Archiv für die Kategorie ‘Schlaglicht’

Ben Afflecks grosser Wurf

Fabian Kern am Mittwoch den 7. November 2012

Argo

«Argo» läuft ab 8. November im Pathé Küchlin und im Rex.

Als Ben Affleck 1998 mit seiner Rolle im Blockbuster «Armageddon» in die erste Schauspiel-Riege Hollywoods aufstieg, war den Wenigsten bewusst, dass der wie fürs Heldenkino gemachte Kalifornier noch viel mehr auf dem Kasten hat. Bereits ein Jahr zuvor war er zusammen mit seinem Kumpel Matt Damon für das brillante Drehbuch zu «Good Will Hunting» mit einem Oscar ausgezeichnet worden. Doch damit waren die filmischen Ambitionen des Ex-Manns von Jennifer Lopez noch nicht befriedigt. Auch der Regiestuhl lockte. Mit dem beklemmenden Thrillerdrama «Gone Baby Gone» legte Affleck 2007 ein überzeugendes Debüt als Regisseur hin, das er drei Jahre später mit dem Copthriller «The Town» bestätigte. Und nun liefert der 40-Jährige mit «Argo» sein Meisterstück ab.

Tony Mendez und die Flüchtlinge

Tony Mendez paukt mit den Flüchtlingen den Auftritt als Filmcrew. (Bilder: Warner Bros.)

Im November 1979 stürmten in Teheran iranische Studenten die amerikanische Botschaft und nahmen die gesamte Belegschaft in Geiselhaft. Doch sechs Personen gelingt die Flucht. Der kanadische Botschafter gewährt den je drei Männern und Frauen Unterschlupf. Doch damit sind die Amerikaner noch nicht in Sicherheit. Sobald die Iraner merken, dass einige Leute fehlen, würden sie sie mit allen Mitteln jagen und öffentlich hinrichten, um den Ernst ihrer Forderung nach der Auslieferung des Schahs zu unterstreichen. Also muss ein Rettungsplan her. Die Verantwortlichen der CIA entwerfen Szenarien von einer Ausreise mit falschen Papieren als Lehrer bis zu einer Flucht auf Fahrrädern. Bis Agent Tony Mendez (Ben Affleck) eine noch abenteuerlichere Idee vorstellt: Er möchte als Produzent eines fiktiven Science-Fiction-Films mit dem Titel «Argo» nach Teheran fliegen, die sechs Amerikaner als seine kanadische Filmcrew ausgeben und mit gefälschten Pässen ausreisen. Dabei riskiert Mendez aber nicht nur die Leben der Botschaftsangestellten, sondern auch seinen eigenen Kopf. «Das ist die beste schlechte Idee, die wir haben. Mit Abstand», verteidigt Mendez’ Mitstreiter Jack O’Donnell (Bryan Cranston) das vermeintliche Himmelfahrtskommando vor seinen Vorgesetzten.

John Chambers und Lester Siegel

Spassvögel: John Chambers und Lester Siegel.

Der Plot liest sich wie eine Politfarce über ein ernstes Thema. Der Clou daran ist aber: Alles hat sich so zugetragen. Manchmal schreibt das Leben die verrückteren Geschichten als die Drehbuchautoren der Traumfabrik. Wie Affleck nun diese Geschichte inszeniert, ist stark. Er schafft es, zwischen ernst und lustig hin- und herzuwechseln, ohne dabei die Spannung zu verlieren oder ins Lächerliche abzudriften. Ernst, das sind die Geiseln mit ihrer klaustrophobischen Todesangst in Teheran. Lustig, das sind die Szenen in Hollywood. Die CIA muss, um die Tarnung perfekt zu machen, einen Film promoten und bewerben, der nie gemacht wird. Dazu werden mit grossem Aufwand Setdesigns und Kostüme entworfen und ein riesiger Medienhype um die Mogelpackung veranstaltet. Mendez’ eingeweihte Verbündete in der Filmbranche sind der Maskenbildner von «Planet der Affen» John Chambers (John Goodman) und Produzent Lester Siegel (Alan Arkin). Die beident Routiniers Goodman und Arkin verkörpern das Filmbusiness mit viel Lust und Ironie und lockern so den dramatischen Plot auf.

Ben Affleck

Auch hinter der Kamera stark: Ben Affleck.

