wenn Sie wenigstens etwas zum Inhalt des Posts zu kritisieren hätten.

  • Maiko Laugun sagt:

    Video-Clips von Life Auftritten von „Re-Tros“ findet man im chinesischen Musik Netz „Youku“, unter nachfolgendem direkten Link (Es kommt zuerst Werbung und dann geht’s los. Auf der rechten Seite gibt es dann weitere Videos dieser Band):

    http://v.youku.com/v_show/id_XNDY1ODI2ODY4.html?from=y1.2-1-95.3.12-1.1-1-1-11

    Vielleicht können sich ja einige arme Schweizer, die unter dem Dichte-Stress leiden, etwas abreagieren 🙂

    • Réda El Arbi sagt:

      Yep. Da kann man dann kopierte Youtube-Videos schauen.

      • Maiko Laugun sagt:

        Wie mir meine Frau soeben sagte, ist diese Band selbst der grossen Masse der Jungen weitgehend fremd und wohl nur in der Subkultur von Metropolen wie Peking bekannt. Aber das kann sich ja noch ändern. Die Jungen stehen sonst mehr auf Pop-Musik.

  • Irene feldmann sagt:

    Kafkas Satz gefällt mir, so auch die Einstellung dieser Musiker. Musik ist ja Emotion und diese ist international…..welcome!!!!

  • Philipp Rittermann sagt:

    das haben wir den salat. aber gut, multi-kulti zürich wird auch noch ein paar durchgeknallte chinesen verkraften….müssen….

    • tststs sagt:

      Meine Güte, Herr Rittermann, wegen 3 (!!!) Chinesen gibt es gleich einen ganzen Salat? Ich dachte, das reiche nur für ein Kontrabasskonzert…

      Aber ja bei diesem Dimensionenverständnis verstehe ich jetzt auch, weshalb die Zuwanderung ihnen sooooo grosse Angst macht. Und bei diesem Angstverständnis verstehe ich jetzt auch, wie sie aus einem extrem liberalen Professor einen linken Euro-Turbo machen können… der Sie ausserdem dahingehend belehrt hat, dass die Schweiz eben nicht eine direkte Demokratie ist, sondern die direkte Demokratie ein Teil des CH-Polit-Systems ist. Aber Hauptsache Sie lesen: er wolle sie abschaffen….tststs

      Sorry, liebe Redaktion fürs OT 😉

      • KMS a PR sagt:

        werte ts. der herr kohler ist ein erklärter eu-befürworter. trau-schau-wem. „unser…“ bundesrat hat mich gelehrt, ein wenig paranoid zu sein. besser als reingeleimt zu werden. angst habe ich diesbezüglich keine. besorgnis jedoch schon. erst sinds 3…dann 300…3000….und und und. der br. hat zu beginn der pfz gesagt, wir könnten jährlich mit höchstens 8000 zuwanderern rechnen. jetzt sinds 80’000. und dieser umstand wurde einfach totgeschwiegen. also ich finde schon, dass ich da durchaus wach bleiben soll; auch was die direkte demokratie anbelangt, welche schon von einigen politischen strömungen in frage gestellt wird. sowie von der gesamten eu. sind noch fragen?

        • adam gretener sagt:

          Also bei dem Thema haut’s dem Rittermann einfach immer eine Sicherung raus. Die Band spielt ein paar Konzerte in der Schweiz. That’s it. Echt unglaublich.

          • Irene feldmann sagt:

            Er ist eben nicht so wie wir ihn gerne hätten…..@

          • Adam Gretener sagt:

            Na ja, da muss ich Sie auch mal korrigieren. Mir vergehen langsam die Böcke, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der permanent z.B meine Freundin als kriminell und eh ausgeschafft gehört betitelt. Da hört es bei mir auf.

            Nämlich genau jetzt.

          • Irene feldmann sagt:

            Es gibt Leute, die sind Meister der Manipulation, Adam. Wichtig ist nicht in die falle zu treten. Die Vermischung aller Nationen für welche Gründe auch immer, ist eine gute Sache, das dies einigen nicht passt ist zu erwarten, da diese Personen ihrer eigenen Unfähigkeit so bewusst werden, mit neuen Situationen umzugehen.

    • Adam Gretener sagt:

      Dramaqueen No 1

  • Adam Gretener sagt:

    Zürich das Tor zu Europa, da musste ich kichern.

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