Archiv für die Kategorie ‘Schlaglicht’

«Alien» für Anfänger

Fabian Kern am Mittwoch den 8. August 2012

Prometheus – dunkle Zeichen

«Prometheus» läuft ab 9. August im Pathé Küchlin und im Rex.

Zugegeben – die Ansprüche an «Prometheus» waren nicht eben tief. Zu sehr weckte das vor langer Zeit angekündigte Projekt mit Regisseur Ridley Scott und dem Setdesign von H.R. Giger die Erwartung an ein ähnlich bahnbrechendes Spektakel wie vor 33 Jahren das Genre-prägende Meisterwerk «Alien». Der erste Teil des Weltraum-Abenteuers ist denn auch genau das, was man erwartet hatte: Eine Expedition zu einem unfassbar weit entfernten fremden Planeten mit dem Ziel, das Geheimnis um die Entstehung der Menschheit zu lüften. In friedlicher, streng wissenschaftlicher Mission natürlich, die dann eskaliert und zum gnadenlosen Überlebenskampf wird.

Elizabeth Shaw (Noomi Rapace)

Ripleys toughe Vorgängerin: Elizabeth Shaw.

Dabei begegnen dem «Alien»-erfahrenen Kinogänger einige bekannte Elemente. Wie im zweiten Teil von 1986 ist ein Android Mitglied der Crew. Und wie damals bei Bishop (Lance Henriksen) weiss man auch bei Blondschopf David (Michael Fassbender) nicht, ob man ihm trauen kann. Ebenfalls nichts Neues: Die Hauptfigur ist eine starke Frau. Noomi Rapace, die ihren steilen Hollywood-Aufstieg seit ihrer Rolle als Lisbeth Salander in der Verfilmung der Millennium-Trilogie fortsetzt, wird als die neue oder besser gesagt alte – die Story spielt ja zeitlich vor «Alien» – Ripley (Sigourney Weaver) installiert. Verschenkt allerdings ist die andere starke Schauspielerin. Charlize Theron wird in der Rolle als Vertreterin des undurchschaubaren Sponsors des ganzen Unternehmens nicht mehr als ein Gesichtsausdruck abverlangt. Dabei hätte die südafrikanische Oscar-Preisträgerin so viel mehr drauf.

David

Was hat Android David vor?

Meredith Vickers (Charlize Theron)

Gefühlskalt: Führungskraft Meredith Vickers.

Das Kinoticket wert sind die Leistungen von Ridley Scott und H.R. Giger. Der britische Regisseur zeigt mit seinen intensiven Bildern einmal mehr, dass er in Sachen Weltall keine irdische Konkurrenz zu fürchten braucht, und die düsteren Kreationen des Bündner Künstlers haben nichts an ihrer Faszination verloren. Der unheimliche Bauwerk auf dem fremden Himmelskörper übt jene wohlige Beklemmung aus, die wir schon aus der Alien-Saga kennen. In jenem gigantischen Gebäude begegnet der Crew um die beiden Wissenschaftler Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Greene) schon bald einmal der altbekannte Schleim, und sie stösst auf Vasen, die an die berühmt-berüchtigten Eier erinnern. Auch hier lauert darin das Böse. So weit, so gut.

Das Alien-Raumschiff

Mystisch: das Raumschiff der Aliens. (Bilder: 20th Century Fox)

Ridley Scott

Meister der Science Fiction: Ridley Scott.

