Diesen Journalisten dürfen Sie trauen

Auge in Auge mit der Realität: Journalisten befragen den Architekten Peter Zumthor nach seiner Niederlage an der Gemeindeversammlung in Vals GR, 9. März 2012. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Zeitungsleser verlangen nach langen, elegant verfassten Hintergrundstücken sowie nach unterhaltendem Kurzfutter; mittellange, trocken-neutrale Berichterstattung dagegen wird überblättert. Das ist jedenfalls die These von «Republik»-Autor Constantin Seibt, der das Leserverhalten einst in einer gastronomischen Analogie zusammenfasste: «Sie wählen das Dessert und das Steak. Und ignorieren das Gemüse dazwischen.»

Claas Relotius, «Spiegel»-Redaktor und eben überführter Hochstapler, hielt sich höchst erfolgreich an diese Rezeptur: mit kräftigen Geschmacksverstärkern für das Steak und extra viel Zucker im Dessert. Seine gefühligen Reportagen brachten ihm Journalistenpreis um Journalistenpreis ein, bis sich zuletzt herausstellte, dass viele seiner Geschichten auf Fantasie statt Recherche beruhten – ähnlich wie beim Interview-Erfinder Tom Kummer zwei Jahrzehnte zuvor.

Die Frage, die die Vordenker der Branche jetzt wieder umtreibt: Wenn man einem Starschreiber wie Relotius nicht mehr glauben kann, wem wird man dann noch glauben?

Nähe lehrt Sorgfalt und Präzision

Der Autor dieser Zeilen möchte als Antwort einen Ratschlag geben: Schauen Sie sich die Lebensläufe der Journalisten an. Und wenn daraus hervorgeht, dass die Betreffenden längere Zeit auf einer Regionalredaktion tätig waren, dürfen Sie das als gutes Zeichen werten.

Regionaljournalismus ist für Adepten der Branche die beste und effektivste Lauterkeitsschule. Nichts imprägniert in vergleichbarer Weise gegen Eigenmächtigkeit und Selbstüberschätzung. Wer Haus an Haus mit den Leuten wohnt, über die er schreibt, bekommt Sorgfalt und Präzision gelehrt. Wehe, der Bericht über einen Nachbarschaftsstreit fällt zu einseitig aus. Wehe, in der Nachricht über das Defizit der Dorfgarage wird eine Zwei zu einer Drei. Selbst eine Glosse über den schrägen Krawattenknoten an einem Politikerhals überlegt man sich zweimal, wenn man dem Träger am nächsten Tag gegenübersteht. Besser noch einmal die neuesten Trends der Krawattenmode recherchieren.

«Gemüse» ist gesund und bekömmlich

Wer ausreichend lange im Regionaljournalismus arbeitet, eignet sich in aller Regel eine Mentalität an, die Senkrechtstartern wie Claas Relotius und Tom Kummer zuweilen fehlt. Beide schafften es früh in renommierte Medien mit überregionalem Wirkungskreis; die Protagonisten ihrer Geschichten lebten oft Hunderte oder Tausende Kilometer weit entfernt, sprachen kein Deutsch, schenkten den Publikationen in fremden Ländern keine Beachtung.

Wer reich an Sprachvermögen und arm an Skrupeln ist, auf den kann eine solche Konstellation verhängnisvoll-verführerisch wirken. In Reportagen aus fremden Ländern lässt sich Blendwerk leichter einweben als in den Bericht über eine Gemeindeversammlung.

Die Lehre aus dem Fall Relotius kann daher nicht bloss auf ausgebaute Faktencheck-Teams zielen. Regionalzeitungen kämpfen überall ums Überleben. Es ist an der Zeit, ihre Arbeit wieder mehr wertzuschätzen. Ihre Artikel sind meist das, was Constantin Seibt als «Gemüse» bezeichnen würde. Aber dass Gemüse gesünder und bekömmlicher ist als Steak und Dessert, daran darf man sich ruhig mal wieder erinnern.

