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Herausgepickt: Fabiola, die Patronin der Betrogenen

karen gerig am Mittwoch den 23. März 2011

Sparen wir uns das Spekulieren über vielfach gestellte Fragen. Weshalb das Schaulager auf eine grosse Ausstellung verzichtet und mit Francis Alÿs’ Fabiola-Projekt eine zwar spannende, aber nicht gerade originelle Jahresausstellung ausser Haus bietet, soll uns egal sein. Alÿs bringt immerhin mal ein paar Nasen mehr ins Haus zum Kirschgarten, das 11er-Tram hat dafür ein paar Passagiere weniger. Wir wollen uns auch nicht bei der Frage aufhalten, weshalb Alÿs für sein Sammlungs-Projekt Kopien eines Bildnisses einer Heiligen wählte, von der kaum jemand die Heilige und schon gar niemand das Bildnis kennt.

Bildnis der Fabiola, nach Jean-Jacques Henner.

Nein, wie wollen uns der Heiligen selbst widmen. Jener Frau, die seit dem 19. Jahrhundert, als ein elsässischer Realist namens Jean-Jacques Henner ein Bildnis von ihr schuf, das heute verschollen ist, auf immer dieselbe Weise dargestellt wird – mit seltenen Ausnahmen: Im Profil abgebildet, nach links blickend, mit dem karmesinrotem Schleier eines Büssergewands, ein kleiner, meist brauner Haarbüschel darunter hervorblickend.

Im 4. Jahrhundert lebte Fabiola, soviel wissen wir. Das Geburtsjahr unbekannt, das Todesjahr 399 n. Chr. In Rom geboren, entstammte sie dem noblen Geschlecht der Fabier. Sie war vermögend und wird in der nach ihr benannten Novelle des Kardinals Nicholas Wiseman als verwöhnt geschildert. Vielleicht war sie das, vielleicht auch nicht. Mit ihrem ersten Ehemann hatte sie Pech. Er war ihr zwar ebenbürtig von Geburt, aber er war lasterhaft, so lasterhaft, «dass nicht einmal eine Dirne oder gemeine Sklavin es hätte aushalten können», wie der Kirchenvater und Heilige Hieronymus, später langjähriger Weggefährte Fabiolas, nach ihrem Tod in seiner Lobrede auf die Heilige schrieb. Fabiola wollte sich das nicht bieten lassen – und trennte sich. Ein Fehler im Rom des 4. Jahrhunderts. Denn betrog der Mann die Frau, so war der Mann nicht schuld daran. Eine Frau hatte zu erdulden. Die Frechheit, ihren Mann zu verlassen, bezahlte Fabiola mit dem Ausschluss aus der christlichen Gemeinde.

Fabiola scherte das wenig, sie nahm sich einen zweiten Mann, der wenig später starb. Als Strafe für ihren Hochmut wurde Fabiola das ausgelegt, auch nach ihrem Tod noch. Sie selbst sah es wohl auch so, denn sie tauschte ihre edlen Kleider gegen das Büsserkleid und veräusserte ihr beträchtliches Vermögen. Den Erlös liess sie den Armen zukommen. Hieronymus formulierte es so: «Viel schwerer ist es, von Hochmut als von Gold und Edelsteinen zu lassen.» Fabiola aber schaffte es. In ihrem Büssergewand stellte sie sich am Tag vor Ostern den Blicken von ganz Rom, und «der Bischof, die Priester und das ganze Volk weinten mit ihr, wie sie mit aufgelöstem Haar, bleichem Antlitz und schmucklosen Händen ihren Nacken demütig beugte», schrieb Hieronymus.

Mit dem Erlös aus ihrem Vermögen errichtete sie ein Krankenhaus für die Kranken von der Strasse, die sie selbst ungeachtet ihrer Leiden liebevoll umsorgte. Auch gegenüber der Kirche zeigte sie sich grosszügig und spendabel. Auf einer Wallfahrt nach Jerusalem traf sie Hieronymus und widmete sich zu dessen Freude mit Inbrunst und grossem Lerneifer den göttlichen Büchern. Nach dem Einfall der Hunnen in Jerusalem nahm sie, zurück in Rom, ihren Dienst an den Kranken wieder auf. Als sie starb, ertönten, so Hieronymus, in ganz Rom Psalmen, «und oben an die vergoldeten Deckel der Tempel schlug der Widerhall des Alleluja». Ihr Begräbnis soll nach Hieronymus die römischen Siegesfeiern der Antike übertroffen haben.

Heute ist die Heilige Fabiola weitgehend unbekannt. Trotzdem ist sie die Patronin der Geschiedenen, Betrogenen, Misshandelten, der Krankenschwestern und der Witwen. Die über 370 Porträts, die Francis Alÿs bis jetzt vor allem in Europa und Lateinamerika gesammelt hat, zeugen von ihrer Verehrung.

Die Ausstellung im Haus zum Kirschgarten ist noch bis zum 28. August zu sehen.