Doch irgendwann verlieren die Filmemacher den roten Faden. Man wird etwas in der Luft hängen gelassen, weiss nicht mehr recht, worauf man eigentlich hinfiebern soll. Während «Alien» als gradliniger, schweisstreibender Horrorthriller angelegt und konsequent durchgezogen wurde, ist «Prometheus» wohl ein Opfer der vielzitierten zu vielen Köche. Ist das nun ein Ausscheidungsrennen, bei dem es darum geht, wer überlebt, dient der Film nur als Prequel zu «Alien» oder soll wirklich die Evolutionsgeschichte neu geschrieben werden? Man wird das Gefühl nicht los, man habe sich nicht für einen Handlungsstrang entscheiden können und deshalb einfach alle miteinander verknüpft. Zwar ist der Brei, den die Storyentwickler über die letzten zehn Jahre zusammengemischt haben, nicht verdorben, aber er hinterlässt einen schalen Geschmack. «Prometheus» funktioniert als Entstehungsgeschichte des «Alien»-Monsters, nicht aber als echtes Prequel zu der auf Monster-Horror getrimmten Saga. Und als eigenständiges Werk fehlt die letzte Befriedigung. Dennoch lässt das Ende die Option auf eine Fortsetzung offen – nicht nur in der schon bestehenden «Alien»-Saga. Man wird wohl den Erfolg an den Kinokassen abwarten, bevor man eine Entscheidung trifft.

«Prometheus» läuft ab 9. August in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Rambazamba auf der Mittleren Brücke

Joel Gernet am Dienstag den 7. August 2012


Lesbenküsse, dicke Autos, Pyrofackeln und Champagner – im brandneuen Video des Basler Rappers Bone gehts zur Sache. Eigentlich ist er ziemlich klischeehaft, dieser Kurzfilm zum Song «Wäge Bone» – und dennoch wirkt er fresh und cool. Zumal hier ganz ordentlich auf Baseldeutsch über einen pumpenden Elekto-Beat gerappt wird und Mittlere Brücke, Pfalz und Barfi die Kulisse dieses bemerkenswerten Videos bilden.

Keine 24 Stunden nach Veröffentlichung hat das Video am Dienstag bereits locker die 1000-Click-Marke überschritten. Auch das ist bemerkenswert, aber nicht unbedingt ein Qualitätskriterium. Schliesslich werden ähnliche Videos von schlechten Rappern wegen ihres Trash-Faktors ebenfalls munter angeclickt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Unblutiger American Psycho aus Basler Feder

Fabian Kern am Montag den 6. August 2012

Logans PartyDaniel hat keinen Nachnamen. Das ist auch nicht nötig, denn er hat keine genaue Vorstellung davon, wer er ist, geschweige denn davon, was er will. Zwischen verschiedensten Drogen – natürlicher und synthetischer Herkunft – und mehr oder weniger losen Frauengeschichten lässt sich Daniel auf der Oberfläche der 80er- und 90er-Jahre dahintreiben. Nicht einmal sein Job hat wirklich einen Sinn. Der erfolgreiche und deshalb stinkreiche Geschäftsmann Logan füttert den Freelancer mit so überflüssigen Aufträgen wie dem Entwurf eines Konzepts für seine Party durch. Doch nicht einmal diese Aufgabe vermag der koksende Daniel zu erfüllen. Lieber treibt er sich auf der Suche nach seinem verschwundenen Freund Tony in London herum, verzettelt sich dabei aber völlig.

Martin Hennig

Geboren in Basel: Autor Martin Hennig (Jg. 1951).

«Ich mag nicht allein sein, aber festlegen will ich mich auch nicht», sagt eine von Daniels ständig wechselnden Liebschaften stellvertretend für ihn – weil er sich das aus Mangel an Selbstreflexion selbst nicht eingestehen würde. Ein bisschen erinnert der Protagonist des gebürtigen Baslers Martin Hennig an den gelangweilten Patrick Bateman aus dem Buch «American Psycho» von Bret Easton Ellis, das ebenfalls auf die Oberflächlichkeit der 90er-Jahre anspielt. Einfach ohne die blutigen Konsequenzen.

Martin Hennig: «Logans Party». Margarete Berg Verlag, Wesseling 2012. 191 S., ca. Fr. 25.–.

