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Silberrücken, Amazonen und eine Unerhörtheit

Joel Gernet am Freitag den 13. Februar 2015

Da geht was in der Basler Rapszene: Gemeint sind nicht nur die Meisterwerke von Chilz und Zitral, sondern auch zahlreiche Veröffentlichungen der letzten Stunden und Monate – von Vybesbildern bis Samoon. Etwas aber geht gar nicht!

Herausragend: Chilz über den Dächern Basels. (Bild: Screenshot «Swiss Steet Life»)

Herausragend: Chilz über den Dächern Basels. (Bild: Screenshot «Swiss Steet Life»)

Wenn diese beiden Silberrücken Silben spucken, hagelt es Punchlines im Sekundentakt. Chilz und Zitral, beide um die dreissig, beide Teil einer grossen Basler Allstar-Rapcrew, beide seit über eineinhalb Dekaden am Mikrophon – und beide blutige Anfänger in Sachen Solo-Album. Das Warten hat sich gelohnt: Die in Eigenregie realisierten Debüts von Chilz und Zitral ragen aus den Basler Rap-Releases der vergangenen Monate heraus wie der Roche-Turm aus dem Wettstein-Quartier. So weit, dass man sogar in der Restschweiz in die Richtung dieser dopen Basler schielt.

Während Chilz auf «Innere Zirkel» lyrisch mit einer breiten Palette zwischen Wucht und Deepness auftrumpft, dreht sich bei Zitral alles nur um das Eine: «Rapmusig», angerichtet mit einer deftigen Portion Funk und einem Flavour, der seinesgleichen sucht. Zitral tauft sein Album übrigens diesen Samstag, 14. Februar, in der Kaserne Basel.

Beginnen wir den Besprechungs-Marathon bei Chilz, dessen Album «Innere Zirkel» (erhältlich auf Rappartment.ch oder iTunes) im November erschienen ist. Als Mitgründer der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke) hat der 31-Jährige in den vergangenen Monaten regelmässig bewiesen, dass er ein technisch versiertes Reimemonster ist. Aggressive Punchlines, die Kinnladen in mehrfacher Hinsicht austicken lassen, durchsetzt mit smarter Gesellschaftskritik und Strassenrap-Rhetorik – so kannte man ihn bisher. Zuletzt etwa bei der grossen «Bounce Cypher» auf SRF Virus (ab Min. 11:08).

Die Gretchenfragen beim Solo-Debüt lauten nun: Überzeugt der Protagonist auch abseits seiner Crew? Und kann er den Hörern neue Facetten präsentieren? Ja! Er kann! Auf dem Song «02.01.1984» thematisiert Chilz eindrucksvoll die Suche nach seiner Mutter und bei «Uf mim Pfad» wird schonungslose Selbstanalyse betrieben. Noch mutiger für einen Strassenrapper: Chilz ist sich nicht zu schade für eine Liebeserklärung an die Mutter seiner Kinder («Nr. 1»). Auch diese Fremdschäm-Hürde nimmt er locker und ohne dabei peinlich zu wirken – was auch am unsentimentalen Beat liegt.

Kontraste wie diese machen aus «Innere Zirkel» ein facettenreiches Album, das kaum eine Schattierung auslässt zwischen Gassen-Elend und Familien-Glück. Die textlichen Gegensätze sorgen dafür, dass Zwischentöne noch subtiler wirken – und sie machen bissige Punchline-Songs noch wuchtiger. Etwa bei Bangern wie «Swiss Street Life» oder dem Titeltrack «Innere Zirkel» mit K.W.A.T.-Kumpel Kush. Bewährte Strassenrap-Kost mit deftigen Kopfnicker-Beats, perfekt fürs Autoradio. Elektronisch-experimentell wird es beim Party-Tune «Presslufthammer» und dem sphärisch-obskuren «Anderi Wält».

Einen spannenden Mix von Lokalpatriotismus und Gesellschaftskritik gibts auf der Schweiz(er)-Hymne «Goodman» und dem sehr originellen «Mir wei luege». Ein Song, auf dem Chilz mit Sam (Rapreflex/K.W.A.T.) liebevoll die Baselbieter Macken und die Hassliebe zwischen Stadt- und Landkanton aufs Korn nimmt. Herrlich, wie die beiden im Baselbiet aufgewachsenen Rapper den Spagat zwischen Land-Idylle und Grossstadt-Hustle auf den Punkt bringen! Der differenzierte, selbstironische und kritische Umgang mit «Gangsterrap» steht Chilz gut an und lässt ihn umso authentischer wirken – gerade auch durch die Kontraste und Widersprüche, die das Leben mit sich bringt.

Abgesehen von den K.W.A.T.-Homies kommen die Gastbeiträge von ausserhalb: So geben sich auf «Innere Zirkel» der Zürcher Rapper Steezo, Webba aus Bern und die in Luzern lebende Baselbieter Raplegende Shape MC die Klinke in die Hand. Noch breiter gefächert ist die Sound-Palette: Die Album-Beats stammen von neun verschiedenen Produzenten, von denen das PW-Records-Trio um Jakebeatz, Sandro Purple Green und Manoo das Herzstück bildet. Letztgenannter war auch für die künstlerische Leitung und das herausragende «Swiss Street Life»-Video zuständig.

Die Schwachstelle des Albums ist die schwankende Beatqualität. Stellenweise wirkt die Soundunterlage etwas schmalbrüstig neben dem Powerrap von Silberrücken Chilz. Dieser, das bestätigt sich auf «Innere Zirkel» eindrücklich, präsentiert wie erhofft die geballte Wortwucht. Es sind Boxhiebe eines Bären, durchsetzt mit subtilen Zwischentönen.

Boxhiebe eines Bären – das sind auch die unverschämten Punchlines des Birsfelder Rappers Zitral, der sein Debüt-Album «Rapmusig» (erhältlich bei Rappartment.ch oder auf iTunes) am 14. Februar in der Kaserne Basel tauft. Ansonsten aber kommt der TripleNine-Member ganz anders daher als Chilz: Persönliches? Fehl am Platz! Ein Heer an Produzenten? Nie und nimmer! Dieses Album ist das Gegenteil von vielseitig – und das ist gut so. Denn der Flavour und die Frechheit, mit der Zitral die Musik und sich selber huldigt, wiegt auf, was man bei anderen Rappern schmerzhaft vermissen würde. Ignoranz und Selbstverliebtheit kann so sympathisch sein.

10959843_10205111533020416_7104907161365043374_nHier gilt es anzufügen, dass der Autor nicht aus neutraler Warte schiessen kann: Zitral ist sein Bandkollege bei der Basler Allstarcrew TripleNine. Im Gegenzug kann der Schreibende dem Beschriebenen nach einem gelungenen Rap-Part direkt sagen, dass er ein Arschloch ist. Hurra! Warum? Weil Zitral seine Zeilen so locker aus dem Handgelenk schüttelt, dass jedes gegenüber verdammt alt aussieht.

Zitrals Debut «Rapmusig» ist so etwas wie der Running Gag des Basler Raps: Vor Jahren vollmundig angekündigt, wollte es partout nicht zur Vollendung kommen. Das Album ist quasi die Basler Version von «Detox», dem ominösen Album von US-Rapstar Dr. Dre – dieses wurde 2004 angekündigt, ist aber bis dato nie erschienen. Allerdings hat Zitrals Erstling nun tatsächlich das Licht der Welt erblickt!

Abgesehen von vereinzelten Querschlägern rappt der Birsfelder auf 22 Songs über nichts anderes als Rap. Eigentlich haarsträubend. Aber: Was anderswo zur Tortur wird, entwickelt sich beim 32-jährigen Grossmaul zum Hörgenuss: Die Raps von Zitral sind irrwitzig, tollkühn und unvorhersehbar, verschachtelt oder so genial einfach, dass man sich fragt, warum das bis jetzt noch niemand so straight formuliert hat. Kurz: Beste Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Auf Refrains verzichtet Zitral mit Vorliebe, stattdessen erhalten sein Stuuberocker-Bandkumpel DJ Freak und Brandhärd-Plattendreher Johny Holiday viel Platz für ihre Scratch-Orgien. Für den roten Faden sorgt TripleNine-Hausproduzent SimonAyEm, mit dem Zitral seit 1998 als kongeniales Duo funktioniert. Der Basler Sample-King hat sämtliche Album-Beats auf seinem MPC-Sequencer zusammengeschustert. Beats, wie massgeschneidert für Funklord Zitral. Die rappenden Gäste auf «Rapmusig» sind wohldosiert und umso effektvoller: Neben dem Berner Alleskönner Greis (Chlyklass) sind dies Zitrals TripleNine-Kumpel Abart, Cinzoman und SimonAyEm.

Knochentrockene Drumsets, gepaart mit herzerwärmenden Funk-, Soul- und Jazzsamples, gelegentlich mit obskuren Untertönen. In seiner Gesamtheit ergibt das eine HipHop-Platte im Vibe des amerikanischen Eastcoast-Rap der 90er Jahre. Zitral ist so zeitlos, dass er der Zeit fast schon wieder voraus ist.

