Archiv für die Kategorie ‘Kunst’

Das Gegenteil eines Selfie-Schnappschusses

Joel Gernet am Freitag den 12. Dezember 2014
Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Demian Bichsel ist kein Freund von Schnell- und Schnappschüssen. «Ich finde Strassenfotografie schrecklich – normalerweise bin ich ohne Kamera unterwegs», erklärt der 31-jährige Basler. Auch mit dem Smartphone schiesst er kaum Fotos. Die Umgebung, sie soll ungefiltert erlebt werden. Ohne Display dazwischen. «Diese dauerknipsenden Touristen tun mir leid», findet Bichsel.

Bevor er überhaupt die Kamera zückt, lässt er sich auf einen Ort ein, setzt sich mit seinem Charakter auseinander, und lässt das Erlebte wirken. Wenn er mit etwas zeitlichem Abstand dann merkt, dass ihn dieses Sujet beschäftigt, Bichsel nennt das «emotional hängen bleiben», wird fotografiert. «Für das Pfeilerbild an der Spree bin ich dreimal nach Berlin gereist.»

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

«Abandoned Pillar in Water Berlin» heisst das besagte Bild, das zusammen mit zwei weiteren Werken aus Bichsels Pfeiler-Serie in Basel gezeigt wird. Dies als Zwischennutzung an bester Lage in den ehemaligen Räumen der Basler Galerie Hilt an der Freien Strasse 88. Zu sehen gibt es insgesamt drei Konzeptreihen, die eine Collage-Serie aus Beldgrad umfassen – und zwei milchige Bilder, auf denen man bei genauem Hinsehen den unscharfen St. Chrischona-Turm im Nebelmeer verschwinden sieht. Faszinierend und mysteriös zugleich. «Der Autofokus meiner Kamera hat wegen dem Nebel nicht funktioniert – das fand ich spannend», erklärt der gebürtige Riehener sein Experiment. Abgesehen vom Chrischona-Nebelbild sind Bichsels Werke das Elixir ausgedehnter Reisen von Lissabon über Berlin und Rotterdam bis nach Sarajevo, Belgrad oder Budapest.

Die dabei entstandenen Bilder sind oft urban angehaucht, stets Menschenleer, und von eher dezenter Farbgebung. Poesie statt Effekthascherei. Bild-Collagen, zusammengesetzt aus bis zu 70 Einzelfotos. Die subtilen Wimmelbilder sind das Gegenteil der extrovertierten Selfie-Schnappschüsse, mit denen wir heute auf allen Kanälen zugeballert werden. Der auf den ersten Blick unspektakuläre Ansatz passt nicht nur zur durchdachten Entstehung der Werke, er bietet auch einen willkommenen Kontrast zum vorweihnachtlichen Trubel vor der Tür. Kunden, die unter dem Konsumrausch zu kollabieren, finden hier eine ruhige Bildwelt, in die sie sich flüchten können. Dazu passt auch der Titel der temporären Show: «Time & Reality II». Falls der Konsum dann doch wieder durchdrückt: Die Werke gibts zu kaufen zu Preisen zwischen 700 und 1900 Franken. «Auf Verkäufe bin ich nicht unbedingt angewiesen», erklärt Bichsel während er sich eine Zigarette dreht. «Ich mache diese Ausstellung, weil ich Spass daran habe und ich diese Gelegenheit nutzen wollte.»

Ermöglicht wurde Bichsels zweite Solo-Ausstellung auch dank der Mithilfe von Lionel Schüpbach und Marius von Holleben, zwei junge Basler Kunstvermittler, die in Bichsel einen willkommenen Partner gefunden haben. «Hier haben wir den bestmöglichen Ort», sagt Bichsel, der sich eigentlich gar nicht als Fotograf sieht. Als was denn sonst? Nach längerer Denkpause meint er schliesslich: «Ein Bündel Licht und Liebe, das ein paar Jahre auf dieser Erde verbringt.» Licht und Liebe, denkt man sich da, das sind auch wichtige Mosaiksteine der Bilder dieses Fotografen, der keiner sein will.

Demian Bichsel, Time & Reality II, Freie Strasse 88, Basel, 13. – 20. Dezember 2014, 10 – 18 Uhr.

Strassenkunst findet in der Markthalle ein Zuhause

Joel Gernet am Freitag den 27. Juni 2014

Die Urban-Art-Plattform «Artstübli» wird nach jahrelangem Vagabunden-Dasein im Mantelbau der Markthalle sesshaft. Die Eröffnung während der Art Basel verlief vielversprechend.

Frischer Wind: Der «Artstübli»-Ausstellungsraum im Mantelbau der Markthalle. (Foto: Joël Gernet)

Frischer Wind: Der «Artstübli»-Ausstellungsraum im Mantelbau der Markthalle. (Foto: Joël Gernet)

Die Basler Markthalle hat einen Farbtupfer mehr: Neben dem Seiteneingang am Steinentorberg hat sich das «Artstübli» eingenistet. Pünktlich zur Art Basel wurde der Ausstellungsraum eröffnet. Auf 124 Quadratmetern gibts urbane Kunst von Graffiti bis Streetart zu sehen, präsentiert in einem lichtdurchfluteten Raum mit grossen Fenstern, hölzernem Fischgrätparkett und Ausblick auf das Heuwaage-Viadukt. Vor Kurzem befand sich hier ein angestaubtes Antiquitäten-Lager.

«Es war einiges los letzte Woche», sagt Betreiber Philipp Brogli zufrieden. Wie erhofft, haben zahlreiche Art-Besucher spontan vorbei geguckt, was natürlich wesentlich mit der «Volta 10» zusammenhängt. Die Nebenmesse ist dieses Jahr vom Dreispitz in die Markthalle zurückgekehrt. Wer von der Heuwaage her kommt, spaziert fast automatisch ins «Artstübli».

«Mr. Artstübli» Philipp Brogli.

«Mr. Artstübli» Philipp Brogli.