Basler Rap für den Sommer

Joel Gernet am Freitag den 6. Juli 2012

Kann sich jemand erinnern, wann zum letzten Mal ein Solo-Album einer Basler Rapperin erschienen ist? Abgesehen von Sista Lins eben erschienenen Debut «Linguistic» natürlich. Höchste Zeit also, dass eine Dame am Rheinknie wieder einmal auf den Putz haut. Und Sista Lin kann das – erstens, weil sie zweifelsohne die nötigen Rapskills mitbringt und zweitens, weil sie Wut im Bauch hat und auf ihrem Album auch abgerechnet wird. Auf dem berührenden Song «Kriegsbeil» tut sie dies zum Beispiel mit ihrem Vater und auf Tracks wie «Queen» oder «Kollision» macht Sista Lin mit der schlecht rappenden Konkurrenz kurzen Prozess. Da gibts Zeilen zu hören, wie sie sonst von fast ausschliesslich von Typen gespuckt werden. Hier hätte Lin mit ihrer Stimme aber ruhig noch mehr Wut transportieren können. Diesen Beitrag weiterlesen »

«Die Einzelhaft war ein unglaublich beängstigendes Erlebnis»

Joel Gernet am Dienstag den 3. Juli 2012

Die Arme erhoben, in den Händen Dolch und Keule. Augen und Mund weit aufgerissen. Über dem grauweissen Kopf leuchtet ein gelber Heiligenschein. «Urban Primitives» nennt der iranische Künstler A1one seine gemalten Fantasie-Figuren, die aussehen, als bestünden sie aus Spaghetti und Hautschuppen. «Früher hatten unsere Könige die Krone auf dem Kopf – jetzt tragen sie diese am Kinn», sagt A1one und begutachtet den überdimensionalen Kopf mit den drei gelb leuchtenden Zacken am Kinn, die den Bart der religiösen Führer im Iran symbolisieren.


Das beschriebene Exemplar gibt es noch bis Oktober in der Carhartt Gallery Weil am Rhein (D) zu sehen. Sein 31-Jähriger Erschaffer aus dem Iran wirkt zufrieden. Hier kann er malen, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie sein Werk beim Regime ankommt. Und ohne, dass er eingebuchtet wird wie ein politischer Dissident – so geschehen diesen März, als A1one für zwölf Tage in Einzelhaft gesteckt wurde.

Trotz Repressionen lebt und arbeitet A1one noch immer in Teheran. Er gilt als Graffiti- und Streetart-Pionier im Nahen Osten und ist neben seinen Figuren auch für Schablonen-Bilder und persische Kalligraphien bekannt. Im Interview erinnert sich A1one an die Zeit, als er in Teheran allein auf weiter Flur war und Freiheiten genoss, von denen iranische Strassenkünstler heute nur träumen können. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ab ins Pärkli zum Sommer-Jam

Joel Gernet am Freitag den 22. Juni 2012

Rock, Rap und ein Tanzbattle an und auf dem Rhein, dazu praktisch perfekte Wetterprognosen. Pünktlich zum Sommeranfang lockt der achte «Pärkli Jam» vom 22. bis 24. Juni drei Tage lang zum Gratis-Openair in den St. Johanns-Park.

Dazu präsentieren wir Euch ausgewählte aktustische Appetithäppchen aus dem Pärkli-Programm, das übrigens (fast) ausschliesslich mit regionalen Acts bestückt ist. Den Auftakt machen heute Abend zwei junge Rapper, welche der Stadt vergangenen Sommer zwei wunderbare Gutelaunetracks – die Basler Sommerhits 2011 sozusagen – beschert haben…

Kuzco (Freitag, 18:00 – 18:45 Uhr)

Fabe & Jules (Freitag, 19.00-19.45 Uhr)
Diesen Beitrag weiterlesen »

Machen wirs auf französisch

Fabian Kern am Donnerstag den 21. Juni 2012

L'Art d'Aimer

«L'Art d'Aimer» läuft ab 21. Juni im kult.kino club.

Welches Volk steht im Ruf, das frivolste zu sein? Richtig, die Franzosen. Dieses Klischee hat mir vor ein paar Jahren auch meine Ex-Freundin bestätigt, indem sie mir einbläute: «Fang einfach nie etwas mit einer Französin an, das sind die Schlimmsten. Die können einfach nicht treu sein!» Sie muss es wissen, schliesslich lebt sie in Paris. Und in ebendiesem Paris beschäftigt sich Emmanuel Mourets Film «L’Art d’Aimer» mit der schönsten Hauptsache der Welt und ihren Verstrickungen, die wir wohl alle schon erlebt haben. Nur stellen sich die Bewohner der Stadt der Liebe darin keineswegs unkomplizierter an als wir Nicht-Franzosen.

