Beiträge mit dem Schlagwort ‘Cindy Sherman’

Die Kunst-Taliban kommen!

Ewa Hess am Mittwoch den 6. Dezember 2017

Das Jahr 2017 kündigte sich als das «Superkunstjahr» an. Jetzt sind die Grossereignisse hinter uns: die Documenta (alle fünf Jahre), die Biennale (alle zwei Jahre), die Skulpturprojekte Münster (alle zehn Jahre) – und? An allen Ecken und Enden der Kunstwelt hat es geknarzt und geknirscht.

Dabei ist die Kunst, vor allem die schwierige zeitgenössische Sparte, durchaus die Gewinnerin der gegenwärtigen Wertekrise. Ihr Markt ist stark, die Werke sind begehrt. Die angesagten Künstler führen Wartelisten. Gerade dadurch gerät sie unter einen Generalverdacht.

Was so gierig gekauft wird, geht die Argumentation, ist moralisch zweifelhaft. Die hohen Preise, die für Kunst bezahlt werden, scheinen sie zu einem eitlen Luxusgut zu degradieren wie Uhren, Jachten und SUVs. Ausgerechnet die Avantgarde-Kunst gilt jäh als frivol, servil, irrelevant und moralisch angreifbar. Hofkunst der Reichen!

Unter diesen Vorzeichen traten die Kuratoren der grossen Schauen zu einer Ehrenrettung der Kunst an und wollten unbedingt beweisen, dass die Kunst noch kritisch, existenziell und unbequem sein kann. Dennoch wird das Superkunstjahr 2017 als das Krisenjahr der Grossausstellungen in die Geschichte eingehen.

Der Künstler Daniel Chluba (links) und Gleichgesinnte protestierten schon 2014 gegen den Grössenwahnsinn der Documenta. (Bild via Wirwollennichtzurdocumenta14.de)

«Der Himmel hängt so voll von diesen Biestern, Biennalen, Triennalen, Festivals, dass man die Sonne kaum noch durchsieht», schrieben in einem offenen Brief Künstler bereits 2014 an den Documenta-Kurator Adam Szymczyk, und äusserten ihre Unlust, an einem weiteren Grossereignis teilzunehmen. Die Documenta bemühte sich daraufhin redlich, alles andere als Salonkunst zu zeigen – und verkam zu einem seltsamen Jahrmarkt des politischen Aktivismus, der am Ende gerade künstlerisch nicht überzeugte. Die Biennale unter der Leitung der Französin Christine Macel wollte hingegen vor allem die Kunst und nur die Kunst feiern – und versank im Wirrwarr wohlmeinender, doch am Ende harmloser Gesten.

Proteste gegen die Installation des israelischen Künstlers Omar Fast in Chinatown (Bild assamnews)

Die interessanteste Überlegung zu dieser 2017-Misere hörte ich vor wenigen Tagen anlässlich der Kunstkonferenz der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in Berlin. Wolfgang Ullrich, ein Kunstwissenschafter mit originellen Ideen, sprach dort über einen Rollenwechsel in der Kunstwelt. Und entlarvte ausgerechnet die überpolitisierte «Kuratoren-Kunst» als einen Angriff auf die Souveränität der Sparte.

Ullrich stellte gerade in den westlichen Ländern eine Tendenz fest, gewisse Kunstwerke «in offener Feindschaft und ohne Kompromissbereitschaft» an den Pranger zu stellen. Das Verblüffende daran ist, dass es eben nicht Wutbürger oder Populisten sind, die zu moralisch motivierten Kunst-Taliban mutieren, sondern gerade Intellektuelle und Feuilletonisten.

Blackfacing verboten? Cindy Sherman stellt in ihren Film Stills von 1976 «Bus Riders» nach. (Bilder Storify, ©artist)

Tatsächlich gab es 2017 mehrere Fälle solcher Moralzensur, die für Schlagzeilen sorgten. Cindy Sherman etwa wurde angegriffen, weil in ihren frühen Film Stills von 1976 angeblich die Rollen der Schwarzen klischierter ausgefallen sein sollten als die anderen Rollen, welche die Künstlerin in ihrer bekannten Manier als Fotosujets nachstellt. Unter dem Hashtag #cindygate wurde dazu aufgerufen, diese Werke, die mittlerweile zu den Klassikern der zeitgenössischen Kunst gehören, kurzerhand zu zerstören.

