Die Innerschweiz verliert den Anschluss

Die Schäden des Unfalls gehen in die Millionenhöhe: Reparaturarbeiten nach der Entgleisung beim Bahnhof Luzern, März 2017. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Am 22. März um 13.56 Uhr legte die Entgleisung eines Schnellzuges den Bahnhof Luzern lahm. An einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Schweiz, wo normalerweise über 160’000 Pendler ein- und aussteigen, herrschte während fünf Tagen gespenstische Stille. Eine Vollsperre in dieser Dimension hat es wohl hierzulande noch nie gegeben. Die Entgleisung an sich war eigentlich recht harmlos: sieben Leichtverletzte und Schäden an der Fahrleitung, den Gleisanlagen und Kabelkanälen. Fatal wirkte sich aber der Unfallort aus: Der Zug entgleiste ausgerechnet beim Nadelöhr für die Ein- und Ausfahrten nach Luzern. Als Kopfbahnhof inmitten der Stadt ist er bloss über eine einzige, zweispurige Zufahrt erreichbar, die täglich 400 Züge passieren.

Volk befürwortet den Tiefbahnhof-Planungskredit

«Das Unglück hilft uns», sagte zwei Tage darauf der Luzerner FDP-Regierungsrat Robert Küng. Das mag zwar im ersten Moment etwas unsensibel wirken, aber es zeigt exemplarisch, wie verzweifelt die Luzerner Politik mittlerweile ist. Seit über 40 Jahren werden in der Zentralschweiz Pläne für den Bau eines Tiefbahnhofs gewälzt. Er gilt als Schlüssel, um – nach dem Vorbild der beiden Durchmesserlinien im Zürcher Kopfbahnhof – Luzern vor dem drohenden Verkehrskollaps zu bewahren. Klugerweise wurden bei der Erstellung des 1998 eröffneten Kultur- und Kongresszentrums (KKL) bereits bauliche Vorkehrungen für den späteren unterirdischen Durchgangsbahnhof getroffen.

Einen ersten, wichtigen Schritt machte das Luzerner Stimmvolk, als es 2009 mit Dreiviertelmehrheit einem 20-Millionen-Planungskredit zustimmte. Gerechnet wurde mit Kosten von über einer Milliarde Franken. Als Kernstück war ein zweispuriger Tunnel unter dem Vierwaldstättersee vorgesehen. Unterstützt wurde das Vorhaben auch von kantonalen und nationalen Parlamentariern aus allen Zentralschweizer Kantonen. Da die Verbindung Luzern–Zug–Zürich schweizweit am drittmeisten Passagiere aufwies und zudem am stärksten wuchs, hoffte man, dass der Bund den Tiefbahnhof in das Paket Bahn 2030 aufnehmen würde.

Eine Katastrophe für den Kanton Luzern

Unterdessen stiegen die Kosten für das Jahrhundertprojekt auf 2,4 Milliarden Franken, gleichzeitig sanken die Realisierungschancen. Ende September präsentierte Verkehrsministerin Doris Leuthard die Vernehmlassungsvorlage zum 11,5 Milliarden Franken schweren Bahnausbau 2030/35. Zu den grössten Ausbauten zählen ein Tunnel zwischen Zürich und Winterthur, der Ausbau des Bahnhofs Zürich-Stadelhofen sowie der Zimmerberg-Basistunnel zwischen Thalwil und Zug. Nicht dabei war der Luzerner Tiefbahnhof. Seine Realisierung wurde damit auf mindestens 2040–45 verschoben.

Der Bahnausbau wird zu einer weiteren Stärkung der beiden Wirtschaftszentren Zürich und Zug führen und damit die regionalen Unterschiede vergrössern. Insbesondere für den Kanton Luzern, der seit Jahrzehnten mit allen Mitteln den Anschluss an den Grossraum Zürich sucht, ist es eine kleine Katastrophe. Umso mehr, als dass die vor einigen Jahren eingeführte Tiefsteuerstrategie bisher die erhofften Unternehmen und Arbeitsplätze nicht anlocken konnte.

