Die Diebe und die Nacht

Ewa Hess am Mittwoch den 22. November 2017

Nein, es war keine Vollmondnacht. Und doch war die Stimmung im Löwenbräu von einer fiebrigen Aufregung unterfüttert. Selbst Habitués stolperten schon am frühen Abend wie trunken von Saal zu Saal und von Stockwerk zu Stockwerk – an diesem Freitag (17.11.) war so viel los wie selten: «Extra Bodies» im Migrosmuseum! «Theft is Vision» im Luma-Westbau! Und natürlich: «The Night», der jährliche Kunsthalle-Fundraiser! Der asketische Bau glich direkt einem Überraschungsei, oder soll man eher sagen einem Adventskalender? In jedem Stock war eine andere Attraktion versteckt.

 

Kunsthalle feiert – The Night

«Geht es hier zu ‹Theft›?», fragte ich in das Grüppchen am ersten Treppenabsatz hinein.

Seit ich hier in der Kunsthalle mal mit Sturtevant gesprochen habe, der inzwischen verstorbenen mysteriösen Nachahmungskünstlerin, macht mich das Konzept der Appropriation neugierig, also die Technik des konzeptuellen Klauens in der Kunst. Nicht ganz einfach, damit umzugehen. Sturtevant etwa hat mir gegenüber behauptet, dass ihre Arbeit gar nicht Appropriation sei. Andy Warhol hat ihr (der Legende nach) persönlich die Schablonen seiner Blumen-Siebdrucke vorbeigebracht. Der Schweizer Fotograf Hannes Schmid hingegen findet es nicht lustig, dass der US-Künstler Richard Prince seinen für Werbezwecke kreierten Marlboro-Cowboy klaut. Also mal sehen.

Aber offensichtlich war ich zunächst mal nicht im richtigen Stock gelandet: «This is Swiss Institute», rief mir jemand zu. Ich blickte auf, und vor der Türe stand der Direktor des New Yorker Schweizer Fensters, Simon Castets. Simon, ein Franzose, der sich in New York komplett eingeschweizert hat, ist überall ein gern gesehener Gast, ein unermüdlicher Botschafter seines SI. Er winkte mich freundlich, doch keinen Widerspruch duldend, in die Ausstellung herein.

Ich wusste gar nicht, dass das Swiss Institute gerade auch im Löwenbräu gastierte, aber es ergab Sinn. Denn das Swiss Institute ist heimatlos, seit es sein altes Haus an der Wooster Street in New York verlassen hatte und auf die Fertigstellung des neuen an der St Marks Street wartet. Deshalb gibt die Institution zurzeit lauter Gastspiele, genannt SI Offside.

Das alte SI-Haus an der Wooster Street (links) und das neue an der St Marks. Fotos: artnet, selldorf

 

Die SI-Ausstellung von Cooper Jacoby (er ist 28 Jahre alt und lebt in L.A.) war, wie es sich gehört für die wegweisende Institution, so richtig «cutting edge». Mit simplen Mitteln wie Warteschleifenmusik, flackernden Leuchtröhren und zu Monstern umgeformten Notstromaggregaten kreiert der Youngster eine starke Stimmung. Ich musste an Rem Koolhaas denken, der letztes Jahr am Art Summit in Verbier erzählte, dass die künftigen Museen von Maschinen für Maschinen gebaut werden. Der spukhafte Notstrom-Algorithmus Jacobys ist die passende Kunst dazu – sozusagen das «intelligente Haus» auf LSD.

«Disgorgers» oder zu Monstern umgeformte Notstromaggregate von Cooper Jacoby. (Bilder ewh)

Aber jetzt zu «Theft is Vision»: Die Schau ist ein Wurf. Die Innenarchtektin Petra Blaisse (das hat auch wieder etwas mit Rem Koolhaas zu tun, sie ist nämlich seine Lebensgefährtin) hat in den grossen Westbau-Saal eine Galerienflucht eingebaut, mithilfe von federleichten Wänden aus Metallstäben, mit durchsichtiger Schrumpffolie bezogen. Das sieht nicht nur genial aus, sondern passt auch zum Thema. Bei den Werken, die andere Kunstwerke nachäffen, sieht man ähnlich «halb durch» – auf das Werk eines anderen.

«Theft is Vision»: Beeindruckende Schrumpffolie-Architektur, Werke des Briten Dan Mitchell.

Fredi Fischli und Nils Olsen, das bewährte gta-Kuratorenduo, haben hier für den Westbau der Stiftung Luma von Maja Hoffmann eine sehr kluge Schau zusammengestellt, die erst noch brillant aussieht. Der Ausstellungstitel «Diebstahl ist Vision» verkörpert schon mal die These, dass gezielter Diebstahl sehr oft am Anfang der Kreation steht (auf Deutsch würde man das mit dem Sprichwort «gut geklaut ist halb gewonnen» wiedergeben).

Das Vorbild und die Travestie: Hans von Marées, «Die Lebensalter» von 1877 und Mathieu Maloufs Nachbildung aus Kunstharz, 2015.

