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Nummer eins! Die Baselbieter Hitparaden-Königin

Joel Gernet am Dienstag den 4. Februar 2014

Sensation aus Sissach: Soul-Sängerin Ira May steigt mit ihrer allerersten Platte direkt auf Platz 1 der Hitparade ein. Im grossen Video-Interview redet die Baselbieterin über ihren überwältigenden Erfolg. Und sie erklärt, warum sie den Vergleich mit Amy Winehouse am liebsten aus der Welt schaffen würde.

Direkt an die Spitze der Album-Charts: Ira May redet im grossen Interview nicht nur über ihren Chart-Coup, sondern auch über die gemeinsame Schülerchor-Zeit mit Baschi und Sarah-Jane, das Heimspiel in Gelterkinden und die Schwierigkeit der Live-Umsetzung ihres Albums.

Ira May kann es kaum fassen: Ihr Debutalbum «The Spell» wird am kommenden Sonntag an der Spitze der Album-Charts stehen. «Das war ein ganz krasser Moment – ich war sprachlos und bin es jetzt noch», sagt die 26-Jährige über den Moment, in dem sie von ihrem Triumph erfahren hat. Ihr Management aus Deutschland hat via Videotelefon den Hitparaden-Coundown runtergezählt. Nach einem scherzhaften Stocker bei Nummer 4 – die Sissacherin freute sich schon – endete der Spass dann an der Spitze: Platz eins! Und das ohne grosses Label im Rücken und mit komplett selber geschriebenen Texten – was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Gerade in den Top Ten.

Prost: Ira May feiert ihren Charteinstieg.

Prost: Ira May feiert ihren Chart-Einstieg.

«Wir hatten nie das Ziel, mit dem Album zu charten – das muss ich ganz ehrlich sagen», erklärt Iris Bösiger, wie Ira May mit bürgerlichem Namen heisst. «Es sollte eine Platte werden, die uns gefällt und hinter der man ohne Kompromisse stehen kann.» Dass ihr genau das nun gelungen ist, macht die Sissacher Soul-Sängerin umso glücklicher.

Zu behaupten, der hohe Chart-Einstieg sei eine völlige Überraschung wäre etwas gar kokett – schliesslich war der Medien-Hype um die Baselbieterin in den vergangenen Wochen beachtlich und gipfelte auf der Titelseite der Coop-Zeitung. Dass das Abenteuer aber gleich auf dem Hitparaden-Thron endet, damit hat Ira May wirklich nicht gerechnet. «Ich sehe nicht den Hype, sondern meinen Alltag», erklärt sie. «Wir hofften es zwar – aber Platz eins ist doch ziemlich heftig.»

Wenn Ira May «wir» sagt, meint sie damit auch Shuko, der für den kompletten Album-Sound verantwortlich ist. Der Mainzer Beat-Bastler gehört zu den bekanntesten Produzenten in Deutschland und arbeitete unter anderem für Rapper wie Lil Wayne, Tyga oder Talib Kweli aus Amerika; Soprano und Sexion d’Assault aus Frankreich oder die deutschen Rap-Grössen Cro, Casper oder Sido. In der Schweiz profitierten bis jetzt etwa Gimma, Bligg und Bandit von den Beats des Deutschen. Und nun also Ira May, die seinen Sound sogar auf Albumlänge auf den Leib geschneidert bekommen hat und die auf Shukos Indie-Label Peripherique Records unter Vertrag steht.

1014546_494886983965057_465518273_o«Das war eine sehr spezielle Geschichte», sagt Bösiger über ihr Zusammentreffen mit Shuko. Eine Geschichte, die auf die Zeit zurückgeht, in der sie Musik als Hobby neben ihrer Lehre als Verkäuferin betrachtete. Die Beats kamen damals noch vom Sissacher Produzenten Sandro Purple Green, der die Früchte der gemeinsamen Arbeit ins Netz stellte. So wurde Shuko auf die Soul-Stimme aus Sissach aufmerksam.

Nachdem Ira May Ende 2012 auf Black Tigers Monsterprojekt «1 City 1 Song» den 83-Minuten-Song nach über 140 Rappern mit ihrer Stimme beendete, entdeckte SRF3-Musikredaktor Sascha Rossier die Baselbieterin, die er umgehend als «Amy Winehouse aus Sissach» anpries – ein Etikett, das der Sängerin seither viel Aufmerksamkeit einbrachte. Sie selber ist mit dem Vergleich allerdings nicht so glücklich. «Über diesen krassen Vergleich habe ich mich nie wirklich gefreut», sagt Bösiger.

Ira May: The Spell (2014).

Ira May: The Spell (2014).

Sie könne verstehen, dass gewisse Leute sich pikiert fühlen, ihr selber würde es vermutlich nicht anders gehen. «Ich finde das ein ganz schwieriges Thema: Natürlich bin ich dankbar um einen solchen Vergleich – dennoch hoffe ich, dass sich dieses Thema jetzt so schnell wie möglich erledigt.» Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Denn spätestens ab jetzt ist Ira May nicht mehr nur die…ihr wisst schon wer…aus Sissach, sondern die Baselbieterin, deren rauchige Soulstimme es ganz ohne Major-Label oder TV-Casting bis an die Spitze der Schweizer Album-Charts geschafft hat. Und das ist erst der Anfang – die Tournee hat eben erst begonnen. Und auch in Deutschland gewinnt Ira Mays Album «The Spell» langsam an Fahrt.

Tourdaten: 08.02. Mühle Hunziken Rubigen / 21.02. Kulturkarussel Stäfa / 22.02. Kufa Lyss / 28.02. Kugl St. Gallen / 01.03. Bscene Basel / 21.03. La Spirale Fribourg / 22.03. Krempel Buchs / 29.03. M4Music Zürich.

Stressköpfe, die anders ticken

Joel Gernet am Donnerstag den 23. Januar 2014

Monatelang machte die Basler Rapszene trotz ihres Riesenpotenzials nur mit vereinzelten Warnschüssen von sich Reden. Zum Jahresbeginn aber scheint man aus der Winterstarre zu erwachen – und der Hebel wird auf Seriefeuer-Modus umgelegt. Erste Vorboten dieses Frühlingserwachens sind die Rapper Ced & Krime und das Kollektiv Stressköpf. Ihre Weckrufe sind laut, aggressiv und unterlegt von auf Samples basierenden, organisch klingenden Beats, die von den heutigen Mainstream-Pop-Rap-Produktionen so weit entfernt sind wie Justin Bieber von einer Nomination für den Basler Pop-Preis.