Natürlich sind die überragenden Solo-Alben von Chilz und Zitral nicht die einzigen Basler Rap-Releases der vergangenen Monate. Deshalb hier ein kurzer alphabetischer Überblick über die jüngsten Releases von Abart, Dritte Stock, E-Light, Einzelgänger, Jean Deig und Samoon.

Zuvor unterbrechen wir das Programm aber kurz für eine soeben eingetroffene Sondermeldung; Heute Freitag, 13. Fabruar, haben sechs Ladies aus der Region via Soundcloud die Free-EP «Skillz on Fire» lanciert. Der Zusammenschluss der Rap-Amazonen nennt sich Vybezbilder und umfasst mit Nefera, Bina, Sista Lin, Merl, Luana und Pearlbeatz praktisch jede Basler Rapgeneration. Zusammengefunden haben die Damen bei Black Tigers 83-Minuten-Monster «1 City 1 Song».

Zurück zum alphabetisch angeordneten Release-Programm der vergangenen Monate: Neben Zitral war auch dessen Bandkumpel Abart alles andere als untätig. Klar! Dieser hat schliesslich den Titel als produktivster TripleNiner zu verteidigen. «Zur Sunne und zrugg» (ZSUZ) heisst der Gratis-Release, veröffentlicht im Dezember via Soundcloud. Die EP umfasst vier Songs und ein Thema: Hier wird eine Beziehung vom Verlieben bis zum bitteren Ende seziert. Persönlich, ehrlich und solid, untermalt mit Beats von Silenus, dem jüngsten TripleNine-Zuwachs. Das gemeinsame Projekt 787 hat inzwischen konkrete Formen angenommen. Bevor es soweit ist, lanciert aber Abart bald seine neuste Free-EP «Schädel». Soviel zum Thema aktivster TripleNiner.

Seit Herbst im Umlauf ist das auf Mundart und Englisch gehaltene Debut-Album «Dritti Art» (Free-Download) des jungen Basler Trios Dritte Stock um MicG, InteLekt und Mastermind Sherry-Ou. Dieser ist bereits bei der letzten Staffel des Swiss Video Battle Turniers positiv aufgefallen. Im Kreis der Crew wird sein Talent noch offensichtlicher: Sherry-Ou rappt so rund wie sein Name klingt. Seine Kumpel hingegen holpern phasenweise etwas gar hölzern durchs Alphabet. Vor allem die englischen Raps sind hart an der Schmerzgrenze.

Wenn schon Schweizer Rap auf Englisch, dann bitte so smooth wie beim Aargauer Duo Nefew, deren neues Album «Rise of the Antihero» Kritiker wie Fans gleichermassen verzückt – völlig zurecht. An der Beat-Front gibts im Dritten Stock nachdenkliche Pianoläufe, sphärische Synthies und gelungene Ausflüge in Richtung Drum and Bass und Dubstep. Die Texte drehen sich vorzugsweise um die Liebe zu Musik und um die Träume und Tragödien des Alltags. Dritte Stock sind verspielt und experimentell – vor allem aber noch ganz am Anfang. Ein zartes Pflänzchen. Mit Fleiss und Hartnäckigkeit könnte das noch etwas werden – ansonsten sollte sich Sherry-Ou ernsthaft Solo-Pläne machen.

Frische Kost gibts auch aus Oberdorf im Waldenburgertal. Also von dort, wo um die Jahrtausendwende unter dem legendären Label «WB-Tal» einige der damals erfolgreichsten Schweizer Rap-Platten entstanden sind. Der Junge heisst E-Light, ist noch keine zwanzig Jahre jung und hat im Oktober seine Debüt-EP «Nüt und trotzdäm meh» veröffentlicht. Gut möglich, dass nach eineinhalb Dekaden wieder Grosses entsteht im Oberbaselbiet: E-Light ist hungrig, verspielt, raptechnisch versiert und thematisch vielseitig. Vor allem aber legt er eine Euphorie an den Tag, die ansteckend wirkt. Kein Wunder, hat es der Teenager nicht nötig, verkrampft den Macker zu markieren. Talent statt Testosteron. Wenn E-Light so weiter macht und seine bisweilen etwas überhastet gerappten Zeilen um die ein oder andere Silbe kürzt, kommt das sehr gut. Ein Versprechen für die Zunkunft – auf dass das legendäre «WB-Tal» wieder von sich reden macht.

Wir bleiben im Baselbiet. Und zwar bei einem Phänomen namens Einzelgänger. Der junge Leimentaler ist seit Jahren hartnäckig am Ball. Nachdem er sich quasi in Isolation das Rappen und Beat-Produzieren beigebracht hat, tritt er inzwischen mit diversen Kollabo-Projekten in Erscheinung. Auf das Album «Antarctica» mit Kaotic Concrete folgte nun «Rune & Legände» mit dem Walliser Rapper Sevsnite. Die gebotene Musik macht dem sagenumwobenen Albumtitel alle Ehre und kommt pathetisch und brachial auf dem Schlachtross daher geritten – in Sachen Text und Beat. Hier sind offensichtlich keine Feinmotoriker am Werk, aber das passt ganz gut so: Rap mit Heavy-Metal-Attitüde ist in der Schweiz nicht so verbreitet. Das macht sie um so unverwechselbarer. Und es soll im selben Stil weitergehen: Für diesen Sommer kümmert Einzelgänger das Album seines Projekts Underground Legends an. Der passende Name: «The Clash Of The Titans». Mit von der Partie sind Tekneek (UK), Kaotic Concrete, Mr.G und Micky Gargano.

Der Baselbieter Rapper Jean Deig – früher unterwegs mit der Crew Unter Umständ – ist fast das pure Gegenteil zu Einzelgänger: Seine Musik erforscht nicht die düsteren Ecken vergangener Mythen, sondern eher die sonnigen Seiten des Alltags. Folgerichtig ist der Name des Solo-Debuts: «Uff die guete Ziite» (iTunes). Ein Album voller Humor und Ironie («Anerkennig») mit nachdenklichen Zwischentönen («Vater») und funky Momenten («Besserwüsser»). Die gesungenen Hooks sind Geschmackssache.

Jean Deigs Soundunterlagen stammen alle vom Berner (?) Produzenten Bone Beatz – die vielen guten Ansätze werden leider über weite Strecken durch ein generelles Manko an Durchschlagskraft beschnitten. Eines der stimmungsvollsten Samples hat man zudem schon 2011 bei Kool Savas gehört («Aura»). Das ist fast so dreist wie der Berner Feature-Gast (Name unbekannt), der schamlos den Rapstil von Chlyklass-Rapper Baze kopiert. Das geht gar nicht!

Einer der Höhepunkte des Albums: Der Song «Genau darum», auf dem Primarlehrer Jean Deig seine Arlesheimer Schulklasse ans Mikrophon bittet. Sehr originell mit einem lüpfigen Akkordeon- und Xylophon-Beat. In Anbetracht der vielen guten Ansätze fragt man sich, warum Jean Deig nie böse wird in seinen Raps. Hat er Angst, seine Schüler zu verstören? Das Album lässt eher einen anderen Schluss zu: Hier rappt ein gut gelaunter, positiver Mensch, der genügend selbstbewusst ist, um nicht künstlich den Harten zu markieren. Sehr erfrischend!

Richtig cool daher kommt das Album «Gueti Miene zum böse Spil» des Duos Samoon um Hunter S. Thompson und Red Cap. Seit rund zehn Jahren aktiv, spitten die beiden Baselbieter nun zum ersten Mal auf Albumlänge zusammen. Dabei harmonieren die beiden so gut, wie kaum ein anderes Schweizer Zweiergespann zur Zeit: Die beiden übergeben sich das Zepter am Mikrophon teilweise so rasch, dass der Hörer kaum weiss, wer das Wort hat. Das ist abwechslungsreich, spannend und – trotz der vielen Wechsel – absolut harmonisch. Ein Zahnrad greift perfekt ins andere. Eine gut geschmierte Reim-Maschine, die beweist, dass viele Rapper ihre ellenlangen Ego-Ergüsse innerhalb eines Crew-Tracks gerne zurecht stutzen dürfen – zum Wohl des Gesamtprodukts. Inhaltlich bieten die beiden neben dem gewohnten Auf-die-Fresse-Rap auch Gesellschaftskritik («Statussymbol») und Nachdenkliches («Schicksalsschlag»).

Ganz stark ist der Song «Räptourischte», in dem Samoon über einen fröhlichen Beat alle Mode-Rapper in die Einzelteile zerlegen. So machts Spass! Abgerundet wird das Ganze durch die Scratches von DJ Steel (Makale), der einmal mehr sein Ausnahmekönnen unter Beweis stellt. Achja, was ich in Bezug auf Samoon schon lange loswerden will: Heute feiern alle (zu recht) Comptons neuen Rapstar Kendrick Lamar und seine unverkennbar weinerliche Stimmlage beim rappen – lasst euch gesagt sein: Samoon-Spitter Hunter S. Thompson hat schon so gerappt, als Kendrick Lamar noch von «Swimming Pools» träumte. Vielleicht sollte Hunter den Nachahmer aus Amerika einmal zur Rede stellen.

