Archiv für die Kategorie ‘Schlaglicht’

Abrissparty auf dem Dreispitz

Joel Gernet am Freitag den 21. Dezember 2012

Die letzte Stunde der YourGallery rückt näher: Ende Jahr wird das Kleinod des Kunstvereins 0123spitz seine Pforten am Walkeweg für immer schliessen. Bevor es soweit ist, steigt in der Halle neben der 36er-Bushaltestelle eine letzte Abrissparty in Form der Abschiedsausstellung «Les Copins». Heute Freitag wird sie eröffnet.

Daniel Fröhlicher aka Jon Doe, Initiant der YourGallery.

Zum letzten Tanz bitten mit Ynre und Jon Doe zwei der Künstler, die die Geschicke der YourGallery in den vergangenen eineinhalb Jahren leiteten. Während es in der vorletzten Ausstellung von Graffiti-Legende Kron vor allem Bilder mit Gesichtern und Figuren zu sehen gab, bekommen die Besucher nun wieder eine geballte Ladung Buchstaben vorgesetzt – von filigran bekritzelten Leinwänden über saftige Tag-Schriftzüge bis hin zu klassischem Wand-Graffiti.

Und als Abschlussbouquet haben es sich Ynre und Jon Doe nicht nehmen lassen, die Gallery-Mauern bis unters Dach zuzubomben. «Wir wollten durchdrehen und den Raum so bemalen, wie es bisher noch nie der Fall war», sagt Daniel Fröhlicher alias Jon Doe. Der Galeriegründer und Vereinspräsident blickt auf eine ereignisreiche Zwischennutzung mit rund 20 Ausstellungen zurück.

Im Sommer 2011, kurz vor der Art Basel, bekam er Wind von der leerstehenden Garagenhalle – und schlug zu. «Als ich den Raum und den Mietpreis sah, wusste ich: da ist etwas machbar», erinnert sich der 30-Jährige. Ohne Konzept, dafür mit umso mehr Elan, erschufen Fröhlicher und seine Kunstkollegen – alle mit Graffiti-Hintergrund – quasi über Nacht einen neuen Basler Offspace für junge, urbane Kunst. «Es war cool, etwas für Basel machen zu können», sagt Fröhlicher. Als grösster Erfolg wertet er, dass sich die YourGallery während der Zwischennutzung eine treue Fanbasis erarbeiten konnte und in der Öffentlichkeit als Kunstplattform wahrgenommen wurde. Unvergessen auch die Sommernächte im Hinterhof der Galerie – mit Grill, Getränken und Blick auf die Bilder im Innern der Halle.

Zähne zeigen: Eines der Bilder von Ynre.

Zähne zeigen: Eines der Bilder von Ynre.

«Klar hat uns die Gallery zeitweise auch aufgefressen, schliesslich haben wir sehr viel Zeit investiert – aber ich bereue nichts», sagt Fröhlicher mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Wie es 2013 weitergeht, weiss der 30-Jährige noch nicht genau. Nach alternativen Standorten hat sich der Kunstverein zwar bereits (erfolglos) umgesehen. Man ist sich aber auch bewusst, welche Perle man sich mit der ausrangierten Garage geangelt hat. «Wir waren verwöhnt mit dieser Halle an diesem zentralen Standort », findet Fröhlicher.

Wenn sich eine neue Gelegenheit bietet, ist ein Revival nicht ausgeschlossen – forcieren will man aber nichts. «Wir wollen Spass haben – und nicht eine professionelle Galerie betreiben», erklärt Fröhlicher. Der Kunstverein 0123spitz bleibt jedenfalls auch ohne festes Domizil bestehen. Und voraussichtlich wird es auch 2013 vereinzelte Events geben. Wo auch immer. Bevor es soweit ist, steht jetzt aber eine letzte Ausstellung zweier «Copains» an – und danach bleiben viele farbige Erinnerungen.

Les Copains. YourGallery, Walkeweg 1, Basel, Fr. 21. Dezember bis So. 30. Dezember. Öffnungszeiten

Der Basler Tempelritter

Joel Gernet am Donnerstag den 20. Dezember 2012

Der HipHop-Pionier Kalmoo ist der neuste Zugang des interkantonalen Rapkollektivs Temple Of Speed um Skor, Baze, Tinguely dä Chnächt und EKR. Das gemeinsame Album «10 Tracks – Vol. 4» ist soeben erschienen. Die CD markiert den Anfang einer neuen Soundoffensive des Baslers.