Ced & Krime: 08:15.

Ced & Krime: 08:15.

«08:15» heisst das neue Gratis-Album von Ced und Krime, beide Teil der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke). Der Albumitel bezieht sich nicht auf den umgangssprachlichen 0815-Vergleich für alles Unspektakuläre oder Billige, sondern auf den Kickoff der abendlichen Aufnahme-Sessions im Metro4000-Studio um 08:15 Uhr – Primetime sozusagen. Geboten wird allerdings über weiter Stecken standartisierte 0815-Ware, wie man sie von einem Mixtape-artigen Rapalbum erwarten kann: Ego-zentrierter Battlerap mit vollmundigen Ansagen – dies aber auf verdammt hohem Niveau in Sachen Rapsklills und Metaphern. Krime war schon immer einer der Besten und elegantesten Battlerapper des Landes und Ced merkt man an, dass er sich in Bestform befindet, wohl auch gestählt durch den Sieg die vielbeachtete Final-Teilnahme beim Schweizer Video-Rap-Battle Swiss VBT.

Aus drei Gründen ist «08:15» besser als viele vergleichbare Battlerap-Releases: Wegen den Beats, den intimen Einblicken zwischendurch und den oben erwähnten Skills der beiden Mcees. Der Sound-Teppich stammt komplett vom Basler Beat-Meister Tom Keenig und kommt gerne mit knochentrockenen Drum-Sets und düsteren Sound-Samples daher. Dass es sich bei den 25 (!) Tracks – darunter auch diverse Solo-Songs von Ced und Krime – um gesammelte Werke aus den vergangenen Monaten und Jahren handelt, meint man insbesondere dann zu hören, wenn zwischendurch die harte Maske abgesetzt wird und es um persönliche Episoden aus dem Leben geht.

So entstehen Songs, in denen man sich nicht davor scheut, in die eigenen Abgründe zu blicken – die Folge sind lyrisch brilliante Momente, die man ohne schlechtes Gewissen auch auf einem ‘richtigen’ Album hätte platzieren können. Von wegen Ausschussware! Spannend ist auch der Kontrast zwischen den zeitgemässen Doubletime-Silbengewittern der Rapper und den Retro-mässigen Kopfnickerbeats – ein Spannungsbogen, der auch wunderbar funktionierte beim Video-Track «Mit uns», den Krime und Tom Keenig zusammen mit Levo rime kürzlich lanciert haben. So darf es gerne weitergehen dieses Jahr.

Stressköpf: Lamputation.

Stressköpf: Lamputation.

Auch auf dem Album «Lamputation» der Stressköpf stehen die Raps – der Name lässts erahnen – ganz im Zeichen des lustvollen Kräftemessens. Während Ced und Krime ihre Gegner tendenziell mit feiner Klinge zerlegen, greifen die Stressköpfe zur Axt. Oder zum Vorschlaghammer. Oder zu beidem. Geboten wird deftige Kost, Songs wie «Rapperjagd», «Schleeg unter Gürtellinie», «Fleischerhoogge» oder «Folterbangg» halten, was der Titel verspricht. Rap als blutrünstiger Horrorfilm, nichts für zartbesaitete Casper-Hörer. Kein Wunder, betitelt die Kombo ihr Genre auf ihrer Facebook-Seite als Horrorcore/Battle-Rap.

Bei den Stressköpfen handelt es sich übrigens um ein frisch zusammengewürfeltes Kollektiv aus Basel und Umgebung, bestehend etwa aus albekannten Untergund-Crews wie NWU, ELS und Neumond. Namentlich dabei sind die Rapper wie Masso Vollkasko, Reemoe, Reni Sleep, Jack The Ripper, R.I.G., Muddy Pents, Bina, Bugs MC, Kaen, Baba Danman, Venti, Ilp, Mos und Pyro. Die Flut an sich gegenseitig mit lyrischen Massakern überbietenden Rappern sorgt für abwechslungsreiche Unterhaltung, die allerdings durch die zum Teil eklatant auseinanderklaffenden Skills der einzelnen Rapper getrübt wird.

Die Beats, produziert von Meister Lampe, kommen mit ihren vielen Samples ähnlich daher wie jene von Tom Keenig, erinnern vom Vibe her aber oft an Zigeuner- und Zirkusmusik. Gepaart mit den überzeichneten Gewalt-Raps entsteht so das Bild von bösen Clowns oder – um beim CD-Cover zu bleiben – fiesen Waggis.

Für beide hier besprochenen Releases gilt: Die Beats könnten noch etwas mehr Bumms haben, damit sie die selbe Durchschlagskraft wie die aggressiven Zeilen der Rapper entwickeln. Diese wiederum wirken auf Dauer etwas einschläfernd – nicht, weil sie schlecht sind, sondern wegen des Abnützungseffekts, der sich nach der 37. beleidigten Mutter, der zum 89. Mal betonten Penislänge und dem 1000. geschlachteten Whack-Rapper unweigerlich einstellt. Dennoch: Mit Ced & Krime und den Stressköpf wurde das Basler Rap-Jahr mit zwei lauten Lebenszeichen lanciert und es zeichnet sich ab, dass 2014 einige vielversprechende Platten aus der Region erscheinen – demnächst etwa der Label-Sampler aus dem Haus PW Records, das Debutalbum von TripleNine-Spitter Zitral und auch von B1Recs scheint man einiges erwarten zu können, wie deren neues Video erhoffen lässt (siehe unten).

Wer sich für das regionale Rapschaffen interessiert, ist zudem gut beraten, am Donnerstag, 30. Januar, die Rapsendung Bounce auf SRF Virus zu hören – dann gibts dort nämlich eine grosse Basel-Cypher.

«08:15» von Ced & Krime ist erhältlich als Free-Download; «Lamputation» der Stressköpfe kann entweder über deren Facebook-Seite gekauft werden oder in den Basler Läden 4 Elements, ElchRecords Vinyl-Store und Ace Records sowie im Restaurant Farbklex Liestal.