Bevor wir zur Aussicht auf das Basler Rapjahr 2015 kommen, müssen wir noch über die grösste Unverschämtheit 2014 reden: Kuzco hat aufgehört zu rappen, um sich auf seine Karriere als «echter» Musiker zu fokussieren! Da hat Basel endlich wieder einmal einen überfreshen Newcomer und Hoffnungsträger (wir berichteten) – und dann bricht dieser die Fahrt ab, bevor der Panzer ins Rollen kommt. Eine bodenlose Frechheit ist das! Perlen vor die Säue! Aber vielleicht kommt mit dem Alter ja die Vernunft. Immerhin hat Kuzco zum Abschied ein letztes Video hinterlassen…

Und was steht uns 2015 bevor? Hier ein intuitiver und unvollständiger Ausblick für (mögliche) Veröffentlichungen des angelaufenen Rapjahres: Endlich wieder mal mit einem Solo-Release bescheren sollte uns Black Tiger, tüchtig gewerkelt wird auch beim Basler Label Rappartment, wo Pyro an seinem nächsten Solo-Streich türftelt. Im Chilz-Umfeld K.W.A.T. sollten Kush & Levo hoffenlich bald mit einem Kollabo-Projekt kommen – und die Rapreflex-Jungs, die mit DJ Johny Holiday an einem Mixtape werkeln. Neues könnte auch von Kalmoo – der dieser Tage mit Temple Of Speed released hat – und (?) seiner Crew TNN kommen.

Gespannt sein darf man auch auf die angekündigten Alben des «heissesten Schweizer Rappers» S-Hot und von Ensy (Uslender Productions), der kürzlich einen vielversprechenden Video-Vorboten zum Album von der Leine gelassen hat.

Aus dem Zitral-Umfeld TripleNine steht neben der Abart Free-EP «Schädel» zudem das Abart & Silenus-Projekt «787» an. Und wer weiss: vielleicht kommt dieses Jahr gar ein neues Brandhärd Album. Höchste Zeit, dass die faulen Säcke den Finger aus dem Allerwertesten nehmen!

Den Abschluss machen gute Neuigkeiten aus dem Oberbaselbiet: Der Sissacher Rapper Rudee (Falschi Verbindig) hat sein Debut-Album «Leerlauf» ins Presswerk geschickt und entfacht bereits jetzt die Vorfreude mit einem vielversprechenden Snippet…

This is it. Peace & out!

«Robin hat mir mit seinen Kronjuwelen fast das Auge blau geschlagen»

Joel Gernet am Freitag den 19. Dezember 2014
Disco-Indianer: Dominique Heller und Robin Rehmann im Basler Atlantis, wo 2011 die erste «Party Hart» gefeiert wurde.

Disco-Indianer: Dominique Heller und Robin Rehmann im Basler Atlantis, wo 2011 die erste «Party Hart» gefeiert wurde.

Ein seriöser DJ lässt sich so etwas nie gefallen lassen. Nie im Leben. Ein DJ ist keine Jukebox! Ganz anders der Party-Schlachtruf von Dominique Heller und Robin Rehman: «Du bist der DJ» lautet das Motto ihrer Eventreihe «Party Hart». Heller und Rehmann sind dabei Jukebox, Clown und Hypeman zugleich – stets bewaffnet mit Konfettikanonen und ulkigen Outfits.

Nach fast fünf Jahren Disco-Gaudi mit über 50 Parties von Arosa bis Zürich blasen die beiden Radio-Moderatoren nun zum grossen Rückzugsgefecht im Atlantis Basel (20.12.) und im Riders Palace Laax (03.01.). Im Interview erklärt Dominique Heller, Morgenmoderator bei Energy Basel, wie es zum Party-Tag-Team mit der Zürcher SRF-Allzweckwaffe Robin Rehmann kam – und warum es bei ihnen musikalisch (fast) keine Schmerzgrenze gibt.

Dominique Heller, warum hört ihr auf mit eurer Partyreihe? Sind Robin und du langsam zu alt für harte Parties?
Stimmt! Wir sind jetzt beide über 30 Jahre alt, haben erste Falten und können das Party-Tempo der Jungen nicht mehr mithalten. Die Musik ist uns zu laut und nach zwei Stunden hinter den Plattenspieler haben wir am nächsten Tag Muskelkater.

Oder ist es für dich einfach nicht mehr lustig, mit einem nüchternen Robin zu feiern? Der Herr hat ja kürzlich öffentlichkeitswirksam seine Abstinenz kund getan.
Stimmt zum Zweiten! Ein nüchterner Robin Rehmann und eine Party Hart – das passt einfach nicht zusammen. Da können wir gleich rosarote Luftballons aufhängen.

Tag-Team: Robin Rehmann und Dominique Heller.

Tag-Team: Robin Rehmann und Dominique Heller.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Du mit Robin Rehmann Parties organisierst?
Wir wollten immer zusammen eine Radioshow machen. Da aber kein Programmleiter bereit war, uns gemeinsam auf die Hörer loszulassen, musste ein Plan B her. Wir überlegten uns, was wir neben dem Quatschen sonst noch gut können. Da nur das Partymachen dabei rauskam, musste es also eine eigene Partyreihe sein.

Seid ihr am Anfang bei den angefragten Clubs auf Skepsis gestossen oder war euer Konzept ein Selbstläufer?
Uns ist der Erfolg – ausnahmsweise – wirklich in den Schoss gefallen. Das Basler Atlantis hat uns mit der Idee einer Wunschkonzert-Party mit offenen Armen und viel Bier empfangen. Nach zwei erfolgreichen Ausgaben in Basel, kamen plötzlich die Zürcher auf uns zu und wollten auch auf den Zug aufspringen – um jeden Preis und mit noch mehr Freibier. Dieser Zug rollte dann weiter bis nach Aarau und hoch in die Berge nach Laax und Arosa.

Feiern die Leute in Basel anders als in Zürich oder Arosa?
Die Basler waren – musikalisch – immer die anspruchsvollsten Gäste. Sobald sie aber einmal warmgelaufen waren und die ersten Drinks intus hatten, gab es kein Halten mehr und wir brachten die Leute bei Clubschluss fast nicht mehr raus. Der Zürcher legt sehr viel Wert, dass auch bei den Backstreet Boys seine Gelfrisur und die Gucci-Tasche noch sitzt. Und in den Bergen nehmen die Leute nach vier Bier die Hütte auseinander und begatten sich mitten auf der Tanzfläche. Dort haben wir Dinge gesehen, die wir hier nicht näher ausführen sollten…

Ihr seid keine herkömmlichen DJs und habt auch kein in sich geschlossenes Sound-Konzept. Warum hattet ihr trotzdem Erfolg?
Die Welt ist voll mit einheitlichen, abgestimmten Konzepten. Langweilig! Wir machen das Gegenteil, spielen ohne Konzept wild durcheinander – und es funktioniert. Wir haben ja auch gleich zu Beginn klargestellt, dass wir keine DJs, sondern einfach Entertainer sind. Daher auch unser Claim: «Du bist der DJ». Party-Hart-Besucher dürfen sich ihre Lieblingssongs wünschen und wir spielen diese. Das war sicher der Schlüssel zum Erfolg. Wir als DJs nehmen uns nicht zu wichtig und liefern eine Show mit Verkleidungen und viel Konfetti.

Welche Songs haben am besten funktioniert, welche gar nicht? Müsstet oft an die Schmerzgrenze gehen soundmässig – sprich, billigsten Pop auspacken?
Wir sind Kommerzschlampen daher war uns beim spielen fast nichts peinlich. Was wir aber nicht abgenommen haben, waren Schlagernummern. Das war uns zu fest Bierzelt. Ansonsten lief eigentlich alles. Meistens wünschen sich die Leute zuerst einfach die grossen HipHop-, House- oder Elektro-Hits. Je später die Nacht, desto wilder werden dann die Wünsche – und desto billiger der Pop. Bei Barbie Girl oder Scooter sind die Leute erst richtig aus sich rausgekommen und haben den Alltag weggetanzt. Da musste auf dem Dancefloor keiner mehr gut aussehen. Es ging nur noch um den Spass. Und das ist doch das Entscheidende im Ausgang oder?

Welche Erlebnisse werden in besonderer Erinnerung bleiben?
Als Robin im «Borat»-Outfit auf der Bühne tanzte und mir mit seinen dicken Kronjuwelen fast das Auge blau geschlagen hat. Und in Laax hat ein junger Herr unsere Wuko-Box auseinander genommen – nur weil sein Wunschsong nicht gleich gespielt wurde. Einige Leute boten uns sogar Geld, Drogen oder Sex, nur damit ihr Wunschsong im Club lief. Natürlich haben wir immer Abgelehnt!

Morgenmoderator und Party-Organisator – beisst sich das nicht? Bist du jetzt ein Nacht- oder ein Frühmorgenmensch?
Weder noch. Ich stehe eigentlich nicht gerne früh auf, kann aber auch nicht mehr zu lange in die Nacht hineinfeiern. Ich habe also die falschen Jobs angenommen, wie ich hier in diesem Interview gerade feststellen muss. Braucht ihr bei der BaZ noch ein Laufbursche oder so?