44 Kommentare zu «Diesen Journalisten dürfen Sie trauen»

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Aber dass Gemüse gesünder und bekömmlicher ist als Steak und Dessert, …‘

    Diese Aussage ist sachlich falsch und steht metaphorisch für den gesamten Artikels. Wir haben seit 50 Jahren mehrere Disziplinen einer fundierten Gesundheitswissenschaften und definieren ‚Gesundheit‘ seitdem als eine reine Kategorie, also ein Werkzeug des menschlichen Denkens ohne empirische Grundlagen. Deshalb können alle Dinge und Prozesse der Realität keine gesundheitsbezogenen Eigenschaften haben. Gesunde Nahrung kann es ebenso wenig geben, wie eine gesunde Sportart, Kleidung, usw..

    Obwohl das seit spätestens 2005 völlig klar ist, benutzen Journalisten den Begriff ‚Gesundheit‘ hartnäckig weiter so vorwissenschaftlich, wie der vor 2’500 Jahren in der griechischen Mythologie entstanden ist.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Wer zu viel Fleisch isst, belastet seine Bauchspeicheldrüse und die Nieren übermässig. Und zu viele Kohlehydrate führen zu sehr vielen Zivilisationskrankheiten.
      Und die gesamten „Gesundheitswissenschaften“ müssen sich alle paar Jahre grundsätzlich korrigieren, z.B. von 5 Gramm Salz täglich auf 12 Gramm oder von ungesunden Fettsäuren zu gar nicht mal so schlimmen, usw.
      Und es gibt gesunde und ungesunde Sportarten. Jede Sportart, die bestimmte Gelenke unnötig strapazieren, sind ungesund. Oder schon die Tennis-Ellbogen vergessen? Oder die kaputten Knie von Buckel-Pisten-„Säue“?
      Ausserdem: hier geht’s um Journalismus und nicht um sinnfreie Gesundheits-Ideologie.

      • Ralf Schrader sagt:

        Es geht auch um den Gebrauch Sprache und die Benutzung von Metaphern. Gesundheit hat nichts mit Krankheiten und nichts mit dem Verzehr von Salz zu tun. Nahrung hat Einfluss auf Krankheiten, aber nicht auf Gesundheit.

        Der Begriff ‚Zivilisationsrankheiten‘ ist auch so eine freie Erfindung wahrscheinlich von Journalisten oder Politikern. Da sind wir schon beim Thema, nämlich eine sorgsam gepflegte Märchenwelt um Medizin und Gesundheit, die im wesentlichen medial erzeugt ist und keinen Bezug zu zeitgenössischen Darstellung und Selbstsicht der beiden Fächer hat.

    • Claude Fontana sagt:

      Bei einem mangel an Vitaminen sind gemüse und Früchte hilfreicher als Fleisch. Bei Eiweissmangel halt eher nicht. Wenn energien über einen Anstrengenden Arbeitstag hinweg reichen sollen, sind Kohlehydrate die beste Antwort. Gesundheit ist, wenn man sich wohl (gesund) fühlt. wenn man das eigene Gleichgewicht gefunden hat.
      Dass sich Journalisten mit ihren Stellen für Politische Positionen entscheiden, steht zwar nicht im Vertrag, ist aber trotzdem Klar oder? Zwanghaft jeden Tag Meldungen zu verarbeiten, die von Agenturen kommen, machen den Beruf unnötig. Der Lebensmitteltechnologe ersetzt den Koch. Der Unterschied in Qualität ist auch ähnlich.

      • Ralf Schrader sagt:

        Eben, Gesundheit kann man nur fühlen. Gesundheit ist nichts Ontologisches. Man kann weder gesund sein, noch gesund werden.

        Das hat zwar Ähnlichkeiten mit Politik und Journalismus, in dem Fall ist es symptomatische Fehlverwendung einer Metapher, was Bezug zum Textinhalt hat.

