Archiv für die Kategorie ‘Schlaglicht’

Mit iPad und «digitalem Heiligenschein» verblüfft er die Art-Besucher

Joel Gernet am Mittwoch den 13. Juni 2012


Ohne schräge Vögel wie Claudio Di Bene wäre die Art Basel nur halb so schön. Ausgerüstet mit iPad, digitaler Brille, Elektro-Feder und einer runden Scheibe, die über seinen weissen Haaren schwebt, sticht der Italiener selbst unter den bunt gekleideten Art-Besuchern heraus.

Die Scheibe über seinem Haupt sei eine Art «digitaler Heiligenschein», erklärt Di Bene mit Handzeichen und in brüchigem Englisch. Er komme aus den Abruzzen und sehe sich als digitale Version des «Homo Technologicus». Mit seiner erlektronischen Feder zeichnet Di Bene Bilder in die Luft. Diese tauchen via Datenübertragung auf dem Monitor seines iPads auf. Dank seiner Space-Brille kann der Italiener die digitale und die reale Welt simultan sehen.

An die erstaunten Reakionen der Passanten hat sich Di Bene inzwischen gewöhnt, schliesslich ist er seit Jahren in dieser Montur an Kunstmessen unterwegs. Di Bene, der sich gerne als «digitalen Touristen» bezeichnet, kommt direkt von der Kunstmesse Documenta aus Kassel. Bereits 2005 war er mit Tablet-PC an der Biennale in Vendig anzutreffen – der Italiener ist also sozusagen ein Pionier im Umgang mit dem iPad und dessen Vorgängern. Und in deren kreativen Verwendung sowieso.

Mehr zu Claudio Di Bene gibts hier, hier und hier.

Neugier besiegt Vernunft

Fabian Kern am Montag den 11. Juni 2012

Das SeilEin Seil bringt das behütete Dorfleben durcheinander. Plötzlich liegt es da und führt in den Wald hinein. Doch wie weit, und wer hat es zu welchem Zweck da hingelegt? Eine erste Erkundung des Seils bringt einen Verletzten, aber keine Erklärung. Deshalb macht sich die Mehrzahl der Männer auf die Reise zur Erkundung des Geheimnisses. Die Suche nach dem Ursprung, zuerst einfach nur willkommene Abwechslung zum grauen Arbeitsalltag, wird immer mehr zur heiligen Mission, der alles untergeordnet wird. Unter dem Kommando des Lehrers Rauk lassen sich die Bauern völlig vom Seil vereinnahmen. Sie werfen alle Prinzipien über Bord, werden zu gewalttätigen Plünderern und setzen die Existenz ihres Dorfes aufs Spiel. Anstatt die Ernte einzubringen, ziehen die Männer lieber durch den Wald und schlafen im Freien, alles unter dem Vorwand der unglückseligen Mission. Die braven Bauern verlieren durch die Suche nach dem Unbekannten ihre Unschuld.

Stefan aus dem Siepen

Starke Sprache, schwacher Plot: Stefan aus dem Siepen. (Bild: dtv)

Bewusst sind weder Ort noch Zeit definiert. Die Geschichte ist eine Parabel auf Religion, Politik oder Wissenschaft und könnte sich irgendwann irgendwo abspielen. Das Seil steht für den Reiz des Unbekannten, der die Bauern erkennen lässt, in welch engem Radius sie bisher ihr Leben verbrachten – geografisch wie geistig. Die Neugier besiegt die Vernunft und wird zur Obsession. Schliesslich hat sie die Menschheit dahin gebracht, wo wir heute stehen. Im positiven wie im negativen Sinn. Das Problem am sprachlich starken Buch von Stefan aus dem Siepen ist denn auch weniger die Idee als vielmehr der vorhersehbare Plot, der leider wenig Überraschendes bietet.

Stefan aus dem Siepen: «Das Seil». DTV Premium, München 2012. 180 Seiten, ca. Fr. 20.-.

Die Verwandlung einer Frau

Fabian Kern am Dienstag den 5. Juni 2012
Noémi Besedes

Vorher: die attraktive Noémi Besedes.

Pirate Duck

Nachher: der fiese «Pirate Duck».