Oder gehst Du gelegentlich direkt nach dem Ausgang arbeiten? Bei Deinen Aufstehzeiten scheint sich ja Schlaf je nachdem kaum zu lohnen.
Das würde nicht funktionieren. Der Wecker haut mich unter der Woche um 03:00 aus dem Federn und die Energy-Hörer verdienen einen ausgeschlafenen Moderator. Da die Partys aber immer am Wochenende sind und die Morgenshow unter der Woche, funktioniert das mit dem Schlafen eigentlich ganz gut. Ausser das es IMMER zu wenig ist.

Was wirst Du vermissen, wenn die Partyreihe wegfällt?
Das Freibier!

Die «Party Hart»-Abschiedstour:
Sa. 20. Dezember 2014, Atlantis Basel, Eintritt: 15.- CHF, Doors: 22.00h.
Sa. 3. Januar 2015, Riders Palace Laax, Abendkasse: 15.- CHF, Doors: 23.00h.

Das Gegenteil eines Selfie-Schnappschusses

Joel Gernet am Freitag den 12. Dezember 2014
Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Demian Bichsel ist kein Freund von Schnell- und Schnappschüssen. «Ich finde Strassenfotografie schrecklich – normalerweise bin ich ohne Kamera unterwegs», erklärt der 31-jährige Basler. Auch mit dem Smartphone schiesst er kaum Fotos. Die Umgebung, sie soll ungefiltert erlebt werden. Ohne Display dazwischen. «Diese dauerknipsenden Touristen tun mir leid», findet Bichsel.

Bevor er überhaupt die Kamera zückt, lässt er sich auf einen Ort ein, setzt sich mit seinem Charakter auseinander, und lässt das Erlebte wirken. Wenn er mit etwas zeitlichem Abstand dann merkt, dass ihn dieses Sujet beschäftigt, Bichsel nennt das «emotional hängen bleiben», wird fotografiert. «Für das Pfeilerbild an der Spree bin ich dreimal nach Berlin gereist.»

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

«Abandoned Pillar in Water Berlin» heisst das besagte Bild, das zusammen mit zwei weiteren Werken aus Bichsels Pfeiler-Serie in Basel gezeigt wird. Dies als Zwischennutzung an bester Lage in den ehemaligen Räumen der Basler Galerie Hilt an der Freien Strasse 88. Zu sehen gibt es insgesamt drei Konzeptreihen, die eine Collage-Serie aus Beldgrad umfassen – und zwei milchige Bilder, auf denen man bei genauem Hinsehen den unscharfen St. Chrischona-Turm im Nebelmeer verschwinden sieht. Faszinierend und mysteriös zugleich. «Der Autofokus meiner Kamera hat wegen dem Nebel nicht funktioniert – das fand ich spannend», erklärt der gebürtige Riehener sein Experiment. Abgesehen vom Chrischona-Nebelbild sind Bichsels Werke das Elixir ausgedehnter Reisen von Lissabon über Berlin und Rotterdam bis nach Sarajevo, Belgrad oder Budapest.

Die dabei entstandenen Bilder sind oft urban angehaucht, stets Menschenleer, und von eher dezenter Farbgebung. Poesie statt Effekthascherei. Bild-Collagen, zusammengesetzt aus bis zu 70 Einzelfotos. Die subtilen Wimmelbilder sind das Gegenteil der extrovertierten Selfie-Schnappschüsse, mit denen wir heute auf allen Kanälen zugeballert werden. Der auf den ersten Blick unspektakuläre Ansatz passt nicht nur zur durchdachten Entstehung der Werke, er bietet auch einen willkommenen Kontrast zum vorweihnachtlichen Trubel vor der Tür. Kunden, die unter dem Konsumrausch zu kollabieren, finden hier eine ruhige Bildwelt, in die sie sich flüchten können. Dazu passt auch der Titel der temporären Show: «Time & Reality II». Falls der Konsum dann doch wieder durchdrückt: Die Werke gibts zu kaufen zu Preisen zwischen 700 und 1900 Franken. «Auf Verkäufe bin ich nicht unbedingt angewiesen», erklärt Bichsel während er sich eine Zigarette dreht. «Ich mache diese Ausstellung, weil ich Spass daran habe und ich diese Gelegenheit nutzen wollte.»

Ermöglicht wurde Bichsels zweite Solo-Ausstellung auch dank der Mithilfe von Lionel Schüpbach und Marius von Holleben, zwei junge Basler Kunstvermittler, die in Bichsel einen willkommenen Partner gefunden haben. «Hier haben wir den bestmöglichen Ort», sagt Bichsel, der sich eigentlich gar nicht als Fotograf sieht. Als was denn sonst? Nach längerer Denkpause meint er schliesslich: «Ein Bündel Licht und Liebe, das ein paar Jahre auf dieser Erde verbringt.» Licht und Liebe, denkt man sich da, das sind auch wichtige Mosaiksteine der Bilder dieses Fotografen, der keiner sein will.

Demian Bichsel, Time & Reality II, Freie Strasse 88, Basel, 13. – 20. Dezember 2014, 10 – 18 Uhr.

Smash137 lackiert Basels neustes Hotel und landet einen Coup in Frankreich

Joel Gernet am Mittwoch den 17. September 2014

Kaum in Betrieb, schon versprayt: Zur offiziellen Eröffnung des neuen Basler Novotels gestaltet der Basler Graffiti-Künstler Smash137 zwei Wände. Und in Frankreich wird der Sprayer ab kommender Woche in tausenden Anwaltsbüros vertreten sein.

Abstraktion eines Namens: Die Arbeitsversion eines Smash137-Bildes im Novotel.

Abstraktion eines Namens: Die Arbeitsversion eines Smash137-Bildes im Novotel.

Die Mittagssonne kommt Graffiti-Künstler Smash137 gar nicht gelegen: Der harte Schattenwurf lässt sein entstehendes Bild an der porösen Wand in einem kantigen und körnigen Licht erscheinen. «Ich male nicht nach Farben, sondern nach Kontrast», erklärt der Basler. Angewöhnt hat er sich diese Praktik vor über zwei Dekaden als seine Sprayer-Laufbahn nachts an der Basler Bahnhofseinfahrt begann. Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte: Der 35-Jährige gehört inzwischen zur weltweiten Elite im Bereich der urbanen Kunst – und er etabliert sich langsam auch im grossen Kunstbetrieb abseits der Streetart- und Graffiti-Nische.

Adrian Falkner aka Smash137 im Novotel Basel. Foto: Lucian Hunziker.

Adrian Falkner aka Smash137 im Novotel Basel.
Foto: Lucian Hunziker.

Jetzt steht Adrian Falkner, so der bürgerliche Name von Smash137, also vor der Sichtbetonmauer auf der Rückseite des frisch eröffneten Novotels an der Basler Grosspeterstrasse und macht sich Gedanken zum Schattenspiel auf seinem Bild. Die Basler Bahnhofseinfahrt, wo sein schwungvoller Graffiti-Stil damals seine ersten Blüten trieb, liegt nur wenige Schritte entfernt. Hier, hinter Basels jüngstem Hotel, rollen allerdings nicht täglich Tausende Pendler an seinen Werken vorbei.

Hier kommen Geschäftsleute zum Zug: Die beiden Bilder von Smash137 sind von den Konferenzräumen im Untergeschoss aus zu sehen. Aus deren Perspektive wirken die Aussenbilder wie Gemälde an der Zimmerwand – eine raffinierte architektonische Lösung in Anbetracht der wenig anschaulichen Strassen und den engen Platzverhältnissen rund ums Hotel.

Ausufernd in alle Richtungen: Ein typisches Smash137-Graffiti.

Ausufernd in alle Richtungen: Ein typisches Smash137-Graffiti.

«Vom Stil her sind die Bilder ein Mischung aus meinen Innen- und meinen Aussenarbeiten», erklärt Smash137. Ein Blick auf die Wand zeigt, was er meint: An ihren Rändern lässt der Künstler seine Werke weitläufig ausklingen, wie man es von den typischen Smash137-Graffitis her kennt. In der Bildmitte hingegen werden die Strukturen verdichtet – und zwar in dem von Innen sichtbaren Bereich.

Während seiner Arbeit im Novotel geniesst Smash137 den vollen Komfort des Business- und Lifestyle Hotels. «Ich habe eine wunderbare Zeit – Ferien in der eigenen Stadt, das kann ich jedem nur empfehlen», findet der Basler, den es inzwischen ins Hotelrestaurant verschlagen hat. Vor ihm ein Clubsandwich und ein Pinot Noir von der Aescher Domaine Nussbaumer.

Verantwortlich für den regionalen Wein im Sortiment und die regionale Kunst an der Wand ist der junge Hoteldirektor Robin Deb. Der Kunstliebhaber versucht, das Quartier und die Stadt so gut wie möglich in sein Haus einzubinden. Erstaunlich und erfreulich, dass der Hotelmanager im Neubau an der Münchensteinerbrücke über so viel Freiheit verfügt – schliesslich gehören das Novotel und das angegliederte Ibis-Hotel zum weltweit agierenden Hotelgiganten Accor.