Anders als an der Art Basel kann sich hier fast jeder ein Stück Kunst leisten. Die Fine Art Prints und Siebrucke kosten zwischen 100 und 600 Franken. Wer eines der wenigen Originalbilder kaufen will, muss zwischen 2800 und 8000 Franken locker machen. «380 Franken für einen gerahmten und limitierten Druck sind für einen Art-Besucher ein Klacks», findet Brogli. Dass sich der Basler Urban-Art-Förderer bei seinem Angebot auf sogenannte Prints spezialisiert hat, hängt nicht nur mit deren Preis zusammen: Während des «Artstübli»-Aufbaus fehlte Brogli schlicht die Zeit, um sein breites Künstlernetzwerk nach Originalen zu durchkämmen.

Also nutzte der Basler die Chance, um das wachsende Internet-Angebot im Bereich der hochwertigen Prints zu sondieren. Im Netz tummeln sich zahlreiche junge Künstler und Kunstsammler in der Hoffnung auf einen guten Fang. Mit einem glücklichen Händchen finden Kenner und Könner durchaus Perlen, deren Sammlerwert sich mit der Zeit markant steigert. Mit seinem immensen Vorwissen hat Brogli beste Voraussetzungen, um sein «Artstübli» mit preiswerten Preziosen zu schmücken.

Begehrter Print: «Moonshine» von Etam Cru (PL).

Begehrter Print: «Moonshine» von Etam Cru (PL).

Die Streetart-Institution des Baslers gibt es seit 2004. Was als loses Zusammentreffen gleichgesinnter Kunstfreunde begann, fand bald seine Fortsetzung in einem gleichnamigen Online-Magazin. Beflügelt vom positiven Feedback und den rasant erweiterten Künstlerkontakten fand 2006 die erste «Artstübli»-Kunstmesse «Artyou» statt (damals noch unter dem Namen «Artig»). Diese mauserte sich über die Jahre zur wichtigsten Schweizer Kunstschau im Bereich Urban Art. 2013 legte Brogli die «Artyou» vorläufig auf Eis.

Wie er jetzt verrät, hatte der Entscheid auch etwas mit dem neuen Ausstellungsraum Markthalle zu tun. Nachdem die Kunstplattform jahrelang ein Vagabunden-Dasein ohne festen Sitz führte, zeichnete sich in den letzten Monaten eine längerfristige Lösung in der Markthalle ab. «Bei der Immobilienverwalterin Wincasa hat ein Umdenken stattgefunden», sagt Brogli und erklärt nicht ohne Stolz, dass die Markhallen-Verantwortlichen sich nun bewusst für seine junge, urbane Kunstplattform entschieden haben – und gegen eine rein kommerzielle Nutzung. Broglis Hartnäckigkeit hat sich nach langem Warten also doch noch ausgezahlt. Neben einer kulanten Miete kann er sich über einen längerfristigen Vertrag freuen. «Viele meinten, dass wir nur während der Art Basel in der Markthalle sind – aber wir bleiben mindestens fünf Jahre», sagt er mit einem schelmischen lachen im Gesicht. «Das ist mehr als eine Zwischennutzung.»

Offen! Philipp Brogli auf dem roten Teppich vor seinem neuen Ausstellungsraum. (Foto: Andreas Schneider)

Offen! Philipp Brogli auf dem roten Teppich vor seinem neuen Ausstellungsraum. (Foto: Andreas Schneider)

Nun ist das «Artstübli» zum ersten Mal sesshaft geworden. Domestizierte Strassenkunst sozusagen. Wer durch die grossen Schaufenster am Steinentorberg 28 guckt, erspäht nun Bilder namhafter Urban-Art-Künstler wie dem französischen Bubble-König Tilt, dem polnischen Duo Etam Cru oder, natürlich, der Basler Graffiti-Koryphäe Smash137. Von ihm ist ein Originalbild zu sehen. Philipp Brogli unterstützt den inzwischen weltweit beachteten Künstler seit Jahren und kann sich nun wiederum auf dessen Support verlassen.

Heimspiel: Bildausschnitt eines Werks von Smash137.

Heimspiel: Bildausschnitt eines Werks von Smash137.

Nach der Art-Woche kann sich Brogli über mehr als ein Dutzend verkaufte Werke und viele neue Kontakte freuen. Etwa zu der in Basel lebenden, international bekannten Fotokünstlerin Vera Isler-Leiner. Wie sich herausstellte, wohnt die 83-Jährige im Hochhaus nebenan. Nach der Eröffnung hat sie das «Artstübli» mit grossem Interesse besucht. «Sie kannte urbane Kunst bereits aus dem Film des Streetart-Stars Banksy und erzählte mir von Strassenkunst, die sie in den 80er-Jahren fotografiert hat», erinnert sich Brogli. «Das war eine schöne Begegnung.»

Wer weiss, vielleicht gibt es im neuem Ausstellungs- und Projektraum (der Begriff Galerie wird gemieden, um Hemmschwellen zu umschiffen) bald Streetart aus den Anfangstagen dieser noch jungen Kunstform zu sehen. Zudem wird Brogli auch abseits seiner neuen Kunststube in der Markthalle aktiv sein. So koordiniert er etwa regelmässig Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Jüngstes Beispiel ist das grossflächige Bild, dass die Graffiti-Künstler Zosen (ARG) und Mina (JPN) in der Art-Woche auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz hinterlassen haben. «Und vielleicht gibt es ja demnächst auch wieder eine Artyou», sagt Brogli.

Artstübli, Steinentorberg 28, 4051 Basel. Ausstellungs-Öffnungszeiten ab Juli: Donnerstag/Freitag, 11 bis 18 Uhr; Samstag, 14 bis 18 Uhr.
www.artstuebli.ch

«Artstübli»-Projekt im Öffentlichen Raum: Das Graffiti von Zosen y Mina auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz.

«Artstübli»-Projekt im Öffentlichen Raum: Das Graffiti von Zosen y Mina auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz.

 

Brutale Striche und ein absorbierter Affe

Joel Gernet am Dienstag den 17. Juni 2014

Die Colab Gallery in Weil am Rhein (D) zeigt in ihrer sechsten «Public Provocations»-Ausstellung Grenzen und Grossformatiges.

Kanadische Kartonkunst. Vier Wochen lang hat Laurence Vallières an diesem Affen gearbeitet – ohne Vorlage.