Dana Schutz’ Werk «Open Casket»: War der Shitstorm umso stärker, weil die Künstlerin ihre Werke gut verkauft? (Bild artnetnes)

Die Malerin Dana Schutz wurde angefeindet, weil sie die Ermordung eines schwarzen Jugendlichen darstellte – und das angeblich gar nicht tun durfte, weil ihr dazu als Weisse die Kompetenz fehle. Jimmie Durham wird von den Cherokees gehasst, weil er laut seiner Stammgenossen nicht Cherokee genug ist, um sich als solcher zu bezeichnen. Marina Abramovic soll sich in ihren Memoiren achtlos über die Ureinwohner Australiens geäussert haben, und der Israeli Omar Fast erlebte einen gewaltigen Shitstorm, weil er in Chinatown einen Raum als ein ärmliches Chinatown Environment installierte: Poverty-porn!

«Still Life with Spirit and Xitle» (2007), ein Werk von Jimmie Durham (Bild phaidon)

In dieser Situation, erzählte Ullrich den in Berlin versammelten Kunstkoryphäen, kann ausgerechnet der als unmoralisch verschriene Markt eine kunstfreundliche Gegenposition verkörpern. Weil eben: amoralisch. Also auch nicht moralinsauer. Den Fesseln der politisch korrekten Zensur unzugänglich. «Markt und Kunst», so das verblüffende Fazit, seien in ihrem innersten Wesen verwandt, weil sie eben vom Abenteuer lebten, «in dem die sonst geltenden Konventionen zumindest entkräftet, wenn nicht gänzlich suspendiert werden».

Wolfgang Ullrich an der Kunstkonferenz in Berlin (Bild ewh)

Ich persönlich würde dabei nicht so weit wie Ullrich gehen, der bereits einen schmerzhaften Riss ortet, der die Kunstwelt bald auseinanderreissen könnte: Hier Kuratorenkunst, dort die Exzesse des Marktes. Als ewige Optimistin bleibe ich zuversichtlich, dass sowohl die neuen Taliban, denen die Kritik des Neoliberalismus und der Minderheitenschutz über jedes kunstimmanente Kriterium gehen, als auch die Marktstrategen, die kaltblütig den aufgewärmten Leonardo inmitten der zeitgenössischen Kunst als ein Event verkaufen, eine kurzfristige Erscheinung bleiben. Eine Laune unserer Zeit, die auf der Suche nach einer neuen Identität so etwas wie ein zweites Mittelalter durchmacht. Inklusive heiliger Inquisition und des irrationalen Reliquienhandels.

Cindy Sherman im Schrank

Ewa Hess am Mittwoch den 11. Oktober 2017

Kunst und Mode sind ein Traumpaar. Sind sie es wirklich? Man kann es auch anders sehen. Ich sehe es anders. Ich beobachte, wie sie sich immer näher kommen: Mode und Kunst, Kunst und Design, bah, sogar Kunst und Innenarchitektur verschmelzen – Stichwort «installativ». Da ist nichts zu machen, das ist nun mal so, und der Prozess wird wegen mir wohl kaum einen Stopp einlegen. Im Gegenteil, die diesjährigen Fashion Runways zeigen ein direkt inflationäres Auftreten der Kunstsujets auf Rock und Bluse. Werfen wir einen kritischen Blick darauf.

Links ein Kleid aus Diors Spring/Summer-2018-Kollektion, rechts das Vorbild – ein Werk von Niki de Saint Phalle. (Bild via Nssmag)

Dior und Niki de Saint Phalle

Niki de Saint Phalle, die Schöpferin der farbenfrohen dicken Nanas, war ja eine geborene Catherine-Marie-Agnès Fal de Saint Phalle (1930–2002), darum verwundert es kaum, dass sie ihre aristokratische Seele irgendwann zu den Dior-Kleidern zog, trotz des Bohème-Lebens, welches sie als Künstlerin führte. Die Halbamerikanerin war eine aparte Erscheinung und man sieht auf Fotos, wie sich der Dior-Chefdesigner Marc Bohan in den 1980er-Jahren bei den Haute-Couture-Anproben mit der Exzentrikerin amüsiert.

