Beiträge mit dem Schlagwort ‘Drama’

Rechnen für Fortgeschrittene

Fabian Kern am Mittwoch den 11. Mai 2016
«The Man Who Knew Infinity» läuft ab 12.5. in Küchlin und Rex.

«The Man Who Knew Infinity» läuft ab 12.5. in Küchlin und Rex.

Hochbegabte sind in der Filmindustrie beliebt. Vor allem die tragischen Geschichten von Mathematik-Genies erfreuen sich in Hollywood grosser Beliebtheit. Gerne erinnern wir uns an Matt Damon als «Good Will Hunting» (1997) oder Russell Crowe in «A Beautiful Mind» (2001). Anscheinend erhält jede Dekade ihren Rechengenie-Film. Nun sind die Briten am Zug: Matthew Brown inszeniert die bewegende Geschichte des Inders Srinivasa Ramanujan, der sich mit seiner einzigartigen Art, die Mathematik zu sehen, Anfang des 20. Jahrhunderts einen Platz in der Hall of Fame der Wissenschaft sicherte. Ramanujans Theorien bilden auch heute noch die Basis zur Berechnung von Schwarzen Löchern.

Langsame Annäherung: Hardy und Ramanujan.

Langsame Annäherung: Hardy und Ramanujan.

Ein junges indisches Genie? Richtig, dafür kann es nur einen Darsteller geben: Dev Patel. Der aus «Slumdog Millionaire» bekannte Schauspieler ist die perfekte Besetzung für Ramanujan, der an seiner Gabe fast verzweifelt. Vergebens versucht der aus armen Verhältnissen stammende junge Mann 1913 in Südindien, mit seinen in einer ganzen Reihe von Büchern festgehaltenen Mathematik-Theorien einen Job zu ergattern. In einem Tempel schreibt er seine Formeln wie ein Besessener mit Kreide auf den Boden. Er kann nicht anders, er muss es rauslassen. Als ihm der Brite Sir Francis Spring (Stephen Fry) eine Chance in der Buchhaltung gibt, eröffnet ihm das eine Perspektive. Spring vermittelt den Kontakt zum Cambridge-Professor G.H. Hardy (Jeremy Irons), der durch seine Eigenwilligkeit im englischen Nobel-College nicht ganz unumstritten ist. Er sieht das aussergewöhnliche Talent in Ramanujan und lädt diesen nach Cambridge ein. Dort muss der von der Sehnsucht nach seiner Frau Janaki (Devika Bhise) gequälte Inder aber lernen, dass ihm nicht nur Essen und Klima nicht behagen, sondern auch die Art, mit Mathematik umzugehen.

Leidet in Indien: Ramanujans Frau Janaki.

Leidet in Indien: Ramanujans Frau Janaki.

Im Zentrum der wahren Geschichte steht weniger das Genie Ramanujans als vielmehr die Beziehung zwischen Ramanujan und Hardy, die lange brauchen, um sich anzunähern. Als sie sich schliesslich zusammenraufen, stossen sie im erzkonservativen England, das vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs gebeutelt ist, auf harten Widerstand. Irons und Patel bilden mit ihrem starken, vielschichtigen Spiel den Höhepunkt dieses Dramas. Ansonsten ist es halt auch nur ein weiterer Genie-Film, keine Meilensteine wie die eingangs genannten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

«The Man Who Knew Infinity» läuft ab 9. April 2015 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Kinostarts in Basel am 12. Mai: The Angry Birds Movie, A Bigger Splash, La belle saison, Heavenly Nomadic – Sutak.

Der Berg hat immer das letzte Wort

Fabian Kern am Mittwoch den 16. September 2015

«Everest 3D» läuft ab 17.9. im Rex und im Küchlin.

«Everest 3D» läuft ab 17.9. in Rex und Küchlin.

Hoch hinaus zu wollen ist ja schön und gut – in allen Lebensbereichen. Aber was will man in einer Höhenlage, für die der menschliche Körper einfach nicht geschaffen ist, ausser sich wortwörtlich den Tod holen? Wer nicht selbst die Besteigung eines 8000ers auf der ganz persönlichen Bucket List hat, kann dies wohl nicht nachvollziehen. Und unter jenen 14 Bergen, welche diese magische Marke übertreffen, ragt einer noch heraus: der Mount Everest. Der magische Gipfel stellt mit 8848 Metern über Meer das Dach der Welt dar und zieht Tausende Bergsteiger rund um den Globus in seinen Bann. Doch die Frage bleibt: Warum tut man sich das an? Sich, seinem Körper und seinen zu Hause bangenden Liebsten?

Expeditionschef I: der Neuseeländer Rob Hall.

Expeditionschef I: der Neuseeländer Rob Hall.

Geld für Ruhm: Beck Weathers.

Geld für Ruhm: Beck Weathers.

Die Antwort darauf interessiert auch Jon Krakauer (Michael Kelly). Um sie zu erfahren, schliesst sich der Journalist des «Outside Magazines» im Jahr 1996 der Gruppe des Neuseeländers Rob Hall (Jason Clarke) an. Dieser führt kommerzielle Expeditionen auf den Everest durch. Für schlappe 65’000 Dollar ist man dabei – wenn man über genügend Erfahrung am Berg sowie die nötige Fitness verfügt. Genau den gleichen Tag für die Besteigung, den 10. Mai, hat sich ein konkurrierendes Unternehmen aus Seattle ausgesucht. Dieses wird vom extrovertierten Scott Fisher (Jake Gyllenhaal), dem Lebemann unter den renommierten Bergsteigern geführt. Die Stimmung im dicht besiedelten Basislager auf rund 5500 Metern über Meer gleicht deshalb eher einem Ferienlager als einer seriösen Alpinistengruppe.