  • Stefan W. sagt:

    Relotius erhielt seine Preise ja nicht von Lesern, sondern von anderen Journalisten. Und genau da liegt der Denkfehler: Es sind nicht die Leser, die kein Gemüse und dafür überzuckertes Dessert wollen, sondern die Journalisten /glauben/, dass ihre Leser kein Gemüse und dafür überzuckertes Dessert wollen. Daher bieten sie zunehmend nur noch das an und geben einander Preise für besonders viel Zucker, den sie euphemistisch „Qualität“ nennen. Die Schuld daran, dass sie damit eher Leser verlieren, als gewinnen, schieben sie dann gern dem bösen Internet in die Schuhe.
    Davon abgesehen gene ich Ihnen recht: Lokalredakteure sind ganz grundsätzlich glaubwürdiger, als die allzu schillernden Stars.

    • Margot sagt:

      Guter Kommentar! Ich habe schon länger den Eindruck das gewisse Berufsgruppen in ihrer eigenen Blase leben. Neben den Journalisten sehe ich noch Lehrer, Staatsangestellte und einige Politiker; natürlich nicht Alle. Ich persönlich glaube seit 9/11 den Medien so schnell nichts mehr. Positiv ist das Geschichte ein Hobby von mir geworden ist, denn gelogen wurde immer schon.

    • Martin Frey sagt:

      @Margot
      Was Sie mit Ihrer Anspielung auf 9/11 aussagen wollen, muss man wohl nicht verstehen.
      @Stefan W
      Einverstanden, nur ist der Gedanke noch weiterzuspinnen. Nicht nur sind es Journalisten, die andere Journalisten hypen, sondern wenn jemand dreimal in einem Land war, wird er automatisch zu einem Experten. Was dazu führt, dass Journalisten zu einem Thema andere Journalisten interviewen, mit Fragen, deren Antworten oft absehbar sind. Zudem, wer kann schon Status und Ansehen erwerben mit Reportagen über eine Renovation eines Kreisels? Sexy ist in dieser durchaus machoiden Branche das andere, das eben Relotius verkörperte. Er, notabene ein Betrüger mit durchaus krimineller Energie, errang Starstatus, was ihn wohl nicht nur antrieb, sondern auch lange verhinderte, dass er aufflog.

  • Hansjürg Mark Wiedmer sagt:

    Chapeau, Herr Renz, hier treffen Sie genau den Punkt. Allerdings werden auch in Regionalblättern die Schreibenden mit sanftem oder unerbittlichem Druck zur Berücksichtigung von politischen oder wirtschaftlichen Sonderinteressen instrumentalisiert. Oder der Chefredaktor und der Gemeindepräsident und die Regierungsrätin sind verwandt oder verschwägert oder sonstwie vernetzt, was für die Unbestechlichkeit der Medienschaffenden ebenso wenig förderlich ist, wie deren Ambition, selbst ein journalistischer Senkrechtstarter zu werden.

  • Hans Peter Heusser sagt:

    Wie können sie uns dann die tendenziösen Berichte und Kommentare bei SRF erklären. Ein Ärgernis seit Jahren, da wird unwidersprochen Wissen im Halbstundentakt vermittelt mit keinerlei Möglichkeit das noch zu relativieren oder zu korrigieren.

    • Emanuel Dettwiler sagt:

      Sie müssten mir mindestens ein Beispiel geben, damit ich Ihr Ärgernis nachvollziehen kann.

    • Yolanda Hecht sagt:

      Ich weiss zwar nicht von was sie reden, aber tendenziöse Berichte sind nicht das gleiche wie erfundene. Wenn ihnen ein Bericht nicht gefällt oder er ihnen tendenziös erscheint, ist das eine Frage des Geschmacks, der politischen oder persönlichen Einstellung. Er ist nicht zwingend die Unwahrheit, nur weil es nicht ihre Wahrheit ist. Zudem gibt es Knöpfe mit denen man jedes Gerät abstellen kann.