Boris (Laurent Stocker), Amélie (Judith Godrèche) und Isabelle (Julie Depardieu)

Amélie (mitte) versucht, Boris mit Isabelle zu verkuppeln. (Bilder im Verleih von ASCOT ELITE)

Die vier Episoden, die der Regisseur von einem Erzähler begleiten lässt und zu einem schwungvollen Ganzen verwebt, drehen sich alle um Lust und Leidenschaft oder etwas profaner ausgedrückt: um Sex. Weil die verklemmte Isabelle (Julie Depardieu) seit einem Jahr keinen hatte, wird sie von ihrer Freundin Amélie (Judith Godrèche) kurzerhand dazu verdonnert, deren Platz als ungezwungene Beischlaf-Partnerin von Boris (Laurent Stocker) zu übernehmen. Amélie hat sich von Boris nämlich dazu überreden lassen, mit ihm Sex zu haben – allerdings im Dunkeln und ohne zu sprechen. Weil Amélie aber Gewissensbisse gegenüber ihres Freundes hegt, kommt ihr Isabelles Sex-Abstinenz gerade recht.

Achille (François Cluzet) und seine Nachbarin (Frédérique Bel)

Überzeugungsarbeit: Achille mit Nachbarin.

William (Gaspard Ulliel) und Vanessa (Elodie Navarre)

Seitensprung oder nicht? William und Vanessa.

Achille (François Cluzet, «Les Intouchables») ein Playboy alter Schule hat da ganz andere Sorgen. Zwar hat ihm seine neue Nachbarin (Frédérique Bel) – jung und sexy – zu verstehen gegeben, dass sie an einem amourösen Abenteuer interessiert ist. Das vermeintliche Heimspiel droht aber zu einem Rohrkrepierer zu verkommen, denn die Namenlose erweist sich als äusserst komplizierte Knacknuss. Und schliesslich erlebt der Kinogänger zwei ganz verschiedene Paar-Therapien. Einerseits schlägt Paul (Philippe Magnan), dessen Frau Emmanuelle (Ariane Ascaride) ihn nach vielen Ehejahren verlassen möchte, weil sie Lust auf andere Männer hat, ihr eine offene Beziehung vor. Andererseits läuft das junge Traumpaar William (Gaspard Ulliel) und Vanessa (Elodie Navarre) in den Bumerang der eigenen Abmachung, immer bedingungslos ehrlich zueinander zu sein. Als sie beschliessen, gleichzeitig fremd zu gehen, merken sie, dass sie das eigentlich gar nicht wollen. Mit dem Ergebnis, dass beide einen Seitensprung vortäuschen.

Was will uns Mouret mit seiner leichtfüssigen Sommerkomödie sagen? Dass Offenheit in Beziehungen nicht immer der Weisheit letzter Schluss ist? Nein. Er sagt lediglich, dass es in Sachen Liebe und Lust kein Patentrezept gibt, sowie dass man auf Herz und Partner hören muss. Und dass die Franzosen nicht a priori die besseren Liebhaber sind. Tröstlich.

«L’Art d’Aimer» läuft ab 21. Juni im kult.kino club in Basel.

Magier in der Manege

Fabian Kern am Montag den 18. Juni 2012

Der NachtzirkusEs gibt Bücher, durch die hetzt man. Entweder, weil sie so spannend sind, oder weil man schon viel zu lange mit einer Story verbracht hat, und die Geschichte endlich abschliessen will. Und dann gibt es aber auch noch die seltene Spezies von Büchern, bei denen sich das Lesen so gut anfühlt, dass man gar nicht möchte, dass die Geschichte zu Ende geht. Quasi nach dem Motto «Der Weg ist das Ziel». «Der Nachtzirkus» gehört in diese exklusive Kategorie. Die in den USA gefeierte Jungautorin Erin Morgenstern entführt den Leser in eine Welt, die mit keinem realen Zirkus vergleichbar ist.