Atemberaubendes Panorama: Auf dem Weg zum höchsten Gipfel der Welt.

Atemberaubendes Panorama: Auf dem Weg zum höchsten Gipfel der Welt.

Expeditionschef II: Scott Fisher.

Expeditionschef II: Scott Fisher.

Die beiden Gruppen kommen sich in den Wochen, während denen man sich vom auf rund 5500 Metern hoch gelegenen Basislager auf die höchst anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet, immer wieder in die Quere. Als Beck Weathers (Josh Brolin) aus Halls Gruppe beinahe abstürzt, weil zu viele Leute die Aufstiegsroute blockieren, beschliessen die beiden Anführer, zusammen zu arbeiten. Doch geteilte Organisation heisst nicht, dass die Besteigung nun einfacher wird. Die Wetterlage im Himalaya-Gebirge ist instabil, ein vorzeitiger Abbruch droht. Bis in der Nacht auf den 10. Mai der Himmel wie durch ein Wunder aufreisst und der Gruppe ein Zeitfenster eröffnet. Die Besteigung scheint realistisch. Doch die erfahrenen Führer täuschen sich in ihrer Einschätzung. Eine massive Sturmfront, aber auch Selbstüberschätzung und Undiszipliniertheiten machen das Unternehmen zum Kampf ums nackte Überleben. Der Everest verzeiht nichts.

In Schwierigkeiten: Rob am Everest.

In Schwierigkeiten: Rob Hall mit seiner Gruppe am Everest.

In Sorge: die hochschwangere Jan Hall.

In Sorge: Robs hochschwangere Frau Jan.

Jeder vierte Mensch stirbt beim Versuch der Everest-Besteigung. Die Statistik lügt nicht. Wer den Berg ins Visier nimmt, setzt sein Leben aufs Spiel. Diesen Aspekt arbeitet der isländische Regisseur Baltasar Kormàkur («Contraband», «2 Guns») besonders heraus, was ihn in Anbetracht des beeindruckenden Casts ehrt. Neben Clarke, Brolin und Gyllenhaal geben sich auch Keira Knightly, Robin Wright, Martin Henderson und Sam Worthington die Ehre – und trotzdem bleibt der Berg der Star. Seine Schönheit wird ebenso atemberaubend in Szene gesetzt wie die tödlichen Gefahren, die er birgt. «Everest» ist trotz – absolut würdig eingesetzter – 3D-Technik kein absurdes Actionspektakel à la «Vertical Limit», sondern ein Drama geht unter die Haut, zumal die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruhen. Kälte, Erschöpfung und Höhenkrankheit sind die wahren Feinde des Menschen in der «Todeszone» über 7000 Metern. Wer nach diesem Film die Everest-Besteigung immer noch auf seiner Bucket List hat, der ist durch nichts abzubringen. Das eingangs gestellt Warum allerdings, das wird nicht abschliessend geklärt. Die beste Antwort findet Doug Hansen (John Hawkes): «Ich tue es, weil ich es kann.»

«Everest 3D» läuft ab 17. September 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 17. September: Ich und Kaminski, Amnesia, How to Change the World, Wild Women – Gentle Beasts, Pura Vida.

Al Pacinos Erbe und Hollywoods Frau der Stunde

Fabian Kern am Mittwoch den 8. April 2015

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin.

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin und im Rex.

