Warhol, der Katholik

Ewa Hess am Mittwoch den 28. Februar 2018

Andy Warhol im Vatikan? Es klingt wie ein Witz, ist aber eine beschlossene Sache. Im kommenden Jahr kann man zu Warhol nach Rom pilgern, denn die Vatikanischen Museen zeigen eine grosse Schau seiner Werke. Nicht gerade in der Sixtinischen Kapelle, aber in einem dieser langen Säulengänge, die Peterskirche mit dem Petersplatz verbinden – im sogenannten Braccio di Carlo Magno.

Wenige Wochen vor seinem Tod: Andy Warhol und sein «Letztes Abendmahl», Mailand 1987 (Bild: Giorgio Lotti/Archivio Giorgio Lotti/Mondadori Portfolio via Getty Images)

Waaas? Den infernalischen Andy kennt man doch vor allem als den Mann, der Geld, Ruhm, Konsum und andere gänzlich diesseitige Konzepte für die Kunst erst so richtig salonfähig gemacht hat. Dessen Factory in New York als ein freizügiges künstlerisches Sodom und Gomorrha der 70er-Jahre galt. Von seinen unzüchtigen Filmen wie «Blue-Movie» oder «Blow Job» schon gar nicht zu reden!

Extase – in Warhols Film sieht man nur das Gesicht des Mannes, doch der Titel «Blow Job» deutet die Verzückung nicht etwa religiös. (Bild: Andy Warhol Museum/Carnegie Institute)

Will sich also die katholische Kirche nun in ihrer Not dem Satan selbst an die Brust werfen? Ha! Nein. Weil, liebe Schwestern und Brüder, auch wenn Ihr es nicht gewusst habt, war Andy Warhol zeitlebens ein gläubiger, bekennender und praktizierender Katholik.

Der Katholizismus, hat einer seiner Biografen mal behauptet (namentlich John Richardson), war sogar der Schlüssel zu allem, was der exzentrische Künstler schuf und tat. Und diese spirituelle Seite will der Vatikan nun ans Licht bringen.

Warhols «Letztes Abendmahl», verkauft für 6,8 Millionen Euro an einer Auktion 2014. (Bild: Per Larsson/TT News Agency/AFP)

Gezeigt werden – es liegt auf der Hand – hauptsächlich Andy Warhols «Letztes Abendmahl»-Serien von 1986, bunt seriegrafiert nach dem berühmten Fresko Leonardo da Vinci in der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie.

Laut der Aussage der Museumschefin der Vatikan-Museen zählen in ihren Augen auch einige weitere Werke zum spirituellen Nachlass Warhols, solche, die in einer Memento-Mori-Manier an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern.

Da sind die Siebdrucke von Schädeln bestimmt dabei. In meinen Augen würden auch die Werke aus der Gruppe «Death and disaster» dazu passen, die Warhol seit 1962 schuf. Sie zeigen Flugzeugabstürze, Autounfälle und Abbildungen von elektrischen Stühlen. Diese lassen einem das Blut in den Adern gefrieren, durchaus passend zur strengen Tradition der katholischen Kirche.

Aber eben, unter Papst Franziskus ist nicht nur die Strenge angesagt, es liberalisiert sich im Vatikan einiges. Vor allem findet der argentinische Pontifex, dass viel zu wenig Frauen im Vatikan wichtige Positionen bekleiden. Der Vatikan brauche Frauen, sagt der Papst – zum Wohl der Kirche.

Eine der neuen starken Frauen im Vatikan: die Kunsthistorikerin Barbara Jatta (55), Museumsdirektorin. (Bild: Domenico Stinellis/AP/Keystone)

Er macht auch ernst damit: Eine Frau leitet die Kinderabteilung des Krankenhauses Bambino Gesù, und die Universität Antonianum hat neuerdings eine Rektorin. Letztes Jahr hat Franziskus nun Barbara Jatta, eine 55-jährige italienische Kunsthistorikerin, als erste Direktorin der Vatikanischen Museen bestellt. Diese werden von sechs Millionen Menschen jährlich besucht, es ist ein wichtiger Posten.

Und die experimentierfreudige Frau Jatta holt nun Warhol ins Haus. Ein durchaus schlauer Zug, denn Warhols Einfluss auf die Kunst und seine Bedeutung im Markt sind seit seinem Tod im Februar 1987 kontinuierlich gewachsen. Wenn man jetzt sagen könnte, dass das wegen seiner bisher wenig wahrgenommenen Spiritualität so ist, wäre das für die Kirche ein Gewinn und eine Imagemodernisierung zugleich.

Ob man es glaubt oder nicht, Warhol ging tatsächlich zur Kirche. Als Immigranten-Sohn aus der Slowakei gehörte er der griechisch-katholischen slowakischen Rituskirche an und liebte es, in New York an den Messen teilzunehmen.

St. Vincent Ferrer war die Kirche, die er am meisten besuchte. Er verbrachte auch oft seine Abende als Hilfskraft im Obdachlosenasyl der Kirche der Himmlischen Ruhe. In seinen Tagebüchern ist oft von der Religion die Rede. Doch die Tagebücher wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht, zeitlebens hängte Warhol seine gläubige Seite nicht an die grosse Glocke.

Einer seiner ernsten Momente: Andy Warhol mit Schädel. (Bild: RDA/Getty Images)

Immerhin antwortete er 1975 in dem von ihm selbst gegründeten Magazin «Interview» auf die Frage, ob er heute schon in der Kirche gewesen sei, klar bejahend. Im gleichen Gespräch gab er auch zu, zur Beichte und zur Kommunion zu gehen, obwohl «ich nie das Gefühl hatte, etwas Böses getan zu haben».

Er finanzierte stolz das Priesterstudium seines Neffen und besuchte 1980 den Papst Johannes Paul II. in Rom. Auf dem von diesem Treffen erhaltenen Foto spricht sein Blick Bände – der Master of Cool scheint echt bewegt zu sein. Als Zeichen des Respekts trug er bei diesem Treffen eine Krawatte und eine äusserst manierliche Version seiner sonst so verstrubbelten Perücke.

Seine Beschäftigung mit christlicher Bildsprache intensivierte sich deutlich in den Jahren vor seinem Tod. Nicht nur «Letztes Abendmahl» – das bei seiner geliebten Mutter als Kopie an der Küchenwand hing –, sondern auch Bilder von Christus und Kreuzen; auch Interpretationen und Ausschnitte von Leonardos «Verkündigung» wurden in diesen Jahren oft zu Warhols Motiven.

Man nahm damals an, dass es eine Verhöhnung der konsumistischen Haltung zur Religion war, denn Warhol malte nicht nach Original, sondern nutzte Drucke aus dem Souvenirshop als Vorlage. Nach der Lektüre der Tagebücher war man sich da nicht mehr so sicher. Da war was, nicht nur Hohn. Echter Glaube?

Selbst das Wiederholungsprinzip, das er in die Kunst einführte, kann auf seine katholische Prägung zurückgeführt werden – so können etwa seine Marilyns, immer wieder inbrünstig wiederholt, mit einem Rosenkranzgebet verglichen werden.

Wiederholungsprinzip Marilyn: Andy Warhols Serie von 1967. (Bild: Peter Macdiarmid/Getty Images)

Nicht ausgeschlossen übrigens, dass auch diese im Vatikan gezeigt werden, schliesslich malte er die Filmdiva erst nach ihrem Suizid 1962, somit können auch diese Bilder in die Memento-Mori-Reihe eingeschlossen werden.

 

 

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