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Beckmann sticht Bourgeois aus

karen gerig am Mittwoch den 7. September 2011

Louise Bourgeois, Max Beckmann. (© Pro Litteris)

Manchmal, da kommt es anders als man denkt. Welch Plattitüde, dieser Spruch. Und doch immer wieder wahr. Am eigenen Leib erfahren hab ich ihn vergangenen Freitag, als gleich zwei Medienkonferenzen anstanden. Um elf gings in Kunstmuseum zu Max Beckmann, um 14 Uhr in die Fondation Beyeler zu Louise Bourgeois. Nun war ich nie ein Beckmann-Fan, wenn ich auch seine Leistung anerkannte, den jeweiligen Strömungen der Moderne konsequent aus dem Weg gegangen zu sein und zu einem unverkennbaren eigenen Stil gefunden zu haben. Louise Bourgeois stand mir schon näher, was eine kleine Ausstellung in Kopenhagen mir diesen Frühling gerade wieder bewiesen hatte. So dachte ich am Freitagmorgen: Beckmann = Pflicht, Bourgeois = Kür.

Gleichermassen fesselnd sind die Lebensgeschichten der beiden Kunstschaffenden. Louise Bourgeois, 1911 geboren bei Paris, verarbeitete in ihren Werken immer wieder traumatische Erfahrungen aus ihrer Kindheit. «Ich vergebe nicht und ich vergesse nicht» war ein Motto, das sie ihrem Schaffen voran stellte. Als Mädchen sei sie ihrem Vater nichts wert gewesen, erzählte die Künstlerin in Interviews immer wieder. Die verletzte Seele des Kindes drückt in ihren Arbeiten immer wieder durch, und bei nicht wenigen Werken erhält man das bedrückende Gefühl, einem Exorzismus beizuwohnen.

Louise Bourgeois' bedrückende «Passage dangereux» in der Fondation Beyeler. (Foto K. Gerig, © Pro Litteris)

In der Fondation Beyeler gelingt dies besonders eindrücklich im Untergeschoss, wo im Halbdunkel Bourgeois’ «Passage dangereux» aufgebaut ist. Wie ein Voyeur blickt der Betrachter von aussen in einen gefängnisgleichen Käfig, in dem sich Grausamkeit an Grausamkeit reiht – der Blick in eine dunkle Seele. Beschädigte Stühle hängen von der Decke, eine Spinne versucht auszubrechen, eine tote Fliege ist in einer Likörflasche gestorben, ein Folterstuhl steht bereit. Als Zuschauer bewegt man sich ausserhalb, nimmt den Greuel hilflos wahr.

Mit der «Passage dangereux» ist man nicht nur im Bauch der Fondation Beyeler angelangt, sondern nimmt auch die Künstlerin Louise Bourgeois am besten wahr. Wer sich im vorangehenden Raum die Zeit nimmt, sich in den über 200 Blätter umfassenden Zeichnungszyklus «The Insomnia Drawings» und damit in Bourgeois’ Gedankenwelt zu vertiefen, hat sich bestens darauf vorbereitet. Leider gelingt diese bedächtige Auseinandersetzung erst hier unten, am Ende der Schau. Dabei sind schon im Erdgeschoss wichtige Werke der französisch-amerikanischen Bildhauerin versammelt. Das Versinken in die Thematik gelingt hier jedoch zu wenig, was daran liegen mag, dass die Fondation Beyeler die knapp 15 Arbeiten in den Kontext von Werken aus der hauseigenen Sammlung stellt. Nun mag es zwar interessant sein zu wissen, dass Louise Bourgeois in ihrem fast hundertjährigen Leben unzählige Künstler kennengelernt hat und auch von ihnen lernte. Neben grossformatigen Triptychen eines Francis Bacon oder Claude Monets Seerosenteich aber verschwinden die nicht monumental grossen Skulpturen Bourgeois’ beinahe und erhalten nicht das Gewicht, das man ihnen zumessen dürfte. Sie scheinen eher Beilage als wirkliche Hauptdarsteller zu sein.

Max Beckmanns «Der Hafen von Genua» (1927). (St. Louis Art Museum, © Pro Litteris)

Ganz anders geht man im Kunstmuseum mit den Bildern von Max Beckmann um. Rund 70 Landschaftsmalereien präsentiert das Haus in schlichter chronologischer Reihenfolge. Was wenig originell klingen mag, macht jedoch Sinn und lässt einen nach vollendetem Rundgang befriedigt die zwei Haupttreppen zum Ausgang hinuntersteigen. Fünfzig Lebens- und Schaffensjahre des deutschen Künstlers, der 1884 in Leipzig geboren wurde, zeichnet die Schau «Max Beckmann – Die Landschaften» nach, von 1900, als Beckmann in Weimar die Kunstschule beginnt, bis 1950, als er auf dem Weg zum Metropolitain Museum of Art in New York zusammenbricht und stirbt. Dazwischen lagen bewegte Jahre, welche das Kunstmuseum in fünf Phasen unterteilt, an denen sich die Ausstellung orientiert: Berlin, Frankfurt am Main, Paris, Amsterdam, USA.

«Das Nizza in Frankfurt am Main» von Max Beckmann, aus der hauseigenen Sammlung des Kunstmuseums. (Foto Martin P. Bühler, © Pro Litteris)

Jeder Wohnortwechsel bedeutete für Beckmann nicht nur einen neuen Lebensabschnitt, sondern auch einen künstlerischen Neubeginn. In der chronologischen Hängung im Kunstmuseum lassen sich diese stilistischen Etappen schlüssig verfolgen. Die Einflüsse der jeweiligen Epochen sind ebenso spürbar wie die Verfassung des Künstlers beziehungsweise sein Verhältnis zu den Weltgeschehnissen. Die allegorischen Sinnschichten seiner Tableaus und Porträts fallen bei diesen Landschaftsdarstellungen weg, was den Blick auf die künstlerische Entwicklung schärft. Grossartige Gemälde wie «Das Nizza in Frankfurt am Main», «Der Hafen von Genua» oder die «Grosse Gewitterlandschaft» zeigen Postkartenansichten einer von Weltkriegen gezeichneten Welt vermischt mit dunklen Gedanken wie auch Hoffnungsschimmern.

Die Allegorien und die harten, schwarzgerandeten Züge der Beckmannschen Figuren trafen nie meinen Geschmack, so grossartig sie auch gemalt wurden. Diese Landschaften-Ausstellung hat mich deshalb überrascht, in ihrer aussagekräftigen Schlichtheit wie in der Qualität des Gezeigten. Die Pflicht wurde so plötzlich zur Kür eines kunsterfüllten Tages. Wie gut tut es doch manchmal, wenn Vorurteile revidiert werden können.

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