80er-Nostalgiker sind gerade in Hollywood weit verbreitet. Auf eine ganz dunkle Ecke dieses Jahrzehnts richtet nun aber Regisseur J. C. Chandor seinen unerbittlichen Fokus. Auf 1981, das Jahr mit der bis heute höchsten Kriminalitätsrate in der Geschichte von New York City. Die Metropole an der amerikanischen Ostküste wird erschüttert von Morden, Vergewaltigungen, Überfällen. Auch die Heizöl-Transporter von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmässig überfallen – und das hat seinen Grund. Der aufsteigende Unternehmer hat soeben das Vorkaufsrecht auf ein strategisch wichtiges Grundstück erworben, das ihn an die Spitze der Branche bringen könnte. Die Verluste aus den Überfällen drohen aber den Kredit zum Platzen zu bringen, weshalb sich Morales entscheiden muss, wie weit er gehen möchte, um sein Lebenswerk zu verteidigen. Er, ein aufrechter Einwanderer, dessen wichtigstes Prinzip immer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit war.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Die Fallen sind ausgelegt für Morales. Einerseits sind die Fahrer derart verängstigt, dass die Gewerkschaft darauf besteht, sie zu bewaffnen. Sollte allerdings einer der Fahrer mit einer Pistole jemanden verletzen, dann platzt der Bankkredit. Die Konkurrenz schreckt auch nicht davor zurück, Abels Familie einzuschüchtern. Zudem rückt ihm die Staatsanwaltschaft auf die Pelle und ermittelt wegen Steuerhinterziehung. Abel ist sich seiner weissen Weste sicher, bis ihm seine Frau Anna (Jessica Chastain) gesteht, dass sie schon seit Jahren Gelder auf ein sicheres Konto abzweigt. Abel sieht seinen vorgezeichneten Weg ganz nach oben, den amerikanischen Traum, den er schon sein ganzes Leben lang verfolgt, in höchster Gefahr.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Es gibt verschiedene Gründe, sich «A Most Violent Year» anzusehen. Erstens ist die Story von Beginn an packend und vielschichtig – ein intelligenter Thriller, der mit einem Minimum an Action und gänzlich ohne Effekte auskommt. Zweitens hält der Spannungsbogen über die vollen zwei Stunden Spielzeit. Chandor («Margin Call») schafft eine bedrückende, graue Grundstimmung und legt darüber eine dichte, nervenaufreibende Atmosphäre, die einem mit zunehmender Dauer die Luft zu nehmen scheint. Der Zuschauer wird ständig von Fragen belauert: Ist das mehr Drama oder Thriller? Was für ein Ende erwartet mich? Von Bankrott bis Durchbruch, von Selbstzerstörung bis Happy End, von Kampfscheidung bis Familienidylle scheint alles möglich für Abel Morales.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Und damit wären wir beim dritten und wichtigsten Argument für diesen Film: den Darstellern. Wem der Name Oscar Isaac nicht viel sagt, dem sei verziehen. Der 35-Jährige Sohn einer guatemaltekischen Mutter und eines kubanischen Vaters, der in Miami aufwuchs hatte, fiel bisher erst durch seine Rolle als fieser Prinz John in Ridley Scotts «Robin Hood» auf, als «Llewyn Davis» der Coen Brothers und vielleicht noch im Schatten von Ryan Gosling in «Drive». Nach «A Most Violent Year» dürfte sich das ändern. Isaac könnte der nächste Al Pacino sein. Mit seinem intensiven Blick und seiner entschlossenen Ausstrahlung wirkt er wie der Sohn der lebenden «Godfather»-Legende. Bei so einer Leistung kann der weibliche Co-Star eigentlich nur verblassen… wenn dieser nicht Jessica Chastain heissen würde. Die Frau gilt seit «Zero Dark Thirty», spätestens aber seit «Interstellar» als die begehrteste Schauspielerin der Traumfabrik. Der ausdrucksstarke Rotschopf – in «A Most Violent Year» für einmal blond –  vereint Charakter, Intelligenz und Sex-Appeal zu einer faszinierenden Mischung, der man sich nicht verschliessen kann. Die beiden verleihen dem Retro-Look den nötigen Glanz. Was also kann ein Film mehr bieten?

«A Most Violent Year» läuft ab 9. April 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 9. April: Mall Cop 2, Une heure de tranquillité.

Belgien sehen und sterben

Fabian Kern am Mittwoch den 29. Oktober 2014

«Hin und weg» läuft ab 30.10. im Rex.

«Hin und weg» läuft ab 30. Oktober im Kino Rex.

Ja, das hat noch gefehlt. Spätestens seit wir durch die auf allen Kanälen präsente «Ice Bucket Challenge» gelernt haben, dass ALS die Abkürzung für «Amyotrophe Lateralsklerose» ist, war ein Film darüber absehbar. Nach all den Filmen über Krebspatienten im Endstadium (zuletzt «The Fault in Our Stars») und sonstigen Todgeweihten, die den Rest ihres viel zu kurzen Lebens in bewundernswert vollen Zügen ausleben, ist nun die degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems dran, bei dem die Opfer langsam die Lebenskräfte ausgehen. Den Leidgeplagten gibt ein Hochgelobter des deutschen Films. Florian David Fitz spielt den ALS-Patienten Hannes, der zweieinhalb Jahre nach der fatalen Diagnose sein Ende nahen sieht. Für ihn ist das kein Grund, die jährliche Velotour mit seinen Freunden sausen zu lassen – im Gegenteil. Da er und seine Frau Kiki (Julia Koschitz) diesmal mit der Wahl der Destination dran sind, verbindet Hannes das Angenehme mit dem Nützlichen: Am Ziel der Reise in Belgien hat er einen Termin mit der Sterbehilfe.

Tour de Vie: Kiki, Hannes und ihre Freunde.

Tour de Vie: Kiki, Hannes und ihre Freunde auf dem Weg nach Belgien.

Ein Hoch aufs Leben: Hannes (3.v.l.) und seine Freunde.

Ein Hoch aufs Leben: Hannes (3.v.l.) und Co.

Seine Freunde, der Frauenheld Michael (Jürgen Vogel), das Ehepaar Mareike (Victoria Mayer) und Dominik (Johannes Allmayer) und sogar sein jüngerer Bruder Finn (Volker Bruch) hatten davon keine Ahnung. Erst beim Zwischenhalt bei Hannes’ und Finns Mutter Irene (Hannelore Elsner) kommt die Wahrheit auf den Tisch. Hannes erklärt, dass er nicht denselben schleichenden und schmerzhaften Zerfall durchleiden möchte wie sein Vater. Zu seiner Überraschung macht keiner der Gefährten einen Rückzieher. Die Gruppe startet in ihr letztes gemeinsames Abenteuer, das gewürzt ist mit Mutproben, die sich die Mittdreissiger gegenseitig stellen. Die Reise bewegt sich zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt und lässt keinen kalt. Ebenso wenig wie das Publikum.

Das Wichtigste ist die Liebe: Kiki und Hannes.

Das Wichtigste ist die Liebe: Kiki und Hannes.