  • Marianne Wissarjonova sagt:

    Das hat mir vor vielen Jahren ein befreundeter Redaktor aus einer renommierten Schweizer Nachrichtenagentur erklärt: Wenn es um Südafrika geht, dürfen die Journalisten lügen wie gedruckt. Hauptsache ist, die Weissen werden konsequent der Menschenrechtsverletzungen bezichtigt und damit sämtliche Klischees bestätigt. Dann wird es in jedem Fall gedruckt.
    .
    Aber wehe, Du schreibst Seich über den 5. Liga Schuttmätsch von Hinterfultigen gegen Vorderfultigen. Dann hagelt es morgen schon empörte Leserbriefe!
    .
    Die Frage ist letztlich eine andere: Wollen unsere Mainstream-Medien ihre linke demagogische politische Vergangenheit in der 68er Bewegung aufarbeiten, oder wollen sie weiter mit dümmlichen Klischees Leser vor den Kopf stossen, die besser informiert sind?

    • Anton Paschke sagt:

      Liebe Maianne, erklären Sie mir mal, woher Sie Ihr Wissen über die 68-ger Bewegung haben. Haben Sie etwa Emma gelesen? Das ist leider eine unbrauchbare Quelle. Die schöne Alice, schwer traumatisiert von ihrem persönlichen Schicksal, hat sich selber nachträglich dazugerechnet. Als 68-ger in Deutschland gelten Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof und Joschka Fischer. Die Ulrike als Sexbombe, hat aber sehr intelligente Artikel geschrieben. Ihr Fehler war, dass sie den Herausgeber von „Konkret“, der die Artikel druckte, auch geheiratet hat. Als heutiger Mainstream kann bestenfalls Joschka Fischer gezählt werden.

  • Lorena sagt:

    Die Marschrichtung der Berichterstattung wird doch in der Regel von der obersten Chefetage vorgegeben . So kommen eben keine objektiven Artikel zustande. Haben sie etwa im „Spiegel“ oder in der „Zeit“ schon einmal etwas Positives über einen rechtsbürgerlichen Politiker gelesen? Eben..

    • Felix Frei sagt:

      Lesen denn sie die zwei Zeitungen? Ich schon und es gab durchaus schon positives über rechtsbürgerlich, wobei der begriff rechtsbürgerlich in d selten benutzt wird

      • Lorena sagt:

        Ob der Begriff benutzt wird oder nicht, spielt ja wohl keine Rolle. Der Leser hier im Forum weiss was ich meine. Und ja Herr Frei, ich lese die zwei Zeitungen tatsächlich, und stellen Sie sich vor, sogar noch andere.

    • Christoph Bögli sagt:

      @Lorena: Ja, habe ich. Aber mal abgesehen davon, selbst wenn dies nicht der Fall wäre, Sie missverstehen hier wie so einige etwas Grundlegendes an der Pressefreiheit: ein Journalist bzw. eine Zeitung ist NICHT zu „Neutralität“ verpflichtet. „Neutralität“ ist in vielen Bereich auch schlicht unmöglich, denn wer soll definieren, was „neutral“ ist? Von einem Journalisten kann man höchstens verlangen, Fakten korrekt zu präsentieren. Der Rest ist eine reine Stil-, Geschmacks- und Gewissensfrage. Weshalb es schon immer so war, dass verschiedene Zeitungen eine bestimmte stilistische, intellektuelle und auch politische Linie haben, die natürlich auf die Artikel abfärbt.

    • Christoph Bögli sagt:

      @Lorena: Ja, habe ich. Aber mal abgesehen davon, selbst wenn dies nicht der Fall wäre, Sie missverstehen hier wie so einige etwas Grundlegendes an der Pressefreiheit: ein Journalist bzw. eine Zeitung ist NICHT zu „Neutralität“ verpflichtet. „Neutralität“ ist in vielen Bereich auch schlicht unmöglich, denn wer soll definieren, was „neutral“ ist? Von einem Journalisten kann man höchstens verlangen, Fakten korrekt zu präsentieren. Der Rest ist eine reine Stil-, Geschmacks- und Gewissensfrage. Weshalb es schon immer so war, dass verschiedene Zeitungen eine bestimmte stilistische, intellektuelle und auch politische Linie haben, die natürlich auf die Artikel abfärbt.

