Beiträge mit dem Schlagwort ‘Basel’

Pantha du Prince bewegt den Hinterhof

schlaglicht am Sonntag den 6. März 2011

Am Freitagabend spielte der Berliner Pantha du Prince seinen Minimal Techno zum ersten Geburtstag des Hinterhof. Mit seinen Grooves und den Sounds vom letzten Album Black Noise brachte er den Hinterhof auf Betriebstemperatur. Niemand stand mehr still. Das Publikum im gut gefüllten Hinterhof war begeistert. Hier einige Impressionen vom electric Friday:

«Nach dem Mauerfall ist Graffiti explodiert in Berlin»

Joel Gernet am Freitag den 4. März 2011

Was für Basel die kunterbunte Bahnhofseinfahrt, ist für Graffiti-Deutschland Berlin. Wenn nicht für Europa. Seit vielen Jahren gilt die deutsche Hauptstadt als eine der führenden Graffiti-Städte weltweit. Und das nicht nur wegen der farbenfrohen, detaillierten Graffitis im legalen Rahmen, sondern – vor allem – auch wegen den plakativen, dreisten und oft brachialen illegalen Werken der Street- und Trainbomber.

Trainwriter in BerlinUnd genau um diese «Zug-Bomber» geht es im Berliner Dokumentarfilm «Unlike U – Trainwriting in Berlin», der heute Freitag, 4. März, im kult.kino.club gezeigt wird – und zwar um 23 Uhr, wie sich das für nachtaktive Wesen gehört. Das «Bomben» hat im Graffiti-Kontext selbstverständlich nichts mit Al-Quaida-Attentaten wie in Madrid oder London zu tun, auch wenn sich die verschärften Sicherheitsmassnahmen rund um Bahnhöfe und Abstellgleise auch auf die Eisenbahnfreunde in der Graffitiszene auswirken, wie sich im Film zeigt: Da werden Überwachungskameras und Bahnarbeiter ausgetrickst, Absperrungen aufgebrochen und Fahr- sowie Lagepläne bis ins letzte Detail analysiert. Das war nicht immer so: «Wir haben damals Parties gefeiert in den Zugdepots», erinnert sich Wesp, der seit 1988 ungefragt Züge lackiert.

Dass in «Unlike U» über zwei Dutzend Berliner Sprayer in ausführlichen – zum Teil sehr persönlichen – Interviews über ihr Hobby ausserhalb jeglicher gesellschaftlicher Regeln reden, ist die grosse Stärke des Films. Es sind diese Einblicke, die «Unlike U» unterscheiden von den vielen anderen Filmen über illegales Graffiti, in denen eine Bombing-Aktion an die nächste gereiht wird – und in denen sich über Kurz oder Lang der «Porno-Effekt» einstellt (alles wird gleichförmig, nur die krassesten Szenen stechen noch heraus).

Realisiert wurde der Dokumentarfilm von den Berliner Regisseuren Björn Birg (29) und Henrik Regel (31)*, der im Schlaglicht-Interview auf eine intensive Produktionszeit zurückblickt.

Henrik Regel, was hat Sie dazu bewegt, einen Film über Trainbombing in Berlin zu machen? Fast jedes andere Thema wäre wohl leichter umzusetzen gewesen.
Das stimmt sicherlich. Wir wollten allerdings etwas Besonderes machen. Einige Leute aus unserem erweiterten Umfeld stecken da seit Jahrzehnten drin und wir fanden es interessant, die extreme Lebensweise zu beleuchten.

War es schwierig, Sprayer zu finden, die sich vor der Kamera äussern wollten?
Ja, definitiv. Sie haben ja eigentlich nur Nachteile dadurch. Wir haben uns aber oft mit ihnen getroffen, unsere Ideen für den Film erzählt und so langsam Vertrauen aufgebaut. Das hat aber eine Weile gedauert…

Gab es den einen Moment, in dem Ihr sagtet: «Ja, jetzt ziehen wir das Ding durch»?
Nachdem wir in den ersten Interviews gemerkt haben, wie offen manche auch von den Schattenseiten erzählen, haben wir gemerkt, dass es sehr interessant werden kann. Unsere Befürchtung war anfangs, dass die Jungs sich dazu nicht äussern und eher die «coole Writer-Fassade» aufrecht erhalten wollen.

Wieviel Arbeit steckt in «Unlike U»?
Einige Jahre Vorbereitung und drei Jahre sehr intensive Arbeit. Insgesamt waren wir etwa sieben Jahre mit dem Projekt beschäftigt.

Wie kamt Ihr an das Filmmaterial, das teilweise viele Jahre alt ist?
Nachdem wir immer tiefer in die Szene eintauchen konnten, haben uns auch immer mehr Leute verschiedenstes Material zugespielt. Oftmals war die Qualität leider für unsere Zwecke zu schlecht – es war aber gottseidank auch genug schönes Material dabei.

Wie finanziert man einen Film über Zerstörung im öffentlichen Raum? Gelder vom Staat sind bei diesem Thema ja kaum zu erwarten.
Wir haben alles aus eigener Tasche finanziert, Erspartes ausgegeben und bescheiden gelebt. Staatliche Förderungen oder ähnliches haben wir nicht beantragt.

Gab es Augenblicke, in denen Ihr an Eure Grenzen kamt?
Es gab viele Momente, in denen wir einen langen Atem beweisen mussten. Das Projekt und die Umsetzung wäre nichts für ungeduldige Menschen gewesen.

Zu sehen gibt es neben den Interviews vor allem Adrenalin-geschwängerte Action-Szenen. Gab es auch emotionale Momente bei den Dreharbeiten?
Ja, es gab auch solche Momente bei den Dreharbeiten. Vor allem das Interview mit Philipp, dem Bruder des bekannten Sprayers RUZD (R.I.P.), der sich im August 2002 das Leben nahm, war sehr emotional.