Das künstlerische Konzept des kreativen Hoteldirektors war für Smash137 ausschlaggebend für die Teilnahme. Als Vermittler hatte der Basler Streetart-Kenner und Artstübli-Betreiber Philipp Brogli seine Finger mit im Spiel. Der Auftrag im Novotel ist für Smash137 der erste Basler Auftrag seit längerer Zeit. «Ich lehne bedeutend mehr Anfragen ab, als ich annehme», erklärt der 35-Jährige. Ein Privileg, das nicht jedem Künstler zuteil wird. Wen oder was der Basler berücksichtigt, hängt auch von dessen Jahresplanung ab: Herzstück neben diverser Gruppen-Projekten sind im besten Fall eine grosse Einzelausstellung im Frühling und im Herbst (auch keine Selbstverständlichkeit).

Parkhausdach: Das Smash137-Projekt «The Z» in Detroit. Foto: Sal Rodriguez

Parkhausdach: Das Smash137-Projekt «The Z» in Detroit.
Foto: Sal Rodriguez

Vor einem Jahr war das etwa in Detroit mit der Solo-Show «Disclosure» der Fall: Smash137 erschuf sämtliche Werke vor Ort und sorgte zudem für Aufsehen, als er die Spitze eines brandneuen Parkhauses grossflächig bemalte: Dieses wurde von Dan Gilbert erbaut, ein führender Kopf beim Wiederaufbau der heruntergekommenen Auto-Metropole und Besitzer der Cleveland Cavaliers.

«Einmal hat mich Dan mit der ganzen Basketballmannschaft Besucht», erinnert sich der Basler. «Das war ein Highlight – schliesslich habe ich wegen Sportmannschaften wie den Cavaliers mit Graffiti angefangen.» Dazu sei gesagt: In den 90er Jahren waren die Klamotten amerikanischer Baseball, Basketball und Football-Teams in der HipHop-Szene das Nonplusultra – US-Sport und Rap wurden auch am Rheinknie quasi in einem Atemzug aufgesogen.

Coup: Das französische Zivilrechtsbuch mit dem Cover von Smash137.

Coup: Das französische Zivilrechtsbuch mit dem Cover von Smash137.

Diesen Frühling hatte Smash137 zudem eine grosse Solo-Ausstellung in Paris, für die er mit rund 50 Bildern überdurchschnittlich viele Werke abliefern konnte. «Im Arrondissement, in dem sich die Galerie befand, gehört Kunstsammeln zum guten Ton», erklärt Adrian Falkner, dem kommende Woche in Frankreich eine ganz spezielle Ehre zuteil wird: Eines seiner Bilder ziert das Titelblatt des neuen Zivilgesetzbuches (Code Civil 2015) und dürfte somit bald im Regal von tausenden Anwälten stehen.

Da kann sich auch Sprayer Smash137 ein Schmunzeln nicht verkneifen. «Viele Pariser Kunstsammler sind Anwälte – anders kann ich mir das nicht erklären. Ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.»

Im Dezember bestreitet der Basler seine nächste Einzelausstellung in Saarbrücken. Die Vorbereitungen laufen. Zuerst aber müssen die beiden Bilder im Novotel beendet werden. Die Mittagssonne hat sich inzwischen verzogen. «Die Sonne ist weg – so geht es schon viel besser», findet Smash137 und setzt zu einer Linie an.

Strassenkunst findet in der Markthalle ein Zuhause

Joel Gernet am Freitag den 27. Juni 2014

Die Urban-Art-Plattform «Artstübli» wird nach jahrelangem Vagabunden-Dasein im Mantelbau der Markthalle sesshaft. Die Eröffnung während der Art Basel verlief vielversprechend.

Frischer Wind: Der «Artstübli»-Ausstellungsraum im Mantelbau der Markthalle. (Foto: Joël Gernet)

Frischer Wind: Der «Artstübli»-Ausstellungsraum im Mantelbau der Markthalle. (Foto: Joël Gernet)

Die Basler Markthalle hat einen Farbtupfer mehr: Neben dem Seiteneingang am Steinentorberg hat sich das «Artstübli» eingenistet. Pünktlich zur Art Basel wurde der Ausstellungsraum eröffnet. Auf 124 Quadratmetern gibts urbane Kunst von Graffiti bis Streetart zu sehen, präsentiert in einem lichtdurchfluteten Raum mit grossen Fenstern, hölzernem Fischgrätparkett und Ausblick auf das Heuwaage-Viadukt. Vor Kurzem befand sich hier ein angestaubtes Antiquitäten-Lager.

«Es war einiges los letzte Woche», sagt Betreiber Philipp Brogli zufrieden. Wie erhofft, haben zahlreiche Art-Besucher spontan vorbei geguckt, was natürlich wesentlich mit der «Volta 10» zusammenhängt. Die Nebenmesse ist dieses Jahr vom Dreispitz in die Markthalle zurückgekehrt. Wer von der Heuwaage her kommt, spaziert fast automatisch ins «Artstübli».

«Mr. Artstübli» Philipp Brogli.

«Mr. Artstübli» Philipp Brogli.

Anders als an der Art Basel kann sich hier fast jeder ein Stück Kunst leisten. Die Fine Art Prints und Siebrucke kosten zwischen 100 und 600 Franken. Wer eines der wenigen Originalbilder kaufen will, muss zwischen 2800 und 8000 Franken locker machen. «380 Franken für einen gerahmten und limitierten Druck sind für einen Art-Besucher ein Klacks», findet Brogli. Dass sich der Basler Urban-Art-Förderer bei seinem Angebot auf sogenannte Prints spezialisiert hat, hängt nicht nur mit deren Preis zusammen: Während des «Artstübli»-Aufbaus fehlte Brogli schlicht die Zeit, um sein breites Künstlernetzwerk nach Originalen zu durchkämmen.

Also nutzte der Basler die Chance, um das wachsende Internet-Angebot im Bereich der hochwertigen Prints zu sondieren. Im Netz tummeln sich zahlreiche junge Künstler und Kunstsammler in der Hoffnung auf einen guten Fang. Mit einem glücklichen Händchen finden Kenner und Könner durchaus Perlen, deren Sammlerwert sich mit der Zeit markant steigert. Mit seinem immensen Vorwissen hat Brogli beste Voraussetzungen, um sein «Artstübli» mit preiswerten Preziosen zu schmücken.

Begehrter Print: «Moonshine» von Etam Cru (PL).

Begehrter Print: «Moonshine» von Etam Cru (PL).

Die Streetart-Institution des Baslers gibt es seit 2004. Was als loses Zusammentreffen gleichgesinnter Kunstfreunde begann, fand bald seine Fortsetzung in einem gleichnamigen Online-Magazin. Beflügelt vom positiven Feedback und den rasant erweiterten Künstlerkontakten fand 2006 die erste «Artstübli»-Kunstmesse «Artyou» statt (damals noch unter dem Namen «Artig»). Diese mauserte sich über die Jahre zur wichtigsten Schweizer Kunstschau im Bereich Urban Art. 2013 legte Brogli die «Artyou» vorläufig auf Eis.

Wie er jetzt verrät, hatte der Entscheid auch etwas mit dem neuen Ausstellungsraum Markthalle zu tun. Nachdem die Kunstplattform jahrelang ein Vagabunden-Dasein ohne festen Sitz führte, zeichnete sich in den letzten Monaten eine längerfristige Lösung in der Markthalle ab. «Bei der Immobilienverwalterin Wincasa hat ein Umdenken stattgefunden», sagt Brogli und erklärt nicht ohne Stolz, dass die Markhallen-Verantwortlichen sich nun bewusst für seine junge, urbane Kunstplattform entschieden haben – und gegen eine rein kommerzielle Nutzung. Broglis Hartnäckigkeit hat sich nach langem Warten also doch noch ausgezahlt. Neben einer kulanten Miete kann er sich über einen längerfristigen Vertrag freuen. «Viele meinten, dass wir nur während der Art Basel in der Markthalle sind – aber wir bleiben mindestens fünf Jahre», sagt er mit einem schelmischen lachen im Gesicht. «Das ist mehr als eine Zwischennutzung.»

Offen! Philipp Brogli auf dem roten Teppich vor seinem neuen Ausstellungsraum. (Foto: Andreas Schneider)

Offen! Philipp Brogli auf dem roten Teppich vor seinem neuen Ausstellungsraum. (Foto: Andreas Schneider)

Nun ist das «Artstübli» zum ersten Mal sesshaft geworden. Domestizierte Strassenkunst sozusagen. Wer durch die grossen Schaufenster am Steinentorberg 28 guckt, erspäht nun Bilder namhafter Urban-Art-Künstler wie dem französischen Bubble-König Tilt, dem polnischen Duo Etam Cru oder, natürlich, der Basler Graffiti-Koryphäe Smash137. Von ihm ist ein Originalbild zu sehen. Philipp Brogli unterstützt den inzwischen weltweit beachteten Künstler seit Jahren und kann sich nun wiederum auf dessen Support verlassen.

Heimspiel: Bildausschnitt eines Werks von Smash137.

Heimspiel: Bildausschnitt eines Werks von Smash137.