Zugegeben, Affleck hat sich mit der Geschichte um Tony Mendez, die wegen Geheimhaltung erst Ende der Neunziger Jahre bekannt wurde, eine tolle Vorlage gesichert. Er hat diese aber in einen packenden Thriller umgemünzt, der einem ohne Actionszenen bis am Schluss an den Nerven zerrt. Und sogar die gute alte Swissair erlebt eine kurzzeitige Auferstehung. Für einmal lohnt es sich aber auch, für den Abspann noch sitzen zu bleiben, denn dort werden die Fotos der echten Beteiligten am Geiseldrama gezeigt. Und erst da wird einem richtig bewusst, wie nahe sich der Film an der Realität orientiert hat. Chapeau, Mr. Affleck!

«Argo» läuft ab 8. November in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Ein Ruhmesblatt des deutschen Kinos

Fabian Kern am Mittwoch den 31. Oktober 2012

Ruhm

«Ruhm» läuft ab 1.11. im Kultkino Camera.

Wann haben Sie Ihr erstes Handy gekauft? Vor 10 Jahren? Vor 12? Joachim Helbling (Justus von Dohnanyi) war in dieser Hinsicht noch eine Jungfrau. Bis jetzt. Jetzt überwindet der biedere Elektroingenieur seine Angst vor dem Elektrosmog und ersteht sein erstes Mobiltelefon. Als aber lauter unbekannte Leute anrufen, kaum hat er das Ding in Betrieb genommen, ist für ihn der Fall klar: Die Nummer ist bereits vergeben. Doch sein anfänglicher Widerstand schlägt immer mehr in Faszination um. Die mysteriösen Anrufe, die offensichtlich für einen bekannten Menschen bestimmt sind, bringen Aufregung in Helblings ödes Leben – und sogar seine Libido erwacht wieder.

Ralf Tanner (Heino Ferch)

Ralf Tanner (links) wird zu seinem eigenen Double. (Bilder: Frenetic)

Jene Nummer gehört Ralf Tanner (Heino Ferch). Der umtriebige Blockbuster-Schauspieler ist zu seinem Leidwesen in jeder Klatschspalte vertreten und wünscht sich nichts mehr, als seinem Ruhm zumindest zwischenzeitlich zu entfliehen. Als er in einer Disco zufällig seinem eigenen Double über den Weg läuft, beschliesst er, sich ebenfalls als Tanner-Double auszugeben. Alles läuft wie am Schnürchen – bis sein Doppelgänger auf die umgekehrte Idee kommt…

Leo Richter und Elisabeth

Autor und Ärztin: Leo Richter und Elisabeth.

Das sind nur zwei von insgesamt sechs Geschichten, die in Isabel Kleefelds Kinodebüt «Ruhm» miteinander verwoben werden. Die einzige Gemeinsamkeit, welche die Figuren miteinander verbindet, ist das Handy. Im Zentrum der Episoden steht der erfolgreiche Schriftsteller Leo Richter (Stefan Kurt), der sich zusammen mit seiner Freundin, der Ärztin Elisabeth (Julia Koschitz) auf einer Lesereise in Südamerika befindet. Der etwas weltfremde Autor zieht seine Inspiration aus den Leben seiner Mitmenschen und schreibt die Geschichten einiger anderer Filmfiguren gleich selbst. Doch nicht für alle Protagonisten hat der Autor ein Happy End vorgesehen.

Rosalie

Stark: Senta Berger als Krebskranke.

Wer die Romanvorlage von «Ruhm» nicht gelesen hat, ist im Kinosaal im Vorteil. Einerseits, weil die Regisseurin die neun verschiedenen Geschichten in Daniel Kehlmanns Buch auf sechs reduziert, andererseits, weil so der Überraschungseffekt grösser ist. Die «Fiktionalität auf mehreren Ebenen» (Zitat Kehlmann) der Erzählung ist virtuos. Geschickt springt der Film von einem Handlungsstrang zum nächsten und bringt die Figuren immer näher zusammen. «Ruhm» ist deutsches Kino auf hohem Niveau mit hervorragenden Darstellern. Kein Wunder, zeigte sich Kehlmann hell begeistert von der filmischen Umsetzung seines Werks: «Die Schauspieler sind grossartig und der Film eine fantasievolle, kluge und sowohl getreue als auch künstlerisch selbstständige Umsetzung des Romans.»

«Ruhm» läuft ab 1. November im Kultkino Camera in Basel.