Habt Ihr speziell darauf geachtet, dass das illegale Sprayen nicht verherrlicht wird?
Wir wollten uns auf keine Seite stellen und das Ganze unkommentiert zeigen.

The Last RideWas ist das Besondere an der Graffiti-Stadt Berlin, «dem New York von Europa», wie es von gewissen Leuten auch genannt wird?
Die Berliner haben immer schon sehr viel Wert auf die Entwicklung ihres Graffiti-Styles gelegt. Durch die Historie mit dem Mauerfall et cetera haben die Berliner viele Umstände vorgefunden, die das Sprühen begünstigt haben. Vor allem nach dem Mauerfall Anfang der 90er Jahre ist Graffiti explodiert in Berlin.

Wie hat sich die Graffiti-Szene in Berlin im Lauf der Jahre verändert?
Früher gab es zum Beispiel noch Treffpunkte wie den Writers-Corner an der U-Bahn-Station Friedrichstrasse, den man auch im Film sieht. Heutzutage trifft man sich eher im Internet. Es gibt nicht die eine Szene, sondern ganz viele verschiedene.

Wie reagieren die Leute ausserhalb der Szene auf «Unlike U»?
Der Film löst bei den meisten Leuten erstmal Interesse aus. Die Reaktionen sind bisher eigentlich durchweg positiv. Die Leute meinen, dass sie nach dem Film die Sprüher und ihre Motive besser nachvollziehen können. Auch wenn sie nicht gutheissen, was sie machen.

Im Film geht Ihr der Frage nach, was einen Trainwriter dazu treibt, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und Zeit, Geld, Nerven und Freundschaften zu riskieren ohne Gegenleistung – ausser dem Ruhm einiger weniger Gleichgesinnter. Könnt Ihr die Frage jetzt beantworten? Was ist der Antrieb der Jungs?
Selbstverwirklichung, Freiheit, Selbstbestimmung, Ruhm, Aufmerksamkeit, Freundschaft Adrenalin, Action, das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und die Kreativität ausleben zu können.

* Regisseur Henrik Regel bewegte sich um die Jahrtausendwende im Umfeld der legendären Rapcrew Beatfabrik, später war er mit Rapper Prinz Pi unterwegs. Als Filmer kennt man Regel vor allem auch wegen der erfolgreichen DVD-Serie «Rap City Berlin».

Unlike U – Trainwriting in Berlin
Nocturne am Freitag, 4. März 2011

23.00 Uhr im kult.kino club.
In Anwesenheit der Filmemacher Henrik Regel & Björn Birg.

Rap von der Ostküste live im Sommercasino

Joel Gernet am Mittwoch den 2. März 2011

Mit dem Konzert von Termanology und DJ Statik Selektah bekommen Basler Rapfans am Donnerstagabend im Sommercasino einen absoluten Leckerbissen geboten. Das Duo bringt derzeit mit dem Album «1982» die Köpfe der Anhänger des klassischen Ostküsten-Boom-Bap-Rap der 90-Jahre zum nicken. Und zwar heftig. Für Kenner ein Must-See, für den Rest ein Geheimtipp.

Termanology und Statik Selektah

Traumduo: Termanology und Statik Selektah.

Zum ersten Mal zusammengearbeitet haben die beiden im Jahr 2005 für das Termanology-Mixtape «Hood Politics II». Dieses trug seinen Teil dazu bei, dass sich Beatproduzent Statik Selektah (aus Boston) und Rapper Termanology (aus dem rund 45 Kilometer davon entfernten Lawrence) auch in New York einen Namen machten. Seinen bisher grössten Hit landete der Rapper mit puertoricanischen Wurzeln dann 2006 mit dem von Gang-Starr-Legende DJ Premier produzierten Song «Watch how it go down», einem Vorboten zu Terms überzeugendem Debut-Album «Politics As Usual» (2008). Derweil belieferte Tausendsassa Statik Selektah fast die gesamte Undergroundrap-Garde der Ostküste mit Beats. Diese versammelt er auch auf seinen drei Produzenten-Alben, auf denen neben Künstlern wie Jadakiss, KRS-One und M.O.P. auch Reks zu hören ist.

Letztgenannten haben Termanology und Statik Selektah auch in Basel mit im Gepäck. Der nach einer persönlichen Krise wieder auferstandene Bostoner Rapper Reks verzückt die Szene derzeit mit seinem Vorab-Song «25th Hour» (der Beat ist ausnahmsweise nicht von Statik…sondern von DJ Premier). Sein Album «R.E.K.S» erscheint am 8. März – das Basler Publikum hat also das Privileg, die neuen Songs noch vor deren Veröffentlichung zu hören. Das Vorprogramm des Ostküsten-Mobs gestaltet mit Kaotic Concrete (und DJ Tray) passenderweise ein Basler Rapper, der Wurzeln in Boston hat.

Und nun das Gute zuletzt: Der Gig von Termanology, Statik Selektah und Reks ist nicht das einzige vielversprechende Rapkonzert im Soca dieses Frühjahr: Angekündigt sind bereits Konzerte des New Yorker Rappers Pharoahe Monch (2.4.) – das ist der mit «Simon Says – Get The F*#ck Up» –, der CunninLynguists aus Kentucky (8.4.) und der beiden Hardcore-Rapper Ill Bill und Vinnie Paz, zusammen bekannt als Heavy Metal Kings (5.5.). Alle sind sie Garanten für energiegeladene Rapkonzerte.