Warum soll man sich so einen Film antun? Klar, die Darsteller gehören zum Besseren, was das deutsche Kino zu bieten hat und wird sogar noch durch die talentierte Schweizerin Miriam Stein ergänzt. Schnell klar wird einem aber auch, dass die Geschichte frei von Pathos ist und ziemlich ungeschminkt darstellt, wie unerbittlich diese heimtückische Krankheit ist. Und wie traurig es ist, wenn man direkt oder indirekt davon betroffen ist. Sehenswert macht den Streifen aber in erster Linie der Umgang von Hannes und Kiki mit dem bitteren Schicksal. Es ist ein Hoch aufs Leben – solange es eben dauert. Regisseur Christian Zübert zeigt uns anhand von realistischen Figuren mit vielen Schwächen auf, dass jeder Einzelne die Verantwortung für sein Lebensglück hat und die Prioritäten aktiv setzen muss. Das kann man sich nicht oft genug bewusst machen. Mein Bedarf an emotional so fordernden Filmen ist für den Rest des Jahres dennoch gedeckt.

«Hin und weg» läuft ab 30. Oktober 2014 im Kino Rex in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 30. Oktober: Liebe und Zufall, Anna in Switzerland, Deux jours, une nuit, ThuleTuvalu.

Die Lebensrolle des Zach Braff

Fabian Kern am Mittwoch den 22. Oktober 2014

«Wish I Was Here» läuft ab 23.10. im Küchlin.

«Wish I Was Here» läuft ab 23.10. im Küchlin.

Gewisse Rollen haften einem ein Leben lang an. Sie werden so sehr damit identifiziert, dass der Zuschauer das Gefühl hat, der Schauspieler sei in Realität genau so, wie seine Paraderolle. Zach Braff gehört zu dieser Kategorie. Er gilt wohl für immer als der Arzt mit der grossen Klappe, der aber einige Komplexe mit sich herumträgt und das Loser-Image nie ganz loswird. Der sich ständig einredet, dass er glücklich ist, sich das aber selbst nicht abnimmt. Braff hat dieses Bild in seinem ersten Kinofilm «Garden State», bei dem er auch noch Regie führte, gar selbst weiter gepflegt. Auch in jener Hommage an den Staat New Jersey war er der ewige Jugendliche, der in seinen Kindheitsträumen nachhängt, anstatt der Realität ins Gesicht zu schauen.

Fürs Eheglück brauchts immer zwei: Sarah und Aidan.

Fürs Eheglück brauchts zwei: Sarah und Aidan.

Nun kommt Braffs zweite Regiearbeit auf die Leinwand – und es scheint gleich weiter zu gehen. Zwar hat Aidan Bloom (Zach Braff) mit Sarah (Kate Hudson) eine bildhübsche Frau und zwei süsse Kinder, wohnt in einem grossen Haus mit Pool im sonnigen Los Angeles. Doch seit seiner Kindheit möchte er ein Held sein, weshalb er eine Schauspiel-Karriere anstrebt. Seine Karriere aber will einfach nicht in die Gänge kommen. Er eilt von Casting zu Casting, von Enttäuschung zu Enttäuschung, während Sarah die Familie mit ihrem Lohn für einen grauen Bürojob mehr schlecht als recht durchbringt. Völlig auf den Kopf gestellt wird das Familienkonzept durch die Krebs-Erkrankung von Aidans Vater Gabe (Mandy Patinkin). Eine neuartige Therapie macht es diesem unmöglich, die Gebühren für die jüdische Privatschule seiner Enkel weiter aufzubringen. Aidan muss seine Prioritäten neu setzen und beschliesst, das Glas mit den Bussen für das Fluchen, das eigentlich für die Ausbildung der Kinder gedacht war, für einen wichtigeren Zweck einzusetzen. Im Versuch, für seine Kinder dazusein und gleichzeitig sich und seinen faulen Bruder Noah (Josh Gad) dem kranken Vater anzunähern, entdeckt er die Rolle seines Lebens.

Leben, da sind wir: Tucker, Grace und Aidan.

Leben, da sind wir: Tucker, Grace und Aidan.

Die Produktion hing an einem seidenen Faden, konnte erst dank Crowd-Funding finanziert werden. Die Hälfte des 6-Millionen-Dollar-Budgets wurde so hereingeholt. Zum Glück. Dass die bittersüsse und sehr warmherzige Tragikomödie am Sundance Film Festival, dem Woodstock des Indie-Films, gefeiert wurde, ist kein Wunder. Denn nicht nur die gut ausgewählten Darsteller überzeugen. «Wish I Was Here» ist ein Film zum Lachen und Weinen, in dem man sich wiedererkennen kann. Man sieht die Schwächen der Figuren, die sie so menschlich und sympathisch machen. Dass jedermann immer wieder vor grossen und kleinen Entscheidungen steht. Dass einen Traum zu haben gut ist, sich dieser aber im Lauf des Lebens ändern kann. Dass man für die Menschen, die man liebt, manchmal etwas aufgeben kann. Und man sieht einen Zach Braff, der sich den Herausforderungen stellt und zum ersten Mal wirklich reif und erwachsen auftritt. Vielleicht ist das ein Schritt weg von seinem «Scrubs»-Image. Wie er wohl in Wirklichkeit ist?

«Wish I Was Here» läuft ab 21. Oktober 2014 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 21. Oktober: Northmen – A Viking Saga, The Boxtrolls, Dark Star – HR Gigers Welt, Cure, Blind Dates.

Liebe mit Sauerstoffschlauch

Fabian Kern am Mittwoch den 11. Juni 2014

«The Fault in Our Stars» läuft ab 12. Juni im Küchlin.

«The Fault in Our Stars» läuft ab 12. Juni im Küchlin.

