Logo

Die Einsamkeit des Münsters

karen gerig am Donnerstag den 17. Februar 2011

Der Münsterplatz – ein grosser, leerer Platz. (Foto Margrit Müller)

Basel hat ein wunderschönes Münster. Es thront hoch über dem Rhein, blickt nach Frankreich, Deutschland, und in die Schweiz. Umgeben ist das Münster von viel Platz, der nur von einigen Bäumen besetzt wird. Über die Pflastersteine trippeln die Touristen, wenige Autos verirren sich auf die geteerte Strasse, seit das Parkverbot rigoros durchgesetzt wird. Altehrwürdige Häuser säumen den Platz. Früher hauste hier vor allem der Amtsschimmel, bis man in einigen davon schöne Wohnungen einrichtete. Zwei Restaurants stellen in der Sommersaison ein paar Stühle auf den Platz.

Still ists.

Einmal, im Herbst jeweils, verwandelt sich der Platz vor dem Münster zum Spielplatz. Die Herbstmesse lockt zahlreiche Gäste her, und das Münster staunt ob soviel Buntheit. Im Sommer darf es Filme auf einer Grossleinwand gucken, und an Silvester klingen von seinem Turm Posaunen und Trompeten. In einer Winternacht dann steigen viele Menschen in Busse ein, die sie zu Museen bringen, die weiter entfernt liegen. Und dann, an der Fasnacht, leuchtet der Platz dank der vielen farbigen Laternen. Dem Münster gefällt das.

Das Basler Münster im fasnächtlichen Schein. (Foto Roland Schmid)

Doch was das Münster sich fragt: Wo sind denn all die Menschen, die an diesen Anlässen den Platz bevölkern, an den vielen anderen Tagen im Jahr? Was es nicht weiss: Die Menschen kommen nicht zum Münsterplatz, weil sie anderswo mehr Vergnügen finden. Im Winter verziehen sie sich in die vielen Cafés, die die Stadt ihnen bietet. Und im Sommer sitzen sie lieber am Rheinufer und holen sich an einer der Buvetten ein Bier oder Weissweinschorle. Wüsste das Münster das, dann würde es wohl fordern: Stellt so eine Buvette doch vor meine Tore, dann nehmen mich die Menschen wieder wahr! Oder baut gar einen Spielplatz auf diesen grosszügigen Platz, damit mich auch die Kinder kennenlernen. Im Winter könnte man ihn durch eine Eisbahn ersetzen. Auch Musik würde ich gerne etwas mehr hören. Oder zusehen, wie die Leute ihr tägliches Brot hier kaufen. Wie das früher der Fall war, vor hunderten von Jahren schon, als hier noch Märkte abgehalten wurden, als die Menschen mit ihren Fuhrwerken vorbeizogen, Prozessionen und Feste hier gefeiert wurden. Als der Platz lebte und ich noch zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen und kulturellen Stadtlebens war. Sonst kann man hier auch gleich wieder die Autos parken lassen. Es ist schön, wenn Ihr mich schützt, doch treibt es nicht zu weit. Denn schliesslich will auch ich nicht nur in mir drinnen leben und gegen Aussen ein totes Gebäude sein. Bringt mir das Leben zurück, denkt es, lasst mich wieder zu einem Mittelpunkt werden!

Doch das Münster kann nicht reden.

Der Bau einer Kunsteisbahn auf dem Münsterplatz wurde soeben verhindert. Die Gründe dafür gibts hier.

« Zur Übersicht

22 Kommentare zu “Die Einsamkeit des Münsters”

  1. Michael Chylewski sagt:

    Liebe Frau Gerig

    Das ist doch Ansichtssache. Ich gehe gerne auf den Münsterplatz, weil es dort so schön ruhig ist. Es ist einer der wenigen Plätze in der Stadt, wo kein Lärm und keine Hektik herrscht. Wir sollten gewisse Bereiche der Stadt leer lassen, so wie den Messeplatz, bevor diese seltsamen Gerüste erstellt wurden, deren Zweck mir nicht einleuchtet. Vielleicht ist es eine zutiefst menschliche Angewohnheit, leere Räume zu füllen. Sowie man einen vollen Keller oder Estrich hat…. Mit freundlichen Grüssen

  2. Maurus Ebneter sagt:

    Das Ensemble des Münsterplatzes ist unheimlich schön. Ich habe nichts gegen Besinnlichkeit rund ums Münster, doch Totenstimmung hat der Platz nicht verdient. Wieso lassen wir Reisebusse nicht mehr bis zum Münster fahren? Die jetzige Situation (Aussteigenlassen beim Kunstmuseum, Parkieren beim Schützenmattpark) ist für Reiseveranstalter und Touristen gleichermassen unbefriedigend.