Niki de Saint Phalle 1982 bei Anproben mit Dior-Chefdesigner Marc Bohan, rechts der für sie entworfene Schlangenhut. (© Dior)

Daran möchte die aktuelle Dior-Designerin Maria Grazia Chiuri anknüpfen und macht die Zeichensprache der Künstlerin Saint Phalle zum Ornament auf den Kleidern. Das Thema «Frauen als Künstlerinnen» brennt der Dior-Kreativchefin in der Seele, und man kann das gut verstehen. Bestimmt fühlt sich die erste Frau an der Spitze des legendären Couture-Hauses etwas einsam unter alle den männlichen Starschneidern der Welt. Sie lässt es bei den Saint-Phalle-Motiven nicht bewenden, nein, sie schreibt noch den Slogan der US-Feministin Linda Nochlin «Why Have There Been No Great Women Artists» von 1971 auf eines ihrer bretonischen Matrosenleibchen (kommen diese eigentlich nie aus der Mode?).

Drachen im Werk, Drachen auf Kleid: Aus der aktuellen Dior-Kollektion. (© Dior)

Das ist alles löblich, verständlich, verträgt sich gut mit dem neu entdeckten Chic-Appeal des Feminismus, aber…  ist eine Dior-Robe nicht etwas Wunderbares auch ohne Kunst darauf? Mir kommt es vor, als ob diese Marriage zwischen Couture und Kunst die beiden nur degradieren würde: Dior-Kleider werden zur «Unterlage für Muster» und Saint Phalles Motive zum «Ornament auf den Kleidern». Ich weiss, Niki de Saint Phalle hat selbst mit dem Blödsinn angefangen, indem sie sich von Bohan den Schlangenhut nach dem Vorbild ihrer Skulpturen machen liess und ein nach ihr benanntes Parfüm verkaufte. Ich finde sie allerdings erfrischender als blutjunge Debütantin in einem komplett unehrgeizigen Outfit der New Yorker Modedesignerin Ceil Chapman (Bild unten).

Links das Linda-Nochlin-Matrosenshirt aus der aktuellen Kollektion, rechts die Künstlerin Saint Phalle als amerikanische Debütantin in einem Outfit von Ceil Chapman. (Bilder © Dior, via Pinterest)

Prada und Comics/Mangas von Frauen

Miuccia Prada, wir kennen sie, würde sich (und den von ihr angekleideten Frauen) natürlich niemals «Feministin» auf die Brust schreiben (remember Beyoncé?). Nicht, weil sie etwa den Feminismus nicht gut fände. Nein, weil sie so etwas Plakatives bestimmt als grob empfinden würde. Ihre Frühlingskollektion 2018 zeigte während der Mailänder Fashion Week Kleider, die subtiler an das Thema gehen.

Runway mit weiblichen «Wham Bumm !?!!» (© Prada)

Sie hat sich junge Illustratorinnen herausgepickt, deren grafische Beschäftigung mit Comic, Sci-Fi und Manga-Stereotypen auf eine für Frauen besonders unterstützende Weise geschieht. Die Ladys heissen: Brigid Elva, Jöelle Jones, Stellar Leuna, Giuliana Maldini, Natsume Ono, Emma Rios, Trina Robbins und Fiona Staples – so viele Namen! Ihre Kreativität ziert jetzt diverse Kreationen aus dem Hause Prada und verhilft den sie tragenden Frauen zum Superwoman-Selbstbewusstsein (im besten Fall, natürlich).

