Archiv für die Kategorie ‘Herausgepickt’

Handgeschriebene Zeilen erzählen vom harten Künstlerleben

karen gerig am Freitag den 5. August 2011

Frühes Gemälde von Alexej Jawlensky in der Ausstellung im Kunstmuseum. (Foto Mischa Christen)

Briefe können ganze Lebensgeschichten erzählen. Wer im Katalog zur Ausstellung «Künstlerfreundschaften» des Kunstmuseums Basel schmökert, wird spätestens beim Briefwechsel zwischen dem Basler Kunstsammler Karl Im Obersteg und Alexej von Jawlensky hängenbleiben. Vor allem aus den Briefen des russischen Künstlers ist ablesbar, wie schwierig die Zeiten zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg für Künstler waren. Was man dort lesen kann, geht teilweise sehr nahe – ein interessantes und rührendes Zeitdokument. Diesen Beitrag weiterlesen »

Herausgepickt: Nomadin Schirin Kretschmann

karen gerig am Mittwoch den 20. April 2011

Leben im Wohnwagen. (alle Fotos: Schirin Kretschmann, Nomadic Competences (KH BL), Copyright die Künstlerin und VG-Bild-Kunst Bonn)

Rechts vom Eingang des Kunsthauses Baselland steht ein beiger Wohnwagen mit Karlsruher Kennzeichen. Darin wohnt kein kunstverrückter Fan des Hauses, sondern eine Künstlerin. Schirin Kretschmann hat sich für die Dauer der «Ernte»-Ausstellung hier eingerichtet, um in unmittelbarer Nähe zu ihrem in-situ-Projekt «nomadic competences» leben zu können. «Mich interessiert die Verwobenheit dieser Kunstinstitution mit dem Leben des Kantons», erklärt sie. Diese Verwobenheit hoffte sie besser zu erfahren, indem sie hier lebt und nicht wie gewohnt ennet der Kantonsgrenze und des Rheins an der Feldbergstrasse. Nicht alles aber lief in den letzten Tag so wie erhofft. Doch der Reihe nach.

Immer einmal im Jahr präsentiert der Kanton Baselland unter dem Titel «Ernte» seine Kunstankäufe eines Jahres. Zum ersten Mal ist die «Ernte» dieses Jahr Gastgeberin für die sogenannte «Solo: Position»: Damit bietet die Ausstellung einem Kunstschaffenden aus der Region Basel die Möglichkeit, die Räumlichkeiten des Kunsthauses Baselland zu bespielen. Im Januar hat eine Jury Schirin Kretschmanns Projekt aus 70 Eingaben ausgewählt. Kretschmann, die in Karlsruhe Malerei studiert hat, promoviert derzeit am Eikones-Graduiertenkolleg in Basel. Sie beschäftigt sich dort mit Untersuchungen von Grenzbereichen der Malerei jenseits des zweidimensionalen Gemäldes. Stattdessen versucht sie, Malerei als etwas Dynamisches im Raum des Betrachters zu lokalisieren. Diese Fragestellung liegt auch ihrem aktuellen Projekt zugrunde.

Fensterputzen: Eine Tagesaufgabe.

Im Kunsthaus Baselland hat sich Kretschmann der hinteren drei Kabinetträume angenommen. Diese Räume wurden mehrmals ungebaut, die ursprüngliche Industriearchitektur unsichtbar gemacht, um White-Cube-Bedingungen zu schaffen. Kretschmann hat diese Umbauprozesse nun umgekehrt und abgebaut, was abzubauen war. Deckenelemente nahm sie herunter und stapelte sie entlang den Wänden, die Wänder der Blackbox hat sie herausgerissen. An der Vernissage präsentierten sich die Räume nackt und aufgeräumt.

Zwanzig Tage dauert die «Ernte»-Schau. An diesen zwanzig Tagen steht Kretschmann morgens in ihrem Wohnwagen auf und überlegt sich ein Projekt für den Tag. Für diese Tagesarbeiten nutzt sie die vorhandenen Elemente und stellt sie in Relation zu jenen Elementen, die erst während der Ausstellung entstehen. Deckenplatten werden so etwa zur Bodeninstallation. Die neuen Elemente sollten aus Tagesnachrichten oder aus Gesprächen mit Passanten entwickelt werden, so lautet das Konzept. «Ich will diese Ereignisse aber nicht einfach abbilden oder illustrieren, sondern sie als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Ausstellungselements brauchen», erklärt Kretschmann. Dies solle ganz im Rahmen der «nomadic competences» geschehen. Als solche nomadische Kompetenzen nennt die Künstlerin etwa: Mit Gegebenem auskommen, Ressourcen nachhaltig nutzen und teilen, sich Ungewohntes aneignen, sich unabhängig orientieren.

