Beiträge mit dem Schlagwort ‘Biografie’

Rechnen für Fortgeschrittene

Fabian Kern am Mittwoch den 11. Mai 2016
«The Man Who Knew Infinity» läuft ab 12.5. in Küchlin und Rex.

«The Man Who Knew Infinity» läuft ab 12.5. in Küchlin und Rex.

Hochbegabte sind in der Filmindustrie beliebt. Vor allem die tragischen Geschichten von Mathematik-Genies erfreuen sich in Hollywood grosser Beliebtheit. Gerne erinnern wir uns an Matt Damon als «Good Will Hunting» (1997) oder Russell Crowe in «A Beautiful Mind» (2001). Anscheinend erhält jede Dekade ihren Rechengenie-Film. Nun sind die Briten am Zug: Matthew Brown inszeniert die bewegende Geschichte des Inders Srinivasa Ramanujan, der sich mit seiner einzigartigen Art, die Mathematik zu sehen, Anfang des 20. Jahrhunderts einen Platz in der Hall of Fame der Wissenschaft sicherte. Ramanujans Theorien bilden auch heute noch die Basis zur Berechnung von Schwarzen Löchern.

Langsame Annäherung: Hardy und Ramanujan.

Langsame Annäherung: Hardy und Ramanujan.

Ein junges indisches Genie? Richtig, dafür kann es nur einen Darsteller geben: Dev Patel. Der aus «Slumdog Millionaire» bekannte Schauspieler ist die perfekte Besetzung für Ramanujan, der an seiner Gabe fast verzweifelt. Vergebens versucht der aus armen Verhältnissen stammende junge Mann 1913 in Südindien, mit seinen in einer ganzen Reihe von Büchern festgehaltenen Mathematik-Theorien einen Job zu ergattern. In einem Tempel schreibt er seine Formeln wie ein Besessener mit Kreide auf den Boden. Er kann nicht anders, er muss es rauslassen. Als ihm der Brite Sir Francis Spring (Stephen Fry) eine Chance in der Buchhaltung gibt, eröffnet ihm das eine Perspektive. Spring vermittelt den Kontakt zum Cambridge-Professor G.H. Hardy (Jeremy Irons), der durch seine Eigenwilligkeit im englischen Nobel-College nicht ganz unumstritten ist. Er sieht das aussergewöhnliche Talent in Ramanujan und lädt diesen nach Cambridge ein. Dort muss der von der Sehnsucht nach seiner Frau Janaki (Devika Bhise) gequälte Inder aber lernen, dass ihm nicht nur Essen und Klima nicht behagen, sondern auch die Art, mit Mathematik umzugehen.

Leidet in Indien: Ramanujans Frau Janaki.

Leidet in Indien: Ramanujans Frau Janaki.

Im Zentrum der wahren Geschichte steht weniger das Genie Ramanujans als vielmehr die Beziehung zwischen Ramanujan und Hardy, die lange brauchen, um sich anzunähern. Als sie sich schliesslich zusammenraufen, stossen sie im erzkonservativen England, das vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs gebeutelt ist, auf harten Widerstand. Irons und Patel bilden mit ihrem starken, vielschichtigen Spiel den Höhepunkt dieses Dramas. Ansonsten ist es halt auch nur ein weiterer Genie-Film, keine Meilensteine wie die eingangs genannten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

«The Man Who Knew Infinity» läuft ab 9. April 2015 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Kinostarts in Basel am 12. Mai: The Angry Birds Movie, A Bigger Splash, La belle saison, Heavenly Nomadic – Sutak.

Die Aura der Jennifer Lawrence

Fabian Kern am Mittwoch den 30. Dezember 2015

«Joy» läuft ab 31.12. in Studio Central und Küchlin.

«Joy» läuft ab 31.12. in Studio Central und Küchlin.

Filme über starke Frauen klingen in vielen Männerohren wie der blanke Horror. «Stark» heisst bei Frauen männermordend oder zumindest männerverachtend, im besten Fall einfach langweilig, auf keinen Fall aber sehenswert. Deshalb hat Mann schnell eine Ausrede zur Hand, wenn die bessere Hälfte auf einen Kinobesuch eines dieser gefürchteten Filme drängt. Zum Jahresende nun erhalten diese potenziellen Opfer ein verspätetes Weihnachtsgeschenk oder einen Beziehungs-Vitaminschub für neue Jahr: Nun können sie ihren Frauen frohen Mutes einen Film über eine starke Frau vorschlagen. Denn ab Silvester verkörpert Jennifer Lawrence eine solche. Das ist eine seltene Win-Win-Situation, die ein Pärchen-Happy-End für 2015 verspricht.