    • Christoph Bögli sagt:

      2.: Komischerweise kommt solches Gejammer aber fast immer nur, wenn rechte Politiker kritisiert werden (selbst wenn der Anlass noch so berechtigt ist). Dass z.B. der SPIEGEL in vielen Artikeln auch immer wieder die SPD demontiert, gegen die Grünen schiesst oder Linke blöd aussehen lässt, egal. Und noch interessanter: dass Köppels Weltwoche, die NZZ oder Foxnews und all die anderen Murdoch-Schmierenblättchen mitnichten „neutral“ sind, kritisieren Sie mit keinem Wort. Meine Frage ist darum: wieso ist denn Ihr Kommentar denn nicht „neutral“ oder wenigstens ausgeglichen?

    • Roberto Furter sagt:

      Aber klar doch. Es gilt der Stil des Hauses. Oder eben die Ideologie des Hauses. Leser sind doch nicht naiv …

  • Ricini sagt:

    In diesem Zusammenhang empfehle ich dringend, folgenden Titel in der ungekürzten Ausgabe zu lesen:
    Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika. 2 Bde. / Zürich: Manesse, 1987.
    In der Reclam-Ausgabe dieses Titels fehlen wichtige Passagen.

  • Sam Fuller sagt:

    Schade nur, werden die Lokalblätter für politische Zwecke missbraucht. Von wem wissen wir (meist). Daher sind diese Zeitungen für mich kaum noch lesbar. Und als Journalist wird es dann auch sehr schwierig in solchen Propagandainstrumenten noch korrekt zu berichten. Von daher teile ich ihre These nur bedingt.

  • Anton Paschke sagt:

    Ich habe zu wenig Zeit um auch noch den Spiegel zu lesen. Irgendwie muss ich etwas verpasst haben. Die vom Spiegel veröffentlichten Hitler-Tagebücher hat also der Herr Relotius geschrieben? Oder ist das jetzt schon wieder ein neuer Skandal?

  • Christian Bernhart sagt:

    Das Hohelied auf den Regionaljournalismus scheppert gewaltig. Die TA-Media hat ja von der BZ und Bund die besten Journis aus dieser Ecke abserviert ins Mantelressort, und so wird auf den Regionalseiten nur noch Eiladungsjournalismus exerziert. Niemand weit und breit, der hier vorlebt, wie man den Lokalmatadoren auf die Finger schaut. Beispiel der letzte Bericht in der BZ über die Stadtregierung. Da wird auf zwei Seiten langefädelt, was Stapi Grafenried während zwei Jahren so gemacht hat, es wird laviert, was das Zeug hält, aber nicht vorgezeigt, was er gemacht oder unterlassen hat und so auch nichts kritisiert. Gefälligkeitsjournalismus eben.

    • Anton Paschke sagt:

      Da kommen mir die Obsersee Nachrichten in den Sinn, deren Cheffredaktor (ev. einzige Redaktor) sich mit der KESB angelegt hatte. Besonders wegen Selbstmorden von Schweizer Bauern ohne Migrationshintergrund.
      Ich habe gerüchteweise gehört er habe die Schweiz verlassen.

  • Edi Strub sagt:

    Ich war Moskau Korrespondent für SRF. Als ich mit meiner Arbeit anfing, sah ich mir die Beiträge meines Vorgängers an, um sicher zu gehen, dass ich nicht eine Geschichte anpacke, die schon einmal über den Sender ging. In einem Beitrag über die Frage, wo die Gebeine der ermordeten Zarenfamilie zur endgültigen Ruhe kommen sollten, entdeckte ich als einer der Protagonisten unseren Chauffeur. Ich traute meinen Augen nicht, er spielte die Rolle eines Adeligen, der für Moskau plädierte. Der Autor hat das mit seiner Entlassung bezahlt (allerdings primär aus andern Gründen). Das Problem dahinter ist, dass die Geschichten schon vor der Recherche „gebaut“ werden und wenn man dann das Personal dazu nicht findet, muss halt der Chauffeur den Text aufsagen…..