Noémi Besedes ist diese Woche einer der Stars am «Festival international du film d’animation d’Annecy» (4. – 9. Juni) – nur erkennt sie keiner. Im Kurzfilm von Christian Bach spielt die 32-jährige Baslerin nämlich eine Ente. Genauer gesagt «Pirate Duck», die Piratenente. Besedes, die bekannt ist aus deutschen TV-Produktionen wie «Verbotene Liebe» oder «Lena – Liebe meines Lebens», aber auch einen Kurzauftritt in Quentin Tarantinos «Inglorious Basterds» in ihrer Filmografie aufweist, beweist dabei ihre Wandelbarkeit. Die Rolle der Piratenente, die mit einer Reihe anderer skurriler Gestalten eine Ampulle mit einer grünen Flüssigkeit jagt, ist ein Ausflug ins Surreale – nicht nur, weil es sich um einen animierten Film handelt. Für die Hauptrolle im halb-animierten Film «Animation Tag Attack» verbrachte Besedes Stunden um Stunden in der Maske. Um die attraktive Schauspielerin in eine Comic-Ente zu verwandeln, wird zuerst ein Gipsabdruck ihres Kopfes genommen und danach die perfekt sitzende Maske des Federviehs gestaltet.

Hier das Making of der Maskenherstellung:

Demi für Sophie – ein schlechter Tausch

Fabian Kern am Donnerstag den 31. Mai 2012

LOL

«LOL» läuft ab 31. Mai in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Jede Generation hat ihr Kreuz zu tragen. Die Teenager des neuen Jahrtausends sind aufgewachsen mit Internet und Handys, Social Media sind ihre Heimat. Paradoxerweise trägt die Vielzahl an Kommunikationsmitteln aber dazu bei, dass immer weniger miteinander gesprochen wird. Der Film «LOL», ein Remake des gleichnamigen französischen Originals aus dem Jahr 2008, thematisiert genau jene Kommunikationsprobleme. Im Zentrum steht die High-School-Schülerin Lola (Miley Cyrus), die von ihren Freunden einfach nur Lol genannt wird – analog zur Chat-Abkürzung für «laughing out loud». Lolas Sorgen sind, wie es sich für einen Teenager gehört, nicht schulischer Art, sondern  drehen sich um die Liebe. Von ihrem Freund Chat betrogen, fühlt sie sich immer mehr zu ihrem – und gleichzeitig auch Chats – bestem Freund Kyle (Douglas Boothe) hingezogen. Gleichzeitig zickt sie mit ihrer Mutter Anne (Demi Moore) herum, die sich mit denselben Problemen abmüht.

Miley Cyrus und Demi Moore in LOL

Ihre Mutter Anne (Demi Moore) ist für Lola (Miley Cyrus) mehr Freundin als Mutter. (Bilder: Rialto)

Sie habe einen Film für die Generation der 16-Jährigen drehen wollen, sagte Lisa Azuelos über ihre Motivation, den ersten «LOL» zu drehen. Das ist ihr sicherlich gelungen. Die Teenager erkennen sich darin wieder – sogar mit ihrer Wahrnehmung der Erwachsenen. Die Teenies überlisten ihre Erzeuger gleich reihenweise, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen: Liebe, Party, Musik. Doch warum nur ist die Kommunikation im Chat einfacher als im persönlichen Gespräch? Tröstlich für Lola ist, dass ihre Mutter von der Rolle als Alleinerziehende von drei Kindern überfordert ist. Dadurch sind die Grenzen der Rollen von Mutter und Tochter fliessend. Anne ist für Lola eher Freundin als Erzieherin, was aus pädagogischer Sicht absolut tabu ist, für den Film aber funktioniert. Teenager wollen keine starken Erwachsenen sehen.

Miley Cyrus und Douglas Booth in LOL

Warum miteinander sprechen, wenn man Musik hören kann? Kyle (Douglas Booth) und Lola.

Miley Cyrus und Thomas Jane

Wenn nicht das iPhone, dann zumindeste das iBook: Lola mit ihrem Vater Allen (Thomas Jane).