Die Abgebrühte und die Neuland-Betreterin

Gawin Steiner am Montag den 20. Januar 2014

Zwei Sängerinnen aus der Region geben Gas: Mit Anna Aaron und Lena Schenker haben dieser Tage gleich zwei Sängerinnen aus der Region ein Video lanciert. Viel nackte Haut gibt es im neuen Videoclip «Linda» von Anna Aaron zu sehen: Eine Tänzerin bewegt sich, bloss mit einem Slip bekleidet, mit faszinierender Körperspannung vor einer mit wechselnden Neonröhren belichteten Wand. Kunstvoll und passend zu der melancholischen Ballade. Anna Aaron erscheint jeweils zwischen den Tanzsequenzen ebenfalls vor den Lichtstreifen – bekleidet mit einem Wollkragen-Pullover bis zum Kinn. Mit Spezialeffekten, die gegen Ende des Videos eingesetzt werden, lösen sich die beiden Protagonistinnen dann langsam in Luft auf. Wie man sich das von der Basler Pop-Preis-Gewinnerin gewöhnt ist, kommt das Ganze professionell daher. Sehens- und hörenswert. Der Clip ist ein Vorbote zu Anna Aarons Album «Neuro», das am 28. Februar erscheinen wird.

Im Gegensatz zu Anna Aarons Videoclip steht derjenige von Lena Schenker aus Liestal. Die ehemalige «Voice of Switzerland»-Teilnehmerin betritt mit der Veröffentlichung ihres neuen Videos «Fallen One» Neuland. Was musikalisch durchaus zu überzeugen vermag, wird leider durch ein wenig authentisches Video abgewertet. Bei den aufwendig wirkenden Dreharbeiten wäre die Devise «weniger ist mehr» angebracht gewesen: Weniger Lippenstift und weniger Drama, um die Stimme der talentierten 17-Jährigen besser herauszustreichen. Denn das Talent ist da – eindeutig.

Allen, die mit Anna Aaron und Lena Schenker noch nicht genug bedient sind, sei Folgendes gesagt: Ende Woche erscheint mit «The Spell» das Debutalbum der vielgelobten Sissacher Sängerin Ira May.

Strassenrap mal anders

Joel Gernet am Donnerstag den 28. November 2013

Er rappt gerne über Rap, verwendet HipHop-Puristen-Wörter wie «real» und seine Beats klingen, als hätte er sie den US-Raplegenden von A Tribe Called Quest geklaut. Oder von den Roots. Klingt altbacken? Ist es aber nicht! Denn Kuzco gehört zum Frischesten, was Basler Rap momentan zu bieten hat. Sein erstes Album (download hier) enthält ein dutzend Songs, deren Qualität für ein Gratis-Release unverschämt gut ist.

Relaxte Beats, getränkt von Jazz Samples treffen auf einen Flow, der so locker und unverkrampft daherkommt wie Snoop Dogg bei einem Amsterdam-Aufenthalt. Komplettiert wird das Gesamtbild von astreiner Reimtechnik und der authentischen Attitüde eines jungen Mannes, der sich je nach Laune als selbstironischer Angeber, lockerer Frauenheld oder leidender Zweifler inszeniert.

Milchstroossetournee: Kuzcos Debut enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch.

Milchstroossetournee: Das Album hat trotz den drei Beat-Produzenten (Audio Dope, Kuzco, Zois) musikalisch einen roten Faden.

Man könnte das Debut des 22-Jährigen auch mit «Die Freuden und Leiden des jungen Kuzco» betiteln. Stattdessen hat der Basler sein Baby, das am Sonntag das Licht der Welt erblickt hat, auf den Namen «Milchstroossetournee» getauft. Der Titel hat nichts mit kosmischen Kräften oder Erich von Däniken zu tun, er umschreibt viel eher die Dimension von Kuzcos musikalischen Ambitionen. Die Welt ist nicht genug, deshalb macht sich der kleine Prinz des Basler Rap auf, die ganze Milchstrasse zu erobern. Streetrap mal anders – Milchstrassenrap sozusagen.

Inhaltlich umfasst Kuzcos Kosmos die Freuden und Sorgen, die man Anfang 20 halt so hat: Die Jugend neigt sich dem Ende zu, der Ernst des Lebens hat noch nicht begonnen. Orientierungslosigkeit, Feiern, Festen, Liebeskummer – und natürlich eine Flut von Rap-Punchlines und Metaphern wie auf dem Song «Long Live Kuzco Pt. II»…

«Mi Kopf isch wie e Musik-Enzyklopädie.
Und ich scheiss uf jede Trend denn jede Trend isch mol verbyy.
HipHop und ych isch wie Romeo und Julia.
Ich mein, lueg mi aa: In dr Schwizer Szene bin ych e Unikat.»

Dass Kuzco sein erstes Album verschenkt, ergibt Sinn. Geht es ihm momentan doch vor allem darum, so viele Hörer wie möglich zu finden – und möglichst viele Konzerte zu spielen. Das Rapgame ist – wie alle Unterhaltungssparten – ein Kampf um Aufmerksamkeit und mit seinem Debut hat Kuzco gute Karten, tatsächlich auch wahrgenommen zu werden. Das zeigt sich auch in ersten Reaktionen wie jener vom Berner Tommy Vercetti, einer der Schweizer Rapper der Stunde (Stichwort «Glanton Gang»), der «Milchstroossetournee» auf Facebook anpreist. Dass Kuzco ausserhalb von Basel auf Wohlwollen stösst, ist ein gutes Zeichen. Viel zu vielen Basler Rapper gelingt es nämlich kaum, über die Region hinaus Gehör zu finden.

Im Studio: Kuzco und Black Tiger (v.r.). «Milchstroossetournee» enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch

Im Studio: Kuzco und Black Tiger (v.r.). «Milchstroossetournee» enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch

Anbiedern will sich der Musikstudent aber nicht. Kuzco möchte weder sich noch seinen Sound verbiegen für Hits und Clicks, das betont er immer wieder. Und das wird auch dem Namen seines Basler Musikkollektivs ersichtlich – «Anti Radio» ist die Devise. Ein Mittelfinger an den Mainstream. Aber Zeiten und Geschmäcker ändern sich und im Rap scheinen sich in Anbetracht der grassierenden Kommerzialisierung in Richtung Kaugummipop à la Nicki Minaj viele Hörer wieder auf die organisch-jazzigen Anfänge des Genres zu besinnen. Womit wir wieder bei Kuzco wären. Wenn er so weitermacht, könnte er mit seiner sympathischen Art nämlich genau dort landen: Im Mainstream und in den Radios. Ohne sich zu verbiegen notabene. Man würde es ihm und den Hörern wünschen.