Wer kann dieser Frau widerstehen?

Wer kann dieser Frau widerstehen? Jennifer Lawrence und Edgar Ramirez.

Denn Jennifer Lawrence ist ein Phänomen. Sie fasziniert das vermeintlich starke Geschlecht mit einer Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit aus Humor und Intelligenz – was in Kombination mit ihrem fantastischen Aussehen eine hochattraktive Mischung gibt. Sex-Appeal trifft Kumpel-Typ, sozusagen. Ob als Katniss Everdeen, dieser Jungfrau von Orléans in der End-Zeit von Panem, als durchgeknallte Tiffany in «Silver Linings Playbook», als blaue Mystique bei den X-Men oder als unterschätzte Blondine Rosalyn Rosenfeld in «American Hustle» oder einfach als Jennifer Lawrence, die einen Misstritt auf dem Roten Teppich mit einem gewinnenden Lächeln auffängt – diese Frau versteht es, im Mann Lust und Beschützerinstinkt gleichermassen zu wecken. Und dabei ist sie gerade mal 25 Jahre alt.

Am Ende: Joy mit ihrem Vater (Robert de Niro).

Am Ende? Joy mit ihrem Vater (Robert de Niro).

David O. Russell hat dies schon früh erkannt. Kein Wunder, inszeniert der Regisseur mit «Joy» schon zum dritten Mal Jennifer Lawrence in einer Hauptrolle. Während sie sich diese in «Silver Linings Playbook» (2012) und «American Hustle» (2013) noch mit Bradley Cooper beziehungsweise Cooper, Christian Bale und Amy Adams teilen musste, wird im aktuellen Werk der Scheinwerfer ganz auf sie gerichtet. Die Rolle einer jungen Mutter, die ihre realitätsfremde Mutter beherbergt, ihren Ex-Mann im Keller duldet und sich schliesslich auch noch mit ihrem opportunistischen Vater herumschlagen muss, ist wie für sie gemacht. Denn Joy, deren einziger Rückhalt ihre Grossmutter darstellt, zerbricht nicht an diesen Bürden des Lebens. Als ihr der Privatkonkurs droht, gibt sie nicht auf, sondern geht in die Offensive. Sie erfindet den ersten selbst auswringbaren Mop und bringt ihn mit grossem Einsatz auf den Markt. Doch um auch Profit damit zu machen, muss sie sich gegen alle möglichen Widrigkeiten durchsetzen und sich von der Hausfrau zur toughen Geschäftsfrau entwickeln.

Lichtblick in einer schrecklich netten Familie: Joy.

Lichtblick in einer schrecklich netten Familie: Joy.

Wenn Jennifer Lawrence leidet, möchte man sie in den Arm nehmen. Wenn sie wütend ist, möchte man nicht der Grund dafür sein. Wenn sie lacht, geht die Sonne auf. Wer sich der Aura dieser jungen Frau aus Louisville, Kentucky, verschliesst, dem ist nicht zu helfen. Der Untertitel ihres neusten Films könnte auch der Slogan für ihr eigenes Leben sein: «Alles ausser gewöhnlich».

P.S. «Joy» ist zwar eine One-Woman-Show von Jennifer Lawrence, doch der Cast dieser intelligenten und absolut sehenswerten Biografie ist auf der ganzen Linie hochklassig: Die Namen Robert de Niro, Isabella Rossellini, Virginia Madsen, Diane Ladd und Bradley Cooper halten, was sie versprechen.

«Joy» läuft ab Silvester 2015 in den Kinos Pathé Küchlin und Studio Central in Basel.

Weitere Kinostarts in Basel am 31. Dezember: Legend, The Big Short.