Weibliche Kreativität und Empowerment auf dem Kopf und auf dem Rücken. (© Prada)

Was mir besonders gut am Prada-Approach gefällt, ist, dass das Modehaus auch eine historische Position berücksichtigt, nämlich die «Miss Fury» von Tarpé Mills. Hinter dem neutralen Namen Tarpé Mills versteckte sich nämlich eine Frau, sie hiess eigentlich June Mills und hat 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, ein erstes von einer Frau gezeichnetes rein weibliches Action-Heldinnen-Duo kreiert. Die für das Gute kämpfende Weltreisende Miss Fury und ihre Gegenspielerin Baroness Erika von Kempf

Die Comiczeichnerin Tarpé (June) Mills und ihre elegante Miss Fury (via Talking Comics, Goodreads).

Die von einem Mann gezeichneten Wonderwoman und Catwoman sind zwar ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, doch waren am Anfang noch nicht so definiert.  So hat Catwoman ihr später dazugekommenes schickes Catsuit definitiv der eleganten Miss Fury abgeschaut. Tarpé Mills war ja ursprünglich Modezeichnerin, was man ihrem Strich ansieht. Lustigerweise erinnert mich ihre Miss Fury auch sehr an Niki de Saint Phalle, die mit Flintenschüssen auf eine Leinwand ihren Eintritt in die Kunstwelt erzwang.

Kampf fürs Gute: Miss Fury und ihre spätere Schwester im Geiste, Niki de Saint Phalle (via Pinterest).

Undercover und Cindy Sherman

Das japanische Label Undercover, das ist hauptsächlich der mysteriöse Jun Takahashi. Undercover gibt es schon 25 Jahre, und in Tokio ist Takahashi bekannt als Besitzer des Kultladens Nowhere, wo er auch T-Shirts mit geheimnisvollen Buchstaben und Zeichen feilbietet.

Der mysteriöse Kreative: Jun Takahashi und das Innere seines Concept Stores «Nowhere» in Tokio. (Bilder Dazed and Confused)

Takahashi steht in der Tradition des (von John Waters geliebten) anderen japanischen Labels, Comme des Garçons. Das heisst nichts anderes, als dass auch Undercovers Kleider grosse Seltsamkeiten an den Tag legen. In den letzten Modeschauen schickte der Japaner aufwendige Barockgebilde auf den Laufsteg. Sodass der gegenwärtige Flirt Takahashis mit dem Werk von Cindy Sherman, der in gut tragbaren Hängerkleidchen mündet, eigentlich schon ein Schritt in Richtung Normalität ist.

Prinzip Zwilling: Cindy Sherman auf Kleid. (© Undercover)

Einige Kleider tragen einfach Shermans Selbstporträts als Drucke. Und doch ist der Umgang Undercovers mit dem Kunstthema insgesamt inspirierter als derjenige von Dior. Es ist eben nicht nur die abgründige Fotografin Sherman, die hier zitiert wird. Es ist vielmehr die ganze Welt des Abgründigen, die hier in Anspielungen und Inszenierungen herangezogen wird – das gefällt mir schon besser. So ist etwa der grosse Filmmagier Stanley Kubrick nicht weit – vor allem sein Film «The Shining».

Rechts die unheimlichen Grady-Zwillinge aus «The Shining» als Vorbild für die Undercover-Modeschau (links). (Bilder via Thecut)

Die Kleidchen werden in der Modeschau von finster dreinblickenden Zwillingen vorgeführt. Damit sind die berühmten Grady-Zwillinge aus «The Shining» evoziert, aber auch eine andere wunderbare Fotografin, Diane Arbus, – denn Kubricks Vision der Schwestern war von einem Foto Arbus’ nachweislich inspiriert. Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, präsentiert Takahashi in seinem Fashion-Finale echte Zwillinge in blauen Kleidchen, von welchen eins rote Kordeln als Verzierung trägt. Iiiiii – Blut, haben wir etwa schon Halloween?

Links Diane Arbus’ berühmte Fotografie der Zwillingsschwestern aus Roselle, New Jersey, rechts Kubrik. (Bilder via Pinterest)

So kann man die Undercover-Show eigentlich als so etwas wie eine Seminararbeit zur Welt von Cindy Sherman begreifen. Mit allen Assoziationen und Einflüssen der Künstlerin in Form von visuellen Fussnoten in die Kollektion eingewoben.

Wahlverwandtschaften: Cindy Sherman, Untitled #359 (2000); courtesy Moma, und Diane Arbus, «Woman Wearing A Mask», 1967, via Pinterest.