    • Matti Hoch sagt:

      Nein, nein, also bitte nicht wieder einen der schönsten Plätze Europas mit Parkplätzen verunstalten! Es ist einfach unglaublich, wie wenig Aesthetik gewisse Menschen haben, bitte schön! Oeffnet doch einfach mal Eure Augen und nehmt die ganze Schönheit dieses erhabenen Platzes in Euch auf und freut Euch darüber…oder können sich gewisse Zeitgenossen gar nicht mehr ob so etwas erfreuen?

  3. Sarah Meyer sagt:

    Woher kommt nur diese zeitgeistige Zwangsvorstellung, dass immer und überall etwas los sein muss? Ich liebe (wie wohl viele andere auch) den Münsterplatz gerade deswegen, weil er eine ruhige Oase inmitten des sonst allgegenwärtigen Konsumterrors. Übrigens ist der Satz, dass in den Häusern um den Platz früher vor allem “der Amtschimmel hauste” eine (leider ebenso zeitgeistige) Frechheit gegenüber all den Leuten, die dort nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet haben.

    • Andres Egger sagt:

      Liebe Frau Meyer, für Sie ist “Zeitgeist” offenbar zwanghaft als “schlecht” zu verstehen. Schade. Damit marschieren Sie geistig geradewegs ins Wachsfigurenkabinett. Und wenn Sie sich am “Amtsschimmel” stören, dann kommt mir spontan eine Mimose in den Sinn. Tatsache ist, dass die schönsten Gebäude auf dem Münsterhügel noch immer durch die Verwaltung zweckentfremdet sind, leider! Und was ist denn die Funktion eines (Münster)Platzes? Totenstilles Museum oder zeitgemässer Begegnungsraum? Ich wünsche mir und meiner geliebten Heimatstadt, dass die historische Bausubstanz letzterer zwar konsequent geschützt, aber nicht vom Leben abgeschnitten wird. Ich wünsche dem Münsterplatz etwas von der vorreformatorischen Wollust zurück. Etwas von jener vergangenen Zeit, als dort das Leben (jaja, der damalige “Zeitgeist”…) fröhlich pulsieren durfte. Und vor allem wünsche ich manchen rigiden “Berufsbaslern” die Grösse, ihr geistiges Réduit verlassen zu können – zum Wohle unserer Stadt.

      • Alfred Christen sagt:

        Andreas Egger: 1974 begann ich als Mitarbeiter des Baudepartemnts. Mein erster Auftrag war die Rückwandlung von Verwaltungsbüros in Wohnräume. 2011 bin ich bereits elf Jahre pensioniert und die Verwaltungen sind immer noch dort- geschehen ist diesbezüglich nichts. Trotzdem freue ich mich für den diesjährigen Weihnachtsmarkt, der wie auf sonstigen Münsterplätzen von Europa auch in Basel durchgeführt wird, damit wir in Basel ein kleines bischen zu einer weiteren Weihnachtsstadt bekannter werden können.

  4. Hans Martens sagt:

    SO EIN WAHNSINN!
    IRONIE ON:
    Da erlaubt sich die Stadt Basel doch tatsächlich, einen Platz NICHT kommerziell zu versauen! Wo kommen wir denn da hin!
    Nur für die paar Idioten, die diese Perle der Ruhe in dieser einzigartigen Lage egoistisch geniessen wollen!
    IRONIE OFF

    Dass ein solcher Ort der Besinnung ein Luxus geworden ist, und erst noch gerechtfertigt werden soll, DAS ist bedenklich!

  5. Johannes Uhlmann sagt:

    So eine Eisbahn zu installieren, wäre wohl das friedlichste was dem Münsterplatz passieren könnte. Und es wäre viel Spass für wenig Geld, im Gegensatz zu Fasnacht und Herbstmesse. Schade!