Als bei Kalmoo vor ein paar Wochen das Telefon klingelte, wusste er noch nicht so genau auf was er sich einlässt. Am anderen Ende der Leitung: EKR, Zürcher HipHop-Legende und Mitglied des Rapkollektivs Temple Of Speed (TOS). Er wollte den Basler Rapper mit dabei haben bei den Tempelrittern. «Zuerst habe ich schon gestaunt», erinnert sich Kalmoo. Natürlich hat der 38-Jährige den Ritterschlag angenommen.

Kalmoo (mit Cap) mit Skor, Tinguely dä Chnächt, E.K.R., Baze und Sterneis (v.l.). (Foto: Tobias Nölle)

Seit Freitag ist das erste TOS-Album mit Basler Beteiligung um Umlauf. Es heisst «10 Tracks – Vol. 4» und wer meint, damit habe der Basler seine Schuld getan, täuscht sich gewaltig: Die CD ist nämlich die vierte einer Serie, die am Ende aus zehn Alben mit je zehn Songs bestehen wird, alle produziert vom Zürcher Beatbastler Sterneis. Die Songs heissen konsequenterweise stets «Track 1» bis «Track 10» – und ratet mal, wieviel der Tonträger kosten wird. Auf jedem Album stösst ein weiterer Rapper zur Runde. Beim vierten Tempeltreffen sind dies Skor, EKR und Tinguely dä Chnächt aus Zürich, der Berner Baze – und Kalmoo, straight outta Rheinknie, der dem Ganzen nun eine Basler Dialektnote beifügt.

Mit seinen atemlosen, verschachtelten, assoziativ aneinandergereihten Reimkaskaden passt Kalmoo perfekt zu Temple Of Speed, wo sich jeder Rapper durch eine heute fast schon selten gewordene Unverwechselbarkeit auszeichnet. Mal sind die Raps der Fünf direkt aus dem Leben gegriffen, dann bewegen sie sich wieder auf dem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn – insbesondere bei EKR und Kalmoo. Was vom Stapel gelassen wird, hat Ecken und Kanten, ist das Gegenteil von massentauglich – und gerade deswegen so erfrischend. Refrains sind eine Seltenheit, dafür platziert Sterneis immer wieder witzige Gesprächsfetzen auf seinen Soundteppichen, die vorzugsweise auf Soul- und Rocksamples basieren.

Erhalten hat Kalmoo die zehn Beats eineinhalb Wochen vor den Aufnahmen – auch das ist Teil des Konzepts. «Das war ziemlich happig» erinnert sich der Basler, «da musste ich richtig Gas geben». Die Atmosphäre bei den Aufnahmen sei dann vom ersten Moment an super gewesen. «Wir wussten: das mit dem Fussball lassen wir auf der Seite», schildert ein lachender Kalmoo sein erstes Zusammentreffen mit den Tempelrittern.

Eigentlich möchte er lieber als «Tempelmönch» betitelt werden – weil diese nicht mit den Kreuzzügen in Verbindung gebracht werden. Allerdings kann man die Mission von Temple Of Speed durchaus als Kreuzzug bezeichnen – als Kreuzzug gegen massentauglichen Poprap zum Beispiel. Und als Statement für bodenständiges Mcee-Handwerk, das trotz Retro-Flavour frisch wirkt wie das Gemüse im Quartierladen.

Altersmilde kann man Kalmoo nicht vorwerfen. Und Altersmüdigkeit erst recht nicht, denn 2013 schiesst der 38-Jährige aus allen Rohren: Im Frühjahr soll das 20-Jahr-Jubiläum seiner Crew TNN (mindestens) mit einem Konzert im Sommercasino gefeiert werden. Daneben arbeitet Kalmoo am dritten Solo-Album, das «Egomania» heissen soll. Und auch seine sexbesessenen Alter-Ego-Terrorbrüder «MC Bitch & Dick MC» planen ein Mixtape mit dem passenden Namen «Eine Penislänge voraus». Es wird einiges zu hören geben von Kalmoo – zumal er sechs weitere Alben mit Temple Of Speed rauszuballern hat.

Temple Of Speed: 10 Tracks – Vol. 4, Bakara Music. Erhältlich bei iTunes, Urbanpeople oder – ab Samstag – im Ace Records an der Steinentorstrasse 35 in Basel.