Comme des Garçons und Arcimboldo

Takahashi hat es gut gemacht. Aber natürlich konnte seine Mentorin und Lehrmeisterin, die grosse Rei Kawakubo von Comme des Garçons, die Sache mit den Kunstreferenzen nicht einfach so auf sich beruhen lassen. Sie ist eigentlich die kunstsinnigste der Modemacherinnen, schon immer gewesen. Jetzt durfte sie auch nicht fehlen.

In der Tat: In einer Modesaison, die derart kunstversessen ist wie der Frühling 2018, hat Kawakubo einfach die ganze Kunstgeschichte in Kleider umgesetzt: Vom 16. Jahrhundert bis zur Street Art. Und zwar nicht nur als «Druck auf Kleid», sondern in ihrer skulpturalen Art: 3-D. Sie überträgt die flachen Bilder in dreidimensional bewegte Formen der Kleider und Mäntel. Ihre Stoffe sind nicht nur mit Motiven aus Gemälden bedruckt, etwa des Spätrenaissance-Italieners Giuseppe Arcimboldo (das ist der, welcher die Porträts von Menschen aus Gemüse sampelte). In Kawakubos Interpretation wird ein solcher Gemüseberg zum mobilen Kunstspektakel. Die ganze Sache noch weiter treiben könnte man höchstens, wenn man die Kleider aus Gurken und Auberginen kochte.

Rechts Giuseppe Arcimboldos Porträt aus Gemüse, links eine Kreation von Comme des Garçons. (Bild via Artnetnews)

Kunstalarm Stufe gelb!

Ewa Hess am Dienstag den 10. Juni 2014
Private View

«Untitled Horror» heisst Cindy Shermans Ausstellung im Kunsthaus. Nicht immer ist der Horror so subtil wie auf diesem Bild «Untitled #3» von 1981, wo man sich fragt: Ist es Schmerz? Angst? Trauer? Oder gar Lust? (Foto: Cindy Sherman / Metro Pictures, New York)

Liebe Leserinnen und Leser.

Sie wissen es und ich weiss es: Wir befinden uns in den zwei Wochen des Jahres, in welchen die Kunstwelt in einen Ausnahmezustand gerät. In den Tagen vor  ART passiert alles gleichzeitig: Die Museen und die Galerien machen ihre schönsten Ausstellungen auf, die Gäste aus Übersee jetten nach Europa, machen erst Venedig (dieses Jahr: Architekturbiennale!),  dann Zürich unsicher und strömen anschliessend nach Basel. Es ist ein süsser Wahn, in den die Kunstwelt gerade verfällt, und deshalb möchte «Private View» diese  ekstatischen Atemlosigkeit mit Ihnen teilen. Heute: ALARM GELB, nächsten Dienstag ALARM ROT. Und dann kommt die ART. Follow me!

Zürich
Haus Konstruktiv
Mittwoch Abend

Künstlerin Nika Spalinger mit Freundinnen, Designer Alfredo Häberli mit Gattin, die «Angeschlagene Moderne»

Kuratorin Yvonne Volkart, Künstlerinnen Judith Albert und Nika Spalinger (Bild links), Designer Alfredo Häberli mit Gattin Stefanie, die «Angeschlagene Moderne»

Am Mittwoch, 5. 6.,  stellt das Haus Konstruktiv gleich drei neue Schauen vor. Ich fasse mich kurz, da noch ganz viele Anlässe auf uns warten. Der US-Slowene Tobias Putrih misst sich mit Kasimir Malewitsch, der Deutsche Florian Dombois nimmt es auf mit der Moderne aus der Sammlung des Hauses auf. Beide gehen aus den Kämpfen als Verlierer heraus. Ich will nicht in Abrede stellen, dass dieses Verlieren auch programmatisch sein könnte. Während Putrih das Schwarze Quadrat (bzw die ihm vorangegangene Oper) in einer dämmrigen Installation, die New Age Assoziationen weckt, thematisiert, bringt Dombois mit Schlagwerkzeugen Klassiker zum klingen. So richtig klar wird das alles nicht – könnte das auch an der Präsentation liegen? Die Kartonobjekte Putrihs, welche sein Konzept in eine klare Form überführen sollten, sprechen wenig an. Da ist die dritte Schau – wunderbare Bilder von Auguste Herbin – richtig erholsam. Herbin, ein französischer Pionier der Abstraktion (1882-1960), trifft mit seinen Farben und Formen direkt ins Auge. Paff. Danke. Die Vernissagengäste – Medienleute, Künstler, Galeristen, Fotografen und Designer sind dennoch wohlwollend angetan. Der innere Kreis diniert im Museum drin, die anderen trinken ihr Bier an der Freiluftbar vor dem Haus aus.