Nach der Art-Woche kann sich Brogli über mehr als ein Dutzend verkaufte Werke und viele neue Kontakte freuen. Etwa zu der in Basel lebenden, international bekannten Fotokünstlerin Vera Isler-Leiner. Wie sich herausstellte, wohnt die 83-Jährige im Hochhaus nebenan. Nach der Eröffnung hat sie das «Artstübli» mit grossem Interesse besucht. «Sie kannte urbane Kunst bereits aus dem Film des Streetart-Stars Banksy und erzählte mir von Strassenkunst, die sie in den 80er-Jahren fotografiert hat», erinnert sich Brogli. «Das war eine schöne Begegnung.»

Wer weiss, vielleicht gibt es im neuem Ausstellungs- und Projektraum (der Begriff Galerie wird gemieden, um Hemmschwellen zu umschiffen) bald Streetart aus den Anfangstagen dieser noch jungen Kunstform zu sehen. Zudem wird Brogli auch abseits seiner neuen Kunststube in der Markthalle aktiv sein. So koordiniert er etwa regelmässig Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Jüngstes Beispiel ist das grossflächige Bild, dass die Graffiti-Künstler Zosen (ARG) und Mina (JPN) in der Art-Woche auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz hinterlassen haben. «Und vielleicht gibt es ja demnächst auch wieder eine Artyou», sagt Brogli.

Artstübli, Steinentorberg 28, 4051 Basel. Ausstellungs-Öffnungszeiten ab Juli: Donnerstag/Freitag, 11 bis 18 Uhr; Samstag, 14 bis 18 Uhr.
www.artstuebli.ch

«Artstübli»-Projekt im Öffentlichen Raum: Das Graffiti von Zosen y Mina auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz.

«Artstübli»-Projekt im Öffentlichen Raum: Das Graffiti von Zosen y Mina auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz.

 

Basel hat jetzt eine Sound-Spelunke

Joel Gernet am Freitag den 13. Juni 2014

Am Rheinknie gibts einen neuen Club: Nach langer Vorbereitung feiert dieses Wochenende die «Kaschemme» hinter dem St.-Jakob-Park ihre Eröffnung. Hinter dem Betrieb steht auch einer der bekanntesten DJs der Stadt.

Das «Kaschemme»-Team: Eres Oron alias DJ Montes, Daniel Henke und Marco Schmutz mit Tochter. Wer den neuen Club von Innen sehen will, kann das ab Samstag vor Ort tun.

Das «Kaschemme»-Team: Eres Oron alias DJ Montes, Daniel Henke und Marco Schmutz mit Tochter. Wer den neuen Club von Innen sehen will, kann das ab Samstag vor Ort tun.

Es gibt Leute, die übernehmen einen Club. Andere bauen sich ihr Disco-Paradies lieber selber – so wie Daniel Henke, Marco Schmutz und Eres Oron. In monatelanger Handarbeit hat das Trio eine alte, baufällige Baracke in einen kleinen Club mit Barbetrieb verwandelt.

«Kaschemme» heisst das Kleinod am hintersten Zipfel der Lehenmattstrasse gleich hinter St.-Jakob-Park, Bahndamm und Autobahn. «Mein bester Kumpel nennt sich DJ Kaschemme. Er schlug mir vor, den Club so zu nennen. Nachdem er mir das Wort erklärte, war der Fall klar», schildert Eres Oron – besser bekannt als DJ Montes – die für einen Club ungewöhnliche Namenswahl. Kaschemme, so wurde im 19. Jahrhundert ein verrufenes Wirtshaus in der Gaunersprache genannt. Heute würde man Spelunke sagen.

Im Fall der Basler Kaschemme ist es eine Spelunke mit ordentlich Bumms: Das Soundsystem kommt nämlich vom «Nordstern», dem Techno-Tempel am Voltaplatz. «Agi Isaku vom Nordstern bot uns spontan die alte Anlage seines Clubs an», schildert Oron. Ohnehin hätten die drei Familienväter Basels neusten Club ohne die tatkräftige Mithilfe zahlreicher Freunde – und toleranter Frauen – kaum realisieren können. Der garagenähnliche Schuppen, in dem früher die Lieferungen der Elektro-Firma Haefely angenommen wurden, musste von Grund auf erneuert werden – von der Dach-Isolation bis zum Aushub einer Kanalisation für die neuen Toiletten. Für den feuerpolizeilich einwandfreien Einlass wurde eine Wand eingebrochen. Und was zwischen den schön anmutenden Holzbalken an Gemäuer übrig blieb, wurde so stabilisiert, dass künftig weder Wände noch die wenigen Anwohner unter der potenten Soundanlage zu leiden haben.

Hinter dem Joggeli: Beim «K» ist die Kaschemme zu finden.

Hinter dem Joggeli: Beim «K» ist die Kaschemme zu finden.

Eröffnet wird die Kaschemme am Samstag mit Bass, Bier und BBQ. Draussen rotiert das Fleisch, drinnen die Platten. Hinter den Plattentellern agieren die Kaschemme-Allstar-DJs, zu denen neben Eres Orons DJ-Duo Goldfinger Brothers auch die «Konzeptlos»-Plattendreher um Daniel Henke gehören. Geboten wird gemäss Eigendeklaration «Heavy Black Bass Music» oder, wie Oron konkretisiert, «Musik mit schwarzer Seele».

Mit der Club-Eröffnung geht für die drei Initianten eine lange Vorbereitungsphase zu Ende: Nach einem Hinweis des Basler Städteplaners Matthias Bürgin – in den 90ern Zwischennutzungs-Pionier auf dem nt-Areal, heute Kreativkopf im Büro Metis – warf Daniel Henke bereits vor Jahren ein Auge auf das ehemalige Siemens-Areal. Nachdem die Immobilien-Anlagegesellschaft Creafonds die Parzelle 2012 übernommen hat, reichte Henke ein Zwischennutzungs-Konzept für das knapp 13’000 Quadratmeter grosse Areal ein. Zunächst ohne Erfolg: In der grossen Halle neben der Kaschemme gastiert heute eine Freikirche, gegenüber bräunen bei unserem Besuch die halbnackten Muskelberge des «Indoor Fitness Parcous» (IFP) ihre Adoniskörper in der Sonne. Bei einer Begehung entdeckten Henke und Schmutz schliesslich einen heruntergekommenen Schuppen, der noch nicht zur Nutzung ausgeschrieben war. Und sie schlugen zu. Im Frühling 2013 wurde das Kaschemme-Projekt eingereicht, kurz darauf stiess Eres Oron dazu.

Es folgten zunächst zahlreiche Behörden Be- und Gesuche. Zuletzt war das Trio vor allem in den Basler Baumärkten anzutreffen. Nach monatelanger Knochenarbeit bricht dieses Wochenende nun die Zeit des Party-Machens, der Sommerfeste und des Public Viewings an. Am Samstag wird offiziell eröffnet, danach herrscht den ganzen Sommer über Bar- und Clubbetrieb. Es ist sowas wie eine Testphase, bevor im Herbst dann die Clubsaison richtig losgeht – mit Musikprogramm und Konzerten. Zu Beginn ist aber Spontaneität angesagt: Mobile Tische und Liegestühle laden zum Verweilen ein und sorgen für genügend Flexibilität, dass sich ein gemütliches Feierabend-Beisammensein zu einer rauschenden Party hochschaukeln kann.

Ab Mittwoch wird dann auch der TV-Anschluss funktionieren womit der Übertragung sämtlicher WM-Spiele nichts mehr im Weg steht. Und wenn der Ball in Brasilien nicht mehr rollt, könnte sich die Sound-Spelunke hinter dem Joggeli auch zur perfekten Warmup-Beiz für FCB-Fans werden – auch für die Weiblichen, wie Goldfinger-DJ Eres Oron lachend betont: «Die Väter gehen an den Match und die Mütter können bei einem Drink ihren Kleinen bei der Kinderdisco oder im Sandkasten zuschauen.»

Kaschemme-Eröffnung: Sa. 14. Juni, ab 20h. Ehemaliges Haefely-Areal am Muttenzerweg, Ecke Lehenmattstrasse, 4052 Basel.
www.kaschemme.ch

Im Spannungsfeld zwischen Euphorie und Entsetzen

Joel Gernet am Donnerstag den 12. Juni 2014

Die brasilianischen WM-Ausschreitungen erreichen Basel: Die Multimedia-Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream» illustriert die Zerreissprobe des Landes. Zu sehen am Public Viewing im Basler Hinterhof.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Neben den wackligen Strassenkampf-Szenen aus Brasiliens Favelas wird eine WM-Werbung von Coca-Cola an die Backsteinwand projiziert. Man sieht, wie der Getränkemulti junge Menschen in ärmlichen Gegenden mit Cola und WM-Tickets beglückt. Der Slogan: «One World, One Game». Die Unterzeile: «Everybody’s invited». «Die Werbung ist insofern ehrlich, als dass hier der Sponsor sagt, wer eingeladen ist», findet Beni Wyss, Kurator der Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream». Er hat die Multimedia-Installation für das Sportmuseum Schweiz im Basler Hinterhof realisiert. Heute Donnerstagabend ist Eröffnung im Rahmen des Kultur-Public-Viewings im Untergeschoss des Clubs Hinterhof.