 

26 Kommentare zu «Die Innerschweiz verliert den Anschluss»

  • Ad. Schoch sagt:

    ein Riesenquatsch, oberfächlicher Fortschrittsglaube, mit wirtschaftlicher Entwicklung hat wohl ein Marmorbahnhof nicht viel zu tun. Als Netzaussen- resp. Endbahnhof ist das Kopfbahnhoflayout kein Hindernis. Ein neuer Durchgangsbahnhof macht nur Sinn wenn alle Zufahrten völlig neu konzipiert und neu gelegt werden, dh. Luzern muss als Ganzes abgerissen und neu gebaut werden. Klar, traurig ist die Baumafia, die schon den gefüllten Geldsack hängen sieht. Für die muss man keine Sorgen haben, sitzt die schon lange im Buttertopf.
    Alles in allem, ein Traum von ewig Träumern, Fortschritsträumern und Giererkrankten.

    • Johannes Fischer sagt:

      A. Schoch liegt völlig richtig. Wenn die Innerschweiz echt am Bahnnetzt bleiben will, dann muss eine neue Lösung für Luzern gesucht werden. Sie liegt auf der Hand, nur die Sturköpfe bei der SBB wollen nicht begreifen, obwohl auch schon vorgeschlagen. Luzern braucht von seiner Lage/Bedeutung her einen Durchgangsbahnhof, aber einer an der Linie Basel – Olten – Sursee – Luzern – Seelisberg – Altdorf. Der Umweg über Arth-Goldau (Bergsturzgebiet) kann so vermieden werden und, einen langen Tunnel braucht es auch am Axen zwischen Brunne und Flüelen. Tagt es da endlich bei den Innerschweizer Kantonen und bei den Köpfen der SBB?

      • Michael Studer sagt:

        A. Schoch hats bereits gut dargelegt. Der Bahnhof Luzern ist ein Netzendpunkt und darum bringt ein Durchgangsbahnhof KEINEN Nutzen (wohin denn? Seelisberg mit 650 Einwohnern?). Die Anbindung an eine Linie Basel-Luzern-Altdorf ist auch Blödsinn, denn die Gotthardachse über Arth-Goldau ist mit einem Einzugsgebiet von ca. 2.5 Mio (Grossraum Zürich/Zug 1.5Mio und Ostschweiz 1Mio und Basel ist auch bedienbar) viel grösser. Dafür 2.4Mrd, bzw. 25% des ganzen Fonds auszugeben ist eine reine Luzerner Zwängerei, um gratis ein S-Bahnnetz (für gerade mal 160000 Pendler) zu bekommen. Daher richtig entschieden!

    • Rolf Hefti sagt:

      Also als Zürcher würde ich gerne 2.14 Jahre lang, den Finanzausgleich von Bern nach Lutzern umleiten. Problem gelöst.

  • sepp z. sagt:

    Die Innerschweizer sind ja eh nur geil auf tiefe Steuern. Wie in den USA: tiefe Steuern für Reiche, dafür marode Infrastruktur. OeV ist des Teufels, schon fast kommunistisch. Wenn die Innerschweizer den Anschluss verlieren, ist das selbstverschuldet, gewollt und kein Zufall.

    • Hans Hasler sagt:

      Die Luzerner sollten sich vielleicht mal an Mexico wenden. Angeblich zahlen die gerne Infrastrukturprojekte anderer Länder 😉 Und so ein Bahnhof ist immer noch sinnvoller als eine Mauer.

  • Jakob Baumann sagt:

    Vielleicht sollte man dem Beispiel gewisser Tessiner Gemeinden folgen welche den Italienern die Quellensteuer nicht mehr überwiesen. Wenn die Zentralschweizer Kantone keine Bundessteuer mehr nach Bern überweisen, könnte es plötzlich schnell gehen. Die Zentralschweiz wurde schon bei der Bahn 2000 belogen und es wurde nichts gemacht und auch bei FABI kann man kräftig mit zahlen aber profitiert nichts. Leider haben wir sehr schwache Stände- und Regierungsräte.

    • R Frei sagt:

      Immer jammern und aus Geld von Bern warten, welches eh zu über 60% aus den NFA Geberkantonen stammt, zudem gibts wohl noch paar hundert Mio NFA Nettozahlungen an LU. Wie wäre es mal selbst was zu bezahlen! Wenn der Kanton LU seit 2000 jedes jahr 100 Mio auf die Seite gelegt hätte wäre der Bhf. im 2020 finanziert und gebaut gewesen.
      Der kt. Zürich hat auch Milliarden (ja Mia. !!) aus Steuergelder in die Verkehrsinfra. gesteckt.

      • Jakob Baumann sagt:

        Die dann grossteils vom Bund zurückbezahlt wurden. Immer bei der Wahrheit bleiben R Frei. gell….