«Not Just Another Teen Movie», hiess eine Filmsünde aus dem Jahr 2000. Nicht, dass die Qualität auch nur im mindesten mit jener von «The Fault in Our Stars» vergleichbar wäre, aber die Aussage würde genau passen. Ebenso ist die Verfilmung des Bestsellers von John Green nicht nur ein weiterer Krebs-Film, die schon fast wieder aus der Mode gekommen sind, weil es schon so viele davon gibt. Es geht um mehr als nur um den Umgang mit dem Unausweichlichen. Es geht darum, die Zeit, die uns auf Erden zugestanden wird, mit Inbrunst und Herz zu leben.

Ein Happy End wird es nicht geben. Und bevor eifrige Kommentarschreiber schon wieder einen «Spoiler»-Alarm bei diesem Beitrag fordern: Hazel (Shailene Woodley) stellt das schon ganz am Anfang des Films klar. Für sie, deren Lungen eine Zeitbombe darstellen, ist es aber dennoch eine Frage des Happy Ends – des Happy Ends ihres Lebens, das viel zu kurz dauern wird. Die aufgeweckte 16-Jährige ist durch papilären Schilddrüsenkrebs schon seit Jahren zum Tod verurteilt, trägt ihren Sauerstoffschlauch rund um die Uhr und ihr Herz auf der Zunge. Ihre Eltern (Laura Dern und Sam Trammell) kümmern sich rührend um Hazel, und nur ihnen zuliebe besucht sie die verhasste Krebs-Selbsthilfegruppe. Freunde finden soll sie, na super. Aber siehe da, in der peinlichen Veranstaltung taucht der fesche Gus (Ansel Elgort) auf, der seit seiner Unterschenkel-Amputation vor 14 Monaten krebsfrei ist. Hazel will es nicht zugeben, aber sie verliebt sich sofort in den charmanten Teenager.

Zaghafte Annäherung in der Heimat... (Bilder: Fox)

Zaghafte Annäherung in der Heimat… (Bilder: Fox)

Und ab diesem Punkt unterscheidet sich «The Fault in Our Stars» so von anderen Filmen in diesem Genre. Auch Hazel will sich zu sehr verlieben, um mit ihrem Ableben nicht Gus’ Herz zu brechen. Aber anstatt sich in ärgerlichen Missverständnissen zu verrennen, sprechen die Protagonisten darüber. Das nimmt dem Plot die Konstruiertheit und lässt ihn so authentisch wirken. In so einer Situation hat man schlicht nicht die Zeit, um sich mit Spielchen um falschen Stolz abzugeben. Vielmehr leben Gus und Hazel mit ihrer Krankheit und jeden Moment sehrbewusst. Sie wollen zwar aus genannten Gründen «nur Freunde» sein, doch beiden ist klar, dass sie ihre Herzen schon lange aneinander verloren haben. Der Höhepunkt in Hazels Leben soll eine Reise nach Amsterdam zu Peter Van Houton (Willem Dafoe), dem Autor ihres Lieblingsbuchs werden. Doch der Trip nimmt eine unvorhergesehene Wendung.

... zärtliches Tête-à-Tête in Amsterdam.

… zärtliches Tête-à-Tête in Amsterdam.

Wie der deutsche Buchtitel schon sagt: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Gewisse Dinge sind unvermeidlich und Krebs eine schreckliche Geissel der Menschheit. Das bekommen auch Hazel und Gus zu spüren. Was sie aber auch erfahren ist, dass das Leben schön ist. Gut, dass keine gestandenen Jungstars gecastet wurden, denn die beiden noch ziemlich unverbrauchten «Divergent»-Darsteller bringen John Greenes Botschaft – seine Charaktere beruhen übrigens auf realen Menschen – so rührend auf die Leinwand, dass in jedem Kinosaal Taschentücher Pflicht sind. Eine wunderschön lebensbejahende, witzige und poetische, aber auch traurige Liebesgeschichte. Happy End ist relativ.

«The Fault in Our Stars» läuft ab 12. Juni 2014 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 12. Juni: Hotell, Make Your Move, The Fault in Our Stars, Tinker Bell: The Pirate Fairy, Henri, Feuer & Flamme,
NT Theatre: A Small Family Business, The Letter Writer .

Ein bittersüsses Vergnügen

Fabian Kern am Mittwoch den 22. Januar 2014

«Philomena» läuft ab 23. Januar im kult.kino atelier.

«Philomena» läuft ab 23. Januar im kult.kino atelier.

Das wahre Leben schreibt die krassesten Geschichten. Im Positiven wie im Negativen. Eine Woche nach der Verfilmung von Jordan Belforts skandalöser Autobiografie «The Wolf of Wall Street» kommt nun eine völlig andere filmische Umsetzung eines Buches in unsere Kinos – jene von Martin Sixsmiths «The Lost Child of Philomena Lee». Es ist eine Geschichte, die jeden sofort reinzieht und absolut erschütternde Ereignisse aus einer Zeit offenbart, die noch gar nicht so lange her ist. Und sich nicht etwa in einem Drittwelt-Land abspielte, sondern in Westeuropa: Irland. In einem erzkatholischen Irland.

Im Jahr 1952 war Philomena Lee Teenager. Mit allen Hormonen und Sehnsüchten wie jedes andere Mädchen ihres Alters. Deshalb lässt sie sich von einem feschen Jungen verzaubern. Weil vorehelicher Sex absolut Tabu war und somit Verhütung kein Thema, wird das arme Mädchen schwanger. Von ihrer Familie verstossen findet Philomena in einem Kloster Unterschlupf und schenkt einem Jungen das Leben. Doch in einem katholischen Kloster werden einem befleckten Teenager keine Mutterfreuden zugestanden. Der kleine Anthony wird zur Adoption freigegeben, Philomena kann sich noch nicht einmal von ihm verabschieden. Als letzte Erinnerung bleibt ihr, wie ihr Sohn durch die Heckscheibe eines davonfahrenden Autos schaut – einfach nur herzzerreissend. Von christlicher Nächstenliebe keine Spur.