«Wir wollen Sportkultur niederschwellig am Ort des Geschehens präsentieren – hier kann man sich bequem mit einem unbequemen Thema beschäftigen», erklärt Wyss. «Ausgangspunkt war die kritische Auseinandersetzung mit der WM – ohne zu werten.» Der Kontrast zwischen Strassenkampf, Fussball-Euphorie und Kommerz ist gewollt. Die Ausstellung thematisiert jenes Spannungsfeld, dass sich auftut zwischen den unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Perspektiven auf eine Fussball-Weltmeisterschaft.

12. Juni bis 13. Juli. Hinterhof, Münchensteinerstr. 81, Basel.

12. Juni bis 13. Juli. Hinterhof, Münchensteinerstr. 81, Basel.

Da sieht man etwa eine junge Journalistin mit blutunterlaufenem Auge. Sie wurde an einer Demonstration von einem brasilianischen Polizisten mit Gummischrot beschossen. Oder eine verzweifelte Ärztin, die sich in Anbetracht der Millionen-Ausgaben für neue Fussballtempel über die unhaltbaren Zustände in ihrem Spital beschwert. Ihr wird ein FIFA-Funktionär entgegengesetzt, der jegliche Mitverantwortung an den sozialen Unruhen abstreitet.

Man sieht aber auch FIFA-Präsident Sepp Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff voller Zuversicht bei der WM-Auslosung, euphorische Kinder beim Fussballspielen, brasilianische Musik und Lebensfreude. «Es ist keine Ausstellung über die Schattenseiten der WM, sondern ein kritischer Blick auf die verschiedenen Perspektiven zu diesem Grossanlass», stellt Wyss klar. «Wir sind keine WM-Gegner.»

Gezeigt werden insgesamt zehn Filme, allesamt zusammengestellt mit Videomaterial aus dem Internet. «Kameras sind heute allgegenwärtig und schaffen Sichtbarkeit für alle – sowohl für Sepp Blatter als auch für die Demonstranten auf der Strasse», erklärt Kurator Wyss. «Da gibt es eine komplett neue Gegenöffentlichkeit.» Neben den offiziellen Spots von Veranstalter und Sponsoren hat man deshalb auch aus dem fast grenzenlosen Fundus an Handy-Videos aus der Bevölkerung geschöpft. Um dabei nicht komplett die Übersicht zu verlieren, arbeitete das Sportmuseum Hand in Hand mit den Nichtregierungs-Organisationen Terre des Hommes Schweiz und ANCOP, dem brasilianischen Netzwerk der Bürgerkomitees.

So erreichen die Demos aus Brasilien also via Beamer auch Basel. Es ist ein Transfer von der brasilianischen Realität in die Virtualität des Internets – und zurück in die Realität am Public Viewing im Hinterhof. Die Ausstellung markiert auch die Eroberung des Untergeschosses im ehemaligen Safruits-Früchtelager. «Die Ironie der Vorgeschichte ist, dass vor dieser Ausstellung ein Clochard zwangsumgesiedelt werden musste», schildert Wyss in Anlehnung an die umstrittenen Zwangsumsiedlungen in Brasilien. Der Obdachlose habe während Monaten in den fensterlosen Gemäuern gelebt – in friedlicher Nachbarschaft zu den Hinterhof-Betreibern. Warum der Clochard vom Gebäudeinhaber Basel-Stadt weggewiesen wurde, weiss Wyss allerdings nicht.

Es ist das dritte Mal, dass das auf dem Dreispitz beheimatete Sportmuseum Schweiz mit dem Hinterhof für das Public Viewing eines Fussball-Grossanlasses zusammenspannt. Dass der Event dabei von einer Ausstellung flankiert wird, ist hingegen neu. «Wir haben nicht den Anspruch, Brasilien nach Basel zu holen, aber wir wollen dennoch mit den Ausstellungen unseres Mobilen Museums am Ort des Geschehens zu sein», erklärt Wyss.

Der aktuelle Blick nach Brasilien – die beiden Flughäfen in Rio de Janeiro werden zur Zeit bestreikt – lässt erahnen, dass dass die Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream» auch nach dem Anpfiff der WM nicht an Aktualität verlieren wird. Im Gegenteil: Die brasilianische Zerreissprobe könnte auch nach der Weltmeisterschaft weiter gehen – 2016 führt das Land die Olympischen Spiele durch.

Copa>Demo>Video>Stream – Eine Video-Ausstellung über Brasilien und die Fussball-WM. 12. Juni bis 13. Juli 2014. Hinterhof, Münchensteinerstrasse 81, Basel. Vernissage: Donnerstag, 12. Juni, 20 Uhr.

Ein Rapsampler voller PW-Perlen

Joel Gernet am Freitag den 9. Mai 2014

Jakebeatz ist eine Basler Produzenten-Legende. Seit bald zwanzig Jahren versorgt er Rapper und B-Boys mit Soundunterlagen. Dennoch stand Jakebeatz bisher noch nie so richtig im Rampenlicht. Zwar greift er zwischendurch gerne auch zum Mikrophon, dreht unermüdlich Musikvideos und beherbergt vermutlich das am besten bestückte HipHop-Studio der Stadt – in den Vordergrund gedrängt hat er sich aber nie.

Abseits des Video-Shooting: Jakebeatz, unterwegs in New York.

Abseits des Video-Shootings: Jakebeatz, unterwegs in New York.

So ist das auch bei seinem heute erscheinenden Album, das er schlicht «PW Records Sampler» nennt: Anstatt das Album zu einer Egoshow zu machen, hat sich Jakebeatz mit den mindestens eine Generation jüngeren Beat-Produzenten Manoo und Sandro Purple Green zusammengetan. Gemeinsam hat das Trio innerhalb von zwei Jahren 25 Songs produziert, die nun auf dem PW-Sampler aufgereiht wie an einer Perlenkette präsentiert werden. Bisher war das Label vorwiegend ein Einmannbetrieb – Jake ist PW Records und umgekehrt.

Die Rap-Nabelschau startet fulminant mit dem Solo-Song «PWegig» von Kush. Gerappt wird in typischer Ticker-Manier…mit dem Unterschied, dass diesmal keine bewusstseinserweiterten Substanzen, sondern der PW-Sampler auf den Strassen verkauft wird. Der pumpende Beat von Jakebeatz und Sandro Purple Green passt perfekt. Autofahrsound!

Erwähnenswert auch die Solo-Beiträge der Freakanoid-Rapper Lorro One und Thierrey. Während letzterer auf dem elektronischen «Laat me Leven» ausnahmsweise mit holländischen Raps überzeugt (der Voice-Sample Refrain ist allerdings komplett nervtötend), lässt TripleNine-Member Thierrey jegliche «Hektik» hinter sich. Natürlich mit einem dazu passenden, relaxten Rapstil.

Das PW-Trio: Sandro Purple Green, Jakebeatz und Manoo.

Das PW-Trio: Sandro Purple Green, Jakebeatz und Manoo.

Am meisten interessieren dürfte viele Hörer der neue Griot-Track «In My Hood», schliesslich signalisiert der Song die Wiedervereinigung des einstigen Dreamteams Jake und der Basler Strassenrap-Ikone Mory (so hiess Griot um die Jahrtausendwende). Ihre damaligen Produktionen «S’Rosebett» (1998) und «s’Neue Testamänt» (2002) sind legendär. Und das neuste Machwerk des einstigen Tag-Teams? Begleitet von einem Piano-Beat und dem Basler Sänger Kei durchkämmt Griot sein Paradegebiet – seine Hood. Ein typischer Griot-Song mit coolem Auftakt («Ei Flüügelschlag, heb mi us dr Äsche. Wär hett mi scho vergässe?»), dicken Eiern («D’Mässlatte, dr Rapvater») und einem ironischen Verweis an den Rücktritt des Rappers:

«Nie dänngt, mir könnte mol wägg us Basel.
Und lueg, jetzt hängt sogar mi Rap am Nagel.
Näb em Oumar sim FCB-Trikot.
Doch wenn dr Jake frogt, denn brennt das Mikro.»

Die vorletzte Zeile bezieht sich auch Griots Bruder Oumar Kondé, der Ende der 90er-Jahre für den FC Basel kickte. Die ersten internationalen Gäste auf dem PW-Sampler heissen Natural Born Spitters (N.B.S.) und bieten Hardcorerap à la La Coka Nostra. Dabei hat sich das US-Duo ein Brett von einem Beat ausgesucht. Hervorzuheben sind zudem die starken Beiträge des K.W.A.T.-Söldners Chilz (Wann erscheint endlich dessen Solo-Album?!), des Franzosen (?) Rotiv, der Berners Baze, MC Rony sowie von Kaotic Concrete und Sonny Seeza (Onyx), wobei der Basler mit Boston-Bezug der New Yorker Legende in nichts nachsteht.

Absoluter Höhepunkt ist aber der «One Take» des Basler Rapkollektivs Köpf Wo Anders Tikke (K.W.A.T.). Der reduziert-schleppende Beat von Jake und Sandro gehört zum Besten, was in letzter Zeit am Rheinknie produziert wurde. Dazu die messerscharfen Reime der K.W.A.T.-Jungs und ein richtig, richtig dicker Refrain von Contrast.