Bevor es soweit ist, wird aber die «Milchstroossetournee» in Angriff genommen: Diesen Samstag, 30. November, gibt es im Kleinbasler SUD vor dem Beatnuts-Konzert eine kurze Kostprobe. Und am 7. Dezember eröffnet Kuzco das Konzert des Solothurner Rappers Manillio in der Kaserne Basel – zum ersten Mal mit Live-Band im Rücken. Daneben ist Kuzco zudem als Keyboarder mit Ira May – die zu recht hochgelobte «Amy Winehouse aus Sissach» – oder dem Basler Reggae-Sänger Tom Swift unterwegs. Auf Tournee ist der 22-Jährige also so oder so. Jetzt muss er nur noch die Milchstrasse erobern. Das Buffet ist jedenfalls angerichtet, wie den letzten Zeilen von Kuzcos Album zu entnehmen ist: «Das isch erst dr Warm-Up, das isch mi Apéro. Uf mir ligge grossi Hoffnige, han ych mir sage loh».

Der Korrektheit halber sei hier erwähnt, dass der Blog-Autor an einem Album-Song mitgewirkt hat.

– Kuzco, Milchstroossetournee (Anti Audio 2013). Free Download.
– Live: Sa. 30. November, Opening für die Beatnuts (USA), u.a. mit Kalmoo (BS) und Panadox (SO); Afterparty: DJ Philister (TNN, BS), D.Double (2LC, BL), DJ Tray (BS), Giddla (TNN, BS); SUD Basel.
– Live: Samstag, 7. Dezember, Kaserne Basel. Opening für Manillio.

Ein turbulentes Basler DJ-Wochenende in Toronto

Joel Gernet am Dienstag den 12. November 2013

Breits zum zweiten Mal konnte der Basler DJ Bazooka die Schweiz an den «Red Bull Thre3Style World Finals» in Kanada vertreten. Für den 28-Jährigen wurde das vergangene Wochenende zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle.

Als Roman Blum alias DJ Bazooka im Dezember 2011 zum Weltfinal des DJ-Wettkampfes «Red Bull Thre3Style» nach Vancouver reiste, war er krasser Aussenseiter – und landete prompt auf dem sensationellen zweiten Platz (wir berichteten). Am vergangene Wochenende flog der 28-jährige Basler erneut zu den Final-Ausscheidungen nach Kanada. Diesmal nach Toronto – und von vielen seiner 15 Konkurrenten als Mitfavorit gehandelt.

Mit einer fünfzehnminütigen DJ-Show, in der mindestens drei Musikgenres zu hören sein müssen, startete Bazooka am Freitag in das Final-Wochenende. Doch der Auftakt vor 1‘500 Zuschauern in der Danforth Music Hall verlief nicht wie geplant: Das Set des Baslers wurde überschattet von technischen Problemen. «Die Vibrationen der Subwoofer-Box haben sich wohl auf den Plattenspieler ausgewirkt», vermutet Bazooka.

Bildschirmfoto 2013-11-12 um 14.07.15Der Basler musste an jenem Abend als erster auf den bockigen Turntables auflegen. Danach wurden die Probleme umgehend behoben. «Da hatte ich wirklich Pech», erklärt Bazooka ohne verbittert zu klingen, «aber die Leistung der anderen DJs waren an diesem Abend auch krass». Das Final-Ticket löste an diesem Abend der brasilianische DJ Marquinhos Espinosa während die Bazooka-Show in Toronto bereits nach dem Halbfinal zu Ende war.

Das meinte der Basler zumindest. Nach einer langen Partynacht erlebte Bazooka ein böses Erwachen mit guten Neuigkeiten: Die Jury hatte entschieden, dass man für den Final ausnahmsweise zwei anstelle einer Wildcard vergibt – und Bazooka ebenfalls berücksichtigt wird. «Das hatte ich nicht erwartet», sagt Roman Blum zu seinem Finaleinzug in letzter Sekunde.

Seine zweite DJ-Show für den Final hat er also nicht vergeblich einstudiert. Allerdings hatte der 28-Jährige nach seiner Partynacht einen Probe-Rückstand. Es folgte die nächste Überraschung: Der Basler durfte in der Hotel-Suite des legendären DJs Jazzy Jeff – Jurymitglied, Grammygewinner und Sidekick von Will Smith in dessen jungen Jahren als Rapper – trainieren. An den Plattenspielern des Grossmeisters!

Im Final reichte es Bazooka diesmal vor 3000 Zuschauern – trotz Wildcard und Favoritenrolle – nicht mehr unter die ersten Drei. «Trotz einiger Flüchtigkeitsfehler bin ich sehr zufrieden – die anderen DJs haben verdient gewonnen», sagt DJ Bazooka am Montag kurz nach seiner Rückkehr nach Basel. «Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle.» Weltmeister wurde der Japaner DJ Shintaro vor DJ Byte (CHI) und Eskei83 (GER).

Wenn es plötzlich spukt mitten am Tag

Joel Gernet am Freitag den 27. September 2013

Otfried Preusslers Kinderbuch-Klassiker «Das kleine Gespenst» wurde mit Starbesetzung im Mundart-Film «s’Chline Gspängst» umgesetzt. Auch hier lautet die alles entscheidende Frage: Wer hat an der Uhr gedreht? Und vor allem: wo?

Trailer: Neben dem Kauderwelsch von Uwe Ochsenknecht gibt es einige bekannte Stimmen zu hören – so unter anderem von Nadeschkin, Emil Steinberger und «The Voice» Christoph Schwegler.

 
Hat die Geisterstunde schon begonnen? Im Saal des Basler Kinos Küchlin ist es stockdunkel, keine Menschenseele weit und breit. Bin ich im falschen Film? Angesagt ist die Pressevorführung der Kinderbuchverfilmung «S’Chline Gspängst» – in Begleitung der Kleinen. Diese werden bei ihrem allerersten Kinobesuch beinahe von der Dunkelheit verschluckt. Verloren gehen die Plappermäuler allerdings nicht: «Wird’s nachher hell?», will das Töchterlein (3) wissen. «Kann ich die Schuhe ausziehen?», ertönt es von ihrem sechsjährigen Bruder.

«S’Chline Gspängst» läuft ab 26. Septemer in den Basler Kinos Pathé Küchlin (Hochdeutsch) und Rex (Dialekt).

«S’Chline Gspängst» läuft ab 26. September in den Basler Kinos Pathé Küchlin (Hochdeutsch) und Rex (Dialekt).