Blick in die Kabinetträume im aufgeräumten Zustand zur Vernissage. (Zum Vergrössern anklicken)

Blick in die Kabinetträume nach einigen Tagen. Vorne im Bild die leere Gasflasche und der Wasserbehälter, rechts die Fundstücke aus dem Kanton Baselland, dahinter eine Bodeninstallation aus Deckenplatten.

Im Wohnwagen zu leben gehört ebenfalls zu diesem Konzept. Und da kann es schon einmal passieren, dass morgens das Wasser und das Gas alle ist und man auf dem Trockenen sitzt. An jenem Morgen, als dies passierte, war das Erlebnis der Ausgangspunkt für ein neues Ausstellungselement: Im Kunsthaus Baselland befinden sich nun der leere Wassercontainer und die Gasflasche. Im selben Raum, hinter einer am Boden gespannten Schnur, liegen Zigarettenstummel, eine Kreide und andere kleinere Abfallprodukte. «Diese Objekte sind das Resultat meiner Auseinandersetzung mit der hiesigen Grenzsituation zwischen den Kantonen Baselland und Basel-Stadt», erklärt Kretschmann. Vom Raum aus sieht man über die Birs hinweg in den angrenzenden Kanton. Kretschmann hat die Grenze überquert und gesammelt, was sie fand – was weniger war, als sie sich erhoffte. «Manche Leute sind enttäuscht, wenn sie hier hereinkommen», sagt sie. «Sie haben wohl mehr erwartet – Illustrativeres; etwas, was man direkter ablesen kann. Ich habe an manchen Tagen auch meine Zweifel: Die Idee, die ich morgens habe, lässt sich dann nicht genauso umsetzen, wie ich es gerne hätte. Aber das gehört dazu.»

Am Ende ihres Projektes sollen die Räume wieder derart instand gestellt sein, wie sie vorher aussahen. Nur etwas wird wahrscheinlich anders sein: Unter den Deckenplatten wird man vorher wohl die Wand weiss malen. Die Künstlerin Karin Suter, die ihre Arbeiten im Sommer 2010 im Kabinett präsentierte, hatte damals unter die halbtransparenten Plexiglasscheiben weisse Blätter geklebt, um den White Cube noch etwas weisser scheinen zu lassen. Bei Kretschmanns Abräumaktion kamen diese Blätter wieder zum Vorschein und bilden nun eine Art von abstraktem Deckengemälde, bevor sie ins Altpapier wandern.

Am 25. April wird Schirin Kretschmann sich zum letzten Mal eine Tagesaufgabe vornehmen. Dann wird sie ihren Wohnwagen packen und den Kanton Baselland wieder in Richtung Stadt verlassen. Im Kabinett wird es dann aussehen, als sei nichts gewesen. Nur die Fenster bleiben geputzt zurück, für eine Weile wenigstens.

Heute Mittwoch Abend findet im Kunsthaus Baselland ein Gespräch mit Schirin Kretschmann zu ihrem Projekt «nomadic competences» statt. Wer noch Fragen hat, gehe um 18 Uhr an die St. Jakob-Strasse 170 in Muttenz.

Herausgepickt: Konrad Witz und das Ende des mittelalterlichen Goldgrunds

karen gerig am Donnerstag den 10. März 2011

Konrad Witz: Joachim und Anna an der Goldenen Pforte.

Konrad Witz lebte am Anfang des
15. Jahrhunderts. Als er das Licht der Welt erblickte, malten die Maler ihre religiösen Motive auf goldenen Grund. Was seit dem
4. Jahrhundert Tradition hatte, war einigen Niederländern zu jener Zeit aber nicht modern genug. Jan van Eyck, Robert Campin und Rogier van der Weyden begannen damit, die Heiligen in profane Umgebungen zu betten. Ein neuer Stil, der auch den in Basel lebenden Konrad Witz erfasste. Wenn auch nicht sofort.