Doch woher diese Häufung hochkarätiger Rapkonzerte? «Wir profitieren davon, dass viele Künstler momentan wieder auf Tour sind», erklärt Serge Borer, der im Sommercasino seit September 2010 für die Rapkonzerte verantwortlich ist. Dass er ausgerechnet Statik Selektah nach Basel holt, ist aber kein Zufall. «Nach DJ Premier ist Statik Selektah für mich einer der besten Beatproduzenten der US-Ostküste», findet der 26-Jährige. Dasselbe lässt sich in Bezug auf Rap auch über den technisch versierten Termanology sagen (gebt Euch diese letzte Strophe!). Wen Borer aber schlussendlich für das Soca buche, entscheide er aus dem Bauch heraus. Bleibt zu hoffen, dass uns Borers Bauchgefühl auch künftig ganz viele Rapleckerbissen beschert.
Donnerstag 03.03.11

HipHop ShowOff-Tour
Do. 3. März 2011, Sommercasino Basel
Statik Selektah & Termanology, Reks & DJ Deadeye
Support: Kaotic Concrete & DJ Tray (BS)
Doors: 20:00 Uhr

Der «King» ist zurück in Basel

Joel Gernet am Freitag den 25. Februar 2011

Sechs Jahre lang hatte der Basler HipHop-Pionier DJ Ace seiner Heimatstadt den Rücken gekehrt, um in New York, Istanbul und Zürich seine Karriere voranzutreiben. Seit Januar 2011 ist der «King of Kings», wie sich der 36-Jährige gerne nennt, nun zurück am Rheinknie (zum King gekrönt wird in der HipHop-Szene, wer seinen Status durch Fleiss und Können erarbeitet hat). Diesen Samstag startet Ace seine neue Party-Reihe «Hip-Hop Hurraaayyy!!!» im Singerhaus am Marktplatz.

«Basel kunnt mr grad sauguet yyne», sagt DJ Ace im Gespräch mit Schlaglicht. Soeben ist der schweizerisch-türkische Doppelbürger von einem DJ-Auftritt aus Hongkong zurückgekehrt, wo er «die Masse rocken konnte». Sich in einer neuen Umgebung durchzusetzen, ist für DJ Ace kein Problem – im Gegenteil. Der Basler sucht die Herausforderung. Mit seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein, seiner Rastlosigkeit und seinem Geschäftssinn hat es der DJ bis nach New York gebracht. Dorthin hat es den Basler 2005 verschlagen, nachdem er in der Schweiz mit «Jetzt Ich!» sein erstes Album als Beat-Produzent veröffentlicht hat. «Damit habe ich hier meine Kindheitsträume alle verwirklicht», sagt DJ Ace, der zwischen 1996 und 1998 drei mal in Folge Schweizer DMC-Champion wurde – also DJ-Schweizermeister (1989 hat übrigens ein gewisser DJ Bobo gewonnen).

«Stillstand bedeutet Rückschritt», heisst es in der Ace-Biografie. Und da DJ Ace 2005 in der Schweiz alles erreicht hatte, was er wollte, wagte er den Schritt nach New York, den Ursprungsort der HipHop-Kultur. Zunächst hatte es der Basler dort aber nicht leicht. «Niemand wartet in New York auf einen europäischen DJ, erst recht nicht auf einen Weissen – da wirst du abgestempelt als Vanilla Ice», erklärt Ace. Damit habe er aber gut umgehen können, schliesslich sei er ja nicht an den Big Apple gereist, um Freunde zu finden. Dass er schlagfertig ist, bewies Ace in NY dann bei einem DJ-Auftritt, an dem D.I.T.C.-Legende Lord Finesse am Mikrophon eine abschätzige Bemerkung über den Basler fallen liess – worauf Ace den Rapper mit seinem Sound übertönte und ihm so das Wort abschnitt. «Danach wusste er, wer ich bin», sagt DJ Ace mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.

Neben diversen Bookings als DJ konnte der 36-Jährige die Radioshow «New York Style» bestreiten – zusammen mit Stik-E & The Hoods aus dem Umfeld der Brüll-Rapper M.O.P., mit denen DJ Ace 2007 auf Tournee gehen konnte. Im selben Jahr meldete sich Columbia Records beim Basler, mit dem Wunsch, ihn zu managen. Das Label bescherte Ace den Höhepunkt seines NY-Trips: Er durfte das Mixtape zum neuen Album von Kelly Rowland (Destiny’s Child) mixen und mit eigenen Beats anreichern. Das Resultat dieses Mixes soll dem Vater und Manager von Rowlands Destiny-Child-Kollegin Beyoncé so gut gefallen haben, dass dieser DJ Ace unter seine Fittiche nehmen wollte. «Doch Columbia gab meinen Kontakt nicht weiter und erzählte mir erst später davon», erinnert sich Ace. Nach dieser Erfahrung war für ihn bald klar: «Hier habe ich das Maximum erreicht, es ist Zeit weiterzuziehen».

Sommer 2009: DJ Ace legt im Supperclub in Istanbul auf.

DJ Ace legt im Supperclub in Istanbul auf.

Auf drei Jahre USA folgte ein Zwischenjahr in Zürich. Dann ging es 2009 weiter nach Istanbul. Doch sowohl privat als auch als DJ lief es Ace in der Türkei nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Also baute sich der Basler vor Ort ein eigenes Studio auf und produzierte Lieder im Stil der 70er-Jahre-Klassiker aus der Türkei. Mit dem türkischen Rap konnte sich DJ Ace nicht anfreunden – ganz im Gegensatz zum Fussballclub Fenerbahce Istanbul, für den er 2009 eine Club-Hymne produzierte, die auch im Stadion gespielt worden sei. Nach rund einem Jahr ging es vom Bosporus zurück nach Basel.

25 Jahre nachdem aus Arsal Caglar der berüchtigte DJ Ace wurde und sechs Jahre nach seinem Weggang, schliesst sich nun also der Kreis: Was für den Teenager Anfang der 90er Jahre hinter den Plattenspielern an den ersten HipHop-Jams in den Jugendhäusern Gundeli, Birsfelden oder Bachgraben begann, findet jetzt seine Fortsetzung im Singerhaus. Natürlich, eine 2011er-Rapparty kann schlecht verglichen werden mit einem HipHop-Jam aus der Zeit, in der die Basler Szene noch in den Kinderschuhen steckte (Adidas Superstar oder Puma States – mit breiten Schuhbändeln, versteht sich) und bei jedem Event neben Rappern und DJs auch die Breakdancer und Graffiti-Sprayer zum Zuge kamen.