Der «Cirque des Rêves», der 1886 ohne Ankündigung wie von Zauberhand erscheint und nur nachts die Tore öffnet, zieht Jung und Alt in seinen Bann. Ob in Europa oder an der amerikanischen Ostküste – die Leute sind fasziniert vom bunten Reigen an Artisten, Hellsehern, Zauberern und wundersamen Attraktionen. Jedes Zelt birgt ein Geheimnis, das die Menschen frei erkunden dürfen. Was sie aber nicht wissen: Die Effekte sind keine ausgeklügelten Tricks, sondern echt. Und was selbst die meisten Angehörigen des Nachtzirkus nicht wissen: Die schwarz-weiss gestreiften Zelte dienen als Schauplatz für ein Duell der Magier. Die übersinnlichen Talente Celia und Marco wurden von Kindesbeinen an dafür ausgebildet, gegeneinander in einem Zweikampf auf Leben und Tod anzutreten. Nur um das Ego ihrer Mentoren zu befriedigen. Im Falle von Celia ist es sogar ihr eigener Vater, der sie in den Kampf schickt. Doch noch bevor die beiden jungen Zauberer erkennen, dass sie Gegner sind, verlieben sie sich ineinander.

Erin Morgenstern

Erin Morgenstern hat mit ihrem Debütroman den Leser-Geschmack getroffen. (Foto: Kelly Davidson)

Die Fantasie der Autorin ist beachtlich. Sie schafft mit dem Nachtzirkus eine Traumwelt, in der man sich verlieren und den Alltag für ein paar Stunden vergessen kann – als Besucher desselben genauso wie als Leser des Buchs. Man riecht beinahe die verlockenden Düfte der süssen Jahrmarkt-Köstlichkeiten. Wohl deshalb ist Erin Morgensterns Debütroman so erfolgreich, dass bereits die Verfilmung geplant ist. 2013 soll der Film in die Kinos kommen. Regisseur und Cast sind zwar noch offen, aber als Produzent steht mit David Heyman («Harry Potter») ein Mann mit grosser Fantasy-Erfahrung zur Verfügung. Drehbuchautorin Moira Buffini («Jane Eyre») wird den Stoff für die Leinwand adaptieren und hoffentlich das Duell der Zauberer noch etwas zuspitzen, denn dessen Dramatik kommt im Roman nicht ganz zum Tragen.

Aber auch wenn der Spannungsbogen nicht ganz bis zum Ende aufrechterhalten wird, ist der «Nachtzirkus» ein Buch zum Liebhaben und Träumen. Und wenn es wirklich einen solchen «Cirque des Rêves» gäbe, er wäre noch heute eine Attraktion.

Erin Morgenstern: «Der Nachtzirkus». Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Ullstein, Berlin 2012. 464 S., ca. Fr. 34.-.

Das Schuhwerk der Art-Besucher

Joel Gernet am Donnerstag den 14. Juni 2012


Absätze, so hoch wie der Messeturm. Sohlen, so leuchtend wie manche Werke an den Wänden. Während der Art Basel tummeln sich am Rheinknie Menschen, die sich kleiden, als ob sie selber ein Kunstwerk sind. Besonders ins Auge sticht bei diesen Paradiesvögeln nicht selten das Schuhwerk.

Wir waren an der Art Basel auf Fotosafari und haben den Besuchern auf die Füsse geguckt. Von eleganten High Heels über gediegene Budapester Lederschuhe bis hin zu schrecklichen Plastiktretern war alles dabei – zu sehen in der Fotostrecke oben. Ende Woche gibts dann vielleicht eine Bildergalerie mit den geschundenen Füsschen der Art-Besucherinnen. Oder mit den besten Botox-Gesichtern. Oder mit sämtlichen Kunstwerken, die Geschlechtsteile zeigen. Vielleicht.

Gewalttätiger Gutmensch

Fabian Kern am Donnerstag den 14. Juni 2012

Machine Gun Preacher

«Machine Gun Preacher» läuft ab 14. Juni im Kino Capitol in Basel.

