Waadt sagt dem Sexismus den Kampf an

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Sexistisch oder nicht? Werbeplakat in der Stadt Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Anmache, Anzüglichkeiten, Übergriffe: Lausanner Frauen berichten, sie seien in der Stadt täglich sexueller Belästigung ausgesetzt. Nicht nur nachts in unausgeleuchteten Ecken, sondern auch tagsüber auf offener Strasse oder gar in der Metro. Auch Studien haben dies bestätigt. Der Stadtrat lancierte letztes Jahr eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung auf der Strasse.

Man kann die Kampagne als blosse Symptombekämpfung oder eine verhaltenstherapeutische Massnahme interpretieren. Der Kanton wird nun einen Schritt weitergehen, im besten Fall schon im kommenden Sommer. Eine Kommission des Waadtländer Kantonsrats sprach sich vor wenigen Tagen einstimmig für ein Verbot sexistischer Werbung im öffentlichen Raum aus. Das Verbot soll im kantonalen Gesetz an jener Stelle eingefügt werden, die seit Jahren Werbung für Tabak und Alkohol untersagt.

Gegen Geschlechterklischees

Ansatz und Absicht sind klar: Man will mit dem Verbot sexistischer Werbung dort eingreifen, wo geschlechtsspezifische Merkmale vermittelt, verinnerlicht und Klischees gebildet werden. Im äussersten Fall wird gar zu sexueller Gewalt angestiftet. Wie im Fall der Plakate einer italienischen Kleidermarke, die eine Massenvergewaltigung andeuten. Eine Gruppe Männer macht sich über eine am Boden liegende Frau her. Dieselbe Aufnahme gibt es im Übrigen in einer rein männlichen, also schwulen Variante. Solches werde aus dem öffentlichen Raum verbannt.

Im öffentlichen Raum sei es nicht möglich, sexistische und entwürdigende Bilder auszublenden. Anders als bei sexistischer Werbung im Fernsehen oder auf einem Prospekt, wo man entweder wegzappen oder ein Artefakt im Altpapier entsorgen könne. Mit diesen Argumenten wirbt die Waadtländer Parlamentskommission für ein Verbot sexistischer Werbung.

Was in Zukunft verboten sein wird, lässt sich heute nicht voraussagen, aber durchaus abschätzen. Regierungsrätin Jacqueline De Quattro (FDP) versichert, das hübsche Mädchen, das sich, in einen Spiegel blickend, seine Zähne putze, werde man sicherlich auch in Zukunft in den Strassen sehen. Klar ist aber auch: Über die Aussage allzu freizügiger Décolletés und knackiger Männerhintern werde mit Sicherheit intensiv diskutiert.

Soziologen und Ethiker entscheiden

Stimmt der Waadtländer Kantonsrat dem Verbot sexistischer Werbung zu, wird im Übrigen keine Zensurbehörde eingerichtet. Jede Bürgerin und jeder Bürger soll das Recht erhalten, eine Lauterkeitskommission anzurufen, wenn sie oder er ein Plakat mit potenziell sexistischem Inhalt sieht. In der Kommission sitzen ein Soziologe und ein Ethiker. Auch das Büro für Gleichstellung gibt eine Einschätzung ab. Am Ende obliegt es den Gemeinden, ob sie anzügliche Plakate verbieten.

Was wird die Gesetzesreform bringen? Was wird sie bewirken? Eine Prognose ist schwierig. Die Waadtländer Parlamentarier streben einen Mentalitätswandel an. Doch der braucht Zeit. Überreaktionen sind absehbar. Der prüde Teil der Waadtländer Gesellschaft wird jedes Plakat beanstanden, sofern es den Blick auf einen Flecken Haut freigibt. Doch auch die Extremisten unter den Puristen werden rasch realisieren: Für ihr Weltbild wurde das Gesetz nicht geschaffen. Für den Normalbürger schliesslich wird es so sein wie bei anderen Gesetzen auch: Er wird nichts davon merken. Im allerbesten Fall, weil das Gesetz den Werbern die Lust auf sexistische Provokationen nimmt.