        • R Frei sagt:

          Stimmt nicht, es gab jegliche Volksabstimmungen für Kantonale Kredite: S-Bahn, Flughafen und der grössere Teil der ZH Autobahnen (Forchautobahn, Oberlandautobahn, Flughafen/Bülacher Autobahn) hat der Kt. ZH 100% selbst bezahlt, nix zurück vom Bund!!

    • Patrik Peter sagt:

      Herzig, die Innerschweiz ist dummerweise 100% NFA Nehmer (ausser Zug).

      Wie Luzern / Nidwalden unser Geld verschleudert sieht man am lächerlichen Tunnel bei Stansstad. 100 Mio für 1’000 Personen, damit diese 1 Minute schneller in Luzern sind.

      Und jetzt ganz konkret: Was bringt es exakt der Restschweiz wenn Luzern einen Durchgangsbahnhof hat?

      • Franz Klammer sagt:

        Nur um bei der Wahrheit zu bleiben: Zug, Nidwalden und Schwyz sind Geberkantone – somit 50% der Inner-/Zentralschweiz. Ab 2019 kommt Obwalden noch dazu.

    • Hans Hasler sagt:

      Solange Luzern Nehmerkanton ist beim Finanzausgleich, kann sich Luzern nun wirklich nicht beklagen. Abzocken UND Motzen über zu wenig Geld ist einfach nur frech!

      • urs sagt:

        @Hasler, ich bin nicht Luzerner. Aber das dümmliche Finanzausgleichsgelaber nervt. Der Finanzausgleich ist eine gesetzliche Regelung. Wäre es im Sinne Zürichs, die ETH nach Luzern zu verlagern? Ich glaube, JEDER ‚Nehmerkanton‘ würde sofort auf den Finanzausgleich aus Zürich (gut 300 Mio) verzichten, wenn er DIE Tophochschule (für 1500 Mio) gratis erhalten würde.

        • Patrik Peter sagt:

          Nö. Zürich hat die ETH als Ausgleich zum Bundeshaus erhalten. Der Flughafen gibts auch nur, weil die Berner (einmal mehr) diesen nicht wollten. Siehe Volksabstimmung. Im Gegensatz zu Bern oder Luzern hat Zürich mit Escher als Vordenker etwas aus seinem Kanton gemacht. Sogar Euren Gotthardtunnel gibts nur dank einem Zürcher. Die Innerschweiz hat sich einfach jahrzehntelang auf kuscheligen „Ideologiehügel ausgeruht weil „hey wir sind doch die Gründerkantone“ und darum den Anschluss an die Moderne verpasst

        • Hans Hasler sagt:

          Urs, Konzentriert Dich bitte: Auch die Bundessteuer ist eine gesetzliche Regelung. Wenn jetzt einer daherkommt und wegen täublen und trötzeln diese Gelder nicht mehr zahlen will, dann ist es voll legitim auch den Geldfluss in die andere Richtung zu hinterfragen.
          Logisch ist der Finanzausgleich unter dem Strich fair und wünschenswert. Aber es müssen dazu alle mitmachen und nicht nur dann für den Ausgleich sein, wenn man selber Geld erhält.

        • R Frei sagt:

          300 Mio stimmen nicht – Finanzausgleich ZH an andere Kantone netto: 2017: 510 Mio; 2018: 529 Mio.
          ZH trägt zudem zu ca. 23% der gesamten Bundeseinnahmen bei. Zurück fliessen weit unter 20% – also nochmals X Milliarden aus dem Kt. an die lieben Miteidgenossen, dafür ist die Stimme eines Zürchers nur 1/40 wert im Vergleich zu einem Appenzeller. Die Ch wird langsam eine ‚Diktatur‘ der angeblich Armen und Kleinen.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Seine Realisierung wurde damit auf mindestens 2040–45 verschoben.‘

    Das passt doch. 2945 ist das Jahr, für das wir das Ende der Erwerbstätigkeit und damit des endlosen Geschwätzes um Arbeitsplätze schätzen. Aber regional mobil wollen die Menschen ja trotzdem bleiben.

  • Peter Waldner sagt:

    Was war wohl zuerst – das Huhn oder das Ei? Die (überlasteten) Zentren oder der stetige Niedergang der Wirtschaftlichkeit und Lebensqualität „auf dem Land“? Das Bedürfnis nach mehr Verkehrskapazität in den Zentren oder diese Zentren selbst? Im Auslandteil der BAZ gibt es (bezogen auf die EU) den Artikel: „Reiche Regionen hängen arme Landstriche immer mehr ab“. Ich führe das nicht zuletzt auf die Infrastruktur in der Verkehrspolitik zurück; und hier ist ein Beispiel, wie das auch in der Schweiz passiert. Mit Luzern „erwischt“ es sogar ein „Zentrum“; nur, weil es „klein“ ist. Kleiner jedenfalls als die Moloche, welche nach dem Prinzip der Gravitation immer mehr (Verkehr) anziehen – an Masse gewinnen und so die Anziehung verstärken.