Aber wer die Karriere von DJ Ace unter die Lupe nimmt und auch nur über einen kleinen Funken Liebe zu HipHop verfügt, wird zwangsläufig nostalgisch. Und als Basler B-Boy ist man typischerweise traditionsbewusst. Da ist es sicher auch keine schlechte Idee, dass Ace seine neue Partyreihe mit dem altbewährten Schlachtruf «Hip-Hop Hurraaayyy!!!» betitelt. Geboten werden der Partycrowd am Samstag Untergrund-Banger und Party-Hits – und natürlich Rapklassiker aus den 90er-Jahren (kommt in Basel immer gut an). «Der historische Bezug zur HipHop-Kultur ist wichtig», sagt Ace, «gerade in Basel, wo die Leute was im Kopf haben».

Als Appetizer gibts hier den 65-Minuten-Mix der aktuellen DJ Ace Radioshow.
DJ ACE Show Week 08 2011 by DJ ACE

Hip-Hop Hurraaayyy!!!
Samstag, 26. Februar, 22:00 – 04:00 Uhr, Singerhaus, Basel
Mit: DJ Ace (Kings Organisation), DJ Tray (UCM) und DJ Giddla (TNN)
Special: Live Video-Clip-Shooting von Makale
Eintritt: CHF 20.- inkl. CD-Album
Alter: Jungs ab 21, Mädels ab 18 (Ausweispflicht!)

«Das Beste, was man in Basel bekommt, ist eine Anzeige»

Joel Gernet am Donnerstag den 3. Februar 2011


Bustart gehört zu den bekanntesten und fleissigsten Basler Streetart-Künstlern. Seinen Kindergesichtern, Affen und Schriftzügen begegnet der aufmerksame Flaneur in der ganzen Stadt. Heute Abend startet Bustarts Ausstellung «Off The Street» in der Kleinbasler Carambolage-Bar beim nt-Areal. Die erste Solo-Show des Künstlers ist gleichzeitig auch ein Abschied von seiner Heimatstadt. In wenigen Wochen wird Bustart sein Domizil nämlich nach Amsterdam verlegen, «einem Spielplatz für Erwachsene», wie «Bust» gegenüber Schlaglicht erklärt, während er das Carambolage für seine Ausstellung herrichtet – der Künstler darf fast die gesamte Bar nach Lust und Laune umgestalten. Und weil Bustart offensichtlich gerne grossflächig mit roter Farbe arbeitet, glaubt ein Passant, dass ein Bordell-Schaufenster entstehe. Fast wie in Amsterdam.

Neben London und Barcelona ist Amsterdam eines der Sprungbretter für europäische Streetart-Künstler, wie Bustart sagt. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum er Basel den Rücken kehrt: «Amsterdam ist das krasse Gegenteil der Schweiz.» Wenn er in den Strassen von Amsterdam male, würden die Polizisten bei ihm eine Zigarettenpause machen und sich für das tolle Bild bedanken. «Das Beste, was man in Basel bekommen kann, ist eine Anzeige», sagt Bustart, der sich beim Thema «künstlerischer Freiraum in Basel» regelrecht in Rage redet. Von Seiten der Behörden gebe es zwar viel positives Feedback, schlussendlich bleibe es aber fast immer bei Lippenbekenntnissen.

Kein Wunder, war Bustart irritiert, als vor zwei Wochen im Rheinhafen Streetartists aus São Paolo mit dem Segen der Basler Behörden diverse Wände gestalten durften. «Nichts gegen diese Künstler, aber wir bemühen uns seit Jahren vergebens um Freiräume, und die bekommen sofort eine Genehmigung.» Der Basler reagierte auf seine Weise – indem er bei der Brasilea-Stiftung ein «illegales» Schablonenbild neben das legale Werk des Brasilianers Daniel Melim klebte (siehe links). «Ich hätte mich ehrlich gesagt gefreut, wenn jemand reklamiert hätte», sagt Bustart. Doch eine Auseinandersetzung blieb aus.

Der Basler – er ist übrigens Mitbegründer der Guerilla-Ausstellung OpenArt (wir berichteten) – provoziert gerne mit seinen Bildern. Ihn reizt, dass in der Streetart jeder seine Meinung darstellen kann – ob es den Leuten passt oder nicht. «Bei mir hat jedes Bild eine Aussage», erklärt Bustart. Die ganze Welt sei vollgestopft mit Polit- und Werbeplakaten. «Ich probiere gegenzusteuern, indem ich Werbung mache für etwas, bei dem die Leute nicht wissen, was es ist, und das es nirgends zu kaufen gibt.» Das verbreitetste Bust-Motiv ist das lächelnde Bubengesicht, das fast wie die Wahlplakate der Politiker in der ganzen Stadt zu sehen ist. Das Portrait ist kein Kindheitsfoto von Bust, sondern ein Bild aus dem England der 60er Jahre.

Als Ernst Beyeler im Februar 2010 verstarb, tapezierte Bustart die Innenstadt mit dem Kopf des berühmtesten Basler Kunstsammlers. Und wer ab heute die Ausstellung «Off The Street» besucht, begegnet einem Schablonenbild von Jean Tinguely. Solche Referenzen sind Bust «sehr wichtig».

Off The Street, Carambolage, Erlenstrasse 34, 4058 Basel. Eröffnung: Do. 3. Februar, 18h-22h. Danach jeweils Donnerstag bis Sonntag von 18 Uhr bis Mitternacht. Sämtliche Exponate können via der Homepage von Bustart ersteigert werden.