Sprechen wir aber noch über die Daseinsberechtigung von Remakes. Die ist sicher bei Filmen gegeben, die von Special Effects leben, und deshalb durch den technischen Fortschritt eine Aufwertung erfahren. Zum Beispiel bei der Verfilmung von literarischen Klassikern. Oder bei Themen, die durch den Lauf der Zeit plötzlich eine ganz neue Aktualität bekommen. Im Fall von «LOL» ist nach bloss vier Jahren nichts davon gegeben und der Sinn deshalb eindeutig: Es geht einzig und allein darum, einen französischen Film dem intoleranten amerikanischen Publikum zu verkaufen. Dieses will sich nicht mit Untertiteln abmühen, sondern amerikanische Schauspieler in ihrer Muttersprache zuhören. Der Film ist nicht schlecht, sondern nur unnötig – und dazu ein einziger Werbespot für Apple. Schade, dass sich Regisseurin Lisa Azuelos dazu hergegeben hat, ihren eigenen Film zu kopieren, und während einer Episode einer Schulreise nach Paris auch noch ihre eigenen Landsleute dem amerikanischen Klischee entsprechend zu zeichnen: als Schnecken essende, Wein trinkende, hoffnungslos altmodische und naive Menschen. Dass der Tausch der herrlich trotzig-charmanten Sophie Marceau durch die einfach nur überforderte Demi Moore ein ganz schlechter ist, kommt erschwerend hinzu.

«LOL» läuft ab 31. Mai in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Hier der Trailer zum französischen Original von 2008 mit Christa Theret als Lola:

Wenn die Königin mit dem Leibarzt

Fabian Kern am Mittwoch den 30. Mai 2012

A Royal Affair

«A Royal Affair» läuft ab 31. Mai im kult.kino club in Basel.

Die Geschichte könnte auch einem schwülstigen Liebesroman entstammen: Die Königin verliebt sich in den royalen Leibarzt, wird von ihm schwanger, und die beiden leben in Sünde glücklich bis an ihr Lebensende. Nur dass den Protagonisten im dänischen Film «A Royal Affair» das romantische Happy End nicht vergönnt ist. Das Werk von Nikolaj Arcel («Verblendung») ist denn auch keine Romanze, sondern vielmehr eine Mischung aus  historischem Politthriller und Liebestragödie – nichts für einen kuschligen Kinoabend in verliebter Zweisamkeit.

Mads Mikkelsen und Alicia Vikander

Struensee und Königin Caroline entdecken Gefühle füreinander. (Bilder im Verlein von ASCOT ELITE)

«Da ist etwas faul im Staate Dänemark», stellte einst schon Hamlet in William Shakespeares gleichnamigem Stück fest. Für die Dreiecksgeschichte in «A Royal Affair» trifft dies genauso zu. Und genau durch Shakespeare-Zitate erwirbt sich der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen; «Casino Royale») das Vertrauen des dänischen Königs Christian VII. (Mikkel Boe Følsgaard) und wird sein Leibarzt. Dass er sich mit Struensee ausgerechnet einen Aufklärer ins Nest geholt hat, realisiert der psychisch kranke Regent nicht. Ebenso wenig wie die Gefahr, die damit seiner Ehe mit Caroline Mathilde (Alicia Vikander) droht. Die Königin ist mit dem unberechenbaren Kindskopf und notorischen Bordellbesucher nämlich höchst unglücklich und lässt ihn nach der Geburt des obligaten Thronfolgers auch nicht mehr in ihr Bett.

Struensee hingegen erobert mit seinem aufklärerischen Denken Carolines Herz im Sturm. Die Affäre ist ebenso unvermeidlich wie die Schwangerschaft von einem Kuckuckskind. Ganz nebenbei nutzen die beiden Verliebten das königliche Vertrauen, das Struensee geniesst, um Dänemark zu reformieren. Doch die intriganten Traditionalisten geben sich nicht einfach so geschlagen und lassen die verbotene Liebe von Caroline und Struensee auffliegen.

Mikkel Boe Følsgaard als Christian VII.

Überragend in der Rolle des geisteskranken Königs: Mikkel Boe Følsgaard.