Kanadische Kartonkunst. Vier Wochen lang hat Laurence Vallières an diesem Affen gearbeitet – ohne Vorlage.

Mit gesenktem Blick sitzt der gigantische Affe da, in den Händen einen Tablet-Computer. Der Vernissage-Trubel scheint ihn kaltzulassen. Er würdigt die schicken und schönen Menschen mit ihren Weissweingläsern und den vergnügt spielenden Kindern keines Blickes. Der drei Meter grosse Koloss ist nicht nur wegen seiner Dimension das herausragende Exponat an der Urban-Art-Ausstellung «Public Provocations» in der Colab Gallery. Ansprechende Ästhetik, gekoppelt mit subtiler Gesellschaftskritik – der Affe der kanadischen Künstlerin Laurence Vallières wirkt wie die 3-D-Version eines Bildes von Banksy, dem britischen Street-Art-Superstar, der die Kunstwelt seit Jahren zum Narren hält. Im Gegensatz zu Banksys Werken sind die Skulpturen von Vallières noch bezahlbar: Den Affen gibts für 5000 Euro – hier ist also eher der Platz das Problem.

Vier Wochen hat die Geburt des ­Giganten gedauert: Die junge Kanadierin hat die Skulptur vor Ort zusammengebastelt, intuitiv und ohne Vorlage. Das Baumaterial lieferten alte Kleiderkartons des Carhartt-Outlets, unter dessen Dach sich die Galerie befindet. Einzige Hilfen: ein Teppichmesser und viel Heissleim. Neben dem Affen sind auf diese Weise zwei stattliche Bärenköpfe entstanden, die an unkaschierte ­Basler Fasnachtslarven erinnern.

Dass Laurence Vallières bereits einen Monat vor Eröffnung der Gruppenausstellung anreiste, ist aussergewöhnlich. Am Tag vor der Vernissage war die ein oder andere Künstlerkoje noch komplett weiss. Jeder der neun geladenen Künstler gestaltet seine Nische spontan vor Ort. Dabei entstehen auch Werke, die nach sechs Monaten wieder übermalt werden. Kunst, so vergänglich wie Street-Art- und Graffiti-Bilder im öffent­lichen Raum. «Es ist gut, dass man nicht alles kaufen kann», sagt Kura­tor Stefan Winterle über die zum Untergang geweihten Wandbilder. Da sich Vallières grosse Skulpturen schlecht in einer Künstler-Koje an die Wand pressen lassen, werden ihre Werke im weitläufigeren Eckbereich zur Schau gestellt, verschont von den alles gleich machenden Farbrollen der Erneuerung.

Schwarzweissmaler: Die Koje des finnischen Künstlers Egs.

Schwarzweissmaler: Die Koje des finnischen Künstlers Egs.

Neben der Kartonkunst der Kanadierin präsentiert der Sprayer Egs seine Werke. Der Finne ist seit über zwanzig Jahren aktiv und hat den Sprung von der Strasse in die grossen Galerien zeitgenössischer Kunst geschafft. Zwar zeugen die zerstäubten und zerlaufenen Striche noch immer von seiner Vandalen-Vergangenheit. Im abstrakten und reduzierten Schwarz-Weiss-Bild lassen sich aber beim besten Willen keine Graffiti-Buchstaben mehr erkennen.

«Egs hat den Ausschnitt einer Weltkarte an die Wand gesprüht», erklärt Winterle. «Viele Sprayer bilden sich ja etwas ein auf die Aussagekraft, den Schwung und die Sauberkeit ihrer Striche – aber die mächtigsten Linien überhaupt sind jene auf der Landkarte, die Landesgrenzen.» In den gerahmten Werken an den Seitenwänden der Koje erkennt man die Bildsprache des Skandinaviers: Kontinente und Landesgrenzen sind deutlich erkennbar. Doch die Linien sind auch hier zerfleddert und zerstäubt. Als wollte der Künstler die Brutalität gezogener Landesgrenzen anprangern. Hier hat Egs nicht zur Spraydose gegriffen, sondern zu Tinte und medizinischen Spritzen.

Steueroasen: Der deutsche Künstler 1010 hat die Grundrisse von 81 Ländern farbenfroh umgesetzt.

Steueroasen: Der deutsche Künstler 1010 hat die Grundrisse von 81 Ländern farbenfroh umgesetzt.

Ebenfalls mit Landesgrenzen beschäftigt hat sich der deutsche Künstler 1010 mit seiner «Abyss»-Serie. Was ­zunächst anmutet wie ein farbenfroher Abgrund aus immer enger gezogenen Tiefen- statt Höhenlinien entpuppt sich als Grundriss einer Steueroase. 81 derartige Bilder hat 1010 gemalt. Eines für jeden Abgrund, in dem Steuergelder verschwinden. «Gerne hätte ich hier auch das Schweiz-Bild gezeigt», erklärt Kurator Winterle, «aber der Künstler hat das Werk bereits verkauft.»

Völlig anders präsentieren sich die Werke des amerikanischen Schablonen-­Künstlers Logan Hicks. ­Seine silbernen und goldenen Totenköpfe bestechen durch eine leicht erschliessbare Ästhetik. Es ist gut erkennbar, warum Hicks neben Banksy und Blek Le Rat zu den Koryphäen der Stencil-Kunst gehört. «Sigi hatte schon früher Kontakt zu ihm, kam aber nicht mehr dazu, ­Logan Hicks einzuladen», erklärt Winterle in Gedenken an den verstorbenen Galeriegründer Sigi von Koeding alias Dare: «Jetzt schliesst sich der Kreis.»

Strencil-Koriphähe: Zwei Kunstfreunde betrachten ein Schablonen-Bild des US-Künstlers Logan Hicks.

Strencil-Koriphähe: Zwei Kunstfreunde betrachten ein Schablonen-Bild des US-Künstlers Logan Hicks.

Colab Gallery, Weil am Rhein. Schusterinsel 9. Bis Oktober.
www.carhartt-gallery.com

Capsules artistes Chromatic | Laurence Vallières from massivart on Vimeo.