Streetart-Mob stürmt Theater-Passage

Joel Gernet am Samstag den 22. Januar 2011

«Egal wer meine Bilder mitgenommen hat, ich habe eine riesen Freude», strahlt der junge Mann kurz nach ein Uhr nachts in der Theaterpassage. Der Streetart-Künstler ist hin und weg von der Tatsache, dass seine einäugigen Aliens regelrecht von den Wänden gerissen wurden. Was ist passiert? Wir drehen die Uhr rund sechs Stunden zurück…

Es ist kurz vor sieben Uhr abends. Seit knapp einer Stunde laden Basels bekannte Kulturhäuser offiziell zur Museumsnacht. Bei der Elisabethenkirche versammeln sich rund fünfzehn junge Streetart- und Graffiti-Künstler mit ihrem Anhang – nun beginnt ein inoffizieller Teil der Museumsnacht. OpenArt.11 heisst das Projekt. Der Mob läuft die Treppe hinunter zur Theater-Passage und macht sich an den Wänden zu schaffen. Innert kürzester Zeit hängen mehrere dutzend Bilder in der Unterführung (Fotostrecke am Ende des Artikels): Ein Papier-Strassenmusikant mit Gitarre und nachdenklichem Blick klimpert auf seiner Gitarre, davor ein Becher mit realem Geld drin. Ihm gegenüber macht sich eine freizügige Frau in devoter Pose am Hosenbund eines Geschäftsmannes zu schaffen. Nicht weit davon entfernt blickt ein überlebensgrosses Kindergesicht vom einem Plakat. Dazwischen hängen dutzende weniger auffällige, teilweise sehr detailliert gestaltete Bilder, mit denen sich der Betrachter die Zeit bis um ein Uhr vertreiben kann – ab dann dürfen die Kunstwerke nämlich gratis mitgenommen werden.

In der Mitte der Passage pinkelt ein kleiner Junge quer über den Durchgang – als ob er auf seine Weise ein Statement platzieren will: Hier wird den grossen Kulturinstitutionen ans Bein gepisst. Und auch all den Passanten, die mit gesenktem Kopf durch die Passage eilen, jeden Blickkontakt meidend, als könnte es jederzeit zur Konfrontation kommen. Es ist, als ob die vielen Schreckensmeldungen über Gewaltverbrechen in der Stadt ihre Wirkung entfalten. Doch wir sind zum Glück nicht auf dem Albisgüetli und ein Grossteil der Passanten schlendert mit interessiertem Blick zwischen den herumstehenden Jugendlichen durch die Passage, voller Verwunderung über die aussergewöhnliche Guerilla-Galerie, die sich ihnen eröffnet.

Vor vier Jahren nahm eine Hand voll Basler Strassenkünstler an der ersten OpenArt am Jugendkulturfestival (JKF) teil. Im Jahr darauf zog der auf acht Künstler angewachsene Tross unter die Wettsteinbrücke – erstmals im Rahmen der Museumsnacht. Dann zog es die Aktion in die Theater-Passage. Und heute findet sich fast kein freier Platz mehr an den Wänden der Unterführung zwischen den Werken der rund fünfzehn Beteiligten Artists. Dort steht auch auf einem Flugblatt, worum es den anonymen Veranstaltern geht:

Wie immer wollen wir in einem angepassten Rahmen die Kulisse der Basler Gemäuer als Freiluft-Atelier nutzen. Das Interesse und die Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt dieser Stadt wollen wir so mitgestalten. Kunst soll jedem offen stehen. Jeder ist und soll ein Teil der «Kultur-Bewegung» sein.

Gegenüber Schlaglicht beschreibt ein Mitorganisator zudem, warum man den öffentlichen Raum erobert:

Tags, Schablonen und Poster sind ein Abbild der Lebendigkeit. Werbeplattformen beeinflussen die Menschen, welche daraufhin konsumieren. Wir wollen mit unseren Werken ebenfalls wahrgenommen werden. Graffiti, Streetart etc. sind keine Hochkünste, die gegen ein Entgelt gezeigt werden sollen, sondern sie sind eine Ausdrucksform der Gesellschaft. Die Freiräume für kulturelle Entfaltung in Basel sind zwar extrem eingeschränkt, doch mit kreativen Aktionen wie dieser wollen wir uns diese Räume zur Entfaltung zurück erobern.

Kurz vor ein Uhr nachts, wollen ziemlich viele junge Leute Teil der oben genannten «Kultur-Bewegung» sein. Die Unterführung ist gestossen voll. Seit es Mitternacht geschlagen hat, ist die Anzahl der Besucher sprunghaft gestiegen – einige kommen direkt vom Dreiländereck, wo im Brasilea die neue Ausstellung über Streetart aus Brasilien gezeigt wird. Ungeduld macht sich breit. Nicht wenige platzieren sich unauffällig vor ihrem Kunstobjekt der Begierde, schliesslich werden alle Werke bald verschenkt. Das freundliche Gezänk um die Bilder tut der sehr guten Stimmung keinen Abbruch. Punkt ein Uhr werden die Bilder, Collagen, Leinwände und Skizzen von den rund hundert Streetart-Freunden (so viel wie noch nie) von der Wand gerissen. Die Anspannung in den Gesichtern der Kunstjäger weicht einem breiten Grinsen. «So gut wie dieses Jahr war es noch nie», ist von vielen Seiten zu hören. Um fünf nach ein Uhr sind die Wände der Theater-Unterführung wieder leer. Als wäre nichts geschehen.

«Nach dem Edith-Piaf-Remix tobte die Menge»

Joel Gernet am Donnerstag den 16. Dezember 2010

DJ Montes in Aktion: Mit diesem DJ-Set gewann der Basler die Schweizer Vorausscheidung in Zürich, welche ihn nach Paris brachte.