Das von Lars von Trier aufwändig prouzierte Werk «A Royal Affair» ist ein packend erzähltes Stück dänischer Geschichte. Der Film ist Beweis dafür, dass auch ein kleines Land ein grosses Stück Kino schaffen kann – ohne internationales Staraufgebot. Der einzige Star unter den Darstellern ist Mads Mikkelsen, doch die Show stiehlt ihm Mikkel Boe Følsgaard. Der 28-Jährige, der erst diesen Sommer die staatliche Theaterschule in Kopenhagen abschliessen wird, verkörpert den psychisch kranken König grandios. Zurecht wurde der international bisher völlig unbekannte Däne an der Berlinale mit dem Goldenen Bären als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet. Zudem geben Mikkelsen und die 23 Jahre jüngere Alicia Vikander glaubwürdig die unglücklichen Turteltauben. Deshalb der Rat für jene, die nah am Wasser gebaut sind: Taschentücher nicht vergessen!

«A Royal Affair» läuft ab 31. Mai im kult.kino club in Basel.

Basler Skateboarder im besten Licht

Joel Gernet am Donnerstag den 24. Mai 2012

Sie brechen Knochen und Gesetze vor laufender Kamera: Am Sonntag feiert der neuste Basler Skateboard-Film «Key Light» im Jugi Gundeli seine Premiere. Zuvor küren die Skater den Champ der Miniramp.

Prostituierte und Skateboarder, beide werden sie auf den öffentlichen Plätzen Barcelonas gleich hart angepackt vom Arm des spanischen Gesetzes. Von einer Wegweisung bis zur saftigen 700-Euro Busse liegt alles drinn. Das haben auch zehn Basler Skaterfreunde beim Dreh zum neusten Basler Skateboardfilm «Key Light» hautnah miterleben dürfen, also ihnen die Polizei mehr als einmal die Kamera wegnehmen wollte – hätte sie die Jungs nur erwischt. Doch im Gegensatz zu den Trottoirschwalben in Stöckelischuhen können sich die Trottoirsurfer auf ihren Brettern ziemlich rasch aus dem Staub machen. Diesen Beitrag weiterlesen »

«We Invented Paris» im exklusiven Remix

Joel Gernet am Freitag den 18. Mai 2012

Vor einem Jahr toure Flavian Graber, Sänger und Songwriter aus Liestal, mit seinem Indiepop-Kollektiv «We Invented Paris» quer durch Europa. In über 80 Konzerten und mit der «Iceberg EP» im Gepäck wurden die Herzen der wachsenden Fangemeinde zum schmelzen gebracht – in kleinen Clubs, auf der Strasse oder in Wohnzimmern. Inzwischen haben «We Invented Paris» Ende 2011 das gleichnamige Debutalbum veröffentlich und Dutzende Konzerte auf tendenziell immer grösseren Bühnen – etwa beim Basler Clubfestival BScene – sind dazugekommen.

Mit «Bubbletrees» erscheint heute die dritte Single-Auskopplung aus dem Album-Debut der selbsternannten Paris-Erfinder. Ein radiotauglicher Popsong ist es geworden, auf dem Flavian Grabers Stimme begleitet wird von Akustikgitarre, Piano, Schellenkranz, Beat und Akkordeon – zumindest in der Originalversion (siehe Video).

Elektronischer, geprägt von Synthietönen, Bongo-Trommeln und Glöcklein, kommt der Mama-Africa-Remix des Songs daher, den wir Euch an dieser Stelle exklusiv anbieten können. Hier könnt Ihr euch den Song anhören, den Gratis-Download gibts wie gewohnt per Click mit der Rechten Maustaste.

Flavian Graber (rechts), der Liestaler Kopf von «We Invented Paris».

Das nächste Konzert des Kollektivs gibt es am Samstag, 19. Mai in Mannheim (Maifeld Derby), das nächstgelegene gibts dann am 23. August am Summerstage-Festival in der Grün80 im Park im Grünen bei Münchenstein.

Ewan McGregor schwimmt gegen den Strom

Fabian Kern am Mittwoch den 16. Mai 2012

Salmon Fishing in the Yemen

«Salmon Fishing in the Yemen» läuft ab 17. Mai in den Basler Kinos Pathé Eldorado und Rex.