Der blutleere Freund

Fabian Kern am Mittwoch den 24. Oktober 2012

Robot & Frank

«Robot & Frank» läuft ab 25. Oktober im Eldorado.

Vergesslichkeit ist eine ärgerliche Geschichte, aber man lernt damit zu leben. So auch Frank (Frank Langella) in der nahen Zukunft. Der rüstige Senior lebt ganz für sich allein in einem Haus in den Wäldern der Provinz und bekommt wenig vom Lauf der Zeit mit. Der ehemalige Fassadenkletterer, spezialisiert auf Diamantenraub, ist mit wenig zufrieden. Mal lässt er ein Stück Seife im Dorfladen mitgehen, mal besucht er die Bücherei, um mit der feschen Bibliothekarin Jennifer (Susan Sarandon) zu flirten. Bis ihn sein Sohn Hunter (James Marsden) mit einer absolut unerwünschten Haushaltshilfe beglückt: einem Roboter. «Das Ding wird mich im Schlaf ermorden», lautet Franks trockener Kommentar, nachdem er sich mit Händen und Füssen vergeblich gegen die Anschaffung des mechanischen Helfers gewehrt hat. Blöd nur, dass Hunter der Einzige ist, der das Password für die Hunter macht sich Sorgen um seinen Vater und möchte nicht jede Woche fünf Stunden Autofahrt für einen Routinebesuch von New York aus aufwenden.

Frank und der Roboter

Freunde und Komplizen: Frank und der Roboter am Ausbaldowern. (Bilder: ASCOT ELITE)

Frank und Jennifer

Flirten in der Bibliothek: Frank und Jennifer.

Frank muss sich also mit dem Blechdiener arrangieren und entdeckt bald die Vorzüge des treuen Begleiters. Den Auftrag des Roboters, ihn zu geistiger Bewegung anzuregen, nutzt der notorische Dieb zum eigenen Vorteil: Er macht ihn zum Komplizen bei seinen Raubzügen. Dabei entdeckt er nicht nur seine Lebenslust neu, sondern schliesst ungewollt Freundschaft mit dem mechanischen Kameraden. Franks Problem ist nur, dass ihm die Polizei im Nacken sitzt und die einzigen Beweise für seine Taten im Speicher des Roboters sind. Wird er ihn formatieren und damit die ganzen gemeinsamen Erinnerungen ausradieren?

Madison und Frank

Madison (Liv Tyler) sorgt sich um ihren Vater.

In Jake Schreiers beachtenswertem Debüt als Spielfilmregisseur beweist Frank Langella (Frost/Nixon) einmal mehr, einer der begabtesten Schauspieler Hollywoods zu sein. Er schafft es mit seiner subtilen Mimik, das traurige Thema Alzheimer in einer Buddy-Komödie darzustellen, ohne lächerlich oder geschmacklos zu wirken. Der gesellschaftskritische Ansatz, die Handlung in die nahe Zukunft zu verlegen, in der das menschliche Gehirn als Gedächtnis immer mehr von elektronischen Archiven abgelöst wird, ist spannend. Die herzerwärmende Geschichte zeigt aber auch, wer unter den Folgen von Alzheimer am meisten zu Leiden hat: die Familie.

«Robot & Frank» läuft ab 25. Oktober im Kino Eldorado in Basel.

«The Sixth Sense» auf italienisch

Fabian Kern am Mittwoch den 17. Oktober 2012

Magnifica Presenza

«Magnifica Presenza» läuft ab 18. Oktober im Kult.kino Club.

«Ich sehe tote Menschen.» Dieser geflüsterte Satz aus dem Mund von Haley Joel Osment in der Rolle des jungen Cole ist bereits ein Klassiker der Filmgeschichte. Diese Worte könnte auch von Pietro (Elio Germano) in «Magnifica Presenza» ungelogen von sich geben. Der 28-Jährige hat seine Heimat Sizilien verlassen, um in Rom eine Schauspiel-Karriere zu starten. Um seiner Cousine Maria (Paola Minaccioni) nicht länger auf der Pelle zu sitzen, sucht er sich seine eigenen vier Wände und verliebt sich dabei in ein baufälliges Reihenhaus. Mit viel Hingabe renoviert der leider nur mässig begabte Mime sein Schmuckstück, bemerkt aber schon bald, dass er nicht allein in dem Altbau ist. Eine Gruppe von acht Menschen – vier Männer, drei Frauen und ein übergewichtiger Halbwüchsiger – erscheint ihm immer wieder. Die Tatsache, dass nur er die Geister sieht, macht die Geschichte auch nicht weniger unheimlich.