Tagi-Online-Chef Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von Auguste Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Mitglied der Tagi-Chefredaktion Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von  Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Rapperswil
Alte Fabrik
Mittwoch Abend

Das optische Unbewusste: Die zwei Jungkuratoren Fredi Fischli und Nils Olsen, die zur Zeit viele Institutionen beglücken (ihr eigenes Offspace Studiolo, gta-Ausstellungen), zeigen ihr ehrgeizigstes Programm im Rahmen eines einjährigen Stipendiums der Gebert Stiftung für Kultur in Rapperswil. Die jüngste Schau «Das optische Unbewusste» begeistert den «Private View»-Autor Giovanni Pontano so sehr, dass wir ihr einen separaten Beitrag widmen.

Zürich
Kunsthaus
Donnerstag Abend

«Untitled Horror» von Cindy Sherman: Zürich gilt als eine Weltstadt, fast so etwas wie klein New York – abgebrüht und  Seltsamkeiten gewohnt. Dennoch erstaunlich, dass  die Schau, welche das Kunsthaus am Donnerstag, dem 6.6., frohgemut eröffnet, nicht zumindest für ein gewisses Unbehagen sorgt. Der Titel «Untitled Horror» ist nämlich alles andere als übertrieben.

Eine Erregung bleibt aber komplett aus. Im Gegenteil sogar. Die fröhliche Vernissagenschar scheint gegen den in Cindy Shermans Bildern sehr – sehr! – drastisch dargestellten Horror komplett immun zu sein. Mit Puppengliedern nachgestellte Vergewaltigungsszenen, explizite Anspielungen an pornografische Grobheiten, aus Knetmasse nachgeformte Genitalien… Widerlich schimmelnde Lebensmittel und Porträts von Mitleid erregenden Frauengestalten sind in diesem Reigen schon fast eine Erholung. Den Vernissagengästen weicht indes das Lächeln nicht vom Gesicht. So, als ob sie gar nicht sähen, was da die Wände ziert. Ein Herr fotografiert mitten im Saal artig sitzende Kinderchen, echte Damen ohne Alter bewundern fotografierte Karikaturen von Damen ohne Alter, kunstbeflissene Bürgerinnen bleiben ehrfurchtsvoll von den monströsen Genitalien stehen.

Dame schaut Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Dame betrachtet Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Verstehen Sie mich richtig: Ich selbst gehöre zu den glühenden Bewundererinnen der US-Fotokünstlerin, die sich ihr Leben lang um nichts, das schwierig, zweideutig oder lächerlich war, in ihrer Kunst gedrückt hat. Und ich will die Auswahl alles andere als kritisieren. Dass sie vor allem das Schlimme aus dem Werk der Künstlerin hier in Zürich ausbreitet, ist Programm. Ich verstehe: diese Auswahl ist eine Antwort auf die US-Retrospektive, die gerade das Schlimme auszuklammern versucht hat.

Ich kann nur diese seltsame Teflonschicht nicht verstehen, welche das Kunsthaus-Publikum vor der drängenden Aussage dieser Darstellungen zu schützen scheint. Die Menschen scheinen komplett unberührt. Das liege an der Präsentation, hat inzwischen mein Kollege Samuel Herzog in der NZZ vermutet. Weil die Bilder so «kreativ» gehängt sind, nicht in strengen Serien, sondern kunterbunt durcheinander, würden sie wie eine Jahrmarkt-Geisterbahn wirken und dadurch ihren Schrecken verlieren. Wirklich? Mich haben manche von ihnen dennoch bis tief in den Schlaf verfolgt.