Mit dem Strom schwimmen, so könnte man das Leben von Dr. Alfred Jones (Ewan McGregor) beschreiben. Der angesehene Experte für Lachs- und Forellenzucht hat eine liebe Frau, ein feines Backsteinreihenhäuschen in London und absolut keinen Spass. Nach dem Beischlaf mit seiner Gattin Mary – natürlich in der Missionarsstellung unter dem Leintuch – sagt diese erleichtert: «So, das sollte für ein Weilchen reichen.» Und zum Abregen seines Ärgers begibt sich der verklemmte Wissenschaftler in den Garten und spricht mit seinen Goldfischen.

Szene aus «Salmon Fishing in the Yemen»

Alfred (Ewan McGregor) und Harriet (Emily Blunt) in Jemen. (Bilder im Verleih von ASCOT ELITE)

Völlig aus dem Konzept gerät der arme Dr. Jones, als ein hirnrissiges Projekt an ihn herangetragen wird. Der jemenitische Scheich Muhammad ibn Zaidi bani Tihama (Amr Waked) möchte in seiner Heimat nordeuropäische Lachse ansiedeln. Jones tut das als Hirngespinst eines Ölmilliardärs ab und verweigert die Zusammenarbeit, bis er von seinem Chef dazu gezwungen wird. Zu seinem Glück, denn sonst hätte er die bezaubernde Harriet Chetwode-Talbot (Emily Blunt) nie näher kennengelernt. Diese vertritt die Interessen des vom Fliegenfischen begeisterten Scheichs, gewinnt Jones für das Projekt und weckt ihn aus seinem emotionalen Dornröschenschlaf. Doch just als Jones endlich aufblüht, taucht Harriets in Afghanistan verschollener Geliebter auf und wird von Patricia Maxwell (Kristin Scott-Thomas), der gewitzten PR-Beraterin des Premierministers, medienwirksam wieder mit der jungen Frau vereint.

Szene aus «Salmon Fishing in the Yemen»

Patricia Maxwell (Kristin Scott-Thomas) wird von Scheich Muhammad (Amr Waked) empfangen.

Der schwedische Regisseur Lasse Hallström («Gilbert Grape», «Chocolat») hat zusammen mit Drehbuchautor Simon Beaufoy (Oscar für «Slumdog Millionaire») aus Paul Tordays Roman «Salmon Fishing in the Yemen» ein wunderbar leichtfüssiges Werk über den Glauben an die eigenen Fähigkeiten geschaffen. Der mit schönen Landschaftsaufnahmen gespickte Film ist eine geglückte Mischung aus Komödie, Politsatire, Drama und Liebesgeschichte – eine Mischung, die normalerweise in die Hose geht. Hallström hat es aber geschafft, den Spannungsbogen bis am Schluss hochzuhalten und seinem sympathisch verkrampften Protagonisten das Gegen-den-Strom-Schwimmen beizubringen. Wie dieser den schottischen Lachsen in Jemen.

«Salmon Fishing in the Yemen» läuft ab 17. Mai in den Basler Kinos Eldorado und Rex.

Wenn das Denken in der Hose stattfindet

Fabian Kern am Montag den 14. Mai 2012

Vergiss Venedig

«Vergiss Venedig» ist im Buchhandel erhältlich.

Wer das Cover von «Vergiss Venedig» ganz genau betrachtet, erkennt, wer der Protagonist des Romans von Marcus P. Nester ist: des Mannes bestes Stück. Konkret dasjenige von André Kiefer, welcher ihm auch gleich komplett das Denken überlässt. Der Zürcher Filmjournalist begegnet auf seiner alljährlichen Flugreise zu den Filmfestspielen von Venedig der Liebe seines Lebens, die ihn in eine heftige Midlife Crisis stürzt. Barbara Benning, der heisseste deutsche Kinostar der Gegenwart, verdreht dem kleinmütigen Enddreissiger derart den Kopf, dass er sich nicht nur auf eine wilde Affäre einlässt, sondern sich sogar dazu entschliesst, seine hochschwangere Frau und seine kleine Tochter zu verlassen sowie seinen sicheren Job beim Schweizer Fernsehen in den Wind zu schlagen.