TOS-Member Baze kann zudem am Freitag, 21. Dezember, mit seinem Kult-Projekt Tequila Boys live auf der Bühne des SUD Basel erlebt werden. Soll eine Riesensause sein.

Die Heuwaage hat eine «Bunterführung»

Joel Gernet am Donnerstag den 20. Dezember 2012

Verantwortlich für das Farbmassaker in der Bunterführung: Tarek Abu Hageb mit seiner Freundin Nora Donner.

Die Heuwaage mit ihrem Autobahnviadukt mausert sich zu einer Galerie der öffentlichen Kunst. Neben einer Eisenplastik von Paul Suter, Michael Grosserts Skulptur «Lieu dit» und Christine Zuffereys Installation «Fiktion/Fiction» ist seit gestern die grossflächige Spraykunst von Tarek Abu Hageb zu sehen. «Bunterführung» heisst das Projekt beim Kiosk, es wurde von Tarek Abu Hageb sowie zwei Jugendlichen in den letzten beiden Monaten verwirklicht. Die farbige Sprayaktion versteht sich als eine Welcome-Aktion des Präsidialdepartements. Am Mittwoch hat der Künstler sein Werk am «Urban Opening» mit Drinks und Sound feierlich der Stadt und ihrer Bevölkrung übergeben. hei

Tarek Abu Hageb bei der Arbeit an seinem Grossprojekt.

Dieser Beitrag stammt aus der BaZ vom 20. Dezember.

Aus dem Schatten der Boxen ins Rampenlicht

Joel Gernet am Mittwoch den 12. Dezember 2012

Aus Pyros Facebook-Timeline sprudeln dieser Tage mehr Hurra-Meldungen als Schaumbläschen aus einer frisch entkorkten Champagnerflasche. Der Basler Rapper hat auch allen Grund, die Korken knallen zu lassen. Die Veröffentlichung seines zweiten Solo-Albums «Schatteboxe» (VÖ: 07.12.12) läuft bis jetzt nämlich wie geschmiert: Das Feedback der Fans ist positiv bis überschwänglich, Airplay bei DRS 3, TV-Auftritt bei Joiz und ein fester Platz in den Top-Ten der Rapalbum-Charts auf iTunes. Und das alles völlig zu Recht.

Mit der Doppel-CD «Schatteboxe» unterstreicht Pyro, dass der berüchtigte Freestyle-Champ nicht ohne Grund zu Basels Vorzeigerappern zählt. Und er beweist, dass er seinem Album-Debut 2008 mit «Hoffnigsfungge» den richtigen Titel verpasste. Was der 31-Jährige in seinem jüngsten Werk liefert, ist nämlich so vielseitig wie überzeugend. Von rockigen Bangern wie dem Opener «Us em Schatte vo de Boxe» über Gutelaune-Tracks wie «Mach was d wotsch» oder Hühnerhaut-Songs wie «Dr Grund» (mit Danimaa) bis hin zu exotisch angehauchten Fernweh-Hymnen wie «I kumm zrugg» bietet Pyros Zweitling alles, was ein gutes Album ausmacht. Bei den beiden letztgenannten Songs beweist der Basler zudem, dass er auch ein Händchen für eingängige Refrains hat. Das kommt gut und sorgt lustigerweise dafür, dass die Vorabsingle «Radio» nicht der zwingendste Radio-Song auf dem Album ist.

Nicht nur deshalb, sondern auch wegen Pyros schön verständlich vorgetragenen Mundartraps und dem positiven Grundton, ist das Album auch für Musikfreunde ausserhalb des HipHop-Kosmos sehr gut zugänglich. Und dennoch ist «Schatteboxe» ein Rapalbum durch und durch, da darf Pyro ruhig mit breiter Brust drauf beharren. Dieses «nicht-das-typische-Rapalbum»-Gerede in Presstext und Interviews ist meiner Meinung nach völlig unnötig. Pyro ist Rap. Er macht Rap. Und dies richtig gut. Dass der Herr dabei stets über den Tellerrand der eigenen Szene blickt, macht seine Musik umso spannender.

