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Wieviel soll Kultur die Konsumenten kosten?

karen gerig am Mittwoch den 10. August 2011

Eines der aktuellen Gratis-Kultur-Angebote: Das Kulturfloss. (Foto Pino Covino)

Die Aussage einer Bekannten gab mir kürzlich zu denken. In einer Diskussion darüber, dass immer mehr Events kostenlos zu besuchen seien, meinte sie, sie erwarte das inzwischen auch. Sie sei aber auch bereit, dafür etwa höhere Getränkepreise in Kauf zu nehmen. Ich stutzte: Die Erwartung, Kultur gratis zu konsumieren, das war mir neu. Und ich begann mich zu fragen, woher sie kommt.

Bereits vor einiger Zeit fiel in einem Gespräch mit Freunden das Stichwort «Gratis-Museum». In England etwa, so hiess es, seien alle Museen gratis, zumindest was die hauseigenen Sammlungen angeht. Warum klappt das nicht bei hiesigen Häusern? Der Grund ist schlicht: Es geht ums Geld. Um Subventionen, Sponsoren, um Eintrittsgelder, um Getränkepreise etc. Die Gleichung klingt ebenso simpel: Je höher die Subventionen, desto weniger Geld muss von den Besuchern verlangt werden. Doch woher stammt das Geld?

Bei den Museen fliesst es immer noch hauptsächlich vom Staat bzw. Kanton ins Kässeli. Muss der Kanton sparen, gerät das Museum unter Zugzwang. Entweder, man verlangt mehr Eintritt oder man kürzt beim Personal oder man streicht Ausstellungsgelder. Oder aber man sucht bei privaten Sponsoren nach. Weil bei den Eintrittspreisen und beim Personal bei den meisten Häusern die Schmerzensgrenze erreicht ist, wird vor allem dieser letzte Punkt wichtig. Auch in Bezug auf den Erweiterungsbau des Kunstmuseums überlegt sich der Kanton eine sogenannte PPP, eine Public-Private-Partnership. Für einzelne Ausstellungen sind solche schon länger kein Tabu mehr – für die Van-Gogh-Ausstellung etwa spannte man beim Kunstmuseum mit der UBS zusammen.

Sponsorenpräsenz an der Tutanchamun-Ausstellung im Basler Antikenmuseum im Jahr 2004. (Foto Roland Schmid)

Die Zusammenarbeit mit Sponsoren eröffnet aber möglicherweise neue Problemfelder: Wer fände es beispielsweise schön, wenn das Logo des Sponsoren grösser als der Museumsname auf dem Plakat prangt?

Ein Problem, das Katja Reichenstein kennt. Die Redaktionsverantwortliche und Initiantin des Stadtmusik Festivals im Hof des Kunstmuseums würde der Ästhetik zuliebe gerne auf Sponsoren verzichten. Bei der Sponsorensuche achten sie und ihre Mitstreiter deshalb auch darauf, dass der Sponsor nicht den ganzen Innenhof mit Werbung zukleistert: «Würde das verlangt, würden wir einen anderen Sponsoren suchen», sagt sie. Was die Initianten des Stadtmusik Festivals jedoch nicht wollen: Die Besucher mit Eintrittsgeldern belasten. «Das ist eine Frage der Ideologie, denke ich», sagt Reichenstein. «Der Innenhof des Kunstmuseums ist ein öffentlicher Ort, deshalb soll auch unser Festival öffentlich sein.»

Trotzdem hat man sich auch beim Stadtmusik Festival die Frage nach dem Konsum von Gratis-Kultur gestellt. Als Resultat davon haben sie dieses Jahr den «Concessum»-Bändel eingeführt. 30 Franken kostet er, wer ihn hat, zahlt weniger für Getränke und erhält eine Festival-CD. Finanziell bringt der Bändel den Festivalmachern nicht viel. «Es geht uns um eine Sensibilisierung», sagt Reichenstein. «Einen kulturellen Event kann man nicht gratis auf die Beine stellen, darüber sollen sich die Leute bewusst werden.»

Gratiskultur – der Begriff beschreibt ein Phänomen des Internets. Musik downloaden? Am liebsten kostenlos, selbst wenns illegal ist. Software-Updates? Gratis. Nachrichten? Kostenlos – meistens zumindest. Fürs Kino bezahlen? Warum, wenn ich den Film kostenlos im Internet downloaden kann? Ist hier der Grund dafür zu suchen, dass immer mehr Leute es selbstverständlich finden, dass man für Events nichts mehr zahlt? Oder liegt es am doch reichlichen Gratis-Angebot? Aktuell sind es die Konzerte des Kulturflosses, das Stadtmusik Festival im Kunstmuseum oder das Musikfestival Viva con Agua auf dem Kasernenareal am kommenden Wochenende, eine Woche später dann die Musik-Strassenparade «Beat on the Street», die alle kostenlos oder gegen Kollekte Kultur anbieten.

Gerade die Veranstalter des «Beat on the Street» geben dieser Tage ebenfalls Anregung zu Gedanken über Gratis-Kultur. Weil die Stadt die Gebühren etwa für Abfallentsorgung erhöhten, wurde die Strecke der Parade kurzfristig verkürzt. Ohne Geld ist eben auch dies nicht zu machen. Die Proteste einiger Paraden-Teilnehmer folgten auf dem Fuss.

Gratis an Konzerte – wer sagt da schon Nein? Vor allem, wenn man bedenkt, dass Konzertpreise in den letzten Jahren geradezu explodiert sind. Für ein Konzert in der Kaserne zahlt man heute doppelt so viel wie vor rund zehn Jahren. Für manche liegt das einfach nicht mehr drin. Durch die Erhöhung der Preise erhöht man nicht die Zuschauerzahl, soviel ist klar. Das Gegenteil ist der Fall: Die Leute kommen, wenn sie nichts oder wenig zahlen müssen. Doch führt diese Entwicklung nicht dazu, dass man Kultur weniger wertschätzt? Oder gilt die Gleichung teuer = wertvoll nicht mehr? Wird Kultur übers Portemonnaie gemessen? Nicht nur, denke ich. Was meinen Sie, liebe Leserinnen und Leser?

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