Mir hat besonders gut die Travestie Mathieu Maloufs gefallen, der einen alten deutschen Ölschinken mit einer Kunstharz-Skulpturengruppe nachstellt. Wenn ich das richtig sehe, sind die Figuren im Zuge des Aneignungsprozesses sogar doppelgeschlechtlich geworden. Da lassen auch die britischen Brüder Jake und Dinos Chapman mit ihrer «Zygotic Acceleration« grüssen. Köstlich.

Denim-Bild von Valentina Liemur (links), die Fontana-Wand von der Seite.

Auch die Fontana-Wand ist ganz stark, in der sich verschiedene Künstlerinnen und Künstler an Leinwand-Schlitzwerken von Lucio Fontana abarbeiten. Da gibt es bewundernde Versionen, etwa von Sylvie Fleury, ironisierende, etwa von Maurizio Cattelan (der ein Zorro-Zeichen schlitzt) oder Verbeugungen vor dem Meister, wie die Denim-Fantasien der Künstlerin Valentina Liemur.

Dann war aber schon Zeit für «The Night» der Kunsthalle. Aus den Räumen drangen ein violettes Licht und der Klang von Champagnerkelchen. Nur die Karomuster-Bahnen an den Wänden erinnern an die laufende Ausstellung «My Plastic Bag» der US-Künstlerin Cheryl Donegan (55). Die Künstlerin ist auch da, bei bester Laune. Sie hat das ästhetische Motto des Abends herausgegeben: «A Touch of Gingham!» (Gingham, erfahren wir alle bei dieser Gelegenheit, nennt sich das kleinkarierte Muster, welches sowohl auf Oxford-Hemden wie auf Küchentüchern vorkommt).

Vollmond-Stimmung in der zum Festsaal umfunktionierten Kunsthalle.

Das muntere Organisationskomitee von «The Night» führt durch den Abend. Dazu gehören nebst dem Kunsthalle-Direktor Daniel Baumann noch drei Damen: Chantal Blatzheim (Kulturkommunikatorin, Sammlerin), Sandra Nedvetskaia (ehemals Christie’s Russland, Khora Foundation) und Martina Vondruska (Modelabel Brand of Sisters). Ein Tischplatz kostet 1000 Franken, der Saal ist voll, und bei der darauffolgenden Versteigerung der gespendeten Werke kommen 110’000 Franken zusammen. Schöner Erfolg!

Künstlerin Donegan in Gingham, Organisations-Komitee der «Nacht»: Direktor Baumann, Damentrio Nedvetskaia, Vondruska, Blatzheim (alle in Donegan-Strampelanzügen).

Um alles transparent zu machen: Ich durfte am Tisch der Galeristin Eva Presenhuber dazusitzen, die als eine pflichtbewusste Bürgerin ihrer Stadt die Kunsthalle mit dem Kauf eines ganzen Tisches unterstützte. Das ist ein gutes Zeichen, denn die für Zürich wichtige Galerie, die viele Schweizer Künstler im Programm führt, hat eine Dependance in New York eröffnet. Gut zu wissen, dass sie sich Zürich nach wie vor verbunden fühlt.

Überraschenderweise trat ein Ballett-Duo auf. Das fanden manche seltsam, denn an einem Kunsthalle-Fest hätte man eher eine schräge Performance erwartet. Doch das Schräge gibt es erst am kommenden Freitag, an der Performance-Nacht der Kunsthalle – fürs Publikum zugänglich. Die wunderbaren Tänzer haben zum Abend gut gepasst – ich fand das Interlude überraschend poetisch.

Elena Vostrotina und Jan Casier tanzen, Sandra Nedvetskaia schwingt den Hammer.

Lauter gute Nachrichten also: Die Kunstmanagerin Sandra Nedvetskaia, die zusammen mit ihrem Mann, dem Star-Auktionator Andreas Rumbler (aktuell ist er Chairman von Christie’s Switzerland) in Zürich lebt, ist selbst eine höllisch geschickte Hammerschwingerin. Sie hat der Kunsthalle für nur sieben Werke (Warren, Eisenman, Das Institut, Kippenberger, Madison, Wekua und ein Plakat von Wade Guyton) immerhin 110’000 Franken ersteigert. Top Lot: Martin Kippenbergers Buntstift-Zeichnung von 1992. Sie ging für 32’000 Franken weg.

Einen Preis gab es auch: Bice Curiger, aus Los Angeles angereist, übergab ihn dem Off-Space Taylor Macklin (links). Rechts eine der Künstlerinnen, die Taylor Macklin betreiben, Michèle Graf.

Der grosse Abwesende des Abends war indes der Verleger Michael Ringier, immerhin seit einem Jahr Präsident der Kunsthalle und bedeutender Kunstsammler. Man rätselte über den Grund seines Wegbleibens – und fragte sich, ob ihm die Affäre um seine langjährige Sammlungsberaterin und ehemalige Kunsthalle-Direktorin Beatrix Ruf etwa zusetzt.

Wie es sich herausstellt, hat die Sache einen viel entspannteren Hintergrund: Michael Ringier weilte mit seiner Frau Ellen, einer Juristin und Herausgeberin des Elternmagazins «Fritz und Fränzi», auf einer vierwöchigen Südamerika-Reise.

 

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