Dann beginnt die 95-minütige Geisterstunde, und das kleine Gespenst verlässt seine Rappelkiste, um im Schloss Eulenstein herumzuflitzen und Smalltalk zu betreiben – mit den ebenfalls zum Leben erwachten Rittern und Burgfräulein auf den Ölbildern. So, wie während den vergangenen über 300 Jahre. Kein Wunder, wird es dem kleinen weissen Knäuel langsam langweilig. Zu gerne würde das Gespenst einmal die Welt bei Tageslicht erforschen! Doch sein Schicksal hängt von einer Uhr ab, deren Zeit den Schlaf-Rhythmus der Schlossgeistes bestimmt.

Natürlich hat das kleine Gespenst keine Ahnung, mit welcher Uhr es synchronisiert ist. Und so beginnt ein Abenteuer, dass nicht nur das Uhrenmuseum auf Schloss Eulenstein, sondern ein ganzes Dorf in Aufruhr versetzt. «Papa, warum weisst du alles?», will das Töchterlein wissen, als ich ihr erkläre, warum das kleine Gespenst die Zeiger der Schlossuhren wie wild rotieren lässt.

Und siehe da: Eines Tages erwacht das Geistlein plötzlich bei Sonnenlicht! Endlich kann es sein Heim einmal in goldenem Schein erkunden – und das Dorf obendrauf. Lustige Spuk-Szenen mit Polizisten und Passanten sind da vorprogrammiert. Was für das Kleine als Riesenspass beginnt, entpuppt sich nach einigen Tagen als grosser Albtraum: Die Sonnenstrahlen haben das Gespenst schwarz und schwach werden lassen. Und ein ganzes Dorf sucht hysterisch nach dem «schwarzen Unbekannten», der die Vorbereitungen zur grossen 375-Jahr-Feier ganz gehörig durcheinanderwirbelt. Nach dem anfänglichen Übermut sehnt sich das kleine Gespenst nun wieder die Nacht zurück – dummerweise hat es keine Ahnung, nach welcher der vielen manipulierten Uhren es tickt.

Marie, Karl und Hannes helfen dem kleinen Gespenst.

Marie, Karl und Hannes helfen dem kleinen Gespenst.

Nur einer weiss, was es mit dem Spuk bei hellichtem Tag auf sich hat: Schulbub Karl. Noch vor dessen Metamorphose zum «schwarzen Unbekannten» beobachtete er das mitternächtliche Treiben auf Schloss Eulenstein von seinem Kinderzimmer aus mit dem Fernrohr. Später begegnete er dem kleinen Gespenst ein erstes Mal bei einem Schulausflug in die historischen Gemäuer über dem Städchen. Doch niemand glaubt dem Schüler, dass er ein Gespenst gesichtet hat. Als aus dem Schloss eine wertvolle Uhr verschwindet, fällt der Verdacht auf Karl, dessen Lage sich zuspitzt, bis er vom grossen Jubiläums-Umzug ausgeschlossen wird.

Karl ist am Boden zerstört, das kleine Gespenst verzweifelt allmählich und im Städtchen herrscht noch immer helle Aufregung – die perfekte Ausgangslage für den Showdown, zu dem sich das Volk zum grossen Jubiläumsumzug versammelt. «Ist das an der Fasnacht?», will das Töchterlein wissen, als sie die Umzugsteilnehmer in historischen Gewändern sieht.

Showdown: Karl an der Rathausuhr.

Showdown: Karl an der Rathausuhr.

Während sich das marschierende Volk voll der Feier hingibt, macht sich Karl mit den Klassenkameraden Marie und Hannes und dem kleinen Gespenst auf die Suche nach der alles bestimmenden Uhr – inzwischen haben die drei Schüler nämlich Freundschaft geschlossen mit dem weissen Wesen aus dem Schloss.

Klar, dass sich die Situation an der finalen Feier mitten im Städtchen weiter zuspitzt und die Schweizer Filmmacher mit der grossen Kelle zum Schlussbouquet anrichten. Es wird ziemlich viel Action geboten.

Trotz Hochspannung, dem Töchterlein wirds langsam langweilig: «Wann wird es wieder hell? Ich will nicht so lang in einem dunklen Zimmer sein.» Nachdem der Streifen ein gutes Ende genommen hat, gibt sich aber auch die Kleine hochzufrieden. Vor dem Kino lässt sie mit strahlendem Gesicht den ganzen Film Revue passieren. Und der grosse Bruder, der während den vergangenen eineinhalb Stunden vor allem geguckt, gestaunt und geschwiegen hat, erwacht wieder zum Leben – er möchte sofort die DVD zu Film. Ein gutes Zeichen. Und ein gelungener erster Kinobesuch mit den Kindern.

«S’Chline Gspängst» (keine Altersbeschränkung) läuft ab 26. September in den Basler Kinos Pathé Küchlin (Hochdeutsch) und Rex (Dialekt).

Weiter Filmstarts in Basel am 26. September: 2 Guns, The Internship, Der Geschmack von Apfelkernen, Keinohrhase und Zweiohrküken, V8 – Du willst der Beste sein, Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern.

Basler Battle-Rapper schlagen sich wacker

Joel Gernet am Dienstag den 27. August 2013
Mad Ced, Gewinner der Vorrunde.

Mad Ced, Gewinner der Vorrunde.

Die Rapper am Swiss Video Battle Turnier (Swiss VBT) schlagen sich noch immer die Köpfe ein – und das ist gut so. Schliesslich ist die Kunst der gepflegten Beleidigung eine wichtige Diziplin des Rap. Solange sich die Kontrahenten ausschliesslich verbal und mit dem nötigen Respekt auf den Deckel geben, kann das für Gladiatoren und Zuschauer nur ein Gewinn sein.

Das haben auch die Macher des Swiss VBT gewusst, als die ihren audiovisuellen Rapwettbewerb ins Leben gerufen haben. Das Resultat: Viele Teilnehmer, packende Zweikämpfe und hochstehende Videoclips. Inzwischen laufen die Halbfinals der zweiten Staffel und die Nordwestschweizer Rapper schlagen sich noch immer wacker.

Misandope in Action.

Misandope in Action.

Mit Mad Ced und Misandope stellt Basel zwei der vier verbliebenen Silben-Söldnern. Insgesamt 32 Teilnehmer waren es beim Start der Vorrunde im April, darunter über ein Dutzend aus der Region Basel (wir berichteten). Viele von ihnen mussten sich in den folgenden Runden allerdings gegenseitig «kannibalisieren». Mit Sherry-Ou und Bone haben es zwei weitere Rapper aus der Region bis in die Viertelfinals geschafft – wo sie gegen die die Basler Halfinalisten Mad Ced und Misandope ausschieden. Immerhin: Vier der letzten acht Video-Battle-Rapper kamen aus der Region. Und die Chance auf einen Basler Sieg ist mit zwei Bebbi in den Halbfinals immer noch sehr gut.