  • Alice sagt:

    Wunderbare Homage an den Lokaljournalismus. Danke Herr Renz!

  • Henri Brunner sagt:

    Nun ja, Stichwort SRF: die neue Diroktorin sagte zuerst: „SRF müsse keinen Meinungsjournalismus machen …. “
    Nach SRF-interner Aufregung dann die Beschwichtungung: „An unseren bisherigen Grundsätzen ändert sich nichts.» Man werde weiterhin nicht nur abbilden, sondern auch einordnen, und Meinungsjournalismus sei bisher nicht erwünscht gewesen und werde es auch weiterhin nicht sein. “
    Dass „Einorden“ genau das ist, was WIR LESER bzw. ZUSCHAUER nicht wollen, scheint wieder mal glücklich unter den Teppich gekehrt worden sein.
    Darum, Herr Renz: Solange die Journalisten weitehin meinen, für mich EINORDNEN zu müssen ….
    DANKE, ABER NEIN DANKE. DAS BRAUCHE ICH NICHT!
    Und deshalb: leider nein, es gibt vorerst weiterhin kein Vertrauen mehr.

    • Kurt Schwob sagt:

      Ich als AUCH-LESER wehre mich gegen Ihre Formulierung „WIR LESER“. Vielleicht kennen Sie ja die ganze Welt in- und auswendig und wissen , wenn in X ein Y einen Z angreift, schon Bescheid, warum das geschehen ist und was der Hintergrund dazu ist. Ich weiss es oft nicht und bin deshalb oft auf Hintergrund angewiesen; dieser Hintergrund steckt meist nicht in einer Agenturmeldung (kann er nicht, die Meldung würde viel zu lange). Ein Beispiel aus eigener Praxis (etwas länger her): 1967 kam (für die Tagesschau) eine Tass-Meldung (Tass: Nachrichtenagentur der UdSSR) herein: „In der Schweiz fanden Parlamentswahlen statt. Die Kommunistische Partei hat 25 % Stimmen dazu gewonnen.“ Ich habe als Redaktor etwas angefügt = eingeordnet: Die PdA hatte zuvor 4 Sitze im Nationalrat, danach 5.

      • Anton Paschke sagt:

        :-)) Die Meldung der TASS war aber korrekt.
        Da ist doch der Chruschtschew mit dem Kennedy um die Wette gelaufen. Chruschtschew wurde zweiter, Kennedy vorletzter. :-))

      • Anton Paschke sagt:

        Herr Schwob, man wusste immer, dass in der Pravda keine Wahrheit und in der Izwjestija keine Nachrichten zu finden sind. Dann ist aber George W Bush, der grosse Visionär, in den Irak einmarschiert und plötzlich wurde die Pravda sehr lesenswert. Es stand nur die Hälfte der Wahrheit drin, aber es war die andere Hälfte als im Tagi oder der NZZ.

      • Henri Brunner sagt:

        Herr Schwob,
        Sie wissen doch ganz genau, dass „wir Leser“ nie „Alle Leser“ umfassen kann. Von daher ist Ihr EInwand eher heisse Luft – aber gut, haben wir darüber gesprochen.
        Und das mit den 4 zu 5 Sitzen ist gewiss keine Einordung, sondern lediglich eine (begrüssenswerte) faktengetreue Eränzung gewesen.
        Was das SRF unter Einorden versteht, ist die sprachliche Vor-Disqualifizierung: die „rechtspopulistische SVP“ aber nie die „Linkspopulistische SP“ – dies als eines der harmlosen Beispiele. Oder „Trump wütet ….“
        Meine Güte, wie dämlich, wenn man auf solche Formulierungen greifen muss.
        Leute wie Sie entlarven sich in meinen Augen aber gerade mit Ihrer Antwort: Sie gehören ja als Redaktor zu den Meinungsmachern und finden sich als „Macher“ natürlich gut