Das Schauspiel-Ensemble «Apollonio»

(Un-)heimliche Besucher in Pietros Wohnung: das Schauspiel-Ensemble «Apollonio». (Bilder: Pathé)

Pietro (Elio Germano)

Unglücklich verliebt: Pietro.

Immerhin scheinen Pietro die opulent gekleideten und geschminkten Geister nicht feindlich gesonnen. Im Gegenteil, der Homosexuelle mit unglücklichem Liebesleben wird von einem männlichen Untoten derart angemacht, dass ihm gleichzeitig heiss und kalt wird. Nur, was wollen die Erscheinungen? Die Gruppe stellt sich als das Schauspiel-Ensemble «Apollonio» heraus, das 1943 unter mysteriösen Umständen an ihrem Premieren-Abend in Mailand spurlos verschwand. Pietro soll nun herausfinden, was damals passiert ist. Im Gegenzug coachen ihn die Geister aus dem zweiten Weltkrieg bei seinen Castings. Aber Pietro hat auch noch eine andre Aufgabe: Er muss den Verstorbenen, die kein Zeitgefühl haben, schonend beibringen, dass sie bereits seit 69 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilen…

So sehr die Handlung von «Magnifica Presenza» jener von «The Sixth Sense» gleicht, so unterschiedlich ist aber der Rest. Das Werk von Ferzan Ozpetek ist als teilweise etwas eigenwillige Tragikomödie mit lauter skurrilen Figuren angelegt. Den Zugang dazu zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Eines aber schafft der italienische Film ebenso stilsicher: Man will wissen, wie es ausgeht. Immerhin.

Der Ackermannshof als Kunst-Kirche

Joel Gernet am Donnerstag den 20. September 2012

Dieses Wochenende wird die St. Johanns-Vorstadt wieder zum Zentrum für urbane Kunst. An der «Artyou» treffen Tattoos aus Frankreich auf Basler Graffiti-Bilder oder gesellschaftskritische Comic-Kunst aus Leipzig.

Ein Triptychon ist ein dreigeteiltes Gemälde mit christlichen Motiven und einklappbaren Seitenteilen. Die grossen Exemplare sind oft Teil eines Flügelaltars. Und sie werden ausschliesslich an Feiertagen aufgeklappt. Heute ist so ein Feiertag – zumindest für die regionale Urban-Art-Szene. Heute nämlich wird der Ackermannshof in der St. Johanns-Vorstadt im Rahmen der 7. Artyou – Urbane Kunst Basel zur temporären Kunst-Kirche – dank dem Doppel-Triptychon, welches das deutsche Duo Doppeldenk auf einem grossen Altar im Herzen der Ausstellung platziert hat. Inklusiv Kerzen, Samt-Bezug und Kirchenbänken zum hinknien. Diesen Beitrag weiterlesen »

Das Leben ist kein Homerun

Fabian Kern am Montag den 17. September 2012

Die Kunst des Feldspiels

Der Sport ist ein Mikrokosmos des Lebens, insbesondere Mannschaftssportarten. Erfolg, Drama, Freude, Enttäuschung, Vertrauen, Streit – alles findet sich auf dem Feld der Träume. Kein Wunder also, hat Chad Harbach in seinem Debütroman über den Sinn des Lebens rund um die amerikanischste aller Sportarten angelegt: Baseball. Das Landei Henry Skrimshander ist ein schlaksiger, schüchterner und unscheinbarer Junge. Im Umgang mit dem lederbezogenen Hartgummiball aber ist er virtuos. Er scheint das Potenzial zu haben, einst so gut zu werden wie sein Idol Aparicio Rodriguez. Mike Schwartz, Spieler und Herz der Westish Harpooners, erkennt diese Gabe auf Anhieb und holt Henry an sein College nach Wisconsin.

Dort setzt dieser die Jagd nach Rodriguez’ legendärem Rekord von fehlerfreien Spiele fort – bis ihm sein erster Fehlwurf unterläuft. Dieses im Sport eigentlich alltägliche Ereignis stellt die Leben von nicht weniger als fünf Menschen auf den Kopf. Neben Henry und Mike werden auch Henrys intellektueller dunkelhäutiger Mitbewohner, der College-Präsident, der im Herbst seines Lebens seine Homosexualität entdeckt, sowie dessen Tochter aus der Bahn geworfen. Plötzlich werden sie alle mit ihren Makeln konfrontiert und müssen sich fragen, ob sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Chad Harbach

Chad Harbach (Jahrgang 1975).

