Frauen müssen für Frauen Partei ergreifen

Der Frauenanteil in Parlamenten stieg in den letzten Jahren kontinuierlich und bleibt im Verhältnis zur männlichen Dominanz stabil, das Bild von Frauen an der Partei- oder Fraktionsspitze hat sich etabliert, die Diskussion um Frauenquoten ist verebbt. Und doch bleibt aus Frauensicht viel zu tun. Frauen müssen in die Regierungen drängen. In der Schweiz hat nur die Waadt (ab dem 1. Juli) eine Kantonsregierung mit einer Frauenmehrheit. Nach den Wahlen vom 1. April warfen einzelne (männliche) Kommentatoren und Polit-Beobachter reflexartig Fragen auf: Spielt wegen der Dominanz der Frauen die Parteienkonstellation noch eine Rolle? Wird nun entlang der Frauenmehrheit politisiert?

Die verborgene Skepsis gegenüber Frauen in Exekutivämtern erstaunt, hat die Schweiz diesbezüglich doch inzwischen genügend positive Erfahrungen gesammelt.

Beatrice Metraux, Jacqueline de Quattro, Anne-Catherine Lyon, Nuria Gorrite

Frauenmehrheit im Waadtländer Regierungsrat: Beatrice Metraux (Grüne), Jacqueline de Quattro (FDP), Anne-Catherine Lyon (SP), Nuria Gorrite (SP). (Bild: Keystone)

Diese Reaktion zeigt Grundsätzliches: Eine Frauenmehrheit in einer wichtigen Exekutive und der Bruch der männlichen Dominanz scheint nach wie vor das buchstäblich Neue, Aussergewöhnliche, man könnte auch sagen das Abnormale, zu sein. Keinem Journalisten käme je in den Sinn «Regierung neu mit Männermehrheit» zu titeln. Nur «Regierung neu mit Frauenmehrheit» scheint sinnfähig. Mit Blick auf die Waadt fällt noch anderes auf, nämlich dass Anne-Catherine Lyon und Béatrice Métraux mit kurz geschnittenen Haar und dezentem bis burschikosem Kleiderstil das Weibliche nicht unbedingt nach aussen tragen. Aus Scheue?

Die verborgene Skepsis gegenüber Frauen in Exekutivämtern erstaunt, hat die Schweiz diesbezüglich doch inzwischen genügend positive Erfahrungen gesammelt. Zwischen 2003 und 2006 sassen in der Zürcher Regierung in der Mehrheit Frauen. Und auch der Bundesrat war nach der Wahl von Simonetta Sommaruga bis zum Rücktritt von Micheline Calmy-Rey für kurze Zeit in Frauenhand. Die Politikwissenschaft hat daraus erste, wenig überraschende Erkenntnisse gewonnen: Haben Frauen in der Regierung die Mehrheit, politisieren sie in aller Regel weiter nach Parteizugehörigkeit. Feine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es etwa in Themen wie Umweltschutz, Engagement für benachteiligte Kinder sowie beim Service public. Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung von Frau und Mann führt das auf die Lebenserfahrungen von Frauen zurück, die sich von jenen von Männern immer noch stark unterscheiden.

Stellen Frauen aber in einer Regierung die Mehrheit, haben sie es selbst in der Hand, sich in Position zu bringen. Sie müssen die Mehrheitslage nutzen, sich gegenseitig unterstützen, damit sich eine Kollegin einem wichtigen Dossiers widmen kann, das sie weiterbringt; und sie sollten sich nicht mit Bildung oder Sozialem zufriedengeben, sondern dafür sorgen, dass sie in Departementen wie Wirtschaft oder Finanzen das Sagen haben. Frauen müssen mehr Mut haben, sich in den Vordergrund zu drängen, Forderungen zu stellen; sie dürfen Männer die Macht der Mehrheit durchaus spüren lassen und sollen im Bedarfsfall, egal welcher Partei sie angehören, für die Frau Partei ergreifen.

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