  6. Matti Hoch sagt:

    Wenn man die Zeit zusammenrechnet, in welcher auf dem Münsterplatz Ramba Zamba herrscht, dann wird diese Liste beträchtlich lange….Es beginnt mit der Fasnacht, der Laternenausstellung, dann kommt irgendwann noch so ein 3 – 4-tägiger Sportanlass dazu…im Sommer, bei Hochsaison des Tourismus wird der Platz dann grausam verunstaltet durch das openair-cinéma..Wo sind da die Stadtbild-Schützer? Ist ihnen orange und Cohn zu hoch oben? Ich versuche mich hineinzudenken in die vielen Touristen, die vor dem wichtigsten u. schönsten Gebäude und auf einem der schönsten Plätze Europas nichts weiteres vorfinden als verstellte Winkel, Gerüste und zugesperrter Platz unter den Kastanien..Da kann einem das Photographieren dieser herrlichen Kathedrale echt vermiest werden….und dann im Herbst der Messe-Rummel…
    Nein, meine lieben Mitbürger…es gibt zum Glück noch Tausende von Menschen, die inmitten einer Stadt einen stillen, erhaben schönen Platz mit Ausstrahlung noch ohne die ewig berieselnde Musik aus irgendwelchem plärrenden Lautsprecher geniessen wollen und können. In der Stille wachsen wunderschöne Gedanken und Echtes….wer solche Leute als Idioten beschimpft macht sich verdächtig, selber einer zu sein…weil er nicht weiss, wie kreativ Stille sein kann.

  7. De Münsterplatz, so wie er nun “genutzt” wird, ist eine wunderschöne Oase der Ruhe. Auch solche Orte braucht eine Stadt, als Ausgleich. Um so zu denken, braucht man nicht weltfremd und altmodisch zu sein – nur normal.

  8. Karen Gerig sagt:

    Es ist interessant zu lesen, dass die meisten Kommentierer Angst vor Lärm auf dem Münsterplatz haben. Doch besteht nicht ein beträchtlicher Unterschied zwischen einem Grossanlass wie dem Orange Cinema oder der Herbstmesse und etwa einem ständigen Betrieb wie einer Buvette? Café-Besucher sind nicht per se laut, und einzelne Stimmen klingen nicht so stark nach wie diejenige von hunderten Menschen. Auch besteht ein Unterschied zwischen Münsterplatz (der brach liegt) und der Pfalz, die auch bei einem allfälligen Betrieb auf dem Münsterplatz noch als Ort der Ruhe dienen würde. Ebensowenig denke ich, dass eine dem Weihnachtsmarkt angegliederte Eiskunstbahn den bereits durch den Markt verursachten Lärmpegel markant erhöhen würde. Auch der Markt auf dem Marktplatz scheint mir kein grosser Lärmverursacher zu sein. Was die Idee eines Spielplatzes angeht: Ja, Kinder erheben ihre Stimmen manchmal, doch dass das immer öfter als Lärm bezeichnet wird, stört mich schon länger.
    Was Plätze angeht, wo man noch der Stille lauschen kann in Basel: Es gibt sie noch, man findet sie etwa in Pärken, auch im Stadtinnern. Und selbst am Rheinufer.

  9. jacky seiler sagt:

    ich bin exil-baslerin und wohne nun im engadin….ich bezeichne das münster gerne als mystischen ort der ruhe…ich war schon in der schule immer dort anzutreffen im kreuzgang (im rittergasseschulhaus),weiter bin ich dort konfirmiert worden und sehr stolz darauf:):)als aussichtspunkt über den rhein schauend,kaum wegdenkbar und verliebte habe ich offt dort angetroffen,es war früher ein beliebter treffpunkt ;);)das basler münster ist einmalig und von vielen geschichten und geheimnissen umgeben,lassen wir es doch einfach so:)lg jacky

  10. stephan weber sagt:

    Dieser Platz ist einfach nur öde. Andererseit muss ich den vielen Lesern insofern recht geben: Lieber Öde als vollgestellt oder zugebaut. Eine beruhigende Leere in der Stadt ist durchaus Lebensqualität. Aber vielleicht würde etwas grün oder etwas Wasser helfen, z.B. ein Brunnen, ein flaches Becken (und ja, warum nicht im Winter für die Kinder zum Eislaufen)

  11. hanna sagt:

    ich erinnere mich an dieser Stelle an die Geschichte ALS DIE MENSCHEN GOTT DIE RUHE RAUBTEN von Werner Reiser, ehemaliger Münster-Pfarrer.