Ein ungleiches Paar: Martin und Philomena. (Bilder: Pathé)

Ein ungleiches Paar: Martin und Philomena.

50 Jahre bewahrt Philomena, mit nichts als einem kleinen Foto ihres geliebten Sohnes in den Händen, das Schweigen über Anthony und glaubt die Version des Klosters, alle Unterlagen über die Kinder seien bei einem Brand vernichtet worden. Weil der Schmerz aber nicht kleiner geworden ist, erzählt sie das Ganze ihrer Tochter, welche sie davon überzeugt, die Presse einzuschalten – zumindest einen Journalisten: Martin Sixsmith. Der langjährige TV-Mann wurde soeben von der BBC geschasst und ist nicht eben motiviert, eine aus seiner Sicht minderwertige People-Story zu schreiben. Doch der Zyniker lässt sich von der herzensguten Frau erweichen, ihr bei der Suche nach ihrem Sohn zu helfen. Das ungleiche Gespann macht sich auf eine ungewöhnliche, für beide sehr lehrreiche Reise.

Am Ort des Schmerzes: Philomena 1952...

Am Ort des Schmerzes: Philomena 1952…

... und 50 Jahre später.

… und 50 Jahre später. (Bilder: Pathé)

An so einem Schicksal kann eine Mutter schon einmal zugrunde gehen. Wie Philomena aber trotz der Jahrzehnte der Ungewissheit und des Leidens ihre Lebensfreude nicht verloren hat, ist so bewundernswert wie schwer nachvollziehbar. Als Darstellerin der Titelfigur hätte Regisseur Stephen Frears keine passendere Schauspielerin finden können als die wunderbare Judi Dench. Die Grande Dame des englischen Kinos bewegt sich als Philomena stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen Traurigkeit und Optimismus, ohne dabei ins Rührselige abzugleiten. Ihr Gegenpart Steve Coogan als Martin Sixsmith erinnert in seinem gelangweilten Zynismus an Hugh Grant in dessen besten Rollen. Die Dialoge zwischen den beiden sorgen für die gut verteilten lustigen Momente in einem melancholischen Film über ein tieftrauriges Thema. Kein Wunder, ist Frears’ gelungener Spagat in vier Kategorien für einen Oscar nominiert, darunter die wichtigen Sparten «Bester Film» und «Beste Hauptdarstellerin».

Zum Schluss seien aber noch all jene potenziellen Zuschauer gewarnt, die selbst Kinder haben: Für «Philomena» gilt unbedingte Taschentuch-Pflicht. Da bleibt kein Auge trocken. Nicht, dass hier Propaganda für Teenager-Schwangerschaften gemacht werden soll, aber wir können froh sein, dass solch düstere Zeiten vorbei sind.

«Philomena» läuft ab 23. Januar 2014 im kult.kino atelier in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 23. Januar: 12 Years A Slave, Homefront, I, Frankenstein, Amazonia, The Captain and His Pirate, Erbarmen.

Die totale Erniedrigung

Fabian Kern am Mittwoch den 31. Juli 2013

Filmplakat

«Vénus noire» läuft ab 1. August im kult.kino Camera.

Sarah «Saartje» Baartman (Yahima Torrès) möchte das, was viele Frauen möchten: heiraten, Kinder kriegen, ein ruhiges Familienleben in ihrer Heimat führen – ein ganz normales Leben halt. Leider schreiben wir das frühe 19. Jahrhundert, und Südafrika heisst noch Kapland. Deshalb sieht sie leider Chance dafür in Hendrick Caezar (André Jacobs). In dessen Familie hat die Afrikanerin in Kapland, dem heutigen Südafrika, als Hausmädchen gearbeitet. Weil sie nach dem Tod von zwei unehelichen Kindern in ihrer Heimat nichts mehr hält lässt sie sich von Caezar sie mit Versprechungen von Abenteuer und Reichtum zur Reise nach Europa überreden. Denn Saartje hat etwas Seltenes zu bieten: ihren Körper.

Caezar und Saartje

Billige Show: Caezar und Saartje. (Bilder Xenix)

Saartje gehört zum Stamm der Khoikhoi, in Europa besser bekannt unter dem Namen «Hottentotten». Die Frauen fallen durch ein enorm ausgeprägtes Hinterteil auf, sowie durch sehr lange innere Schamlippen. Das verrät auch schon die Geschäftsabsicht von Caesar: Er lässt Saartje in einer Freakshow in London als «Hottentot Venus» auftreten. Dort präsentiert sie sich als nur schwer bezähmbare Wilde und wackelt mit ihrem Hintern. Als entwürdigenden Höhepunkt dürfen sich die Zuschauer durch Betatschen von der Echtheit des überdimensionalen Pos überzeugen. Kurz: Es ist die totale Erniedrigung.

Saartje

Abgestumpft: Saartje beim «Frühstück.

Réaux und Saartje

Leder und Peitsche: mit Réaux in Frankreich.