Es ist kein Wunder, spielt Harbachs Roman in seiner Heimat, dem Mittleren Westen der USA, ist dieser doch der Inbegriff für den bodenständigen Durchschnitts-Amerikaner. Der Autor verknüpft Schicksale mit einem banalen Vorkommnis, was die Figuren fassbar macht – auch ennet des Atlantiks. Anstelle von Mitleid, das man mit den Protagonisten von Dramas hat, fühlt man mit ihnen mit und fragt sich unweigerlich: Was würde ich an ihrer Stelle tun? Chad Harbach, der den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten vermag, wird in den Vereinigten Staaten bereits in der Oberliga der All American Novel begrüsst. Und plötzlich findet sich der Jungschriftsteller in der Situation seiner Figur Henry Skrimshander wieder: Die Augen Amerikas sind auf ihn gerichtet, der Erwartungsdruck steigt. Harbach hat einen beeindruckenden Homerun geschlagen, aber noch nicht das Spiel gewonnen.

Chad Harbach: «Die Kunst des Feldspiels». Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2012. 607 Seiten, ca. Fr. 33.-.

Zuckersüss und schwer gestört

Joel Gernet am Freitag den 14. September 2012

An der Gruppenausstellung «How To Make A Monster» im «High Voltage Lab» gibt es vom kindlichen Nutella-Hasen bis zum grausamen Familienvater die unterschiedlichsten Monster zu sehen. Am Freitagabend steigt in der Markthalle die Vernissage-Party.

Projektleiterin Nora Donner und Künstler Jay Rechtsteiner vor dessen Nutella-Hasen.

Projektleiterin Nora Donner und Künstler Jay Rechtsteiner vor dessen Nutella-Hasen.

Eigentlich hätten wir diesen Artikel auch mit «Fratzen und Fritzl» oder «Kunst mit Kinderschändern» betiteln können. Schliesslich ist das auf Teppich geb(r)annte Porträt des österreichischen Monstervaters Josef Fritzl eines der schockierendsten und plakativsten Werke der Ausstellung «How To Make A Monster». Die boulevardesken Titel wären allerdings etwas sehr fies gewesen, geht es doch bei der heute anlaufenden Ausstellung nicht nur um die offensichtlichen Monster, die uns glücklicherweise meist nur via Medien begegnen, sondern auch um abstraktere Monster aus Alltag oder Kindheit. Das zeigen die autobiographischen Foto-Arbeiten von Jay Rechtsteiner oder die kindlich wirkenden Figuren des Indonesiers EddiE HaRA. Das Fritzl-Werk des Basler Künstlers Tarek Abu Hageb ist mit seiner schockierenden Eindeutigkeit eher die Ausnahme.

Skurril und irritierend sind die Werke aber alle. Vor allem Jay Rechtsteiners überdimensionaler Nutella-Hase, der am anderen Ende des Raumes vor einem lärmenden Fernseher sitzt. Er guckt einen trashigen Ninja-Film mit Rechtsteiner und dessen Bruder in der Hauptrolle. «Der Hase repräsentiert das reine Kind», erklärt der Künstler und füttert den Hasen indem er ihn mit Nutella beschmiert. Über zwei Kilo nimmt das Tier so zu pro Monat. Die Gesellschaftskritik ist offensichtlich und wird noch beissender, wenn man merkt, dass der süsse Hase gar keine Augen hat.

Eines der Bilder von EddiE HaRA.

Eines der Bilder von EddiE HaRA.

In einem anderen Werk will Rechtsteiner mit modifizierten Fotos aus seiner Kindheit, auf denen er sich etwa als «Monster Boy» betitelt, aufzeigen, wie er durch gesellschaftliche Normen und Zwänge zum kleinen Monster wurde. Die Gesellschaft als Monster, die sich laufend über kleine Monster reproduziert. Wesentlich naiver und heiterer kommen da die farbenfrohen Bilder des Wahlbaslers EddiE HaRA daher. Sie erinnern an Ethno-Motive aus Asien und Mexiko.

