Privater Waffenbesitz gehört nicht verteidigt

Das Schweizer Schiesswesen fühlt sich vom EU-Diktat bedroht. Im Bild: Jubiläumsumzug «200 Jahre Stadtschützen Bern». (Foto: Keystone/Patrick Hürlimann)

Die Schweiz muss die EU-Waffenrichtlinie übernehmen. Die Landesregierung ist überzeugt, dass sie Brüssel eine Gesetzesänderung abgerungen hat, welche die Tradition des Schweizer Schiesswesens wahrt. Doch die Schweizer Schützen und Schützinnen feuern aus allen Rohren dagegen.

Am kommenden 19. Mai wird sich an der Urne zeigen, ob ihr Sperrfeuer seine Wirkung erzielen konnte. Einer ihrer Hauptkritikpunkte: Die jahrhundertelange Tradition des Schiessens, der Schützenverbände und der Schiessanlässe gehe durch das EU-Diktat kaputt. Ist diese Tradition wirklich so alt, so segensreich und so identitätsstiftend für die Schweiz, wie das die Schützen gerne hätten?

Verbrüdernder Brauch? Wohl kaum!

Alt ist das Brauchtum schon. Aber das Schützenwesen hatte in seinen Ursprüngen kaum etwas gemein mit heutigen Schützenfesten und wehrhaften Schweizer Männern und Frauen. Die mittelalterlichen Schützenfeste waren meist Teil grosser Feste, gemeinsam mit Glücksspielen und Gelagen. Auch die Schützengesellschaften, die im 15. Jahrhundert in den Schweizer Städten entstanden, dienten weniger der Kriegsertüchtigung, sondern hatten repräsentative Funktionen. Sie waren Sache der Obrigkeit, die im Schützenwettkampf das mittelalterliche Turnierwesen fortführte. Das Volk war nur als Zuschauer geduldet. Wenig segensreich war die Entwicklung Anfang des 19. Jahrhunderts: Es gab immer mehr Schützenvereine, und diese griffen des Öfteren als paramilitärische Einheiten in die Politik ein. So nahmen ganze Schützengesellschaften an den Freischarenzügen von 1844 und 1845 gegen die konservative Regierung von Luzern teil. Die endeten 1847 in einem Bürgerkrieg.

Der Historiker Romed Aschwanden kommt in einem Aufsatz zur Schweizer Waffentradition zum Schluss, dass sich das Schützenwesen nicht kontinuierlich zu einem verbrüdernden eidgenössischen Brauch und akzeptierten Bestandteil der Schweizer Kultur entwickelte: «Die unschönen Momente der Schützentradition werden heute gerne ausgeblendet, obwohl die Überwindung der im Sonderbundskrieg aufgerissenen Gräben mehrere Generationen dauerte.» Der Waffenbesitz sei trotzdem zu einem Fundament der schweizerischen Neutralität und Unabhängigkeit verklärt und im Mythos von 1291 verankert worden.

Schluss mit der Verklärung des privaten Waffenbesitzes!

Hat das Schiesswesen heutzutage noch eine so wichtige Funktion? Die erst um 1900 gefestigte Tradition der bewaffneten Eidgenossen erodiert seit rund zwanzig Jahren konstant: Spätestens seit der Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft für aktive Soldaten und Offiziere in einem Schützenverein im Jahr 1996 ist die Anzahl der Schützenvereine geschrumpft. Das Obligatorische wird zwar noch geschossen, aber heute konzentrieren sich die Vereine auch auf sportliche Aktivitäten und viel Folklore.

Das Wesen der modernen Schweiz definiert sich nicht über diese Tradition und einer Verklärung des Schiesswesens. Die Schützen sollen sich im Schiesssport messen und so viele Feste feiern, wie sie wollen. Aber bitte belästigt alle anderen – also die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung – nicht mit einem schlechten Gewissen, nur weil diese nicht bereit ist, das Recht auf privaten Waffenbesitz zu einer identitätsstiftenden Tradition hochzustilisieren. Labt euch doch daran, dass der Bundesrat das Eidgenössische Feldschiessen zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz erkoren hat.