    Einst hatte Gott am siebenten Tag geruht und so den menschen die Ruhe gegeben. Mittlerweile haben wir den siebenten Tag nicht mehr als Ruhetag. So bleibt nur noch die Ruhe auf dem Friedhof.

    Fazit: Lasst bitte die Ruhe auf dem Münsterplatz, denn Gott hat uns die Ruhe geschenkt, wir sollen sie ihm nicht rauben, sonst gibt es Unruhe.

    P.S.: Die Geschichte ist erschinen im Band DER VERHAFTETE FRIEDENSENGEL, Gütersloher Taschenbuch Verlag.

  12. Bernou Esther sagt:

    Ich finde eigentlich den Münsterplatz schön so wie er ist. Sollte man jedoch etwas verändern wollen, so schlage ich doch eine Grünzone mit schönen Bäumen und Bänklein vor. Lasst den ruhigen besinnlichen Platz vor dem Münster. Es wäre schade, da gross was zu ändern. Allerdings wäre da ein “gutes” Restaurant mit Aussenbestuhlung sehr willkommen, denn die Leute suchen ja ein stilles Plätzchen.

  13. j. Tanner sagt:

    Angenehme Aufgeräumtheit, im Gegensatz zur Steinen. Scheinbar unerträglich für einige Mitmenschen. Die ehrwürdige Leere kann mit Persönlichkeit beseelt werden. Durch jeden und viele. Vielleicht ein Luxus, der für einmal nichts Kostet. Geschäftemacher nicht im Vorteil.

  14. Johann Hugentobler sagt:

    Da versucht man mit viel Aufwand und Ideen den Münsterhügel den gubetuchten Steuerzahler als Wohnsitz schmackhaft zu machen, welche aus den umliegenden Kantone wieder in die Stadt ziehen sollen und zugleich wird keine Mühe gescheut, diesen zugezogenen Anwohnern das Leben mit Ramba Zamba und Jubeltrubel, wenn möglich nonstop durchs ganze Jahr, wieder zu vergällen. Der Münsterplatz gehört zu den umliegenden Häuser und die umliegenden Häuser gehören zum Münsterplatz. Muss den auf jedem Platz in der Stadt immer was “abgehen”?

  15. Jürg Stähli sagt:

    Das Münster fragt sich weiterhin, warum Karen Gerig nach diesem Artikel nicht vom Blitz getroffen wurde.
    Das hätte doch auch etwas Unterhaltung gebracht.

  16. Klaus Meyer sagt:

    Oh nein, ich glaube nicht, dass das Münster sich einsam fühlt. Im Gegenteil, ich höre genau wie es sagt: Herrlich, diese Ruhe. Nicht diese Hektik, diese “Kultur”-Beflissenheit, diese Betriebsamkeit, nicht diese alternative Buvette-Geselligkeit wie sonst überall. Ein einziger Ort, wo mal nichts sein muss, ausser die Schönheit des letzten nicht verschandelten, nicht zerstörten Platzes von ganz Basel.

  17. Rosine Moor sagt:

    Zum Glück gibt es diesen einen, ruhigen Ort in Basel, wo man sich noch selber denken hören kann. Beim sight seeing In fremden Städten sind doch genau solche Ort erholsam und beglückend, und in der eigenen auch. Also bloss keine Vermarktung des Münsterplatzes!

  18. Fricker Werner sagt:

    Glücklicherweise gibt es noch einen Platz in Basel, auf dem nicht ramba-zamba herrscht. Leider aber ist die Pfalz zu einem Unplatz geworden, bei dieser Sauerei die meistens dort herrscht. Kulturstadt: Ich hoffe, dass 2014 zumindest der erstmalige Einzug von Erasmus in Basel gewürdigt wird. Dessen Grabstätte im Münster ist ein ‘Muss’ für Holländer, wie ich in Holland festgestellt habe. Es wäre höchst befremdlich, wenn unsere Universität und Stadt dieses Datum verstreichen liessen! Ich könnte mir vorstellen, dass Universität, Kunstmuseum und Buchdruckereien sowie Bibliotheken etwas gemeinsam machen könnten.