Der Dubsteb-Remix des Songs «Zombie», in dem Pyro mit Ironie gierige Businessmänner und Politiker seziert, ist ebenso eine Bereicherung wie der Reggae-Remix von «Fühl mi guet». Insgesamt werden auf der Doppel-CD diverse Songs als Original- und Remix-Version präsentiert. Da können beim Hören schon einmal Luxusprobleme auftreten: So kann ich mich etwa bei der humorvollen Bombe «Mach was d wotsch» nicht entscheiden, welche Variante mir besser gefällt. Wenn ich Pyro wäre, würde ich an den Konzerten die Strophen jedenfalls auf beide Beats verteilen. Ein weiterer Höhepunkt ist der Song «Mi Tisch», auf dem der 31-Jährige seiner treuen Schreibunterlage huldigt und dabei in Sachen Wortwitz an deutsche Rapper wie Dendemann oder Blumentopf erinnert.

Humor ist ohnehin eines der prägenden Elemente dieses Albums. Daneben wären auch Selbstironie, Lebensfreude und eine Offenheit gegenüber allem und jedem zu nennen. Die Beats auf «Schatteboxe» werden von Funk-, Jazz- und Soul-Samples dominiert, die perfekt zu Pyros durchdachten Texten und Flows passen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie Tron (P-27), dessen Soundunterlagen selten so perfekt zu einem Rapper gepasst haben wie zu Pyro. Da haben sich zwei gefunden. Neben Tron haben PearlBeatz, Dr. Aux, Funky Notes und Sandro je einen Beat gebastelt für das 32 Songs umfassende Werk.

Wenn ich nun ein Haar in der Suppe suchen müsste, würde ich allenfalls die vielen Remixes bemängeln – immerhin bekommt man nicht weniger als neun Songs doppelt zu hören. Allerdings ist keiner davon schlecht gemacht. Was soll man dazu noch sagen?! Wenn das Album nur eine CD umfassen würde, hätte Grafiker Pyro die Silberscheiben zudem nicht als Boxen-Membran in den Ghettoblaster-Radio des CD-Artworks miteinbeziehen können. Die Gewinner von Pyros Spendierfreude sind die Hörer, die für wenig Geld viele gute Rapsongs geboten kriegen. Aber das ist der Rapper seinen Fans auch schuldig – schliesslich haben sie sein Album über die Crowfunding-Seite wemakeit mit fast 5000 Franken mitfinanziert. Als erstes Basler Rapalbum. Bleibt zu hoffen, dass auf den gelungenen Album-Zweitling nun viele Konzerte folgen – damit die ganze Schweiz mitbekommt, was für einen freshen Rapper Basel wieder am Start hat. Aus dem Schatten der Boxen ins Rampenlicht!

Pyro: Schatteboxe, erschienen am 07.12.12 via Rappartment.
Plattentaufe: Samstag, 5. Januar 2013, Kuppel Basel.

Leben ohne externe Trostquellen

chris faber am Donnerstag den 6. Dezember 2012

There Must Be Some Kind of Way Out of Here!

Termin/Uhrzeit: /DO 06.12./FR 07.12. 20 Uhr

Ort: Kaserne Basel

Tickets: Kaserne Basel oder Startticket

Kurzbeschreibung:

Sechzehn SchweizerInnen treffen sich im Gemeindezentrum, um ihre Heimat abschaffen. Sie erinnern daran, aus welcher Vielfalt das Schweizer Volk besteht und welche Interessen die Schweizer bewegen. Braucht es da noch eine nationale Identität? Ist diese Identität nicht eine externe Trostquelle wie Religion, Status, Hobby? Was macht den Schweizer aus? Es gibt einen Weg, glücklich zu sein ohne eine nationale Identität; einfach nur als Weltbürger zu leben.

Bewertung Inszenierung:

Eine erfrischende Mischung aus Theaterstück, Tanz und Live- und Chormusik unter der Dramaturgie von Simon Helbling. Der Text bohrt genau die Fragen des Themas auf, der Sound mit Bass- und Geigenloops unter der Leitung von Mathias Weibel geht in den Bauch, erzeugt auch beim Publikum eine tranceartige Stimmung. Die Inszenierung von Thom Luz ist spannend und abwechslungsreich, das Gemeindezentrum als Lichtkasten und die Lichtregie lässt den Zuschauer in das Stück eintauchen. Treibender Einzel- und Gruppentanz, choreographiert von Arthur Kuggeleyn, umrahmt mit vielen überraschenden Einfällen das Stück und lässt viele eigene Interpretationen zu.

Bewertung Darsteller:

Alle Darsteller/Innen zeigen enorme Präsenz und Körpereinsatz. Textsicher einnehmend vorgetragene Texte, schöne Stimmen und ein symphatisches Ensemble lassen das Publikum auch mit dem Wunsch zurück, mitmachen zu dürfen.