        • Kurt Schwob sagt:

          Herr Brunner, danke für Ihre Antwort. Sie ist erhellender als Sie vielleicht denken – Sie machen hier ja auch eine Meinung: Sie unterscheiden hier zwischen Einordnung und faktengetreuer Ergänzung. Jetzt müssten Sie noch ergänzen, dass wir im Grund gar nie alle Fakten kennen können, dass wir also gar nie wirklich faktengetreu ergänzen (= ganz machen) können. Auch Ihr erster Satz trifft das, was ich meine, nicht. „Sie wissen doch ganz genau …“ Woher wissen Sie das? Ich meine, der Herr Brunner erhebt weiter oben genau diesen Anspruch: Dass nämlich „WIR ALLE“ das wissen könnten, sofern wir eben nicht dämlich wären. Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen.

  • Tim Meier sagt:

    „Ehrliche Berichterstattung kann man lernen: indem man statt über den US-Präsidenten über die eigenen Nachbarn schreibt.“ Wenn der Trump-Börsenticker verschwindet, der täglich auf bazonline mit Input von Tamedia erscheint, dann könnte die Berichterstattung etwas ehrlicher werden. Dazu gehört auch die Streichung von Begriffen wie ‚rechtspopulistisch‘, ‚rechtsnational‘ usw. Nun, ich glaube nicht daran.

  • Georg Meier sagt:

    Völlig Einverstanden. Man muss aber auch sagen, dass hier Tamedia nicht nur glänzt.
    Beispiel: Monatelang schreibt man über Trump und MeToo im Silicon Valey. Und hat darob beinahe den hässlichen Case bei EY verpasst (EYToo), wo die Unternehmung auch versucht hat, Lukas Hässig von InsideParadeplatz zu erledigen. Die Binswanger ist dann nach 2 Monaten doch noch aufgesprungen, immerhin.
    Dabei sind die besten und relevantesten Storys immer noch vor der Haustüre. Dafür muss man aber recherchieren und arbeiten!

  • Robert Holzer sagt:

    Auch die TA Media Gruppe vertritt eine bestimmte Haltung. Wenn die Fakten nicht zur Haltung passen ist das Pech für die Fakten. Passt bei Sommaruga genauso wie bei Berset, Wolf, Mauch und Leuthard.
    Journalisten leben mit Politikern in einer Blase, eine Hand füttert die Andere. Gerne verleiht man sich in der schreibenden Zunft die Preise gegenseitig. Wo sonst nichts wächst……
    Übrigens sollte „Einordnen“ im journalistischen Sinne (der Leser, Zuschauer ist offensichtlich zu wenig gebildet und muss „abgeholt“ werden) zum Unwort des Jahres 2019 vorgeschlagen werden.

  • Reto Kieser sagt:

    Ich lese in erster Linie Agenturmeldungen. Möglichst von unabhängigen Quellen. Kommentare von Journalisten sind vielfach persönliche Vor-Urteile. Es ist nicht so, dass gelogen wird bis die Balken brechen. In erster Linie werden relevante Informationen weggelassen, um die persönliche Ansicht als die Richtige erscheinen zu lassen. Ein konkretes Bsp : Tram Ostermundigen. Da wurden Alternativen zum Tram schlicht ignoriert, von BZ und Bund !