Im Spannungsfeld zwischen Euphorie und Entsetzen

Joel Gernet am Donnerstag den 12. Juni 2014

Die brasilianischen WM-Ausschreitungen erreichen Basel: Die Multimedia-Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream» illustriert die Zerreissprobe des Landes. Zu sehen am Public Viewing im Basler Hinterhof.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Neben den wackligen Strassenkampf-Szenen aus Brasiliens Favelas wird eine WM-Werbung von Coca-Cola an die Backsteinwand projiziert. Man sieht, wie der Getränkemulti junge Menschen in ärmlichen Gegenden mit Cola und WM-Tickets beglückt. Der Slogan: «One World, One Game». Die Unterzeile: «Everybody’s invited». «Die Werbung ist insofern ehrlich, als dass hier der Sponsor sagt, wer eingeladen ist», findet Beni Wyss, Kurator der Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream». Er hat die Multimedia-Installation für das Sportmuseum Schweiz im Basler Hinterhof realisiert. Heute Donnerstagabend ist Eröffnung im Rahmen des Kultur-Public-Viewings im Untergeschoss des Clubs Hinterhof.

«Wir wollen Sportkultur niederschwellig am Ort des Geschehens präsentieren – hier kann man sich bequem mit einem unbequemen Thema beschäftigen», erklärt Wyss. «Ausgangspunkt war die kritische Auseinandersetzung mit der WM – ohne zu werten.» Der Kontrast zwischen Strassenkampf, Fussball-Euphorie und Kommerz ist gewollt. Die Ausstellung thematisiert jenes Spannungsfeld, dass sich auftut zwischen den unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Perspektiven auf eine Fussball-Weltmeisterschaft.

12. Juni bis 13. Juli. Hinterhof, Münchensteinerstr. 81, Basel.

12. Juni bis 13. Juli. Hinterhof, Münchensteinerstr. 81, Basel.

Da sieht man etwa eine junge Journalistin mit blutunterlaufenem Auge. Sie wurde an einer Demonstration von einem brasilianischen Polizisten mit Gummischrot beschossen. Oder eine verzweifelte Ärztin, die sich in Anbetracht der Millionen-Ausgaben für neue Fussballtempel über die unhaltbaren Zustände in ihrem Spital beschwert. Ihr wird ein FIFA-Funktionär entgegengesetzt, der jegliche Mitverantwortung an den sozialen Unruhen abstreitet.

Man sieht aber auch FIFA-Präsident Sepp Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff voller Zuversicht bei der WM-Auslosung, euphorische Kinder beim Fussballspielen, brasilianische Musik und Lebensfreude. «Es ist keine Ausstellung über die Schattenseiten der WM, sondern ein kritischer Blick auf die verschiedenen Perspektiven zu diesem Grossanlass», stellt Wyss klar. «Wir sind keine WM-Gegner.»

Gezeigt werden insgesamt zehn Filme, allesamt zusammengestellt mit Videomaterial aus dem Internet. «Kameras sind heute allgegenwärtig und schaffen Sichtbarkeit für alle – sowohl für Sepp Blatter als auch für die Demonstranten auf der Strasse», erklärt Kurator Wyss. «Da gibt es eine komplett neue Gegenöffentlichkeit.» Neben den offiziellen Spots von Veranstalter und Sponsoren hat man deshalb auch aus dem fast grenzenlosen Fundus an Handy-Videos aus der Bevölkerung geschöpft. Um dabei nicht komplett die Übersicht zu verlieren, arbeitete das Sportmuseum Hand in Hand mit den Nichtregierungs-Organisationen Terre des Hommes Schweiz und ANCOP, dem brasilianischen Netzwerk der Bürgerkomitees.

So erreichen die Demos aus Brasilien also via Beamer auch Basel. Es ist ein Transfer von der brasilianischen Realität in die Virtualität des Internets – und zurück in die Realität am Public Viewing im Hinterhof. Die Ausstellung markiert auch die Eroberung des Untergeschosses im ehemaligen Safruits-Früchtelager. «Die Ironie der Vorgeschichte ist, dass vor dieser Ausstellung ein Clochard zwangsumgesiedelt werden musste», schildert Wyss in Anlehnung an die umstrittenen Zwangsumsiedlungen in Brasilien. Der Obdachlose habe während Monaten in den fensterlosen Gemäuern gelebt – in friedlicher Nachbarschaft zu den Hinterhof-Betreibern. Warum der Clochard vom Gebäudeinhaber Basel-Stadt weggewiesen wurde, weiss Wyss allerdings nicht.

Es ist das dritte Mal, dass das auf dem Dreispitz beheimatete Sportmuseum Schweiz mit dem Hinterhof für das Public Viewing eines Fussball-Grossanlasses zusammenspannt. Dass der Event dabei von einer Ausstellung flankiert wird, ist hingegen neu. «Wir haben nicht den Anspruch, Brasilien nach Basel zu holen, aber wir wollen dennoch mit den Ausstellungen unseres Mobilen Museums am Ort des Geschehens zu sein», erklärt Wyss.

Der aktuelle Blick nach Brasilien – die beiden Flughäfen in Rio de Janeiro werden zur Zeit bestreikt – lässt erahnen, dass dass die Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream» auch nach dem Anpfiff der WM nicht an Aktualität verlieren wird. Im Gegenteil: Die brasilianische Zerreissprobe könnte auch nach der Weltmeisterschaft weiter gehen – 2016 führt das Land die Olympischen Spiele durch.

Copa>Demo>Video>Stream – Eine Video-Ausstellung über Brasilien und die Fussball-WM. 12. Juni bis 13. Juli 2014. Hinterhof, Münchensteinerstrasse 81, Basel. Vernissage: Donnerstag, 12. Juni, 20 Uhr.

Kunst gegen brasilianische Gefängnis-Tristesse

Graziella Kuhn am Donnerstag den 10. April 2014

Wenn Häftlinge auf klassische Musik und Malerei treffen, entsteht Ungewöhnliches. Die Basler Stiftung Brasilea zeigt diese Begegnungen in einer multimedialen Ausstellung. Heute ist Vernissage.