Doch der Weg in den Final wird steinig: Mad Ced, Gewinner der Vorrunde, trifft auf den Zürcher Titelverteidiger Jones Burnout. Und Misandope bekommt es mit dem Luzerner Sympathieträger Visu zu tun. Alle vier haben inzwischen ihre Hinrunde vorgelegt. Mit einer Mischung aus Ironie, Humor und gnadenlosen Punchlines wird hier von allen Halbfinalisten allerhand Unterhaltsames geboten: Mad Ced macht sich über die clowneske Gestik und die markante Mundform von Jones Burnout lustig, dieser wiederum lässt an der Frisur des Baslers kein gutes Haar; Misandope lästert über den «Bünzlirap» von Schulbub Visu während der Innerschweizer im IKEA-Parkhaus Witze über Misandopes markante Ohrringe reisst. Wer die besten Punchlines auf Lager hat, kann jeder selber entscheiden: Hier die vier Begegnungen…

Mad Ced vs. Jones Burnout

Jones Burnout vs. Mad Ced

Misandope vs. Visu

Visu vs. Misandope

Die Hinrunden können noch bis am 31. August bewertet werden. Danach folgt die Rückrunde, in der die Battle-Rapper jeweils über den Hinrunden-Beat des Gegners spitten müssen. Für Unterhaltung ist also weiterhin gesorgt. Die Bewertung der Begegnungen erfolgt zu 80 Prozent durch ein Jury-Urteil (Song, Video, Gesamteindruck), den Rest macht das Publikums-Voting aus. Der Final-Showdown beginnt Ende September. Im Oktober wird der Video-Battle-King gekrönt. Dass der Sieger dann aus Basel kommt, ist nicht unrealistisch. Man wird es an dieser Stelle erfahren.

Wer die Basler VBT-Teilnehmer live erleben möchte, kann das diesen Samstag ab 23.20 Uhr auf dem Barfüsserplatz in Basel. Dort wird im Rahmen des Jugendkulturfestivals das 83-minütige Monsterprojekt «1 City 1 Song» live präsentiert – mit über 140 Rappern aus Basel und Umgebung. Hier die soeben eingetroffene Kurzdoku dazu…

Knallige Bilder zu düsteren Texten

Joel Gernet am Donnerstag den 22. August 2013

Laszive Damen, bewaffnet mit Spritzen, leicht bekleidetet und stark geschminkt. Gefesselte Körper, die unter Wasser treiben. Masken, Feuer, Rauch und mittendrin Rapper Tiz. Es sind skurrile Bilder, die uns der Basler im Vorab-Video seines ersten Albums serviert. Gesellschaftliche Abgründe, die durch überzeichnete, knallige Bilder mit einem Augenzwinkern kontrastiert werden. Der Beat mit seinen trockenen Drums und den obskuren Streicher-Samples unterstreicht die düstere Grundstimmung der Raps.

«Mir sinn Kinder, sinn verspielt und vielfältig.
Wärde erscht mit dr Zyt still und zwiespältig.
D Gsellschaft mit ihrem Leischtigsdruck
hett vo unsere Träum scho die meiste gschluckt.»

Die Zeilen aus der ersten Strophe des Songs bringen dessen Vibe auf den Punkt. Es ist der Titeltrack «Verloreni Kinder» des gleichnamigen Albums, das Ende Jahr erscheinen soll. Wenn man Tiz über seinen Erstling reden hört, dürfte es auf der CD im ähnlichen Stil weitergehen. Auf seinem Debut beschäftigt sich der 29-Jährige mit den Schattenseiten seines bewegten Lebens, geprägt von familiären Schicksalsschlägen, Schulden und dem Fall durch die Maschen der behördentlichen Auffangnetze.

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Inzwischen hat Tiz Tritt gefasst und steht mitten im Leben. Ein guter Zeitpunkt, um auf Albumlänge mit dem Geschehenen abzuschliessen und ein neues Kapital aufzuschlagen. Die ersten Mosaiksteine des kommenden Albums hat Tiz vor über zehn Jahren zurechtgelegt. Auf seinem Weg wird der Basler begleitet von Beatproduzent Simsalabim, der für die Soundunterlagen auf «Verloreni Kinder» verantwortlich ist – abgesehen von zwei Tom-Keenig-Beats. Die Scratches liefert DJ Ill-Stylez.

Dass Tiz sein aufsehenerregendes Video bereits jetzt – gut ein Vierteljahr vor der geplanten Veröffentlichung – lanciert, ist kein Zufall: Wie bei vielen aus Eigeninitiative entstandenen Musikprojekten, fehlt auch hier das Geld zur standesgemässen Realisation. Zusammen mit einem Privatkonzert im Birds Eye Jazzclub am vergangenen Sonntag markiert das Video deshalb den Startschuss zur letzten Produktionsphase – in der man auf der Crowdfunding-Plattform WeMakeIt das nötige Geld für den letzten Schliff generieren will.

1097267_415141861928650_1440032534_oDas neue Video illustriert dabei auf ansehnliche Weise, was den Hörer erwartet. Abgedreht wurde der Kurzfilm innerhalb von zwei chaotischen Tagen – ohne jegliches Budget und mit viel Improvisation. In Anbetracht der Umstände kommt der Clip ziemlich amtlich daher. Verantwortlich dafür sind das Organisationstalent von Tiz’ Freundin Robyn Benz und der Enthusiasmus der beiden Filmer Lionel Wirz und Samuel Scherrer aus dem Hause Akt3.

Mit dem Vorab-Video zu «Verloreni Kinder» hat Tiz quasi über Nacht ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Ob und wann der 29-Jährige Rapper den Schlusspunkt unter sein bewegtes Albumprojekt setzen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Vom Rapper zum Bünzli

Joel Gernet am Donnerstag den 15. August 2013

Die Schweizer Streetrap-Ikone Griot heisst jetzt wieder Mory – und ist Komiker: Mit seinem Allschwiler Kumpel Djibril bildet der Binninger das Comedy-Tagteam «Zwei Bünzlis». Wir haben uns mit den beiden im Video-Interview über Latrinen-Geschäfte, Gesellschaftskritik und einen Bünzli namens Eric Weber unterhalten.


Grossmäuler unter sich: Djibril und Mory erklären, warum sie Bünzlis sind.