    • Kurt Schwob sagt:

      Sie haben vermutlich noch nie aus der ungeheuren Menge von Informationen, die sich über Nachrichtenticker und auf anderen Wegen auf einer Redaktion ansammeln, das herausgesucht, was jetzt wichtig ist. Wer entscheidet denn, was die „relevanten Informationen“ sind? Vielleicht kennen Sie sich ja im Südsudan aus und wissen, was hinter dem Konflikt zwischen den Dinka und den Schilluk steckt – die meisten Leser würden da etwas zusätzliche Information brauchen, die eine Agenturmeldung niemals bieten kann. Und wenn Sie denken, dass es „unabhängige Quellen“ gebe, dann habe ich mit Ihrer Weltsicht etwas Mühe. Das klingt für mich wie wenn jemand behauptet, ein Bundesrat solle die Schweiz als Ganzes vertreten und nicht einen Teil davon. Ich halte diese Auffassung für naiv.

  • Yolanda Hecht sagt:

    Oberlehrer Renz hat gesprochen, aber wenn er bei Regionalreportagen zu viel Rücksicht auf andere und eigene Befindlichkeiten wegen des schrägen Krawattenkopfs nimmt, ist er bei der Selbstzensur. Dann ist auch das Gemüse ungeniessbar. Es ist naiv zu glauben, Journalisten seien ehrlicher als der Rest der Menschheit. Schreiben ist kein Synonym für Wahrheit. Menschen können begnadete Geschichtenerzähler und Lügner sein und die Belogenen wollen zuweilen nicht hinschauen, weil es so schön ist. Das Wort „Zeitungsente“ gibt es seit dem 19. Jh. im deutschen Sprachgebrauch. Claas Relotius steht somit in einer langen Tradition. Wer mal über über „falsche Wahrheiten“ nachdenkt, wird viele weitere entdecken bei Politikern, Bankmanagern, Spitzensportlern, Wissenschaftlern, …, bei sich selbst.

  • Ronnie König sagt:

    Die Kommentare zu Beginn zeigen, man könnte den besten Artikel schreiben, aber was macht der Leser daraus? Nun zum Artikel. Ja, diese Logik ist sicher richtig, aber nicht bei jedem Thema hilft es wo man seine Sporen abverdiente. Daher ist es auch gut den Background eines Journalisten zu kennen. Und Recherchieren ist eh eine Kunst für sich, ob zum Tagesgeschehen, einem wissenschaftlichen Aufsatz, oder populärem Sach- oder Hintergrundswälzer. Guter Journalismus braucht auch Zeit und Geld. Beides ist leider ein wenig Mangelware seit zwei Jahrzehnten, nur wenige Blätter/Sender haben diese Mittel, oder arbeiten mit entsprechenden freischaffenden Journalisten zusammen. Und Journis sollten nicht unnötig bedrängt und gegängelt werden, das darf man nicht vergessen.

  • werner sagt:

    Es gibt Journalisten, an die kommen andere meines Erachtens einfach nie heran. Diese unterscheiden sich meistens dadurch, dass sie sich weder von der einten noch von der anderen Seite beeindruckt zeigen. Viele Journalisten stellen eine Sache oft bei einer Befragung ganz anders dar, als das nachher in der Zeitung steht, das halte ich für verwerflich und ich würde mich hüten bestimmten Zeitungen Auskunft zu geben!

  • Rolf Zach sagt:

    Was der Artikel über Lokal-Journalismus schreibt ist zutreffend. Aber es gibt auch gute Journalisten, die nicht aus dem Lokalteil einer Tages-Zeitung hervorgehen.
    Ein Beispiel ist Nikolaus Meienberg, der durchaus gefühlvoll schreiben konnte, aber seine Reportagen waren oft Dynamit, wie zum Beispiel „Die Erschießung des Landesverräters Ernst S. oder seine Reportage über Frau Kopp und ihren Mann im Vorfeld ihrer Wahl zum Bundesrat. Unglaublich was man da las, aber es stimmte.
    Was Relotius betrifft habe ich den Eindruck, er hat so geschrieben, wie es sich seine Auftraggeber vorstellten. Er hat die vorgefasste Meinung der Spiegel
    Chef-Redaktion eingefangen und für den Leser emotional aufbereit.
    Kommt dazu, dass er billig war, vor allem seine Spesen-Abrechnungen. Dies half.

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