  • Hans Hasler sagt:

    Man muss dazu vielleich noch erwähnen, dass auch an anderen Orten die Finanzierung geharzt hat. Wer einfach nur darauf wartet, dass der Bund die Rechnung zahlt wird nicht erfolgreich sein. So musste z.B. Zürich die Kosten für den Bahnhof Stadelhofen aus eigenem Sack vorfinanzieren. Oder bei der Duchmesserlinie hat man nicht etwa darüber abgestimmt Gelder für die Planung zu sprechen, sondern darüber Gelder für den Bau selber einzusezten (in einem grossen Umfang. Nicht 20 Millionen). Liebe Luzerner: Wenn ihr mehr wollt müsst ihr proaktiv werden. Und nicht auf die anderen warten.

  • urs sagt:

    das Grundproblem ist im Titel. Nein, die Innerschweiz verliert den Anschluss nicht. Im Gegenteil. Die Kantone Zug, Schwyz und Uri bekommen gratis was andere Kantone selber bezahlen müssen (sowohl strassen- als auch bahnmässig) und sind in einer extrem privilegierten Situation. Luzern wird hingegen abgehängt. Dies a) aufgrund einer unguten Zürich-Zentralisierung bei SBB, b) weil Luzern de Facto keine Allianzpartner hat (Innerschweiz gibts – aussser beim Steuerdrücken – nicht) und c) weil der Kanton Luzern äusserst ungeschickt agiert. Für den Durchgangsbahnhof wäre die Westschweiz, Basel, Solothurn die richtigen Allianzpartner gewesen…. Schade, zum Schaden nicht nur von Luzern, sondern von uns Steuerzahlern in der Schweiz

  • Marco Paga sagt:

    Zürich, Zürich, Zürich, Zürich… gibt’s bei der SBB auch noch was anderes als Zürich? Ausgebaut wird immer nur Zürich und das Mittelland alles andere wie Innerschweiz oder Nordwestschweiz wird von der SBB schon lange vernachlässigt. Die Preise steigen aber auch bei jenen die null profitieren vom ewigen Zürichausbau.

    • Hans Hasler sagt:

      Ein Witz? Pro Kopf und gefahrenem Kilometer wird extrem wenig in Zürich und Umgebung investiert.
      Dazu kommt, dass Zürich auch viel Geld selber in die Hand nimmt. Teilweise mit Rückvergütung durch den Bund – aber das war bisher nie garantiert.
      Wenn Luzern bereit ist, das Geld vorzuschiessen, würde auch in Luzern eher etwas neues gebaut werden. Dafür würde aber erst mal das Volk selber davon überzeugt werden müssen. Dieses wird in der Innerschweiz lieber Autobahnen bauen…

  • Hofstetter Josef sagt:

    Und warum wählen noch immer viele Zentralschweizer die CVP, welche vorwiegend mit der SP Politik betreibt und damit auch die unfähige Schnellschus produzierende Bundesrätin Leuthard unterstützt. Wie können Bauern der CVP noch eine Stimme geben, wenn man die Rede von Leuthard an der OLMA liest oder hört. Leuthard arbeitet für diejenigen, bei denen Sie nach Ihrem Rücktritt die grössten Chancen hat, einen Superjob zu finden.

  • werner boss sagt:

    Hinter schönen Krawatten,aus geschminkten SP-Mündern tönte es grossspurig noch vor wenigen Jahren; Ein ERFOLGSMODELL! Eine Win-win Situation ist das schnelle Wachstum der Bevölkerung in der Schweiz, verursacht durch die Einwanderung. Nun kommt langsam aber sicher das Erwachen. Die Steuergelder reichen einfach hinten und vorne nicht mehr aus um die nötigen Infrastrukturen bereit zu stellen. Kommt dazu dass vieles veraltet ist und eigentlich ersetzt werden sollte- gerade bei der SBB. Die SP will nun die Profiteure noch zur Kasse bitten, allerdings kann sie damit auch nur die treffen, welche nicht schon längst über alle Berge sind und dreht damit weiter am Niedergang der Schweiz.

Kommentar

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