Bewertung Publikum:

Begeisterter Applaus bis die Hände wehtun.

Gesamtbewertung:

Hingehen und danach keine Schweizer Fahnen verbrennen.

Basler Bands fürs ganze Jahr

Joel Gernet am Mittwoch den 5. Dezember 2012

Die Originale: 12 Basler Bands haben einen Song als Kalenderbaltt illustriert.

Normalerweise hilft das Kulturbüro Basel anderen, indem es Kulturschaffenden Infrastruktur zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellt. Nun hat das Kleinbasler Büro ein «Charity-Projekt» in eigener Sache lanciert: Ein Kalender fürs Jahr 2013, bei dem zwölf Basler Bands einen ihrer Songs illustriert haben.

Enstanden sind dabei lustige, aber auch skurrile Kalenderblätter mit Strichmännchen, Schäferhunden, süssen Kitty-Kätzchen oder düsteren Foto-Collagen. Ins Zeug gelegt haben sich unter anderem Bands wie Lovebugs, Denner Clan, Lombego Surfers, Tre Cani, The Glue oder Anna Rossinelli.

Am Dienstag wurde in Anwesenheit der meisten beteiligten Bands auf den Basler Bandkalender angestossen, getreu dem Motto: «Best of 2013 – Jedes Jahr kann dein bestes werden». Das Teil ist auf 300 Stück limitiert, kostet 25 Franken (signiert das Doppelte) und kann direkt im Kulturbüro bei der Kaserne oder via Mail bezogen werden. Wem ein Kalenderblatt besonders gut gefällt, hat die Mögichkeit, sich für einen Hunderter das Originalbild unter den Nagel reissen. Am 13. Dezember gibt’s die Kalender zudem im Kulturkiosk K-Eck vor der Kaserne zu kaufen. Auf dass 2013 ein rauschendes Jahr wird für die Basler Musikszene!

Grösser als ein Leben

Fabian Kern am Dienstag den 27. November 2012

Filmplakat

«Cloud Atlas» läuft ab 29. November in den Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Manche Geschichten sind zu gross, um sie zu beschreiben. Wie «Cloud Atlas». Ein Versuch sei trotzdem gewagt. Die Erwartungen an den mit 80 Millionen teuersten unabhängig finanzieren Film aller Zeiten waren riesig. Und sie wurden erfüllt, ja sogar übertroffen. Die Wachowski-Geschwister haben es nach der Matrix-Trilogie einmal mehr geschafft, einen als unverfilmbar geltenden Stoff auf die Leinwand zu bringen – zusammen mit dem deutschen Regisseur Tom Tykwer. Und das Wunder ist nicht, dass sie das in einer Art und Weise getan haben, die einen über drei Stunden nicht loslässt und David Mitchell, den Autor der Romanvorlage, zu einer Aussage verleitete, die einem Ritterschlag gleichkommt: «Das könnte einer jener Filme sein, die besser sind als das Buch.»

Sonmi-451

2144: Der Klon Sonmi-451 kämpft in Seoul um die Freiheit. (Bilder: ASCOTE-ELITE)

Nein, das eigentliche Wunder ist es, dass im gigantischen Werk die einzelnen Geschichten nicht verloren gehen und die bodenständigen Werte sich als Leitfaden durchziehen. Es geht um Mut und Zivilcourage, um Freiheit, Vertrauen und das Hoffen auf bessere Zeiten. Und darum, dass der Einzelne den Unterschied ausmachen kann. Bezeichnend dafür der Vergleich in der Episode aus dem Jahr 1846. Auf den Vorwurf seines skrupellosen Schwiegervaters (Hugo Weaving), sein humanitärer Einsatz sei nur ein Tropfen im Ozean, antwortet Adam Ewing (Jim Sturgess): «Der Ozean ist nichts anderes als die Summer einzelner Tropfen.» Philosophie pur.

Hugh Grant und Jim Broadbent

2012: Hugh Grant (links) mit Jim Broadbent.

Jim Sturgess und Tom Hanks

1846: Tom Hanks (rechts) mit Jim Sturgess.