Das Konzept zu «How To Make A Monster» trug Jay Rechtsteiner schon länger mit sich herum. Ursprünglich wollte der in London wohnhafte Schweizer die Ausstellung in Portugal realisieren. Als die dortigen Partner dann aber mit Barbiepuppen und dergleichen antanzen wollten, zog er sich zurück und fragte seine Basler Kunstfreunde EddiE HaRA und Tarek Abu Hageb an. Dass die Gruppenausstellung nun in Abu Hagebs und Nora Donners «High Voltage Lab» statt finden kann, ist ein glücklicher Zufall. Damals war nicht klar, wie sich die Zwischennutzung in der Markthalle entwickelt.

Auge des Bösen: Ein Ausschnitt von Abu Hagebs Fritzl-Bild.

Und nun trifft hier ein kindlicher Nutella-Hase auf Kinderschänder Fritzl. «Tarek ist der direkteste der drei Künstler – bei ihm geht es ans Eingemachte», sagt Projektleiterin Nora Donner und zeigt auf den Teppich mit dem per Lötkolben eingebrannten Gesicht des Österreichers. «Das ist ein richtig fieses Medium für Fritzl.» Der flauschige Stoff als Symbol für die heimelige Wohnung kontrastiere auf schauderhafte Art die grausamen Taten das Familienvaters. Dieser hatte seine Tochter 24 Jahre lang in einem unterirdischen Verlies gefangen gehalten und mehrfach geschwängert. Schräg gegenüber des Wandteppichs steht ein alter Holzschrank – die Installation ist kurz vor Ausstellungsbeginnn noch nicht ganz vollendet. Es fehlt das Frauenwimmern, welches den Schrank vom Möbel zum Kunstobjekt transformiert.

Wer sich dieses Wimmern nach der Vernissage am Freitagabend umgehend wieder aus den Gehörgangen blasen lassen will, kann dies im Anschluss im angrenzenden Projektraum FAKT machen. Dort gibt’s die Vernissage-Konzerte mit Reverend Beat Man und den Bikini Girls. «Der rustikale Rock’n’Roll-Blues-Sound passt perfekt zur Ausstellung», erklärt der Booking-Verantwortliche Valentin Ismail. Zudem spiele der Berner Musiker und «Rockgott» Reverend Beat Man passenderweise auch in der Band The Monsters. Na, dann muss der Herr aber aufpassen, dass er von Jay Rechtsteiner nicht mit Nutella beschmiert wird.

«How To Make A Monster» mit Jay Rechtsteiner, Tarek Abu Hageb und EddiE HaRA. 15. September bis 4. Oktober, High Voltage, Markthalle Basel. Vernissage: Freitag, 15.9., ab 18h. Vernissage-Konzert im F A K T (Reverend Beat Man und Bikini Girls) ab 21h.

Truman Show für Horrorfans

Fabian Kern am Mittwoch den 5. September 2012

The Cabin in The Woods

«The Cabin in the Woods» läuft ab 6. September im Pathé Küchlin in Basel.

Fünf College-Studenten – je zwei schöne junge Frauen und Männer, darunter Hollywoods Mann der Stunde Chris Hemsworth («Thor», «The Avengers»), sowie ein kiffender Nerd – fahren in eine düstere Waldhütte, um ein Wochenende abseits der Handy- und WLAN-Netze zu verbringen. Die Warnung eines scheinbar vom religiösen Wahn befallenen Hinterwäldlers schlagen sie selbstverständlich in den Wind und geben sich dem Alkohol und dem THC hin. Ziel ist es, nichts zu tun, was keinen Spass macht und nebenbei noch die verklemmte Dana (Kristen Connolly) mit dem neuen Mitglied des Football-Teams, dem charmanten Holden (Jesse Williams, «Grey’s Anatomy») zu verkuppeln. Doch in den Wäldern lauern grässliche Kreaturen, die der Spassgesellschaft nach dem Leben trachten… Wie oft haben wir so etwas schon gesehen?