DJ Montes von den Goldfinger Brothers gehört zu den besten Partyrockern der Schweiz. Heute vor einer Woche hat der Basler HipHop-DJ am Final des «Red Bull Thre3Style»-Contest in Paris den dritten Platz erspielt (Baz.ch berichtete) – vor den Augen seiner DJ-Vorbilder Jazzy Jeff (USA), u.a. bekannt aus «Der Prinz von Bel Air», und Cut Killer (F). «Ich hatte den ganzen Tag ein Kribbeln im Bauch, das sind meine Helden», erinnert sich DJ Montes. Dass ihm so prominente DJs auf die Finger gucken, habe die Sache nicht gerade einfacher gemacht. Beim Contest ging es darum, Jury und Publikum innerhalb von 15 Minuten mit einem Mix von Songs aus mindestens drei Musik-Genres zu überzeugen.

«Ich habe mich gut vorbereitet, denn ich wollte vorne mit dabei sein,» sagt DJ Montes. Dass er schlussendlich Dritter wurde, sei eine tolle Sache. Doch vollends zufrieden wirkt der Basler nicht: «Das Problem war, dass ich als letzter der zehn Finalisten an die Reihe kam». Dementsprechend eingerostet sei er dann um halb vier Uhr nachts gewesen. Zudem seien ihm ein paar Fehler unterlaufen, die aber dem Publikum wohl kaum aufgefallen seien. «Ich hatte aber sicher die etwas originellere Soundauswahl, als die Konkurrenten.»

Besonders der Dubstep-Remix eines Edith-Piaf-Songs sei in Paris «saugut» angekommen. Und das vor den Augen der französischen DJ-Legende Cut Killer, welcher 1995 den Piaf-Klassiker «Je ne Regrette Rien» im Kultfilm «La Haine» mit «Sound Of Da Police» von Rapper KRS One mixte (hier zu sehen). Cut Killer habe ihm nach der Showeinlage auf die Schulter geklopft, erinnert sich DJ Montes.


Oben: DJ Montes nach seiner Rückkehr in die Schweiz. Das unten stehende Interview ist am Wochenende nach dem Final per Mail entstanden, als Montes noch in Paris weilte.

DJ Montes, wie hast Du den Final in Paris erlebt?
Also die Organisation war einfach top! Ausser, dass Paris einen Schneesturm erlebt hatte, wie ihn die Stadt seit etwa 15 Jahren nicht mehr gesehen hat. Die ganze Stadt schien dem Schnee zu erliegen. Aus diesem Grund war alles etwas schwieriger. Die technischen Geräte des Events etwa trafen erst rund vier Stunden vor der Cluböffnung ein – da waren viele ziemlich hektisch drauf.

Zu welchen Songs sind die Leute am meisten abgegangen?
Ich habe einige französische Lieder eingebaut, die ziemlich gut angekommen sind. Ich denke am meisten Eindruck habe ich mit meinem Edith-Piaf-Dubstep-Mashup hinterlassen. Was mich auch am meisten verwundert hat, war dass fast kein DJ richtig tief in der Plattenkiste gewühlt hat. Sie spielten oft die selben Songs und ich habe wenige Überraschungen erlebt. Ich denke, am Schluss dieses Events habe ich am vielfältigsten gespielt.

Wie war es, im Elysée in Montmartre aufzulegen?
Im Vorfeld haben alle Verantwortlichen gesagt, es wäre total hart, in Paris die Leute zu begeistern. Ich hatte aber auch das Pech, als letzter der 10 DJs zu spielen. Das machte das Ganze noch schwieriger. Aber als ich die ersten Tracks gespielt habe, gingen die Leute so extrem ab, dass mich diese Angst schnell wieder verliess. Ausserdem hatte ich das Glück, einige Leute in meinem Kreis zu haben, die extra aus der Schweiz nach Paris kamen, um mich zu unterstützen. Die haben so viel Lärm gemacht, dass alle im Club nochmals etwas Power bekamen und die Jury dadurch wieder wach wurde.

Was hat Dir schlussendlich gefehlt im Vergleich zu den beiden DJs vor Dir?
Als ich mit meinem Set fertig war, habe ich gedacht, dass ich mindestens Zweiter werden muss. Im Nachhinein wurde mir gesagt, dass die Entscheidungen sehr knapp ausfielen. Ich denke halt, dass mein Startplatz sehr unglücklich war. Was mich aber sehr gefreut hatte war, dass mir sehr viele aus dem Pariser Publikum gratuliert haben – sie fanden meine Vorstellung cool. Aber der Gewinner des Abends hatte ein wirklich gutes Set hingelegt und er hat mit seiner Bühnenpräsenz und seiner Technik überzeugt.

Wie bereitet man sich auf einen Event wie diesen vor?
Als ich vor etwa drei Monaten angefragt wurde, habe ich mir zuerst einmal eine Liste zusammen gestellt mit Tracks, die ich auf jeden Fall spielen möchte. Mit dieser Liste und mit meinen Clubsets, die ich eigentlich jedes Wochenende spiele, habe ich mich im Studio eingeschlossen und das Ganze auf 15 Minuten reduziert. Das war total schwierig. Dann habe ich die Qualifikation in Bern bestritten, um überhaupt nach Zürich in den Schweizer Final zu kommen. Da wurde ich Zweiter. Nach diesem Event hatte ich dann zwei Wochen lang alles gegeben, um mein Set nochmals anzupassen. In Zürich haben dann alle Umstände gepasst und ich habe den ersten Platz geholt. An meiner Seite hatte ich meinen Bruder, La Febbre, der mir extrem geholfen hatte, mein Set zwischen Bern, Zürich und Paris stetig zu verbessern. Es war eine Entwicklung. Da niemand genau wusste, was das für ein Contest war, musste ich halt ausprobieren. Es gab klare Regeln, die man einhalten musste – aber am Schluss war es eine Party!

Welche Musik – abgesehen von Rap – spielst Du momentan am liebsten?
Ganz klar Dubstep.

Was unterscheiden den Thre3-Style-Contest von anderen DJ-Wettbewerben?
Der Wettbewerb widerspiegelt, wie ein DJ heutzutage sein muss: vielfältig, technisch und innovativ! Es ist ein Contest fürs Publikum, der alle Seiten eines DJ’s fordert.