«Cloud Atlas» ist aber auch ein Paradies für Maskenbildner: Hugo Weaving als Krankenpflegerin, Jim Sturgess als Koreaner, Tom Hanks als vernarbter Londoner Gangster der übelsten Sorte, Halle Berry als Jüdin oder Hugh Grant als blutrünstiger Kannibale – die Schminkkünstler geben alles. Wichtiger als die Masken selbst sind aber die verschiedenen Charakteren, in welche die Schauspieler schlüpfen. Mehrere Rollen haben alle. Hanks, Berry, Weaving, Grant und die Koreanerin Doona Bae bringen es auf sechs Figuren, Sturgess sogar auf sieben. Und das ist der geniale Kunstgriff, mit dem das Regie-Trio Mitchells Buch filmisch umgesetzt hat: Ob 1846, 1936, 1973, 2012, 2144 oder 2346 – alles ist miteinander verbunden. Die Seelen werden in neue Körper hineingeboren und laufen einander im Lauf der Jahrhunderte immer wieder über den Weg. Reinkarnation und Karma sind ein Leitthema, das die Episoden miteinander verknüpft. Die Figuren erleben laufend Déjà-Vus aus ihren früheren Leben.

Hugo Weaving

2346: Hugo Weaving als böser Einflüsterer.

Bezeichnend dafür stehen drei Figuren. Durchwegs böse ist Hugo Weaving, der in der letzten Episode gar als Teufel auftritt. Dann wäre da Tom Hanks, der den fehlbaren Durchschnittsmenschen darstellt. Mal ist er böse, mal ist er gut, mal steht er für seine Werte ein, mal fehlt ihm der Mut dazu. Und schliesslich sind die von Jim Sturgess dargestellten Figuren am idealistischsten: Als amerikanischer Anwalt kämpft er im 19. Jahrhundert gegen die Sklaverei, im futuristischen Seoul des 22. Jahrhunderts führt er eine Rebellion gegen das totalitäre Regime an und bringt den Klon Sonmi-451 (Doona Bae) dazu, wie ein menschliches Individuum zu fühlen und zu denken. Jeder kann den Unterschied ausmachen.

Halle Berry und David Gyasi

1973: Krimi mit Halle Berry und Keith David.

Ben Whishaw

1936: Romanze mit Ben Whishaw.

Reinkarnation, Klone, Kannibalen, Teufel – kann das überhaupt ein breites Publikum ansprechen? Ja! «Cloud Atlas» hat für jede der sechs Geschichten ein eigenes Genre gewählt: Vom Drama über die Romanze, den Krimi, Thriller und Abenteuerfilm bis zu Science Fiction wird die ganze Bandbreite abgedeckt. Und auch der Humor kommt glücklicherweise nicht zu kurz, sonst würde einen die Wucht des Films erschlagen. Dass die schnellen Wechsel zwischen den einzelnen Handlungssträngen nicht als störend empfunden werden, ist faszinierend und spricht für die Stimmigkeit des Werks. Ex-FCB-Mäzenin Gigi Oeri hat ihr zweites Produktionsengagement (nach Tykwers «Das Parfum») wahrlich gut gewählt. Egal, wieviel sie investiert hat, auf diese mutige Produktion kann sie stolz sein. Denn in diesem Epos stehen nicht Special Effects oder die vorzüglichen Masken im Vordergund, sondern die Geschichte selbst. «Es ist eigentlich ein altmodischer Film», sagt Lana Wachowski.

Manche Geschichten sind zu gross, um sie zu beschreiben. Man muss sie einfach selbst sehen, erleben, bestaunen – am besten auf der grossen Leinwand. Wie «Cloud Atlas».

Literatur an der Geschmacksgrenze

chris faber am Freitag den 23. November 2012

Am Mittwoch waren Andreas Storm und Cathrin Störmer wieder mit Worst Case Szenarios in der Kaserne Basel. Die 2 Schauspieler wählen gekonnt mit Worst Case Szenarios verunglückte, grenzwertige oder missratende Kunstwerke aus, diesmal mit dem Schwerpunkt schreibende Politiker. In Wohnzimmeratmosphäre wechseln sich Lachflashs mit Betroffenheit ab, danach darf in den gedruckten Wunderwerken gestöbert werden.