Diese Meinung vertreten allerdings auch bereits im London des Jahrs 1810 viele Leuten – schliesslich ist Sklavenhandel seit 1807 verboten. Deshalb muss sich Caezar vor Gericht für seine Show verteidigen, was ihm mithilfe von Saartje gelingt. Die Hauptdarstellerin erklärt, sie sei aus freiem Willen in England und spiele nur eine Rolle. Sie verrät nicht, dass sie zunehmend unter den Erniedrigungen leidet und immer öfter zur Flasche greift. Das wird auch nicht besser, als der skrupellose Dompteur Réaux (Olivier Gourmet) zur Truppe gesellt, der schliesslich Caezar auszahlt und in Frankreich allein mit Saartje auf Tour geht. In der französischen Oberschicht kommt die exotische Show, die zusehends ins S/M-Genre abgleitet, so lange gut an, bis es Réaux mit der Brutalität übertreibt. Er sucht und findet andere Einnahmequellen. Erst lässt er Saartje für viel Geld von Pariser Naturwissenschaftlern untersuchen und vermessen. Als sie sich weigert, vor den Gelehrten ihre Genitalien zu präsentieren, wird sie ins Bordell abgeschoben, wo sie langsam zugrunde geht.

Saartje in Paris

Katalogisiert wie eine Pflanze: Saartje in Paris.

Abdellatif Kechiche erzählt in «Vénus noire» eine tieftraurige Geschichte mit einer starken Hauptdarstellerin. Die 160 aufwühlenden Minuten sind nichts für Zartbesaitete und zeigen, dass Rassismus nichts mit Stand oder Bildung zu tun hat. Die Folgen der Kolonialzeit werden einem in nicht effektheischenden, aber sehr eindringlichen Bildern vor Augen geführt. Und das Traurigste an der Geschichte: Sie ist wahr. Sarah Baartman hat tatsächlich gelebt, 1815 wurde sie im Alter von nur 26 Jahren von ihrem freudlosen Dasein erlöst. Der Gipsabdruck ihres Körpers ist heute immer noch im «Musée de l’Homme» in Paris ausgestellt. Ihre sterblichen Überreste aber fanden den Weg zurück in die Heimat. 2002 wurde ihr Skelett nach jahrelangem Insistieren von Nelson Mandela nach Südafrika gebracht und dort in einer grossen Zeremonie beigesetzt. Für die arme Saartje war das aber kein Trost mehr.

«Vénus noire» läuft ab 1. August 2013 im kult.kino Camera in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 31. Juli und 1. August: Gambit, Möbius, Die Schlümpfe 2, Plato’s Academy, Rebelle.

Der verhinderte rumänische Blockbuster

Fabian Kern am Donnerstag den 18. April 2013

Filmplakat

«Beyond the Hills» läuft ab 18. April im kult.kino camera.

Kleineren europäischen Filmen haftet oft das Klischee an, sie seien abgehoben, intellektuell oder schlicht langweilig. Der Arthouse-Stempel hält viele Leute vom Gang ins Kino ab. Doch das muss nicht heissen, dass diese Werke nicht interessant sind. Nehmen wir das aktuelle Beispiel «Beyond the Hills». Ein rumänisches Drama über eine Waise, die ihre Freundin zum Weggang aus einem Kloster in der Einöde bewegen will. Schnarch. Betrachten wir das Ganze also einmal aus Mainstream-affinen Augen. Dann klingt die Geschichte etwa so: Eine Lesbe will ihre Geliebte in der rumänischen Einöde aus den Fängen eines religiösen Führers befreien, der ihrer Freundin eine Hirnwäsche verpasst hat, dreht durch und wird einem Exorzismus unterzogen.

Voichita und Papa

Nein, nicht Depardieu: Papa (rechts) hat Voichita fest unter Kontrolle. (Bilder Frenetic)

Das Problem ist, dass die Rollen von Gut und Böse nicht ganz klar verteilt sind. Einerseits ist die blinde Bigotterie der Nonnen so lachhaft, dass sie schon fast nicht mehr nervt. Der Priester (Valeriu Andriuta), von den Nonnen «Papa» genannt, hat seine Schäfchen absolut im Griff. Er predigt ihnen immer wieder die Verkommenheit des Westens, den schlechten Einfluss von materiellem Besitz und lässt sie Tag und Nacht den beeindruckende 464 Vergehen umfassenden Sündenkatalog rauf- und runterrezitieren. Hirnwäsche eben. Diese hat bei Voichita (Cosmina Stratan) angeschlagen – allerdings verheimlicht sie ihre intime Vergangenheit mit einer Frau.

Voichita und Alina

Verbotene Liebe: Voichita und Alina.

Alina (Cristina Flutur) ist aus Deutschland angereist, um ihre Geliebte in den Westen zu holen. Jobs sind bereits organisiert, einer gemeinsamen Zukunft steht nichts mehr im Weg. Denkste. Denn als sie in das abgelegene rumänische Kloster kommt, erkennt sie ihre langjährige Gefährtin aus dem Waisenhaus nicht wieder. Ihre Annäherungsversuche werden von Voichita abgewehrt. Um sie doch noch zu bekehren, überschreibt Alina ihren gesamten Besitz dem Kloster und wird selbst Nonne. Doch innert Kürze verliert sie die Nerven, sabotiert die katholischen Rituale und wird handgreiflich. Sie dreht komplett durch, weshalb man sich auch mit ihr nicht wirklich identifizieren kann. Die Nonnen sind sich einig: Alina ist vom Teufel besessen. «Papa» soll ihr die Dämonen austreiben.

Cristian Mungiu

Hat eine starke Bildsprache: Cristian Mungiu.