In Brasilien ist das Gefängnisleben geprägt von tristen Wänden. Es gibt keinerlei Dekoration oder auch nur die kleinste Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Keine Bücher, Computer oder Fernseher. Das Einzige was den Insassen bleibt, ist der tägliche Spaziergang um den Baum im Hof – sofern denn einer da ist. Wenn es der Anstalt gut geht, besitzen sie eine kleine Bibliothek mit vielleicht 50 Büchern. Allerdings keine Gesetzesbücher: Häftlinge mit Gesetzkenntnissen, können gefährlich werden. Um der täglichen Einöde zu entschwinden, dürfen die männlichen Gefangenen sich eine Frau für sexuelle Dienste kommen lassen, den weiblichen Insassinnen bleibt dieses Recht jedoch verwehrt. Auch in diesem Land ist das Patriarchat – zumindest im Gefängnis— noch alles bestimmend.

Um gegen diese Tristesse des grauen Alltags anzukämpfen, hat das brasilianische Künstlerduo Mariannita Luzzati und Marcelo Bratke aus Sao Paolo das Projekt «NO LAND» lanciert. Die Landschaftsmalerin und der Pianist haben es sich zum Ziel gesetzt, die Insassen als Publikum auf eine Reise durch brasilianische Landschaften mitzunehmen – und so wieder Freude hinter den Gittern zu ermöglichen.

Begleitet werden die Zuschauer durch die Musik von Heitor Villa-Lobos und weiteren brasilianischen Komponisten, deren Inspirationsquelle in der Natur liegt. Die Musik wird visuell durch die Naturfilmaufnahmen und deren Interpretation von Mariannita Luzzati untermalt. Aus den Aufzeichnungen dieser aussergewöhnlichen Begegnungen ist ein Film entstanden: Eine Dokumentation über Emotionen und Leidenschaft, mit eindrücklichen Bildern und schöner Klaviermusik. Nach der Vorführung in zehn brasilianischen Haftanstalten, wurde «Cinemúsica» in Konzerthäusern und Museen in Brasilien, Deutschland, England, Serbien, Bosnien und den USA gezeigt – zusammen mit der Dokumentation über das Gefängnis-Projekt.

Die Stiftung Brasilea stellt ihre Räume am Dreiländereck für eine Symbiose aus Dokumentationsfilm, Landschaftsmalerei und Live-Musik zur Verfügung. So soll es den Betrachtern ermöglicht werden, das zu sehen, was die Gefängnis-Insassen sahen und fühlten. «Cinemúsica» erhielt im Jahr 2011 den 14. Brazilian International Press Award und wurde beim Art of Touch Sarajevo Winter Festival 2014 ausgezeichnet.

Emotionen im Gefängnis

Marcelo Bratke gehört zu den international bekanntesten Pianisten Brasiliens, dem das Werk seines renommierten Landmannes Heitor Villa-Lobos (1887-1959) am Herzen liegt. Bratkes musikalisches Repertoire reicht von Klassik bis zur populären Musik. Mit seinen musikalischen Vorführungen füllt er Konzerthäuser rund um den Globus, wie die Queen Elizabeth Hall in London, die Carnegie Hall in New York und das Teatro Colón in Buenos Aires. Mit der Musik und den Werken seiner Lebenspartnerin Mariannita Luzzati will er die zwischenmenschliche Ebene der Betrachter ansprechen. Ihre Bilder basieren auf eigenen Landschaftsaufnahmen und auf Fotos aus den Anfängen der Fotografie ab 1880. Einer Zeit, bevor der Mensch die Landschaftsansichten durch sein Einwirken stark verändert und geprägt hat.

Die Inhalte werden auf ein Minimum reduziert, um so das Sehen und auch die Fantasie des Betrachters zu stimulieren. Die Landschaften wirken wie in Nebel gehüllt, entstanden durch zahlreiche dünne Ölschichten, die die Ränder und Kanten leicht verschwimmen lassen. Luzzati will so im Betrachter das Gefühl des schon «Dagewesenseins» hervorrufen. Die vertraut wirkenden Szenen im Zusammenspiel mit der Musik lösten bei den Insassen und später auch beim Publikum starke Emotionen aus, wie Bratke schildert. Genau auf dieser Ebene will das Künstlerpaar die Menschen erreichen.

«NO LAND» von Mariannita Luzzati & Marcelo Bratke»
10. April bis 14. Mai 2014. Vernissage mit Klavierkonzert von Marcelo Bratke: Do. 10. April, ab 18.45 Uhr. Stiftung Brasilea, Westquaistrasse 39, Basel.

Zur neuen Ausstellung gibt es einen Workshop mit der Künstlerin Cerstin Thiemann. Als Inspiration dienen dabei Mariannita Luzzatis Landschaften. Mittels Motivsuche und Gestaltung werden dann eigene Bilder komponiert. Die Teilnehmerzahl für den Workshop ist limitiert. Mehr Infos

 

Strassenkunst im Konsumtempel

Joel Gernet am Freitag den 13. September 2013

Von Brasiliens Favelas ins Basler Stücki Shopping: Die Streetart-Werke von Zezão passen nicht in den Kleinhüninger Konsumtempel, könnte man meinen. Doch der Spagat zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Gosse und Galerie, passt zum Graffiti-Pionier aus São Paolo.

Vor wenigen Wochen musste Zezão auf Samtpfoten durch die unterirdischen Abwasserkanäle von Kassel schleichen, um beim Malen nicht die Aufmerksamkeit von Passanten und Polizei auf sich zu ziehen. In Basel geht der brasilianische Streetart-Künstler weniger diskret zu Werk: Im Brasilea-Atelier wird lautstark gebohrt und gehämmert. Es gilt, die letzten Werke für seine Solo-Ausstellung zusammenzubasteln und, natürlich, anzumalen.

Zezao_Creenshot7Während der 43-Jährige in den Favelas seiner Heimatstadt São Paolo vom Bettgestell über Autowracks bis hin zu abgefuckten Mauern fast alles lackiert, was ihm vor die Dose kommt, schustert er sich im Kleinhüninger Rheinhafen seine Unterlage selber zusammen.