Zürich
Grossmünster-Krypta
Donnerstag Abend

Mario Sala alias Anthonycells: Was für ein Szenenwechsel! Nur wenige Schritte vom Kunsthaus mit seiner seltsamen Szenerie tritt man im Grossmünster in eine heilige Stille hinein. Stille? Nein, man hört Klänge. Es ist Tom Combo an der Orgel. Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch hat gemeinsam mit dem Kurator Giovanni Carmine eine Installation des Schweizer Künstlers Mario Sala in der Krypta vorgestellt. Die Leserinnen und Leser von «Private View» erinnern sich an seine Ausstellung bei Nic von Senger.

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen, unser tägliches Knäckebrot als Glasfenster

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen,  Knäckebrot als Epiphanie

Ich sage nur eins: Wunderbar! Mit leichter Hand hat Anthony Cells, das Alter Ego des Künstlers, in der kargen Krypta eine archaische Kunstinstallation angebracht. Simple Lebensmittel weisen den Augen den Weg zum Himmel. Einer Spur aus  Eierschalen folgend, die der Künstler «Tageslichtverstärker» nennt, erhebt sich der Blick bis zum schmalen Fenster, in dem eine Scheibe schwedischen Knäckebrots so vergeistigt ihr löchriges Rund im Abendlicht präsentiert, dass einem fast die Tränen kommen. Eine Epiphanie! Und es ist Pfingsten!  Es lebe die Kunst in der Krypta. Amen.

Venedig
Giardini
Freitag Nachmittag

Architekturbiennale: Die «Private View» Sonderkorrespondentin Michelle Nicol schreibt: «Ich habe die Architektur-Biennale besucht und ich möchte, dass Rem Koolhaas für immer der Dirigent, nein der Rockstar, der Dinge ist, die mich umgeben. ..» Aber lesen Sie selbst! Wir widmen der Architekturbiennale, die, was den Schweizer Pavillon anbelangt, am Freitag, 6. 6., vom Bundesrat Alain Berset im Beisein des Alt-Bundesrats Moritz Leuenberger eröffnet wurde, einen gesonderten Beitrag.

Zürich
Spiralgarage an der Badenerstrasse 415
Pfingstsonntag

Gruppenausstellung Guyton Price Smith Walker: Hier mal eine kühne Behauptung: Die Kraft des Idealismus kann es mit jeder wirtschaftlichen Übermacht aufnehmen. Wetten? Jedenfalls, das non-kommerzielle «artist-run-off-space» Plymouth Rock, über das wir auch schon berichtet haben (hier), erfreut sich an dem fantastisch sonnigen Pfingstsonntag in Zürich, an dem die ganze Welt in den See zu springen scheint, eines interessierten Publikumzustroms.

Draussen Sonne, drinnen Kunst: Plymouth Rock, Mitchell Anderson

Plymouth Rock, Mitchell Anderson vor Emanuel Rossettis Werk

Mitchell Anderson, der Texaner in Zürich und Betreiber des Kunst-Garagenhäuschens, hat eine wunderbare Gruppenausstellung zusammengestellt, die sich mit verschiedenen Stufen der Appropriation beschäftigt. Junge Kunstcracks sind hier mit ihren Werken vertreten: Tobias Madison steuert verliebte Tiger bei, Hannah Weinberger ein Soundpiece und Emanuel Rossettis futuristische Loops erinnern an Landschaften der Zukunft. Wunderbar witziges Stück: Vittorio Brodmanns «A couple of problems» stammt aus der eigenen Sammlung des Kunstspace-Betreibers. Verkauft wird hier nix, man kann sich, wenn man etwas will, an die Künstler selber wenden. Sie kommen im Verlauf des Nachmittags vorbei, sitzen mit ihrem Bierchen vor dem Häuschen und erleuchten mit guter Laune den dunklen Innenraum der Garage. Mitchells Miete für das Häuschen läuft übrigens im August aus. Wer also das witzige Kunstkabinett noch erleben will, muss sich unbedingt beeilen.