Marcus P. Nester

Der Autor: Marcus P. Nester.

Die Tatsache, dass der Basler Autor Marcus P. Nester, dessen Fachwissen als Einkäufer von Spielfilmen beim Schweizer Fernsehen den Roman sehr interessant macht, seinen Antihelden bewusst nicht als Sympathieträger darstellt, hilft dem Leser. So kann man genüsslich mitverfolgen, wie sich Kiefer ins Elend reitet. Buchstäblich. Wie dumm kann ein Mann sein? Obwohl – wem ist das schon passiert, dass er die Chance hatte, mit einem absoluten Filmstar eine Affäre zu haben? Würde «mann» widerstehen? Aber solange man das nicht erlebt hat, darf man getrost über André Kiefer schnöden. Am Treffendsten wird die Hauptfigur in einem kurzen Dialog mit einer Freundin analysiert: «Herrgott Rita, hältst du mich wirklich auch für ein Machoschwein?» «Nein, das nicht. Aber für einen schwanzgesteuerten Spätpubertierenden in seiner ersten Midlife-Crisis.»

Marcus P. Nester: «Vergiss Venedig». Margarete Berg Verlag, Wesseling 2012. 247 Seiten, ca. Fr. 25.-

Vorsicht vor der schlaffen Forelle

Fabian Kern am Montag den 7. Mai 2012
Wie ich sehe, was du fühlst

«Wie ich sehe, was du fühlst» ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

Wie toll wäre es, wenn man dem nervigen Verkäufer sagen könnte: «Sie lügen! Ich habe gesehen, wie sich Ihre Pupillen erweitert haben, als Sie mir gesagt haben, die Hose steht mir.» Hoch erhobenen Hauptes könnte man unter dem spontanen Beifall der anderen Kunden am verdutzten Geck vorbei aus dem Laden marschieren und sich über das gesparte Geld freuen. Heroische Aktionen wie diese habe ich mir von der Lektüre des Buchs «Wie ich sehe, was du fühlst» von Jan Sentürk erhofft. Doch leider fällt das Ergebnis nicht so spektakulär aus, dass man es gleich mit Dr. Cal Lightman, dem von Tim Roth dargestellten Protagonisten aus der Serie «Lie to Me», aufnehmen kann.

«Man kann nicht nicht kommunizieren», lautet ein berühmter Leitsatz in der Kommunikationswissenschaft aus der Feder von Paul Watzlawick. Auch wenn wir nichts tun, teilen wir uns unserer Umwelt mit. Mimik, Gestik, Körperhaltung oder die Art, wie wir schauen – wir sind für das geschulte Auge ein offenes Buch. Einen solchen Kennerblick hat Jan Sentürk. Der deutsche Körpersprache-Coach verrät in seinem Buch einige Hinweise, wie man das Verhalten anderer deuten kann. Die spannendsten Erkenntnisse für den Alltag bietet der mittlere Teil des Buchs. Sentürk erklärt den Unterschied zwischen echtem und unechtem Lachen und erklärt, warum die «schlaffe Forelle» der unsympathischste Händedruck ist. Zudem gibt der Autor wertvolle Tipps für jene Männer, die das Mysterium Frau noch nicht aufgeschlüsselt haben. Zum Beispiel ist das «ausgestellte» Handgelenk der Frauen beim Rauchen ein Zeichen für Interesse am Kontakt.

Tim Roth als Dr. Cal Lightman

Am Gesicht von Tim Roth aka Dr. Cal Lightman wird Glücksempfinden erklärt.

Dennoch ist das Buch in erster Linie ein Ratgeber fürs Berufsleben. Wer oft vor Leuten spricht, im Verkauf arbeitet oder sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereitet, dem ist dieses Werk sicher hilfreich. Zum Experten à la «Lie to me» wird man dadurch aber noch lange nicht. Schade eigentlich.

Jan Sentürk: «Wie ich sehe, was du fühlst». Piper Verlag, München 2012. 189 Seiten, Fr. 13.90.