Da sind die Aussenseiten des Basler Heilsspiegelaltars, entstanden im Jahr 1435: Ecclesia, Synagoge und Co. sind dort in einzelnen Räumen eines Hauses dargestellt, eine schmucklose Architektur aus Stein und wenig Holz. Durch das Fenster im Raum des Heiligen Augustinus erblickt man etwas Landschaft, die Zinnen einer Burg mittendrin. Innendrin im Altar werden jedoch alle Personen noch vor Goldgrund abgebildet.

Zwei Jahre später malte Konrad Witz Joachim und Anna, die Eltern Mariens, an der Goldenen Pforte. Witz malt, wie so viele Maler vor ihm, das Ehepaar in jenem Moment, wo Joachim von seinem 40-tägigen Bussgang in die Wüste zurückkehrt und seine Frau vor der Pforte des Jerusalemer Tempels zärtlich begrüsst. In die Wüste hatte er sich zurückgezogen, so erzählt die Legende, weil seine Ehe kinderlos geblieben war und ein Hohepriester die Kinderlosigkeit als göttliche Missgunst gedeutet hatte. In der Wüste wurde ihm von einem Engel die Geburt eines Kindes angekündigt. Nach seiner Rückkehr wird das Kind geboren und auf den Namen Maria getauft.

Witz bringt in der Darstellung dieses Moments die neuartige realistische Architekturdarstellung mit dem althergebrachten Goldgrund in einem einzigen Bild zusammen: rechts eingeritztes Brokatmuster auf Goldgrund, links die Pforte – ein Mauerwerk, das schon bessere Zeiten gesehen hat, und wohl eine der schäbigsten Goldenen Pforten der Kunstgeschichte. Risse ziehen sich über die Wände, die Steine sind mit Moos bewachsen. Ein Schlagbaum wurde derart schlecht ans Tor angebracht, dass der Stein gespalten wurde. Und wer genau hinschaut, findet sicher noch eine Spinnwebe in einer Ecke. Genauso realistisch hat Witz den Boden gemalt, auf dem das Ehepaar Anna und Joachim steht. Im Hintergrund spiegelt sich die Mauer in einer Pfütze, davor liegen Kieselsteine verstreut auf dem Weg, und mit kleinen Blumen durchwachsene Grasbüschel brechen durch die festgetretene Oberfläche des Wegs. Dabei ist es Witz aber wohl nicht (nur) um eine möglichst naturgetreue Darstellung gegangen: Der ausgetrocknete Weg und die Pfütze dahinter sowie das spriessende Gras dürften eine Anspielung auf Annas vorangegangene Unfruchtbarkeit und ihre wundersame Empfängnis des Kindes Maria sein. Witz vermischte so gekonnt den neugeborenen naturalistischen Stil mit der altehrwürdigen Symbolik, und schuf so ein wunderbares Werk an der Schwelle zu einer neuen Epoche der Kunstgeschichte.

Die Ausstellung «Konrad Witz» im Kunstmuseum Basel läuft noch bis zum 3. Juli. Das Bild «Joachim und Anna an der Goldenen Pforte» ist im Besitz des Kunstmuseums und kann auch nach Ende der Ausstellung noch betrachtet werden.

Herausgepickt: Pousttchis Absperrgitter

karen gerig am Montag den 21. Februar 2011

Bettina Pousttchi: «Double Monuments for Flavin and Tatlin» (2010) . (Foto Henry Muchenberger)

Schon vom Steinenberg her sind sie sichtbar, durch die Glastüren der Kunsthalle hindurch: Die weissen Türme von Bettina Pousttchi. Und auch wenn man noch nichts Genaueres darüber weiss, so scheint die Form der aufeinandergestapelten Absperrgitter bereits bekannt. Der Titel der Arbeit führt dann zum Aha-Erlebnis: «Double Monuments for Flavin and Tatlin» heisst das Werk der deutsch-iranischen Künstlerin.

Vladimir Tatlin (1885–1953), russischer Maler und ein Begründer der Maschinenkunst, entwarf 1920 sein «Monument der Dritten Internationale»: Ein 400 Meter hoher, spiralförmiger Turm zur Erinnerung an die Russische Revolution.

Vladimir Tatlin: «Monument der Dritten Internationale» (1920).

Eine gigantische Maschine sollte es werden, die Konferenzräume, Aufzüge, eine Treppe und einen Radiosender beherbergen sollte. Eine Säule im Inneren sollte sich nach den Gestirnen ausrichten. Das Modell dafür wurde 1925 in der Weltausstellung in Paris präsentiert. Das ehrgeizige Architekturprojekt wurde aus Kostengründen allerdings nie gebaut, wie auch die damit verbundene politische Utopie keine Verwirklichung finden konnte.