Die Holz- und Metallabfälle stammen von der Schrottfirma vis-à-vis. Und weil die Recycling-Leinwand nach dem Zusammenschrauben noch zu unspektakulär aussieht, wird sie mit einer Hitzepistole behandelt, bis sie so schwarz ist wie die Vergangenheit des brasilianischen Streetart-Stars.

Aufgewachsen am Rand von São Paolos Favelas unter prekären familiären Verhältnissen und ohne abgeschlossene Ausbildung, zog sich der junge Zezão in den urbanen Untergrund zurück, um über das Malen zu sich zu finden. «Er ist im wahrsten Sinn abgetaucht», sagt Daniel Faust, Brasilea-Direktor und Kurator der Ausstellung. «Das Malen war sein Yoga.» Von Abwasserkanälen und Brückenpfeilern gings Stück für Stück zurück ins Tageslicht und – nach zwanzig Schaffensjahren – ins Rampenlicht. «In Brasilien ist Zezão ein Superstar», findet Faust.

Zezão vor dem Brasilea-Gebäude im Rheinhafen.

Zezão vor dem Brasilea-Gebäude im Rheinhafen.

Das Kennzeichen des brasilianischen Graffiti-Pioniers: die blaue Krakelschrift, abgeleitet aus dem Wort vício – Sucht. «Ich benutze dieses Himmelblau, weil es im Dunkeln so schön leuchtet», sagt Zezão. São Paolo sei eine hässliche Stadt, deren System er als junger Sprayer zerstören wollte. «Aber irgendwann realisierte ich: Ich mache meine Bilder, um sie zu verschönern.»

Inzwischen sind seine blauen Hinterlassenschaften in aller Welt zu sehen – in Galerien oder unter Brücken. So auch am Wiesenufer in Kleinhüningen, wo Zezão bei seinem Brasilea-Debut 2010 ein Wasserzeichen setzte. Dass das Bild immer noch steht, verwundert ihn genauso wie der Hinweis, dass es wenige hundert Meter rheinaufwärts ein Favela-Dorf gibt. «Really?!», sagt er irritiert und lässt sich die verrückte Geschichte der Kunst-Baracken erklären.

Wie Tadashi Kawamata mit seinem Favela Café an der Art Basel pendelt auch Zezão zwischen Selbstverwirklichung, Sozialkritik, Kunst und Kommerz. Der Brasilianer unterscheidet zwischen «Graffiti» und «Fine Art», die bei ihm letztlich zwei Seiten der selben Medaille markieren. Einerseits sagt der Sprayer, der auch mit 43 Jahren noch gerne in Abwasserkanälen und Abrissruinen unterwegs ist: «Ich will meine Kunst mit den armen Leuten teilen». Andererseits versucht er mit seinem einzigartigen Talent ein angenehmes Leben zu bestreiten. «Ich versuche meine Energie vom Graffiti-Kontext in diese Umgebung zu transformieren», erklärt Zezão während er sich im Brasilea-Atelier umblickt.

Über den Favelas: Ein Zezão in São Paolo.

Über den Favelas: Ein Zezão in São Paolo.

«Wegen meiner rauhen Strassenkunst meinen viele, ich sei ein harter Typ – dabei bin ich sehr emotional», sagt er und lacht. Die Worte sprudeln aus seinem Mund wie die Bilder aus seinem Handgelenk. «Dein Leben ist ein Kunstwerk, du kannst selber entscheiden, was du damit machst.» Seine Kollegen in Brasilien meinen immer noch, er relaxe in Europa, schildert Zezão. «Aber bin kein Tourist, sondern muss arbeiten!» Vor Ausstellungen wie der Solo-Show in Basel heisst das: 18 Stunden pro Tag planen, basteln und malen. «Ich bin müde – und gleichzeitig glücklich.»

Basel ist nur eine Station auf Zezãos zweimonatiger Europa-Tour. Er kommt von einer Gruppenausstellung in der namhaften Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Und vom Rheinknie aus geht es demnächst ein paar Kilometer den Bach runter nach Köln ans Urban Art Festival CityLeaks, wo er mit Szene-Grössen wie Aryz, Cope2 oder Satone Häuser bis unters Dach bemalen wird.

Zuerst wird aber in der Brasilea-Galerie im Stücki Shopping eine der wenigen Solo-Ausstellungen von Zezão zelebriert. Der unkonventionelle Ort kam vor etwa einem Jahr ins Spiel, als Center Manager Jan Tanner auf Brasilea-Direktor Daniel Faust zukam und ihm eine leere Ladenfläche zu sehr guten Konditionen anbot. Ab Samstag wird deshalb im Stücki Zezãos Leben der Kontraste gezeigt: Zwischen dem Müll der Favelas und dem Glanz der Stadtzentren, ein Tanz zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Licht und Schatten, Oberfläche und Untergrund. Dies übrigens an einem Ort, an dem einst die alte Stückfärberei stand. Eine Farbfabrik, die nach ihrer Stilllegung in den 80er-Jahren zu einem pulsierenden Treffpunkt der noch jungen Basler HipHop-Szene wurde. Natürlich blieben die Wände damals nicht lange grau. Mit Blick auf Zezãos Solo-Show könnte man also auch sagen: Graffiti is coming home.

Zezão – Soloshow. 14. September bis 30. November 2013. Brasilea Galerie, 1. OG Stücki Shopping Basel, Hochbergerstrasse 70. Offen Samstag von 11 Uhr bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung. Vernissage: Sa. 14. September ab 12 Uhr. Hier der PDF-Katalog zur Ausstellung als Free-Download.

Zeitgleich findet in der Stiftung Brasilea an der Westquaistrasse 39 im Rheinhafen bis am 7. November eine 10-Jahr-Retrospektive der vergangenen 42 Ausstellungen statt.

Tanzende Flaschengeister an der Volta 9

Joel Gernet am Dienstag den 11. Juni 2013

Seit heute Dienstag ist auch die Kunstmesse Volta 9 in der Dreispitzhalle für jedermann zugänglich. Bei einem ersten Streifzug sind wir unter anderem tanzenden Flaschengeistern von Gabriel Barcia-Colombo (USA), einem Hamsterrad für Menschen von Hartmut Stockter (D) und einer Hochhausstadt im Miniaturformat von Rik Smits (NL) begegnet.

