So wurde ich zum Lehrplan-21-Fan

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Langweilig: Dreimal derselbe Stoff ist einfach zu viel. Foto: iStock.

Wenn ich gewusst hätte, was der erste Schultag nach sich zieht. Ich hätte meinen Thek nicht so sorglos ins Dorfschulhaus von Oberwinterthur getragen. Aber als Dreikäsekoch fehlt einem der Überblick. Darum alles der Reihe nach: Zuerst Wörter buchstabieren, und dann die Reise antreten durch die zerklüftete Schweizer Bildungslandschaft. Diese Reise von Zürich über den Kanton Aargau nach Bern machte mich zum Lehrplan-21-Fan.

Auf meiner persönlichen Schulreise wurde ich unfreiwillig zum Römerexperten. Diese antiken Imperialisten hielten sich nie an Kantonsgrenzen, fanden aber leider nicht im selben Schuljahr statt. Die Schildkrötenformation der Legionäre, mit der sie uns Helvetier bei Bibracte bedrängten, kann ich Ihnen bis heute aus dem Effeff beschreiben. Dafür fehlten mir ganze Jahresinhalte in Französisch, Mathematik und sogar in Naturwissenschaften, als ich kurz vor dem Ende meiner Bildungsreise die neunte Klasse in Bern begann. Während sich meine Klassengspändli mal mit der Zukunft (Beruf, weiterführende Schule), mal mit der Gegenwart (Buben mit Mädchen) beschäftigten, büffelte ich Vokabeln und mathematische Regeln.

21 Lehrpläne auf 240 Kilometern

Warum auf einer Distanz von 240 Kilometern von Osten nach Westen bisher 21 verschiedene Lehrpläne galten, leuchtet niemandem ein. Zum Vergleich: München liegt etwa gleich weit von Stuttgart entfernt. Ich wette, die Deutschen sind pragmatischer. Immerhin musste ich nicht alle kantonalen Volksschulen kennen lernen. Mir reichten drei mit ihren erst noch unkoordinierten Übertritten von der Primar- in die Sekundarstufe.

Es freut mich darum, dass ab diesem Sommer 17 Kantone denselben Lehrplan haben und bis in zweieineinhalb Jahren dann alle 21 Kantone mit deutschsprachiger Bevölkerung. Etwas weniger Kantönligeist macht die Schweiz nicht kaputt und erleichtert das Leben von Schülern mit ähnlichem Schicksal. Dessen Gegner haben es bei mir schwer. Die zusammengewürfelte Schar versucht nun, am 4. März den neuen Lehrplan nach gescheiterten Versuchen in anderen Kantonen auch in Zürich und Bern mit einem Sammelsurium an Einwänden zu diskreditieren.

Dabei läuft die Weiterbildung der Lehrerschaft längst. In Bern würde eine Annahme der Volksinitiative «Lehrpläne vors Volk!» diesen 4,6 Millionen-Franken-Aufwand infrage stellen, weil ein Ja im Unterschied zu Zürich zum nachträglichen Absetzen des Lehrplans führen könnte. Vor lauter Geschwurbel über ein angeblich fehlgeleitetes Kompetenzkonzept, die Vermessung der Schüler oder die Abwertung der Lehrer zu Coachs droht der Gewinn dieser Reform vergessen zu gehen: die Schaffung eines zeitgemässen Bildungsraums.

Was durch die Reform gewonnen wird

Man muss es ja nicht so weit treiben wie die International School of Berne. Aber für mich damals und jedes Jahr für rund 6300 Kinder wäre deren weltweit an über 4500 Schulen befolgtes Curriculum ein Segen. Und billiger für alle: Nur schon die Nachhilfe wegen des unkoordinierten Fremdsprachenunterrichts kostet pro Jahr 6,5 Millionen Franken.

Der Lehrplan 21 macht die Schule nicht zum Himmel auf Erden, aber auch nicht zur Hölle. Entscheidend sind die Lehrerinnen und Lehrer. Sie bügeln – wenigstens bei mir war das so – die Folgen der eidgenössischen Kleinkariertheit mit einem Extraeinsatz aus. Aus Respekt vor deren Arbeit habe ich nur diesen Wunsch: dass der Lehrplan wie versprochen kein Korsett, sondern zum Kompass wird.