Der amerikanische Lichtkünstler Dan Flavin zitierte Tatlins Monument in den 39 Skulpturen seiner Serie «monuments to V. Tatlin», die zwischen 1964 und 1990 entstanden und das menschliche Bedürfnis nach grossen Denkmälern hinterfragen. Dafür ordnete er weisse Leuchtstoffröhren in Formen an, die zwischen Pyramiden und frühen Hochhäusern variierten, darunter das Empire State Building (Vgl. Bild). Flavin brachte so Tatlins Konzept mit einem Hauptsymbol des Kapitalismus in Verbindung, würdigte aber auch die politischen Visionen des Konstruktivisten.

Dan Flavin: Das erste der «monuments to V. Tatlin» (1964).

Pousttchi erweist mit ihrer Arbeit den Meistern des Konstruktivismus und des Minimalismus die Ehre, setzt die beiden Kunststile aber auch gegeneinander ein, indem die minimalistischen Leuchtstoffröhren die konstruktivistischen Stahlstrukturen quasi durchstechen. Als Arbeitsmaterial benutzt sie Absperrgitter – Objekte, die entworfen wurden, öffentliche Versammlungen wie Demonstrationen zu kanalisieren und am Überborden zu hindern. Die Gitter erinnern auch an die revolutionären Kräfte dieser Zeit, die existierende Strukturen losließen, um eine neue Weltordnung zu schaffen.

Herausgepickt: Yves Kleins Mülleimer

karen gerig am Dienstag den 15. Februar 2011

Der Müll ist das Endstadium jeden Objektes. Müll ist aber auch Merkmal einer Epoche. Für einen Künstler, der für Objekte eine derartige Obsession entwickelt, wie es Arman tat, muss Müll zwingend interessant werden. Arman (1928-2005), der Künstler des Nouveau Réalisme, nutzte gebrauchte Objekte erst als Stempel, um Farbe auf Leinwand zu bringen. Bald wurde das Sammeln solcher Objekte selbst zur Kunst und Gleiches mit Gleichem in Glaskästen gesammelt. Später, in den Siebziger Jahren,  zerschmetterte, zersägte und zündete Arman Gegenstände an, bevor er mit der Farbtube als letztverwendetem Objekt zum Medium Malerei zurückkehrte.

Irgendwann dazwischen aber, Ende der Fünfziger Jahre, begann der Franzose damit, weggeworfene Objekte zu sammeln. Den Müll eines bestimmten Quartiers etwa, oder den Müll einer bestimmten Person. Unser Abfall sagt eine Menge über uns, merkte Arman, und so schuf er individuelle Porträts unterschiedlicher Menschen.

"Premier portrait-robot d'Yves Klein" (1960) von Arman.

Manchmal durchwühlte er jedoch nicht die Abfalleimer, sondern sammelte gezielt Gegenstände, die einen Menschen beschreiben. Yves Klein, ein Künstlerkollege und Freund, auf den Arman in seinem Werk mehrmals Bezug nahm, porträtierte er als einen der ersten auf diese einmalige Weise.

Zentral im «Premier portrait-robot d’Yves Klein», das man ab heute im Museum Tinguely betrachten kann, ist ein Stück ultramarinblau eingefärbtes Papier: Kleins Markenzeichen. Farbverspritzte Plastikplanen, ein Schuh mit pinker Farbe an der Sohle, farbverspritzte Kleidung charakterisieren den Maler. Die Farbe Rosa findet sich auch an zerschnittenen künstlischen Rosen und widerspiegelt so ebenfalls einen wichtigen Teil von Kleins künstlerischem Werk. Während solch werkbezogene Objekte sich jedem Betrachter erschliessen, müssen wir ob eines Fetzens aus einem Tim & Struppi-Comic, mehrerer Buchseiten und einer Rolle Fotonegative stärker und möglicherweise ohne Versprechen auf Lösung rätseln. Sicher ist, dass es sich um persönliche Gegenstände Kleins handelt. Und Arman wird seine Gründe gehabt haben, weshalb er diese Zeitzeugen zu einem Porträt seines Künstlerfreundes gesellte.

Das einzigartige Yves Klein-Porträt ist Teil der Arman-Retrospektive im Museum Tinguely. Vernissage ist heute Dienstag um 17 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 15. Mai.