Die tanzenden Flaschengeister «Animalia Chordata» (2006/2013) des New Yorkers Gabriel Barcia-Colombo werden von hinten mittels eines Projektors in die Gefässe projiziert. Gesehen bei der Muriel Guépin Gallery.

Senf? Nein, BrainDrain! Specta aus Kopenhagen (DK) zeigt die Skulptur Brain Drain (2013) von Andreas Schulenburg.

«Das gibt doch Löcher in die Wand», meint das Töchterlein zur Installation «Crossfire» (2012) von Sanell Aggenbach, ausgestellt bei Brundyn + Gonsalves aus Kapstadt (SA).

Das «Wiesenpfad Menschenrad» (2009) von Hartmut Stockter, präsentiert bei der Larmgalleri aus Kopenhagen (DK)

«Fuck The Poor» – auch provokante Installationen gehören an der Volta 9 zum Ausstellungsprogramm. Das geht wohl unter die Rubrik Gesellschaftskritik.

Porzellan und Gummi: Die Skulptur «I don’t want your freedom» von Nadine Wottke. Dahinter die imaginäre Miniaturstadt «Capital 1» (2013) von Rik Smits. Alle Häuser hat er eigenhändig aus Styropor ausgeschnitten.

Basserboxen: Die mit Wasser gefühlten «Volume»-Lautsprecher von Serge Baghdassarians und Boris Baltschun weisen je nach Vibration ein aussergewähnliches Muster auf ihrer flüssigen Membran auf.

Wieder dominiert Blau: Die Bilder von Ritums Ivanivs der Gallery Bastejs aus der lettischen Hauptstadt Riga.

Städtchen im Häuser-Boot: Dieses Werk von Bo-Christian Larsson steht bei der Christian Larsen Gallery aus Stockholm.

Blick in die Koje von Andreas Binder aus München.

Volta 9, Dreispitzhalle, Dreispitz Areal, Tor 13, Helsinki-Strasse 5, Münchenstein. Di. 11. Juni bis Sa. 15. Juni 2013, 10-19 Uhr.

Kesse Strassenkunst aus Rom

Joel Gernet am Freitag den 7. Juni 2013

«In der Nacht sprayen? Ich doch nicht – ich bin eine Frau!», sagt Alice Pasquini und lacht. Die Römer Streetart-Künstlerin zieht es vor, auch ihre unbewilligten Wandmalereien bei Tageslicht anzubringen. In Italien ist das mit etwas Erfahrung, Fingerspitzengefühl und einem chicen Auftreten kein grösseres Problem. Im Gegenteil: Es kommt immer wieder vor, dass die kesse Künstlerin bei ihrer Strassenarbeit neue Aufträge reinholt.

Dieses Wochenende ist Pasquini nicht auf den Strassen Roms, sondern in Weil am Rhein (D) unterwegs: als ausstellende Künstlerin an der «Public Provocations». Die fünfte Ausgabe der Ausstellungsreihe präsentiert ab Samstag unweit des Rheincenters zehn internationale Urban-Art-Künstler.

Frau mit Apfel: Pasquinis Werk in Weil am Rhein. (Foto: Jessica Stewart, RomePhotoBlog).

Vor zwei Jahren war Alice Pasquini das erste Mal in Weil am Rhein. Als Begleiterin des französischen Streetart-Stars C215 hinterliess die Römerin damals bei der Carhartt Gallery ein kunstvoll verziertes Verkehrsschild. Inzwischen heisst die auf Urbane Kunst spezialisierte Galerie Colab Gallery – und Pasquini ist nicht mehr Anhang, sondern geladene Künstlerin.

Als wir Pasquini während der Gestaltung ihrer Ausstellungskoje treffen, beschäftigt sich die Italienerin mit der Hintergrundgestaltung ihres Bildes. Es zeigt eine junge Frau mit Apfel und Blumen in den Haaren. Naturfarben wie Braun und Grün dominieren das Motiv. Dass es daherkommt, als hätte es die Patina einer kunstvoll verwitterten Statue, ist kein Zufall. Pasquini mag alte Motive: «Ich habe mich von einer amerikanischen Zeitschriften-Werbung aus dem Jahr 1902 inspirieren lassen.»

Die Römerin beschäftigt sich seit jeher mit Malerei und Bildgestaltung. Nach Abschluss der Kunsthochschule arbeitete sie als Illustratorin, was ihr aber ziemlich rasch verleidete: «Ich war gar nicht mehr am malen», erinnert sie sich. Als sie daraufhin in Madrid Freizeitparks für Kinder gestaltete und deren Begeisterung sah, realisierte Pasquini, dass sie Kunst machen will, die unmittelbar auf den Betrachter trifft. Deshalb brachte sie, die immer schon eine Affinität zur HipHop-Kultur hatte, ihre Bilder vor rund sechs Jahren auch auf die Strassen. Inzwischen blicken ihre Motive – mit Vorliebe sanfte Frauen- und Kindergesichter – an fast allen Ecken dieser Welt von den Fassaden.

Wenn Pasquini ausserhalb Italiens tagsüber ungefragt Wände umgestaltet, geht sie dabei allerdings vorsichtiger vor. Die Passanten reagieren nämlich überall anders, wie folgende Episode aus dem norwegischen Oslo zeigt: «Ich mag, was sie machen», habe da eine Frau zur malenden Pasquini gesagt, «aber jetzt mache ich ein Foto und rufe die Polizei». Kunst im öffentlichen Raum – wir reden hier nicht von Schmierereien – wird halt in gewissen Kreisen immer noch als Provokation wahrgenommen. Daran soll auch der Ausstellungsname «Public Provocations» erinnern. In Weil am Rhein wurde Pasquinis Kunst bis jetzt allerdings noch nicht als störend empfunden – im Gegenteil. Das von ihr verzierte Strassenschild wurde vor zwei Jahren nach wenigen Wochen von einem kunstaffinen Dieb abgeschraubt.