Curt, Holden, Jules, Marty und Dana

Die Opferlämmer: Curt (Chris Hemsworth), Holden (Jesse Williams), Jules (Anna Hutchison), Marty (Fran Kranz) und Dana (Kristen Connolly). (Bilder: Rialto)

Marty

Kiffer Marty entdeckt sein Kämpferherz.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Regisseur Drew Goddard (Autor von «Cloverfield») und seinen Produzenten Joss Whedon (Autor von «The Avengers»). Anstatt uns mit einem weiteren überflüssigen Slasher-Streifen à la «Wrong Turn» zu langweilen, haben die beiden Co-Autoren bei ihrem innovativen Schocker «The Cabin in the Woods» dem gängigen Horror-Konzept eine neue Ebene verpasst. Denn die Hütte ist nicht einfach nur ein Ort des Schreckens, sondern die High-Tech-Falle eines weltweit operierenden Unternehmens, das nur ein Ziel hat: junge Menschen auszulöschen. Während also die Opferlämmchen um ihr Leben kämpfen, wetten ein paar Stockwerke tiefer unten die gelangweilten Techniker darauf, welches Gräuel dem Partyvolk den Garaus macht. Denn dies ist die einzige Entscheidung, welche die Studenten durch ihr Verhalten beeinflussen können – wobei sie von den «Überwachern» mittels mittels modernster Technik gelenkt werden. Aber wer ist der mysteriöse «Kunde», für den das ganze Gemetzel veranstaltet wird?

Dana

Dana bietet einem Zombie ihre Kleider an.

Das ganze Konzept erinnert stark an einen anderen Film, in dem das «Big Brother»-Szenario zelebriert wurde: «The Truman Show» (1998). Jenem Meisterwerk von Peter Weir, in dem Jim Carrey eindrucksvoll bewies, dass er nicht nur Blödel-Rollen besetzen kann, erweisen die Macher von «The Cabin in the Woods» schliesslich auch ihre Referenz. Der Chefbeamte, der Einzige im Überwachungsbunker mit einem Funken Moral im Leib, heisst nämlich Truman. So sozialkritisch wie die «Truman Show» ist der Horrorfilm zwar nicht, das ist in diesem Genre aber auch gar nicht nötig. Vielschichtig ist der unvorhersehbare Streifen allemal. Anschauen!

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Rambo vs. Universal Soldier

Fabian Kern am Mittwoch den 29. August 2012

The Expendables 2

«The Expendables 2» läuft ab 30. August in den Kinos Pathé Küchlin und Capitol.

Nostalgische Actionfans über 30, die auf ihrer Fernbedienung dem Sender Kabel eins einen der vorderen Plätze reserviert haben, können ihr Sofa wieder einmal gegen einen Kinosessel eintauschen. Sylvester Stallone hat zum zweiten Mal sein Telefonbuch hervorgeholt und für «The Expendables 2» erneut Actionkumpels reaktiviert, die schon lange nicht mehr auf der grossen Leinwand zu sehen waren. Diesmal durften sich Jean-Claude Van Damme und Chuck Norris den Staub aus dem letzten Jahrhundert von den Schultern klopfen und sich kampfmässig wieder einmal austoben. Zudem erhalten Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis grössere Rollen als noch vor zwei Jahren. Und auch jüngeres Blut wird eingeführt: Jungstar Liam Hemsworth (der jüngere Bruder von Chris «Thor» Hemsworth) und die Martial-Arts-Spezialistin Yu Nan tun dem Casting gut. Das Resultat ist solide Actionkost: Nach dem etwas holprigen ersten Teil kommt «The Expendables 2» schon sehr viel stilsicherer daher.

Barney Ross (Sylvester Stallone) und seine Truppe

Haben Zuwachs bekommen: Die «Expendables» um Anführer Barney Ross (Sylvester Stallone).

Booker (Chuck Norris)

Ja, er lebt noch: Chuck Norris.

Natürlich erwartet niemand, dass der erfahrene Action-Regisseur Simon West («Con Air», «Tomb Raider», «The Mechanic») das Genre neu erfindet – im Gegenteil. Wer Namen wie Stallone, Jason Statham, Dolph Lundgren oder Schwarzenegger auf dem Plakat liest, will eben gerade nicht überrascht werden, sondern explosive Unterhaltung mit markigen Sprüchen nach bekanntem Muster vorgesetzt bekommen. Und die Handlung soll dabei möglichst nicht stören. Diese Erwartung wird erfüllt, denn der rote Faden ist schnell erzählt. Barney Ross (Stallone) steht beim undurchsichtigen Mr. Church (Willis) in der Schuld und muss einen Routine-Auftrag in Osteuropa durchführen. Doch die Mission läuft aus dem Ruder, und einer der «Verzichtbaren» kommt ums Leben – Rache ist angesagt. Im Visier steht die brutale Gruppierung «Sang», die unter der Führung Jean Vilain (Van Damme) auf der Suche nach waffenfähigem Plutonium aus Sowjet-Beständen den gesamten früheren Ostblock terrorisiert.

