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Bühnenboykott gegen böse Buben?

Joel Gernet am Dienstag den 18. Januar 2011

Dass es am Wochenende beim Basler Konzert der deutschen Rapper Fard und Haftbefehl zu mehreren Schlägereien kam, verwundert kaum jemanden. Nicht einmal die Veranstalter: «Wir wussten, dass auch Schlägertypen ins Volkshaus kommen und waren vorbereitet», sagt Organisator Cem gegenüber Schlaglicht. Rund 700 Rapfans, die meisten davon knapp volljährige junge Männer, feierten am Samstag die aufstrebenden deutschen Rapper mit iranischen (Fard), beziehungsweise kurdischen (Haftbefehl) Wurzeln. Ihre Texte spiegeln das Leben in Deutschlands Problembezirken, wo Kriminalität und Perspektivlosigkeit zum Alltag gehören. Dementsprechend handeln die Songs der beiden nicht selten von Problemen mir der Polizei, Gewalt und den «Gesetzen der Strasse». Aber auch von Hoffnung und der Möglichkeit, «es» zu schaffen. Das ist Strassenrap, von einigen auch Gangsterrap genannt. Provokation und Überhöhung sind hier ein zentrales Stilmittel – und eine der Hauptursachen für Missverständnisse.

Gut gelaunt: Das Publikum beim Basler Konzert-Von Haftbefehl. (Foto: 4 Zero Ent.)

Dass es unter Leuten, die auf diese Ausprägung der Rapmusik stehen, zu Scharmützeln kommt, scheint bei einigen (wenigen) in diesem Kreis zum guten Ton zu gehören: Rap ist das Ventil für den angesammelten Frust. Und wenn man selbst kein Rapper ist, muss die Energie halt anders raus. Authentizität, Ehre und Loyalität sind die Werte, die Zählen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Kein Wunder also, dass Konzerte wie jenes von Fard und Haftbefehl, zu einem Macho-Treffen mit Testosteron-geschwängertem Ambiente werden. Aber warum hat es ausgerechnet dieses Wochenende geknallt? Die Volkshaus-Konzerte des deutschen Strassenrap-Pioniers Azad und der Haudegen von Automatikk verliefen 2010 ohne nennenswerte Zwischenfälle.

«Über die Hälfte der Besucher kam von Auswärts, das war bisher nicht so», versucht Organisator Cem zu erklären. Er ist aber selber etwas ratlos. Beim nächsten Mal, überlege man sich zweimal, wen man buche. «Zwei Gangsterrapper von diesem Kaliber werden wir bestimmt nicht mehr holen – das schadet dem Image von HipHop», findet Cem, der in Basel auch als Rapper Zehir bekannt ist. Das fünfte Konzert hat seiner Organisation «4 Zero Entertainment» zwar den bisher mit Abstand grössten Zuschaueraufmarsch beschert, und einen Gewinn, glücklich ist der Basler dennoch nicht. Er wisse nicht, ob sich bei diesem Stress der Aufwand gelohnt habe. «Wir machen das für die Jugendlichen, wenn diese das nicht schätzen, hören wir auf.»

Cem wäre nicht der erste Konzertorganisator, der keine Strassenrapper mehr auftreten lässt. In der französischen Schweiz verzichten viele Veranstalter seit längerem auf Konzerte mit einschlägigen Rappern aus Frankreich (das Deutschland in Sachen Strassenrap ein paar Jahre voraus ist), weil diese ein gewaltbereites Publikum anziehen – oft aus dem Ausland. Und auch im Basler Konzertlokal Sommercasino ist man seit einer Schlägerei am Konzert des deutschen Strassenrappers Farid Bang im April 2010 vorsichtig geworden, wie die Zuständigen gegenüber Schlaglicht erklären.

So inszeniert sich Haftbefehl für sein aktuelles Album.

Doch ist ein Strassenrap-Boykott die richtige Lösung? Ich finde nicht. Man darf nicht vergessen, dass am Fard und Haftbefehl-Konzert im Volkshaus rund 700 Konzertbesucher den Auftritt ihrer Helden friedlich feierten, während sich eine Hand voll Trottel die Köpfe einschlug (und vor die Tür gestellt wurde – wo die Auseinandersetzung weiterging). Über die Inhalte des Strassenrap kann – und soll – man sich streiten, aber auch diese Ausdrucksform hat ihre Daseinsberechtigung als Sprachrohr und Ventil tausender junger, unterprivilegierter Menschen, deren Stimmen sonst ungehört bleiben. Schon mancher Bad-Boy hat sich dichtend zu einem vernünftigen, seriösen Mann entwickelt. Der Bann von der Bühne wäre wohl eher kontaproduktiv, viele würden so in ihrer Anti-Haltung bestärkt.

Natürlich müssen sich aber auch diejenigen Rapper, welche durch Gewalt und Kriminalität verherrlichende Texte auffallen, überlegen, ob es auf Dauer erfüllend ist, eine meist unbefriedigende, destruktive Lebensweise zu predigen. Wenn man frisch «von der Strasse kommt» und nichts anderes kennt, ok. Aber wer nach langjähriger Rapkarriere inklusive Lebenswandel noch immer die gleichen Themen beackert (wie z.B. Bushido), gehört auf das Abstellgleis. Man kann gespannt sein, wohin sich Fard und Haftbefehl, die am Anfang ihrer Karriere stehen, entwickeln.

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7 Kommentare zu “Bühnenboykott gegen böse Buben?”