Dr. Laurie und Mister House

Fabian Kern am Donnerstag den 1. März 2012
Titelbild von «Hugh Laurie – Die inoffizielle Biografie des Dr. House»

Anthony Bunkos Buch ist ab sofort erhältlich. (Bilder: Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Wann kommt Dr. House? Gut die Hälfte des Buchs «Hugh Laurie – Die inoffizielle Biografie des ‹Dr. House›» habe ich durch und immer noch hält mich das Vorwort bei der Stange. Die Beschreibung, wie Hugh Laurie in schmutzigen Kleidern mit Dreitagebart in Afrika ein Castingvideo von sich aufzeichnet, das ihm die Rolle seines Lebens verschaffen sollte, ist stark. So stark, dass ich mich durch die bewegte Laufbahn des britischen Schauspielers vor seiner Amerika-Karriere kämpfe. Doch die Ausdauer lohnt sich, denn in den ersten zwei Dritteln erfahre ich sehr viel über die englische TV-Geschichte der Neuzeit, insbesondere auf dem Comedy-Sektor. Als Erklärung für jene, die Lauries Mitwirken in der englischen Kultserie «Blackadder» mit Rowan Atkinson nicht kennen: Er ist eigentlich ein Komiker.

Hugh Laurie ist Dr. House

Weltweite Popularität: Hugh Laurie alias Dr. House.

Macht Sinn, denn ohne Humor wäre die Figur des Dr. Gregory House wohl auch nicht zu ertragen. Sein Zynismus würde zu Bösartigkeit und das eigensinnige medizinische Genie seine letzten Sympathien verspielen. Das Faszinierende an diesem TV-Arzt, das wohl auch für die überwältigenden Einschaltquoten in den USA verantwortlich ist, ist schliesslich die Ambivalenz seines Charakters. Normalerweise liebt oder hasst man eine Figur. Dr. House schafft es, beide Extreme der Gefühlsskala gleichzeitig zu bedienen. «Hughs komisches Timing gibt der Serie die nötige Kraft», sagt Produzent David Shore über seinen wichtigsten Angestellten. Und auch Laurie selbst liebt die Mischung «von Hell und Dunkel» an seiner Rolle. Und stellt Gemeinsamkeiten zwischen sich und Dr. House fest: «Wir betrachten beide die Welt kritisch.»

Dr. House bei der Arbeit

Als Dr. House ist Hugh Laurie ein Segen für seine Patienten und eine Pein für seine Untergebenen.

So ist Hugh Laurie auch im gereiften Alter von 53 Jahren und trotz herausragender Kritiken über sein Schauspiel in britischen Comedies wie «Blackadder» oder «A bit of Fry and Laurie» an der Seite seines besten Freunds Stephen Fry, in Kinofilmen wie «Peter’s Friends» (1992), «Sense and Sensibility» (1995) «101 Dalmatiner (1996) oder «Stuart Little» (1999) oder in mittlerweile 150 Folgen als Dr. House immer noch überrascht über seinen Erfolg. «Habe ich das verdient?», fragt sich Laurie immer wieder und weigert sich, die Beliebtheit der Serie auf sein Mitwirken zu reduzieren. «House, M.D.», wie der Originaltitel lautet, war 2008 immerhin die meistgesehene TV-Serie der Welt.

Auftritt mit Gitarre in einer TV-Show

Hugh Laurie ist nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Musiker talentiert.

Er habe zu keiner Zeit seines Lebens einen Plan gehabt, meint Laurie bescheiden. Vielleicht ist der schlaksige Brite mit den markanten blauen Augen auch einfach mit zu vielen Talenten gesegnet. Vor seiner Karriere war Laurie wie sein Vater erfolgreicher Ruderer, neben der Schauspielerei spielt der dreifache Familienvater als Musiker – er spielt Gitarre und Klavier – in einer Band.
Autor Anthony Bunko stellt mit Hugh Laurie einen vielschichtigen Menschen vor, der sich vor allem durch eines auszeichnet: Bescheidenheit. Ganz anders also als Dr. House – oder doch nicht? Denn auch Gregory House spielt eigentlich nur eine Rolle, um die eigene Verletzlichkeit zu überspielen. Das Verhältnis zwischen Laurie und House ist fast ein wenig wie jenes von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Nur, dass in diesem Fall der Doktor der «Böse» ist.

Anthony Bunko: «Hugh Laurie – Die inoffizielle Biografie des ‹Dr. House›». Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2012. 264 Seiten, ca. Fr. 28.90. Ab 1. März in den Schweizer Buchhandlungen erhältlich.