Wird der oben erwähnte Dubstep-Remix des Edith-Piaf-Songs irgendwo veröffentlicht?
Als ich dieses Mashup rausgefunden und den Leuten vorgespielt habe, war bei allen die gleiche Reaktion festzustellen: «voll geil!». So haben ich und mein Bruder uns entschieden, das Ganze in Eigenregie – und vorläufig auch nur im Netz – zu releasen. Watch out for The Famous Goldfinger Brothers….

Heute Donnerstag legen die Goldfinger Brothers im Rahmen der Spendenaktion «Jeder Rappen zählt» im Glascontainer auf dem Berner Bundesplatz auf. Die «Silentparty» kann vor Ort ausschliesslich via Kopfhörer mitverfolgt werden – diese gilt es zu Gunsten kriegsversehrter Kinder für 20 Franken zu mieten. Das DJ-Set wird von 22 Uhr bis Mitternacht auch live auf DRS 3 übertragen.

stahlbergerheuss «Im Schilf»

chris faber am Freitag den 26. November 2010

Die wahnwitzigen Maschinen von Erfinder Stefan Heuss spielen den 2 Künstlern im Teufelhof wahrlich in die Hände. Verkehrskegel-Megafon, Flamenco-Gitarren-Nähmaschine, Kokosnusstrommel, Pingpongkanone oder die Sparversion des Dudelsacks: Presskanister mit Flötenansatz umspielen die heftigst heimtückischen Liedtexte wie eine Filmmusik und gehen in Richtung Kunstperformance. Die Texte, charmant stoisch von Stahlberger und liebevoll enthusiastisch von Heuss vorgetragen, nutzen Situationen wie Schneeschuhlaufen, Zahnarzt, Saunagang oder auch mal den Weltuntergang, um skurrile, aber sehr wahrhaftig witzige nachdenkliche Ansichten zu verbreiten. Heuss funktioniert alltägliche Dinge so gekonnt genial zu Musikmaschinen um, das sie auch dem Museum Tinguely gut stehen würden. Wie Heuss spielt Mäder-Kultcomics-Autor Manuel Stahlberger seine Instrumente mit einer wunderbaren Lässigkeit, während Kompressor und Verschwindwurst die Bühne bereichern.

Diese unvergleichliche Kombination führte stahlbergerheuss gradewegs zum Gewinn des Kabarettpreises «Salzburger Stier» 2009 und begeisterte auch gestern Abend das zugabenwillige Publikum.

Das Duo ist noch am Fr 26. / Sa 27. November und Do 2. / Fr 3. / Sa 4. Dezember 2010, jeweils um 20.30 Uhr im Theater im Teufelhof zu sehen. Nicht verpassen!

Basler Graffiti-Wahrzeichen als Weltkulturerbe?

Joel Gernet am Freitag den 26. November 2010

Quelle: foto-werkstatt.ch

Mehr urbane Schweizer Traditionen, darunter Graffiti als Teil der Hip-Hop-Kultur, wünscht sich David Vitali vom Bundesamt für Kultur auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, wie er diese Woche gegenüber 20minuten Online sagte. Auf den ersten Blick eine gute Idee, gehört doch Graffiti tatsächlich zu den prägenden Elementen im Stadtbild. Die Basler Bahnhofseinfahrt etwa mit ihrer kilometerlangen Graffiti-Galerie ist weit über die Landesgrenze hinaus bekannt. Und nicht wenige sehen in ihr sogar eine Art inoffizielles Wahrzeichen.

Man stelle sich vor: Diese bunte Bahnhofsgalerie gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO – zusammen mit den Pyramiden von Gizeh, dem Yellowstone-Nationalpark, dem Taj Mahal und 908 anderen Objekten in 151 Ländern. Das wärs doch, oder? Basel Tourismus könnte die Kunststadt am Rheinknie noch besser vermarkten und die ansässige Graffiti-Szene (nicht zu verwechseln mit den zahlreichen Schmierfinken) bekommt endlich einmal die Anerkennung, die ihr zusteht.

Doch so schmeichelhaft die Idee auch ist – der Vorschlag ist Bullshit. Erstens: Graffiti ist ein weltweites Phänomen, entstanden Anfang der 70er Jahre in New York. Warum also sollen nun ausgerechnet die Graffiti aus der sauberen Schweiz zum Teil des Weltkulturerbes werden? Das wäre ein Schlag ins Gesicht der Pioniere. Wenn schon, müsste die Subway in New York – von wo aus die farbigen Buchstaben die Welt erobert haben – «geschützt» werden. Oder die unzähligen Graffiti-Mauern der Bronx. Das geht nicht, weil die meisten Bilder dieser Zeit schon weggeputzt wurden? Aha! Da sind wir bei Punkt zwei: Graffiti ist eine flüchtige Kunst. Sie kommt und geht. Altes wird von Neuem übermalt. Das war schon immer Teil dieser Kultur.

Als ich nach dem Tod des weltbekannten Basler Sprayers Dare der Frage nachging, ob seine Bilder im öffentlichen Raum nun eines speziellen Schutzes bedürfen, wurde mir gesagt, dass Dare zeitlebens gegen eine solche Archivierung von Graffiti war. Und ich bin es auch. Das hat nichts mit Geringschätzung dieser Kultur zu tun. Eher mit Respekt und dem Bewusstsein der steten Erneuerung. Graffiti ist eine lebendige Kultur, die auf den Strassen dieser Welt statt findet. Legal und illegal. Im Moment, indem sie unter Schutz gestellt oder ins Museum gesteckt wird, läuft sie Gefahr, dass sie stirbt. Dann müsste man sie tatsächlich ausgraben und archivieren.

