Alte Politiker, bitte sitzen bleiben

Die erlösende Nachricht für die Parteistrategen der FDP kam letzte Woche: Ihre St. Galler Ständerätin Erika Forster tritt zu den Wahlen im Herbst nicht mehr an. Nach Ablauf einer Höflichkeitsfrist von ein paar Tagen gab am Mittwoch die freisinnige Hoffnungsträgerin Karin Keller-Sutter schliesslich ihre Nachfolgekandidatur bekannt. Die erlösende Nachricht war auch die erwartete: Forster, Ständerätin seit 1995 und 67 Jahre alt, hätte von ihrer Partei kaum die Unterstützung für eine erneute Kandidatur erhalten.

Forster teilt ihr Schicksal mit vielen «Dinosauriern», «Sesselklebern» und «Fossilien». Der Druck auf langjährige Parlamentarier, ihre Sitze abzugeben, ist hoch. Vor allem von Neo-Politikern in den Zwanzigern und frühen Dreissigern versprechen sich Parteien Sympathie- und Sitzgewinne. Die SP St. Gallen hat ihren Doyens Paul Rechsteiner und Hildegard Fässler auf der Nationalrats-Wahlliste eine namenlose Jungsozialistin vorangestellt. Ebenfalls die Jungsozialisten sind es, die in Zürich fast die Hälfte ihrer SP-Nationalratsdelegation aus Anciennitätsgründen zum Rücktritt auffordern. Der Ruf nach mehr jungen, vermeintlich unverbrauchten Kräften ertönt indes generationen- und institutionenübergreifend – viele von uns Journalisten sind Teil dieses Chors.

Die älteren Politiker sind in der Regel die besseren. Ihre Erfahrung bringt es mit sich, dass sie sowohl über das ausgeprägtere Fachwissen als auch die grösseren Netzwerke verfügen.

Wurde von seiner Kantonalpartei per Ende Legislatur zum Rücktritt genötigt: Der erfahrene und unabhängige FDP-Ständerat Rolf Büttiker.

Wurde von seiner Kantonalpartei per Ende Legislatur zum Rücktritt genötigt: Der erfahrene und unabhängige FDP-Ständerat Rolf Büttiker.

Es wäre Zeit für etwas differenziertere Töne. Nicht nur, weil die wachsende Zahl von Senioren im Land einen legitimen Anspruch auf politische Repräsentation durch ihresgleichen hat. Nein, auch aus staatsbürgerlicher Warte müsste man eigentlich darauf hoffen, dass im Herbst nicht möglichst viele junge, sondern viele altgediente Kandidaten ins Parlament gewählt werden. Aus einem simplen Grund: Die älteren, erfahrenen Politiker sind in der Regel die besseren. Ihre Erfahrung bringt es mit sich, dass sie sowohl über das ausgeprägtere Fachwissen als auch die grösseren Netzwerke verfügen denn ihre Jungkollegen – von beidem profitiert der Stimmbürger.

In der SVP etwa sind keine Jungen in Sicht, die es fachlich und an Ausgefuchstheit mit Hans Fehr und Ulrich Schlüer – beide über 60 Jahre alt und seit 1995 im Nationalrat – aufnehmen könnten. In der Sozialpolitik werden die grossen Linien von beschlagenen Langzeit-Parlamentariern wie Toni Bortoluzzi (SVP), Paul Rechsteiner (SP) und Jacqueline Fehr (SP) vorgegeben. CVP-Ständerat Eugen David, seit 1987 im Parlament, ist vom «St. Galler Tagblatt» unlängst als einflussreichster Politiker der Ostschweiz ermittelt worden. Fehlen wird dem Politbetrieb auch der von seiner Kantonalpartei per Ende Legislatur zum Rücktritt genötigte, langjährige Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) – ein origineller, unabhängiger Querkopf und einer der kernigsten Charaktere des Parlaments.

Wer aber erinnert sich noch an Tiana Angelina Moser (31)? Wer an Andrea Geissbühler (34)? Wer kennt Raphaël Comte (31)? Moser war bei ihrer Wahl 2007 grünliberale Hoffnungsträgerin – ausser mit zwei Schwangerschaften hat sie in den letzten vier Jahren kaum von sich reden gemacht. Die SVP-Polizistin Geissbühler immerhin schaffte es unlängst in einige Zeitungen mit dem skurrilen Vorschlag für ein Messerverbot (sie hat ihn inzwischen wieder zurückgenommen). Der Freisinnige Comte ist Nachfolger von Didier Burkhalter als Neuenburger Ständerat. Genieren Sie sich nicht, falls Sie ihn nicht kennen: Ich gestehe, dass ich ihn für einen Azubi der Parlamentsdienste hielt, als ich ihn rund ein Jahr nach Amtsantritt im Ständeratssaal das erste Mal wahrnahm.

Dies alles ist, wohlgemerkt, kein Plädoyer für die ewige Erstarrung. Periodische Blutsauffrischung tut in jeder Institution not. Trotzdem gehört der heutige Jugendkult entsorgt. Zumal auch eine andere weitverbreitete Annahme falsch ist: dass nämlich mit den Jungen ein frischerer Stil und mehr Lockerheit in den Politbetrieb Einzug hielten. Erfahrungen aus dem eigenen Berufsalltag zeigen: Die älteren Parlamentarier sind gegenüber Pressevertretern meist unkomplizierter sowie weniger eitel und empfindlich als ihre Jungkollegen, die sich vor Kameras so gerne hip-leger geben. Wer ständig Blutsauffrischung fordert, fördert de facto die Blutleere.