Public Provocations V, Colab Gallery (früher: Carhartt Gallery), Schusterinsel 9, Weil am Rhein. Vernissage Sa. 8. Juni ab 20 Uhr. Die Ausstellung läuft bis Oktober 2013.

Künstler: Alice Pasquini (I), Amose (F), Case (D), Chris Stain (USA), Gris1 (F), Michael Grudziecki (PL), Orticanoodles (I), Robert Proch (PL), Wolfgang Krell (D). Mehr Infos.

Space Disco

Luca Bruno am Freitag den 15. Februar 2013

Im Nachhinein ist man immer schlauer und dementsprechend waren wir rückblickend betrachtet vielleicht doch ein wenig übereilig, als wir vor knapp zwei Jahren das Dreispitzareal als «Soon-to-be Kulturhotspot» betitelten. So wurde der Umzug der Hochschule für Gestaltung und Kunst mittlerweile auf frühestens 2014 verschoben und auch das einst so geschätzte Shift-Festival macht dieses Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge Pause – dem anfänglichen Enthusiasmus ist also längst Ernüchterung gewichen. Höchste Zeit also, diesen Negativschlagzeilen ein Ende zu bereiten.

Und in der Tat: Erst kürzlich kam mit der Eröffnung der «Rakete Dreispitz» wieder ein bisschen Schwung in das Quartier und diesen Sonntag, am 17. Februar 2013, wird sich nun gleich noch ein zweites Himmelsobjekt zum ersten Mal auf dem Radar des Dreispitz-Orbits zeigen: Die «MIR».

Hinter dem Verein «MIR» stehen zahlreiche, vorwiegend junge Basler Kulturschaffende, darunter Tonwerk, die Veranstalter der Partyreihen «Balztanz» (Hinterhof) und «Nachtigall» (Garage), und umtriebige DJs wie Shaka, Eskimo* oder Miss Peel – letztgenannte steht dem Verein übrigens vor, die dem Clubsterben in Basel mit einem neuen Veranstaltungsort entgegen wirken wollen. Mit einer Zwischennutzung vom «Raum D» des «Hauses für elektronische Künste» an der Oslostrasse hat der Verein den idealen Ort gefunden, um am Abend vor dem «Morgestraich» das Abenteuer «MIR» in Angriff zu nehmen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Abrissparty auf dem Dreispitz

Joel Gernet am Freitag den 21. Dezember 2012

Die letzte Stunde der YourGallery rückt näher: Ende Jahr wird das Kleinod des Kunstvereins 0123spitz seine Pforten am Walkeweg für immer schliessen. Bevor es soweit ist, steigt in der Halle neben der 36er-Bushaltestelle eine letzte Abrissparty in Form der Abschiedsausstellung «Les Copins». Heute Freitag wird sie eröffnet.

Daniel Fröhlicher aka Jon Doe, Initiant der YourGallery.

Zum letzten Tanz bitten mit Ynre und Jon Doe zwei der Künstler, die die Geschicke der YourGallery in den vergangenen eineinhalb Jahren leiteten. Während es in der vorletzten Ausstellung von Graffiti-Legende Kron vor allem Bilder mit Gesichtern und Figuren zu sehen gab, bekommen die Besucher nun wieder eine geballte Ladung Buchstaben vorgesetzt – von filigran bekritzelten Leinwänden über saftige Tag-Schriftzüge bis hin zu klassischem Wand-Graffiti.

Und als Abschlussbouquet haben es sich Ynre und Jon Doe nicht nehmen lassen, die Gallery-Mauern bis unters Dach zuzubomben. «Wir wollten durchdrehen und den Raum so bemalen, wie es bisher noch nie der Fall war», sagt Daniel Fröhlicher alias Jon Doe. Der Galeriegründer und Vereinspräsident blickt auf eine ereignisreiche Zwischennutzung mit rund 20 Ausstellungen zurück.

Im Sommer 2011, kurz vor der Art Basel, bekam er Wind von der leerstehenden Garagenhalle – und schlug zu. «Als ich den Raum und den Mietpreis sah, wusste ich: da ist etwas machbar», erinnert sich der 30-Jährige. Ohne Konzept, dafür mit umso mehr Elan, erschufen Fröhlicher und seine Kunstkollegen – alle mit Graffiti-Hintergrund – quasi über Nacht einen neuen Basler Offspace für junge, urbane Kunst. «Es war cool, etwas für Basel machen zu können», sagt Fröhlicher. Als grösster Erfolg wertet er, dass sich die YourGallery während der Zwischennutzung eine treue Fanbasis erarbeiten konnte und in der Öffentlichkeit als Kunstplattform wahrgenommen wurde. Unvergessen auch die Sommernächte im Hinterhof der Galerie – mit Grill, Getränken und Blick auf die Bilder im Innern der Halle.

Zähne zeigen: Eines der Bilder von Ynre.

Zähne zeigen: Eines der Bilder von Ynre.

«Klar hat uns die Gallery zeitweise auch aufgefressen, schliesslich haben wir sehr viel Zeit investiert – aber ich bereue nichts», sagt Fröhlicher mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Wie es 2013 weitergeht, weiss der 30-Jährige noch nicht genau. Nach alternativen Standorten hat sich der Kunstverein zwar bereits (erfolglos) umgesehen. Man ist sich aber auch bewusst, welche Perle man sich mit der ausrangierten Garage geangelt hat. «Wir waren verwöhnt mit dieser Halle an diesem zentralen Standort », findet Fröhlicher.

Wenn sich eine neue Gelegenheit bietet, ist ein Revival nicht ausgeschlossen – forcieren will man aber nichts. «Wir wollen Spass haben – und nicht eine professionelle Galerie betreiben», erklärt Fröhlicher. Der Kunstverein 0123spitz bleibt jedenfalls auch ohne festes Domizil bestehen. Und voraussichtlich wird es auch 2013 vereinzelte Events geben. Wo auch immer. Bevor es soweit ist, steht jetzt aber eine letzte Ausstellung zweier «Copains» an – und danach bleiben viele farbige Erinnerungen.

Les Copains. YourGallery, Walkeweg 1, Basel, Fr. 21. Dezember bis So. 30. Dezember. Öffnungszeiten