Vom Keller ins Rampenlicht

Joel Gernet am Mittwoch den 24. November 2010

Dass sich Basel in Sachen Pop, Rock und Rap nicht verstecken muss, ist – zumindest am Rheinknie – kein Geheimis. Dass in Basel aber viele, sehr viele Bands ihr Potenzial nicht ausschöpfen – erst recht auf nationaler Ebene – auch nicht. Woran liegt es, dass Herr und Frau Schweizer neben den Lovebugs und Black Tiger, allenfalls noch The Bianca Story oder The Glue, kaum aktuelle Musiker aus Basel kennen? Liegt es an der viel zitierten Basler Bescheidenheit? Sind unsere Bands zu wenig selbstbewusst? Oder nur zu versifft? Wird Basler Sound vom den nationalen Mainstream-Medien totgeschwiegen? Oder sind die Musiker schlicht und einfach zu schlecht?

Da viele ansässige Bands definitiv die Qualität und das Potenzial haben, national was zu reissen, wage ich zu behaupten, dass viele Basler Künstler zu bescheiden sind. Oder zu versifft. Oder beides. Was kann dagegen getan werden? Ganz einfach: Den Finger aus dem Allerwertesten nehmen und sich jetzt für das siebte Jugendkulturfestival (JKF) anmelden, das am 2. und 3. September die Innenstadt wieder Kopf stehen lassen wird. Folgenden fünf Punkte erklären, warum:

  1. Ein konkretes Ziel vor Augen haben: Wer sich stets nur im Bandkeller verschanzt und «für die Mülltonne» oder fürs Internet (was teilweise aufs Gleiche hinausläuft) musiziert, macht niemals die Fortschritte einer Band mit kontinuierlich wachsender Live-Erfahrung. Der Schritt auf die Bühnenbretter – mit echten Zuschauern und so…, nicht mit Clicks – stellt für die meisten Bands eine magische Grenze dar. Eine Grenze, über die sich viele aus falscher Bescheidenheit – oder eben Versifftheit – zu spät wagen. Klar, noch viel mehr Künstler präsentieren sich zu früh, aber das ist ein anderes Thema. Wer sich für einen Basler Grossevent wie das Jugendkulturfestival (oder auch die BScene) anmeldet, setzt sich ein ambitioniertes Ziel und kann dabei nur gewinnen.
  2. Das «Business» kennenlernen: Wer sich die Mühe nimmt, einen Anmeldeprozess wie beim JKF zu durchlaufen, merkt was es braucht, um über den Bandraum hinaus wahrgenommen zu werden: Eine professionell – am besten auch originell – geschriebene Bandbiographie; vernünftige Bandfotos; einen Plan, wer oder was auf die Bühne gehört und – vor allem – Sound der ready ist, vom Publikum gefeiert zu werden. Künstler, die sich angewöhnen, solche administrative Hürden zu überwinden und die sich so mit sich selber auseinandersetzen, haben es später auch leichter bei einer allfälligen Anmeldung zum «RegioSoundCredit», bei dem dreimal im Jahr Geld für vielversprechende Bands aus der Region ausgeschüttet wird. Als Kellerband mit Ambitionen gilt es solche Angebote sowie Wettbewerbe jeder Art zu nützen.
  3. Live-Erfahrung sammeln: Ein Bandprobe kann niemals ein Livekonzert ersetzen. Eine Combo kann noch so eingespielt sein – wenn sie nicht weiss, wie man mit dem Publikum kommuniziert und wie dieses auf die verschiedenen Lieder reagiert, ist diese Routine wenig wert. Ein überzeugendes Auftreten ist – wie fast überall – die halbe Miete. Mit Live-Routine können einem auch die gröbsten Patzer, sofern man diese originell auffängt, Publikums-Sympathien einbringen.
  4. Sich dem Publikum und den Fachleuten präsentieren: Nur wer sich zeigt, kommt ins Gespräch. Nur wer im Gespräch ist, wird auch weiter beachtet. Am Jugendkulturfestival ist halb Basel auf der Strasse (zumindest die musikaffine Peergroup). Zudem werden auch namhafte Komponenten aus der Musikszene unterwegs sein, denen man sich zeigen kann.
  5. Der Durchbruch ist möglich: Wenn eine unbekannte Kellerband an einem Grossevent wie dem Jugendkulturfestival überzeugt, hat sie gute Chancen auf Folgeauftritte. Oder, dass sie beim nächsten JKF nicht am Freitagnachmittag auf einer Nebenbühne, sondern am Samstagabend auf einer Hauptbühne spielen wird. Wer seinen Auftritt zudem via Videobilder (gibt es eine schönere Video-Kulisse als die voll besetzte Basler Innenstadt?) optimal weiter verwertet, kann noch mehr Leute erreichen und beeindrucken. Es soll ja Basler Bands geben, die auch dank einem JKF-Videoclip den nationalen Durchbruch geschafft haben. Also ran an den Speck!
  6. Spass haben: Das Wichtigste zuletzt. Es gibt für eine Band aus der Nordwestschweiz kaum etwas schöneres, als an einem Spätsommerabend in der zum bersten gefüllten Innenstadt zu spielen. Punkt.

Also… seit dieser Woche können sich (nicht nur) Musiker aus der Region für das siebte Jugendkulturfestival anmelden (hier das Formular). Und ich hoffe, dass sich die ein oder andere Kellerband am Riemen reisst und am ersten Septemberwochenende auf einer der JKF-Bühnen steht. Auf dass Basel bald wieder mehr zu bieten hat als eine Handvoll nationale bekannter Musiker. In Anbetracht des lokalen Potenzials kann es doch nicht sein, dass unter den über 300 Bewerbern für das SF-Finale zum Eurovision Song Contest (ESC) nicht einmal ein halbes Dutzend regionale Artists waren (oder sind sie sich zu schade dafür?)! Immerhin: Mit zwei von zwölf Finalisten – The Glue und Anna Rossinelli – ist Basel nun dafür quasi überproportional vertreten in der Finalshow um die Schweizer ESC-Vertretung. Und was ist schon der Konkurs-Concours gegen das Basler Jugendkulturfestival…