Trench, Ross und Church

Chefsache: Trench (Schwarzenegger), Ross (Stallone) und Church (Willis) sind am Drücker. (Bilder: ASCOT ELITE)

Drehbuchschreiber Stallone hat die richtigen Lehren aus seinem mit 274 Millionen Dollar Einspielergebnis zwar sehr erfolgreichen, aber ziemlich bruchstückhaften ersten Teil gezogen. Nachdem er sich 2010 nicht recht zwischen hartem Actionthriller und gutem altem Ballerfilm entscheiden konnte, hat er nun die Kurve gekriegt. In den Schiess-Sequenzen wird zwar immer noch nicht mit Blut gegeizt, aber der Cast harmoniert nun deutlich besser. Die Sprüche sitzen, und keine Figur nervt mehr so wie Gunnar Jensen (Lundgren) noch im ersten Teil. Zudem wurde die Selbstironie nochmals gesteigert. So weist der Name von Van Dammes Figur bereits auf seine Rolle hin («villain» ist englisch für Bösewicht), können Stallone und Statham über ihre durchschnittliche Körperlänge scherzen und Schwarzenegger zugeben, dass sie eigentlich alle ins Museum gehörten – und das, nachdem er zusammen mit Bruce Willis in einem Smart (!) durch einen bulgarischen Flughafen gerast ist. Immer wieder wird auch auf die alten Rollen angespielt. Chuck Norris wird als «einsamer Wolf» bezeichnet, Jason Statham erinnert mit seiner Pingeligkeit an «Transporter» und Schwarzenegger überstrapaziert sein berühmtes «I’ll be back» so lange, bis ihm Willis entnervt über den Mund fährt. Nicht zuletzt deswegen ist «The Expendables 2» ein Plädoyer dafür, die Originalfassung im Kino zu geniessen. Einzelne Sätze sind einfach nicht zu übersetzen, wie zum Beispiel Stallones Spruch zu einem durchlöcherten Bösewicht: «Rest in pieces.»

Vom Erfolg der Fortsetzung ist das Produktionsteam offensichtlich überzeugt, denn bereits wird mit möglichen Kandidaten für «The Expendables 3» verhandelt. Clint Eastwood, Harrison Ford, Wesley Snipes und Nicholas Cage sollen auf der Wunschliste stehen. Wen wollt Ihr im dritten Teil sehen? Vorschläge bitte im Kommentarfeld eintragen.

Kampf gegen Windmühlen

Fabian Kern am Montag den 13. August 2012

Erinnerung an einen schmutzigen Engel Afrika, 1905. Der schwarze Kontinent. Und ein blinder Fleck auf der europäischen Weltkarte – zumindest was die Bewohner angeht. Die 18-jährige Hanna strandet in Moçambique, das damals noch Portugiesisch-Ostafrika hiess, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt. Die junge Schwedin musste ihr Zuhause verlassen, weil es nach dem Tod ihres Vaters nicht genügend zu essen gab. Auf dem Schiffsweg nach Australien heiratet sie den Steuermann, der aber kurz darauf stirbt. In Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, verlässt Hanna das Schiff, weil sie es ohne ihren Mann nicht mehr aushält. Wider Willen wird sie Bordellbesitzerin und beginnt zu begreifen, wie gross die Kluft zwischen den weissen Besetzern und den Eingeborenen ist. Doch Hannas Kampf gegen den Rassismus ist ein Kampf gegen Windmühlen, denn auch die Schwarzen vertrauen ihrer unerwarteten Fürsprecherin nicht.

Henning Mankell

Erfolgsautor: Henning Mankell.

Ja, Henning Mankell gibts auch ohne Wallander. Sogar ohne Krimi. «Erinnerung an einen schmutzigen Engel» bildet den Auftakt zu einer neuen Serie des schwedischen Erfolgsautors, in der er die teils wahren Schicksale aussergewöhnlicher Frauen skizziert. Einen gelungenen Auftakt. Die Wandlung der jungen Schwedin von der Kolonialherrin zur Vorkämpferin gegen Rassendiskriminierung ist eindrücklich erzählt und geht unter die Haut.

Henning Mankell: «Erinnerung an einen schmutzigen Engel». Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. 352 S., ca. Fr. 30.-.