Nach einem Drogen-Exzess erwacht Sam Childers (Gerard Butler) völlig zerstört am Boden seines Trailers in Central City, Pennsylvania. Daneben spielt seine kleine Tochter seelenruhig mit ihren Puppen. Doch diese erschütternde Szene reicht noch nicht aus, damit der zur Gewalt neigende Ex-Knacki sein Leben ändert. Dazu muss er erst noch einen Obdachlosen niederstechen – in Notwehr zwar, aber auch im wilden Blutrausch. Childers findet dank seiner Frau Lynn (Michelle Monaghan) Gott und wird vom gewalttätigen Drogendealer zum gewalttätigen Gutmenschen. Nachdem er sein Leben auf die Reihe gebracht, einen Baubetrieb aufgebaut und ein Haus gekauft hat, widmet sich Childers höheren Aufgaben: Er baut eine Kirche für Sünder in Pennsylvania und ein Waisenhaus im Kriegsgebiet des Südsudans. Mit Waffengewalt verteidigt Childers seine Schützlinge gegen die brutalen Söldner der Lord’s Resistance Army (LRA) des Warlords Joseph Kony und befreit entführte Kinder, die zu Kindersoldaten ausgebildet oder zur Prostitution gezwungen werden sollen.

Sam (Gerard Butler) und Deng (Souleymane Sy Savane)

Sam (Gerard Butler, links) und sein Partner Deng (Souleymane Sy Savane) haben eine Gruppe Kinder aus den Fängen der LRA befreit. (Bilder im Verleih von ASCOT ELITE)

Daisy (Kathy Bates) und Lynn (Michelle Monaghan)

Sams Rückhalt: Mutter Daisy (Kathy Bates) und Frau Lynn (Michelle Monaghan).

Wer denkt sich einen solchen Plot aus der einem regelmässig Schauer über den Rücken jagt? Ganz einfach: das Leben. Die Erschütterung der Bilder im Film «Machine Gun Preacher» wirkt so stark weil nichts erfunden wurde. Die Zustände im Krisengebiet des Südsudans und nördlichen Ugandas im Herzen Afrikas kann man sich in Mitteleuropa nicht einmal vorstellen. Entsprechend stark wirken die Gegensätze, mit denen Regisseur Marc Forster («Monster’s Ball», «Quantum of Solace») bewusst spielt: Wenn etwa Childers vor den brennenden Ruinen seines von der LRA abgefackelten Waisenhauses steht und mit seiner Frau telefoniert, die in der sterilen Kälte eines amerikanischen Supermarkts einkauft. In jener Szene will Childers alles hinschmeissen, seine Frau jedoch weist ihn auf die Rolle hin, für die er von Gott auserwählt wurde.

Sam (Gerard Butler) und Donnie (Michael Shannon)

Unbeherrscht: Sam nimmt sich seinen besten Freund Donnie (Michael Shannon) zur Brust.

Gerade hinsichtlich seiner Gläubigkeit übertreibt es Childers aber. Er ist so masslos wie in seinem alten Leben als Krimineller und ordnet seiner Mission alles unter. Auch seine Familie. Childers verkauft seine Firma, sein Auto und seine Möbel, um sein Projekt in Afrika zu finanzieren. Dabei balanciert der Hobby-Prediger immer zwischen humanitärem Einsatz und Selbstaufgabe. Kann das gutgehen?

Forster ist ein emotional dichtes, Werk gelungen, das keinen kalt lässt. Dem Schweizer wird aber vorgeworfen, Childers und dessen brutale Vorgehensweise zu wenig differenziert darzustellen. Das mag sein. Childers selbst verteidigt seine Methoden im Abspann des Films, als er sagt: «Stell dir vor, dein Kind wäre entführt worden. Wäre es dir nicht egal, auf welche Weise ich es zurückhole?» Der Maschinengewehr-Priester räumt aber ein, dass die Wahl Gerard Butlers als Hauptdarsteller nicht seine gewesen wäre. Childers hätte Russell Crowe bevorzugt, der sei «schmutziger». Aber auch mit dem schönen Butler ist der Film unbedingt zu empfehlen.

«Machine Gun Preacher» läuft ab 14. Juni im Kino Capitol in Basel.