Bleibt noch die Besetzung. Nichts gegen die starken rumänischen Darsteller, aber für den Mainstream müssen Namen her. Der Priester sieht genauso aus wie Gérard Depardieu mit Rauschebart. Belassen wir es also dabei. Würde der Neo-Russe mitspielen und würden Alina und Voichita von Scarlett Johansson und Christina Ricci verkörpert, «Beyond the Hills» wäre ein absoluter Kassenschlager. Auch die Coen-Brüder dürften ihre Freude am Plot haben. Regisseur Cristian Mungiu packt den Zuschauer stilsicher und zieht ihn immer mehr in die tragische Geschichte hinein. Das Erschreckende ist nur, dass Cristian Mungius schonungslos gradlinig und schnörkellos inszeniertes Drama um Liebe und Glauben auf sogenannt «nicht-fiktionalen» Romanen basiert. Dass in gewissen dunklen Ecken Europas solche Dinge heutzutage tatsächlich noch passieren könnten, stimmt sehr nachdenklich.

«Beyond the Hills» läuft ab 18. April 2013 im kult.kino camera in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 18. April: Ginger & Rosa, Broken City, Mama, Schlafkrankheit, Kon-Tiki, I Give It a Year.

Einer für alle, alle für Beethoven

Fabian Kern am Mittwoch den 27. März 2013

Filmplakat

«A Late Quartet» läuft ab 28.3. im kult.kino Atelier.

E-Musik ist – wie das «E» schon verrät – eine ernste Angelegenheit. Zu ernst, als dass ein Laie sich trauen würde, darüber zu schreiben. Deshalb soll an dieser Stelle nicht die Qualität im Fokus stehen, mit der in «A Late Quartet» die Saiten gestrichen und gestreichelt werden, sondern die Geschichte, die darum herum erzählt wird. Und diese ist nicht nur aus dem Leben gegriffen, nein, sie ist das ungeschminkte Leben. Liebe, Leidenschaft und Hingabe gehören ebenso dazu wie unterdrückte Gefühle, Eifersucht und Geltungsdrang. Der deuschte Meisterkomponist Ludwig van Beethoven hätte seine helle Freude daran gehabt, dass sein Opus 131 Auslöser solch heftiger Emotionen sein kann.

Daniel, Peter, Juliette und Robert

Erfolgsquartett auf dem Prüfstand: Daniel, Peter, Juliette und Robert. (Bilder Pathé)

Ausgangspunkt für die Turbulenzen im Leben einer Handvoll Menschen ist wie so oft eine Diagnose. Bei Peter Mitchell (Christopher Walken) wird Parkinson im Frühstadium entdeckt. Das allein wäre schon verheerend genug, weil Mitchell aber der Cellist eines weltberühmten New Yorker Streichquartetts ist, sind auch die anderen drei Mitglieder vom drohenden Karriereende Mitchells betroffen. Als er sich in der Gruppe outet, tritt er eine Lawine an Ereignissen los. Robert Gelbart (Philip Seymour Hoffman) wittert seine Chance, endlich aus dem Schatten von Daniel Lerner (Mark Ivanir) herauszutreten und die erste Geige zu spielen – wortwörtlich gemeint. Derweil akzentuieren sich seine Eheprobleme mit Juliette (Catherine Keener), der vierten im Quartett. Als schliesslich die gemeinsame Tochter Alex (Imogen Poots) auch noch ihrem Lehrmeister Daniel eindeutige Avancen macht, droht das Quartett auseinanderzubrechen und Mitchells Wunsch auf einen letzten gemeinsamen Auftritt zunichte zu machen.

Juliette und Robert

Eheprobleme: Juliette und Robert.

Alex

Verliebt in ihren Lehrer: Alex.

Yaron Zilberman ist ein Glückspilz. Welcher Regisseur kann bei einem Spielfilm-Debüt schon auf so einen vorzüglichen Cast zurückgreifen? Dennoch gilt es, neben dem gewohnt brillanten Seymour Hoffman speziell Christopher Walken herauszuheben. Der Mann ist ein Ereignis. Ob er James Bond im Silicon Valley den Garaus machen will, dem kleinen Bruce Willis mit feierlichem Ernst erzählt, er habe die Armbanduhr dessen Vaters zwei Jahre lang in seinem Arsch aufbewahrt, oder als kopfloser Reiter Johnny Depp zu Tode erschreckt – das unverwechselbare Gesicht des mittlerweile 70-jährigen New Yorkers zieht einen unweigerlich in seinen Bann. In «A Late Quartet» zeigt Walken die Schwierigkeiten eines erfolgsgewohnten Manns, mit einer Diagnose umzugehen, die ihm komplett den Boden unter den Füssen wegzieht, mit feinem Mienenspiel: Unspektakulär, aber präzis und absolut glaubwürdig.

Peter

Spektakulär unspektakulär: Christopher Walken als an Parkinson erkrankter Peter Mitchell.

«A Late Quartet» mag eine Hommage an van Beethovens Opus 131 sein und auch ein wenig an New York, aber in erster Linie ist es ein Film über sehr menschliche Menschen, die sich mit Leib und Seele ihrer Leidenschaft verschreiben. Man muss nichts von E-Musik verstehen, um diesen Film wirklich gut zu finden.

«A Late Quartet» läuft ab 28. März 2013 im kult.kino Atelier.

Weitere Filmstarts in Basel am 28. März: Identity Thief , G.I. Joe: Retaliation, Mutlu Aile Defteri, Sâdhu.