Wenn Mory redet, ist man sich nie ganz sicher, was grösser ist – seine Klappe oder sein Bizeps. Ausser er ist mit Kumpel Djibril unterwegs, dann plappern sie sich ihre Lippen wund. So auch am Grossbasler Rheinufer, wo wir uns treffen, um über ihr Podcast-Projekt «Zwei Bünzlis» zu reden. Noch bevor die Kamera läuft, übertreffen sich die beiden mit Anekdoten zu Muhammad Ali, dessen Name auf Morys Muskelshirt prangt. «Ali macht das gleiche wie wir: Er hat eine riesige Klappe, ist eigentlich als Boxer bekannt, aber sobald man ihn ein Mikrophon hinhält, gehts los – sensationell!», schwärmt Djibril.

Seit Anfang Jahr stellen die Zwei Bünzlis ihre Dialoge in unregelmässigen Abständen ins Internet. Ins Auge stechen coole Comic-Bilder statt Fotos. Auf die Ohren gibts nach einer hämischen Warnung an die Hörer ein Brett von einem Intro, bei dem Kuhglocken und Handörgeli plötzlich von einem basslastigen Dubstep-Beat weggeblasen werden. Dicke Post!

Zwei Bünzlis: Griot und Djibril.

Ganz klar: Der Reiz der selbsternannten «Neo-Bünzlis» besteht vor allem auch darin, dass die beiden «afroeidgenössischen Euroafrikaner» so gar nicht dem gängigen Spiesser-Klischee entsprechen. «Wenn man uns betrachtet, sieht das zuerst gar nicht nach Bünzli aus», erklärt Mory. Aufmerksamkeit durch Irritation heisst hier das Konzept. Und Djibril ergänzt: «Schweizer sind pünktlich, zuverlässig und seriös, das ist eigentlich etwas Tolles – doch die Schweizer machen mit dem Wort Bünzli etwas Negatives daraus.» Djibril und Mory jedenfalls sind stolz darauf, Bünzlis zu sein. Und ähnlich wie afroamerikanische Rapper das negativ behaftete Wort «Neger» zu dessen Gegenteil konvertiert haben haben, verwenden die beiden Schweizer mit Wurzeln in Guinea und Mali nun den – zugegeben wesentlich weniger problematischen – Bünzli-Begriff im positiven Sinn um.

Auch die beiden Bünzli haben sich in ihrer vorletzten Episode eingehend mit dem N-Wort und dessen Verwendung beschäftigt. Comedy als Gesellschaftskritik – noch offensichtlicher zeigt sich dies bei der eben veröffentlichten sechsten Episode, in der Djbril und Mory zum zweiten Mal den Basler Rechtspopulisten Eric Weber auf die Schippe nehmen. «Wir machen zwar gerne Spässe über ihn, aber man darf nicht vergessen: Weber ist ein Rassist – das muss man im Hinterkopf behalten», stellt Djibril klar. Natürlich kommen bei den Afro-Bünzlis auch Macho-Gehabe und Sprüche unter der Gürtellinie nicht zu kurz. Wenn sich Djibril und Mory über Latrinen-Geschäfte bei der Arbeit philosophieren, überkommt den Hörer ein Gemisch aus Faszination und Ekel, wie man es von anderen Feuchtgebieten her kennt.

Begonnen hat das Bünzli-Gehabe nach Morys Rücktritt als Solo-Rapper im Jahr 2010. War früher Djibril an Griots Konzerten als Stand-Up-Comedian mit dabei, heftete sich der Rapper nun an die Versen seines Kumpels. Vom Rapper zum Komiker – insbesondere bei Griot ist das ein bemerkenswerter Schritt, hat der Binninger in den vergangenen rund 15 Jahren doch das Schweizer Subgenre Streetrap wesentlich mitgeprägt, einige sagen sogar: begründet. Für viele ist Griot noch heute ein Vorzeigebeispiel, wenn von Schweizer Rap mit Gangster-Attitüde die Rede ist. «In meinen Raps war immer schon viel Humor, nur hat das niemand verstanden – im Podcast kommt diese Seite nun mehr hervor», findet Mory lachend, um kurz darauf mit einem Augenzwinkern klarzustellen: «Ich lache nur, weil ich fröhlich bin, nicht, weil ich lustig bin – sonst meinen die Leute noch, ich sei sympathisch.»

Wer ist authentischer: Rapper Griot oder Komiker Mory? So siehts der Protagonist…

Im echten Leben sind Djibril Traoré und Mory Konde gemäss eigenen Angaben übrigens «IT Psychologe» und «Bodyflüsterer». Dass es ihr Audio-Geblödel eines Tages auch in Bewegtbild gibt, schliessen sie ebenso wenig aus wie Bühnenauftritte. Zuerst gilt es aber, den noch jungen Podcast voranzutreiben – dazu wären eine verbesserte Tonqualität und eine zeitliche Straffung der Episoden nicht die schlechteste Idee. Weiter gehts auf jeden Fall, denn wenn die beiden Kumpel aufeinandertreffen, sitzt das Mundwerk lockerer als der Büstenhalter von Topless-DJane Micaela Schäfer.

Drei starke Duos und ein funky Supplement

Joel Gernet am Donnerstag den 6. Juni 2013

Gleich drei neue regionale Rap-Releases lassen die Szene am Rheinknie zur Zeit im besten Licht erstrahlen: Mit «Airplane To Paradise» präsentieren die Ladies PearlBeatz und Quenn ihr erstes Kollabo-Album; Dirty D und Trace ballern mit «Startschuss» ein eindrückliches Signal in den Himmel; und Scout legt nach über einer Dekade seinen allerersten Solo-Release überhaupt vor.

Pearlbeatz & Quenn – Airplane To Heaven.

Pearlbeatz & Quenn – Airplane To Heaven.

Wie es sich gehört, gewähren wir an dieser Stelle den Damen den Vortritt. Insbesondere in der Testosteron-geschwängerten Rapwelt ist das ganz wichtig. Zum ersten Mal gemeinsam aufhorchen liessen PearlBeatz & Quenn im Herbst 2011 mit einem Song auf Pearls Produzenten-Album. Zwei Jahre später präsentiert das Duo nun ihr Kollabo-Album «Airplane To Paradise». Die samtweiche Stimme von Quenn zieht den Hörer sofort in Bann – der Rapperin und Sängerin würde man vermutlich auch zuhören, wenn sie Packungsbeilagen vorliest. Das Hochdeutsch der Baslerin ist einwandfrei, manchmal fast zu perfekt.