Ob Peter Handke mit seinen späten Werken so verstört, dass wir nur hoffen können, er meint es lustig mit seinen Texten; Luise Rinser Nordkorea so naiv entdeckt und das Regime preist, dass Drogen im Spiel sein müssen; SVPler Oskar Freysinger so schwülstig Propaganda mit Erotik verbindet, dass ihn der Schweizerische Schriftstellerverband ablehnen musste; surrealistische Erotik uns zwischen Lachen und Aufhören pendeln lässt;
Ghaddafis Volkdefinition zwischen Menschen mit und ohne Überseekoffern unterscheidet; Saddam Husseins Liebesroman “Zabiba und der König” offenbart, wie er vom Volk gesehen werden wollte; Mao Furzgedichte schreibt, die heutzutage subtile Aufführungen verlangen; Hans-Rudolf Merz mit dem “Landammann” so erotisch danebengreift, dass wir uns in einem Appenzeller Darkroom wiederfinden; William Paul Young in “Die Hütte” die Dreifaltigkeit als höllennette Wohngemeinschaft inszeniert und Uri Geller in “Auf Biegen und Brechen” seine Fantasie erschreckender wirken lässt wie seine Illusionen; dieser Abend wärmt mit Witz und Sonderbarem.

Am Sonntag, den 2. Dezember 2012, tauchen die Worst Caser um 20 Uhr in die Welt der Esoterik ein und berichten von Indigokindern, Venusbesuchern und anderen Skurrilitäten. Unbedingt wieder empfehlenswert, befreiendes Lachen garantiert. Mehr Infos…

Leiche im Keller

Fabian Kern am Mittwoch den 21. November 2012

I, Anna

«I, Anna» läuft ab 22. November im Kultkino Club.

Manchmal kann eine flüchtige Begegnung reichen, um Gefühle auszulösen. Chefinspektor Bernie Reid (Gabriel Byrne) erlebt einen solchen Moment, als er einen Wolkenkratzer in einem grauen Londoner Vorort betritt. Noch ahnt er nicht, dass Anna Welles (Charlotte Rampling) mehr mit dem erschlagenen Toten, der auf ihn wartet, zu tun hat, als ihm lieb ist. Vielmehr lässt er jede Professionalität vermissen, als er den Kontakt zu der geschiedenen Frau sucht und die Ermittlungen nicht nur vernachlässigt, sondern gar sabotiert. Deren Gewissen ist jedoch rein. Sie hat nämlich jegliche Erinnerung an den Abend verdrängt, an dem sie das Opfer beim Speed-Dating kennengelernt hat. Anna hat andere Sorgen: Sie muss sich um ihre alleinerziehende Tochter Emmy (Hayley Atwell) und ihre Enkelin kümmern. Doch genau ihre familiäre Situation gibt immer mehr Rätsel auf, je näher ihr der Polizist kommt. Hat Anna vielleicht noch mehr verdrängt als nur jenen fatalen Abend im Hochhaus?

Anna Welles

Was versteckt die labile Anna vor sich selbst? (Bilder: Filmcoopi)

Irgendwie lässt einen das Gefühl nie los, dass die Geschichte in kein gutes Ende nehmen kann. Irgendwie hofft man aber trotzdem darauf, denn die beiden Hauptfiguren sind so einsam und traurig, dass sie einem nur leid tun. Barnaby Southcombe verknüpft in seinem Erstlingswerk drei Genres miteinander. «I, Anna» ist sowohl Drama als auch Thriller und ein wenig Film Noir. Subtil verrät der Regisseur in seiner Verfilmung der amerikanischen Romanvorlage von Elsa Lewin Stückchen für Stückchen das dunkle Geheimnis, welches Anna tief in ihre Psyche verbannt hat.

Bernie und Anna

Findet Bernie die Wahrheit über Anna heraus?

Für die Hauptrolle hat sich der Brite niemand anderen als seine eigene Mutter ausgesucht. Rampling untermauert als Anna ihren Ruf als brillante Charakterdarstellerin. Auch Gabriel Byrne glänzt einmal mehr in einer Rolle als vom Leben gezeichneter Polizist, der die Suche nach dem Glück schon fast aufgegeben hat. Der Ire passt genau zur trostlosen Grundstimmung, die Southcombe dem Film unterlegt – ebenso wie der prägnante Soundtrack. Mit dem Gefühl der Hoffnungsloigkeit wird sich der eine oder andere Zuschauer allerdings schwer tun. Genauso wie mit dem Genre-Mix. «I, Anna» ist handwerklich einwandfrei, kommt aber schwermütig daher wie ein typischer November-Tag.

«I, Anna» läuft ab 22. November im Kultkino Club.