  1. Nikola sagt:

    Insgesammt gut zusammengefasst, aber es ist komisch, dass immer nur über Ausschreitungen an Hip Hop-Konzerten berichtet wird. Natürlich ist es naheliegend zu behaupten, dass die Textinhalte der beiden Rapper zur Auseinandersetzung beigetragen haben. Meiner Meinung nach ist es aber zu weit hergeholt: So gibt es jedes Wochenende in den unterschiedlichsten Klubs (egal ob Minimal, House, Hip Hop, Balkan Sound, Charts oder was es da alles gibt) Schlägereien, Ausschreitungen oder Situationen in denen die Security-Angestellten eingreifen und die “Täter” vor die Tür setzen müssen. In beinahe allen Fällen sind Alkohol oder auch Drogen im Spiel.
    Ich war am Wochenende nicht an diesem Konzert, bin aber jahrelang durch die ganze Schweiz gefahren und habe sehr viele Hip Hop-Konzerte besucht. Viele Künstler hatten auch in ihren Texten über ihre gewalterfüllte Vergangenheit berichtet. Kein einziges Mal gab es nennenswerte Schlägereien.
    Ich finde es schade, dass die Medien (dieser Bericht ausnahmsweise nicht) es bis heute nicht geschafft haben, sich über Hip Hop als Musikrichtung (so verwechselt man nach wie vor R’n’B oder Soul gerne mit Hip Hop), die Geschichte und auch als Lebensstil zu informieren.
    Denn wer behauptet im Hip Hop gehe es nur um Gewalt, Geld und Sex, spuckt auf die Pioniere, welche diese Musik massentauglich gemacht haben. Einige Infos zu “Hip Hop gegen Gewalt”: Zulu Nation und Boogie Down Production (KRS One).

  2. Florian sagt:

    also bei Automatikk war 2010 doch ein zwischenfall da gabs doch ne schlägerei im backstage bereich

  3. Claudio sagt:

    Word Up an Nikola. Ich war am Konzert, dachte mir schon das es vereinzelt Gewalt geben würde, aber in diesem Ausmass hätte ich es nicht erwartet. Die Veranstalter haben aber in der Auswahl der Securities einen sehr guten job gemacht, denn bei jedem zwischenfall wurde schnell und konsequent gehandelt. Ausserdem kamen einige der Aggressoren aus der Gefolgschaft der Künstler. ein Verbot halte ich für unangebracht, denn wie Nikola bereits erwähnt hat, gibt es an vielen anderen Veranstaltungen auch Gewaltausbrüche. Strassenrap hat die gleiche Daseinsberechtigung wie Consciousrap und alle anderen Schubladen auch…cheers

  4. rundmc sagt:

    sehr viele rechtschreibfehler in dem text..
    sehr einseitig beschrieben die ganze sache..
    der letzte part sehr fragwürdig von dir.
    wieso sollen rapper die lange im buiss sind überdenken was sie für zeug schreiben,.

  5. Junglist sagt:

    Schon im Dezember wurden mehrere Gangsta-Rapper in die Voltahalle eingeladen, welche Gewalt/Abneigung gegen Homosexuelle, Behinderte und Frauen propagieren – “Spast” und “Schwuchtel” sind allgegenwärtig in Raptexten. Einer der eingeladenen Rapper (Bero Bass) hat eine Haftstrafe abgesessen, weil er einen anderen jungen Mann erstochen hat, nun wurde auf der Bühne gefeiert und bekommt dadurch Geld um die Genugtuung für das Opfer abzuzahlen. Warum erlaubt die Stadt Basel sowas? Selbst wenn diese deutsch-muslimischen Rapper Ausländer sind, sie sind Faschisten.

    Gangstarap hat dem Image von Hip-Hop schon längst geschadet. In Basel laufen 12-jährige männliche Jugendliche (Kinder?) mit T-Shirts und Lederjacken von ihren faschistischen Idolen umher, schöne Zukunft…

    Der Autor dieses Artikels schreibt von ungehörten, unterprivilegierten Menschen. Diese Rapper und ihre Gefolgschaft sind überhaupt nicht benachteiligt! Sie haben keine Missbildung, keine Behinderung, sind nicht Homosexuell, die sind bloss aggressiv haben ÜBERHAUPT KEINE AHNUNG VOM LEBEN! Die wissen nicht wie es ist, auf der Strasse spöttisch angeschaut zu werden, weil man im Rollstuhl sitzt, mit einem Kolostomiebeutel. Was ist mit den schwulen, lesbischen, behinderten Menschen, welche von diesen Faschisten verspottet und schikaniert werden, kein Ventil haben und gegenüber solche Unterdrückung und Verachtung machtlos sind? Oder gegen die Schläge und Tritte, wenn sie alleine von einer Gruppe faschistischer Hip-Hopper verprügelt werden?

    Rap hin, Rap her, es gibt Menschen mit anderem Musikgeschmack die von der ständigen Präsenz dieses faschistischen Musikstils und dessen Befürwortern/Verteidigern (siehe die vorangehenden Kommentare, ironischerweise voller Rechtschreibfehler) die Schnauze voll haben.

    Schade, dass es seit “Language of Violence” von The Disposable Heroes of Hiphoprisy keine guten Botschaften im Hip-Hop mehr gab.

    • dstbsl sagt:

      hätten sie doch nur bei “…,schöne zukunft… ” aufgehört, dann hätte mir ihr kommentar sehr gefallen! allerdigs zeigen sie dann im unteren teil auch wieder die “schubladisierung” wie es oft mit hiphop passiert. schade

  6. Älterist sagt:

    An Junglist:

    Homosexualität ist eine Benachteilung <- laut deiner Aussage.

    Aber hier den Zeigefinger auf andere richten aufgrund ihrer Fehler in ihren Kommentaren. Thumbs up!