Dass der erste Song «Startklar» reimtechnisch nicht zu den besten des Albums gehört, ist leider etwas unglücklich. Scheint ein älterer Track zu sein, auf dem Quenn eigentlich mein Album-Fazit vorzieht: «Danke denen, die an uns glauben, die jetzt schon das in uns sehen, was erst Entwicklung braucht», rappt die Baslerin und liegt damit absolut richtig. Man hört nämlich, dass Quenns Raps und Pearls Beats hervorragend miteinander harmonieren. Und dass man sich in den letzten zwei Jahren gehörig entwickelt hat. Bester Beweis ist «Showgirl», ein Song über eine selbstbewusste Vorstadtfrau, die weiss, was sie will und macht. Ein Beat wie aus dem Pariser Varieté, dazu der buttwerweiche, lockere Singsang von Quenn – ganz gross, dieses Ding!


Ausnahmsweise auf Englisch: Pearlbeatz & Quenn mit «Evil Clowns». Dieser Song ist nicht auf dem Album vertreten.

Im Titeltrack «Airplane To Paradise» philosophiert Quenn über Todessehnsucht. Und kommt zum Schluss, dass sie das Paradies in sich selbst – im Diesseits – finden kann. Ebenfalls um den Tod gehts im Song «Der Zug rollt»: Über einen knackigen Beat mit sphärischen Stimm- und Piano-Samples schildert die Rapperin, wie sie im Alltagsstress bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt und danach die Szenerie vom Jenseits aus beobachtet. Packendes Storytelling.

Trotz seiner tragischen Momente ist «Airplane To Paradise» keine düstere Platte. Das beweisen Songs wie «Easy» und «Hallo mein Lieber» – zwei Tracks, so stark wie dieses Album, dessen Fazit ihr ja bereits oben lesen konntet. Ein solides Debut eines vielversprechenden Duos.

Trace & Dirty D – Startschuss.

Trace & Dirty D – Startschuss.

Ebenso vielversprechend kommen Trace und Dirty D mit ihrer Gratis-EP «Startschuss» (download hier) daher. Auf insgesamt sieben Songs zeigen sich die beiden selbstbewusst und nachdenklich zugleich. Nachdem man der Schweizer Rapszene einen «Tritt ins Gsicht» verpasst hat, lassen der Rodersdorfer Trace und der Allschwiler Dirty D auf «Alles wo blibt» die Höhepunkte und Tiefschläge ihrer bisherigen Rapkarrieren Revue passieren – ein ganz starker Song mit super Hook und stimmigem Beat. In eine ähnliche Richtung geht «Schall und Rauch» (siehe Video), der mich vor das Luxusproblem stellt, dass ich mich nicht entscheiden kann, welchen Song ich mehr mag. Worum es auf Songs wie «Kings» oder «Läbe für das» geht, muss bei diesen Titeln ja eigentlich nicht erklärt werden.

Die Beats auf der «Startschuss»-EP überzeugen durchs Band und bewegen sich alle im Bereich gut bis sehr gut. Vom Club-Banger bis zum melancholischen Piano-Heuler ist alles dabei. Dass die sieben Soundunterlagen von sechs verschiedenen Produzenten stammen (von denen ich schändlicherweise noch nie gehört habe), macht die Sache umso interessanter. Dass Dirty D ein guter Rapper und Hoffnungsträger ist, habe ich ja bereits einmal geschrieben. Die grosse Offenbarung dieser EP ist für mich Trace: Früher hat man den jungen Rapper weniger wegen seiner Skills, sondern vielmehr wegen seiner Aufdringlichkeit wahrgenommen, beziehungsweise ignoriert. Jetzt steht uns da ein selbstbewusster Rapper gegenüber, der massive Fortschritte gemacht hat und wunderbare Refrains schreiben und singen kann. Chapeau! Von der Nervensäge vom Hoffnungsträger – ich mag solche Geschichten. Und ich liebe Gratis-Downloads von derart herausragender Qualität. Jungs, jetzt muss ein Album her!

Scout – Ohni Sorge.

Scout – Ohni Sorge.

Als Letzter reiht sich Scout MC aus Pratteln ein. Nach über zehnjähriger Absenz präsentiert der Ausnahmerapper nun sein erstes Solo-Album «Ohni Sorge». Und der Name ist Programm: Man hört dem Familienvater an, dass sich in seinem Leben einiges verändert hat – in die richtige Richtung.

Wenn Scout über Freunde, Familie und das Leben im Allgemeinen rappt, strahlt er eine ansteckende Zufriedenheit aus. Man meint beim Zuhören förmlich das Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Das erlebt man nicht oft. Aus dem herausragenden Freestyle-Rapper, der um die Jahrtausendwende von sich Reden machte, ist ein Musiker geworden.

Neben dem positiven Vibe bestechen vor allem Scouts intelligente Texte – und seine Gesangskünste, die er etwa auf dem Titeltrack «Ohni Sorge» zeigt. So ist eine Art Songwriter-Rap-Album entstanden, das auch durch die Handschrift des Gitarristen Andreas Röthlisberger geprägt wird. Im Kellerstudio des Muttenzers wurde Scouts Album in Eigenregie produziert und aufgenommen. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits verfügt das Album so über einen ganz eigenständigen Klang; andererseits würde den Gitarren-dominierten Beats auf Albumlänge etwas mehr Abwechslung nicht schlecht bekommen. Scout und Röthlisberger haben mit wenigen Mitteln ein hervorragendes Album erschaffen – und damit auch das Fundament für weitere Musik.

Das funky Supplement kommt an dieser Stelle von DJ Ace. Der Basler bereichert die HipHop-Szene am Rheinknie mittlerweile seit rund zwei Jahrzehnten als Sprayer, Breaker, Party-Organisator, Shop-Betreiber – und vor allem als DJ und Beat-Produzent. In eben dieser Funktion hat der Tausendsassa kürzlich das neue Video zu seinem Breakdance-Song «Arsal The B-Boy» veröffentlicht. Der Track – ich würde ihn liebevoll als Mariachi-Funk bezeichnen – erschien 2012 auf auf dem Soundtrack zum «Battle Of The Year», das sind sozusagen die Weltmeisterschaften im Breakdance. Im Video zu sehen ist das Who-is-Who der Basler Breakdance-Szene: Jay-Roc, Still-Ill, Ben-X, TK-O, Janick und Pedrolic, gemeinsam bekannt als Ruff’n’X. Das Video ist von Jakebeatz (PW Records). Viel Spass…