Der grimmige Arm des Gesetzes

Fabian Kern am Mittwoch den 14. November 2012

Dredd 3D

«Dredd 3D» läuft ab 15. November im Pathé Küchlin.

Um ein B-Movie neu zu verfilmen, braucht man schon einen guten Grund. Oder einen soliden Plan. Die Macher von «Dredd 3D» hatten wohl weder noch. Dabei gäbe das unfreiwillig komische Original «Judge Dredd» aus dem Jahr 1995 mit Sylvester Stallone in der Titelrolle genügend her, um entweder einen richtigen Blockbuster daraus zu machen oder zumindest eine humorvolle Parodie. Doch Drehbuchautor Alex Garland («The Beach», «28 Days Later») hatte den Ehrgeiz, den Film näher an die düstere Comic-Vorlage heranzuführen, wie das die Dark-Knight-Trilogie vorbildlich umsetzte. Leider hat er zusammen mit Regisseur Pete Travis («8 Blickwinkel») aber nur eine humorlose Gewaltorgie inszeniert.

Dredd in Action

Ballerei in 3D: Dredd flüchtet vor einer Explosion. (Bilder: Rialto)

In der Zukunft ist alles mega. Mega-Gebäude stehen in grauen Mega-Cities. Und auch «Dredd 3D» ist mega. Nämlich mega brutal. «Mega City One» ist die Hauptstadt der Zukunft. Der gigantische Moloch erstreckt sich von Boston bis Washington D.C. und wird von nicht weniger als 800 Millionen Menschen bewohnt. Wobei «wohnen» ein viel zu positiver Ausdruck für das trostlose Dasein an der amerikanischen Ostküste ist. Drogen, Prostitution und Gewalt dominieren das Leben in den Häuserschluchten. Zur Verbrechensbekämpfung stehen sogenannte «Judges» im Einsatz: Cop, Richter und Vollstrecker in Personalunion. Allerdings sind sie nur ein Tropfen auf den heissen Stein, denn von den zwölf schweren Verbrechen, die pro Minute (!) gemeldet werden, können nur sechs Prozent behandelt werden.

Anderson und Dredd

Bitte lächeln! Anderson und Judge Dredd.

Der beste dieser Judges ist Dredd (Karl Urban), eine Legende im Justizpalast der «Mega City One». Er bekommt mit Anderson (Olivia Thirlby) eine Rekrutin an die Seite gestellt, die er bewerten soll. Ihr erster gemeinsamer Einsatz führt das ungleiche Duo ausgerechnet in das übelste Mega-Wohnhaus der Metropole. «Peach Trees» beherbergt 75’000 Leute und steht unter der eisernen Herrschaft der grausamen Drogen-Baronin Ma-Ma (Lena Heady), die den Markt der neuen Droge «Slo-Mo» kontrolliert. Dredd und Anderson werden prompt eingeschlossen und von den Gesetzlosen gejagt. Was dann folgt, ist eine uninspirierte Aneinanderreihung von Gewaltszenen, in denen die 3D-Technologie nur dazu dient, das Gemetzel möglichst drastisch darzustellen. Der Bodycount von Verbrechern und Unschuldigen steigt dabei in schwindelerregende Höhen. Der einzig interessante Aspekt der Geschichte, nämlich die Aufrechterhaltung von moralischen Werten in einer Anarchie, geht im Kugelhagel komplett unter.

Ma-Ma

Grausam: Drogenbaronin Ma-Ma.

War Sylvester Stallones grimmige Interpretation des Richters und Henkers in Personalunion vor 17 Jahren noch belustigend, so wirken Karl Urbans ständig nach unten verkrampfte Mundwinkel nur lächerlich und ermüdend. Überhaupt gibt die Karriereplanung des Neuseeländers Rätsel auf. Mit seinen Rollen in «Herr der Ringe», «Die Bourne-Verschwörung», «Star Trek» und «R.E.D.» schien Urban auf dem Weg nach oben zu sein, doch seine Rollenwahl in den letzen zwei Jahren waren mehr als unglücklich. Um aber seinem jüngsten Projekt doch noch etwas Positives abzugewinnen: Lena Heady («The Cave», «300») beweist als Ma-Ma Mut zur Hässlichkeit und schafft eine würdige Bösewichtin. Leider vermag das den Film aber auch nicht herauszureissen.

Zur Erinnerung und für Nostalgiker hier der Trailer von «Judge Dredd» (1995):