DruckPW steht übrigens, so die Legende, für die Anfangsbuchstaben der Rapcrews Phantom und Westside (später Die Weschtlichi Site). Die beiden Bands sind inzwischen nicht mehr aktiv, der Name aber blieb. Verliehen wurde er, auch das besagt die Legende, vom jungen Mory. Also jenem Rapper, mit dem Jakebeatz bis jetzt vermutlich die grösste Resonanz erhalten hat. Es wäre natürlich schön, wenn sich das dank des PW-Samplers ändert. Allerdings ist die Crux dieses Albums die selbe wie jene mit Jakes Produzentenkarriere: Hochwertige Beats und professionelle Studio-Strukturen werden verwässert durch eine zu grosse Anzahl von Rappern mit zu unterschiedlichem Niveau. Einige Klunker an dieser Perlenkette glänzen eindeutig heller als andere – und das ist schade. Was Jakebeats zu brauchen scheint, ist ein übertalentierter und treuer Rapper, mit dem er langfristig etwas aufbauen kann. Denn einige der PW-Sampler-Beiträge grenzen an Beat-Verschwendung.

Bis dato haben Jakebeats, Manoo und Sandro Purple Green vier Videoclips zum Album-Sampler veröffentlicht – weitere sind in Planung. Und das ist gut so: Erstens gehört die hauseigene Video-Umsetzung der PW-Produktionen zu den grössten Stärken der Basler. Zudem beinhaltet dieses Album noch einige Perlen, deren Glanz in einem Clip noch besser zum Vorschein kommen dürfte.

PW Records Sampler. Veröffentlicht am 09. Mai 2014. Erhältlich u.a. im 4 Elements Basel oder auf iTunes.

Ein Vierteljahrhundert Rock’n’Roll

Joel Gernet am Freitag den 28. März 2014

Deftig und direkt in die Fresse – gut möglich, dass die Lombego Surfers Basels lauteste Band sind. Und eine der beständigsten: 25 Jahre Bandgeschichte und zehn Alben sprechen für sich. Mit «Ticket Out Of Town» erscheint heute das jüngste Baby des Trios. Geboten wird purer, schnörkelloser «Surf’n’Roll», wie die Basler ihren Sound betiteln. Der Eigenbeschrieb auf der Homepage der Band bringt die Attitüde der Musiker ohnehin ziemlich gut auf den Punkt: «The Lombego Surfers are not some taned sunny boys from California but rather the hardest working Voodoo Rock Punkers with the coolest guitar riffs since the Stooges.»

The Lombego Surfers: Pascal Sandrin, Anthony Thomas und Olivier Joliat (v.l.). Foto: Matthias Willi

The Lombego Surfers: Pascal Sandrin, Anthony Thomas und Olivier Joliat (v.l.). Foto: Matthias Willi

Auch auf ihrem jüngsten Album sind die Lombego Surfers um Anthony Thomas (Gesang und Gitarre), Pascal Sandrin (Bass) und Olivier Joliat (Schlagzeug) meilenweit entfernt von Altersmilde. Im Gegenteil: Wenn man sich so durch das dreckige Dutzend Songs hört, könnte man meinen, Frontman Anthony Thomas ist eben erst dem Teenageralter entwachsen. Die Rotzlöffel-Attitüde steht dem Basler mit Wurzeln in Boston jedenfalls sehr gut – und sie wirkt immer noch authentisch.

Zudem wähnt sich der Hörer in einer längst vergangenen Zeit, als Musik noch analog aufgenommen und nicht zu digitalen Versatzwerken setziert wurde. Dreckig statt steril ist hier die Devise, alles reduziert aufs Minimum. Da macht es auch Sinn, dass «Ticket Out Of Town» in Live-Sessions im Kleinhüninger One Drop Studio aufgenommen wurde – schliesslich sind die Surfers konzerterprobt wie kaum eine andere Basler Band.

Zum Auftrakt der Platte – das Album erscheint auch als Vinyl-LP – gibt Sänger Thomas gleich den Tarif durch: «Got no money, I got style. Got no reason, I got right», sind die ersten Zeilen des Openers «My Style». Die Songs sind tendenziell kurz und heftig. Titel wie «I Was Wrong», «Sick», «Favourite Drinks» oder «Bad Decision» sprechen für sich. Sprücheklopfen, Party machen, Kater haben; sündigen und beichten. Das Album ist ein Kreislauf wie das Leben – mit all seinen Schattierungen. Rock’n’Roll pur, wunderbar hängengeblieben und somit auch zeitlos.

Cover smallGetreu dem Albumtitel «Ticket Out Of Town» touren die Lombego Surfers mit ihrem neusten Wurf wieder quer durch Europa. Bis jetzt stehen 21 Tourkonzerte an, vorwiegend in Deutschland. Wer das Trio in der Region erleben will, kann das am 26. April im Alten Zoll in Basel machen oder am 17. Mai in der Biomill Laufen.

The Lombego Surfers: Ticket Out Of Town. Release: 28. März 2014 (Flight13 Records). Erhältlich als Vinyl-LP (180 Gramm) oder CD.

«Krieger» – eine geballte Portion Emotionen

Gawin Steiner am Montag den 17. Februar 2014

Es ist keine Premiere, eher eine Dernière und ein vermeintliches Ende eines erfolgreichen Kursierens eines Kurzfilms. Am 22. Februar flimmert «Krieger» im Neuen Kino Basel am Kurzfilmfestival «Kurz&Knapp» noch einmal über die Leinwand. Protagonist und «Krieger» im Film ist der 24-jährige Mickey, ein Freund des Regisseurs aus der Region. «Ich kenne Mickey seit vier, fünf Jahren und ich wusste, ich will einen Film mit ihm machen», sagt Regisseur Patrick Meury.

Die Erzählung von Mickey lebt von Gestik und Emotionen.

Die Erzählung von Mickey lebt von Gestik und Emotionen.

Es habe aber lange gedauert, bis er realisiert habe, dass er dafür gar kein Drehbuch braucht, sondern Mickey nur seine Geschichte erzählen lassen muss: Dem Heroin verfallen, reiste Mickey nämlich nach Peru um seiner Sucht zu entkommen. Mit traditioneller schamanistischer Methoden, wo eines der stärksten bekannten Halluzinogene, Ayahuasca, eingesetzt wird. Es ist ein Kampf, von dem Mickey auf einem Stuhl sitzend erzählt, surreal, in einer eigenen Welt. Zwölf Minuten geballte Emotionen in einem dunklen Raum.

Patrick Meury, Regisseur von «Krieger»

Patrick Meury, Regisseur von «Krieger».

Dass es eben nicht nur ein «Erzählen» ist, davon lebt die Geschichte: Schreie und Emotionen, mit total authentischer Wirkung. Es ist genau das, was die Geschichte ausmacht, kein Drehbuch, es ist bloss ein Zusammenschnitt eines zweistündigen Interviews, welches nicht gespielt, sondern gelebt wird.

Dafür wurde Regisseur Patrick Meury Anfang 2013 an den Schweizer Jugendfilmtagen in Zürich mit dem 2. Rang ausgezeichnet: «Durch die formale Einfachheit der intensiven und kraftvollen Erzählung, erhält der Zuschauer Einblick in eine ganz besondere Reise», begründet die Jury die Platzierung. «Krieger» war die Abschlussarbeit von Patrick Meury an der Filmhochschule Luzern, die ihn aufnahm, bloss anhand seiner bereits produzierten Filme. Gezeigt wurde der Film unter anderem auch an den Solothurner- und Winterthurer Filmtagen sowie am «Zoom – Basler Filme im Fokus». Das Highlight erlebte der 29-jährige Röschenzer Filmemacher aber erst im vergangenen November in München, wo sein Film für das 33. Internationale Festival der Filmhochschulen ausgewählt wurde. Reise und Unterkunft bezahlt. So nahm sich der freischaffende Schreiner eine Woche frei und reiste ohne jegliche Vorstellungen nach München.


So professionell kommt das Internationale Festival der Filmhochschulen in München daher.

Einen Preis gewann er nicht, so viel vorweg. Doch dies war auch nicht nötig: Eine riesige Eröffnungsfeier mit Prominenz wie dem Münchner Bürgermeister, ein vollgepacktes Programm mit vielen Interviews und stets vollbesetzten Kinovorführungen. «Ein perfekt organisiertes Festival», schwärmt Meury. Vor allem aber auch eine ideale Plattform für den Austausch mit anderen 48 jungen Filmemachern aus aller Welt. «Es war einfach grossartig, an so einem grossen Festival dabei zu sein». Nun ist aber Kurz&Knapp das letzte Filmfestival, das den im Sommer 2012 erschienenen Film im Programm hat. Doch: «Bei Kurzfilmen erhält man immer wieder Anfragen für ein Festival, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet», sagt Meury. Und so schnell wird Meury auch nicht einen neuen Film aus dem Boden stampfen, Qualität und Lust haben Vorrang gegenüber der Quantität.

Der Protagonist von Krieger ist bis heute clean.

www.patrickmeury.ch
«Krieger», Samstag, 22.02.2014 ab 21.00 Uhr, Neues Kino Basel