Es geht um weit mehr als bloss Bildung

Die Gesellschaft wandelt sich radikal. Doch dafür brauchen Kinder – und wir alle – das nötige Rüstzeug. Foto: Elaine Thompson (AP Photo, Keystone)

Eigentlich wollte Johann Schneider-Ammann dem Bundesrat und Parlament nach der Sommerpause 150 zusätzliche Millionen für die digitale Bildung beantragen. Das hat leider nicht geklappt.

Trotzdem zeigt sich nach all den Sparübungen, dass der Bildungsminister die Zeichen der Zeit erkannt hat. Er will sich später nicht vorwerfen müssen, sagte er, etwas verpasst zu haben. Tatsächlich verändert sich die Arbeitswelt. Berufe verschwinden und neue entstehen. Es findet ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel statt. Die Diskussion über Maturitäts- und Akademikerquoten ist nur ein Symptom davon. Eigentlich geht es dabei gar nicht um Bildung. Es geht einfach um das Leben in einer veränderten Welt. Die Digitalisierung ist nur ein Aspekt dieses Wandels. Als weitere Megatrends werden zum Beispiel im Projekt «Berufsbildung 2030» Globalisierung, Dienstleistungsgesellschaft, demografischer Wandel und Upskilling genannt. Unter Upskilling schreiben die Vertreter der Berufsbildung: «Die Erwerbstätigen weisen ein immer höheres Ausbildungsniveau aus.»

Die Arbeitswelt schafft Fakten

In diesem Bildungsblog habe ich für eine höhere gymnasiale Maturitätsquote geworben sowie für eine «Matura für alle», also dafür, dass nicht nur einige, sondern alle Jugendlichen einen unserer drei Maturitätstypen erwerben sollen: die gymnasiale Maturität, die Berufs- oder Fachmaturität. Die Millionen für die digitale Bildung bestätigen die Stossrichtung dieses Blogs. Der Prozess des Upskillings fragt nicht danach, ob wir das möchten. Die Arbeitswelt schafft Fakten – die kann man gut oder schlecht finden, doch entziehen kann man sich ihnen nicht.

Gerade die Schweiz ist ein Land, das vom Upskilling besonders stark betroffen ist. Wir sind kein Billiglohnland, sondern die internationale Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft liegt in der Innovationskraft von Hochqualifizierten. Unsere Städte weisen mittlerweile einen Akademikeranteil von über 50 Prozent aus. Trotzdem leisen wir uns immer noch eine rekordtiefe Maturitäts- und Akademikerquote. Noch immer lassen wir einen Grossteil unserer Kinder und Jugendlichen zurück auf dem Weg in eine Zukunft, die andere, höhere Anforderungen an sie stellen wird. Noch immer nehmen wir hin, dass die soziale Herkunft über Bildungswege und -abschlüsse entscheidet, statt mit einer Ausweitung der Schulpflicht alle mitzunehmen und so für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen.

Das Bildungssystem muss gehoben werden

Mittel für die digitale Bildung wären eine gute Sache, doch damit ist es nicht getan. Das gesamte Bildungssystem muss auf ein neues Level angehoben werden. Die Diskussionen um die Notwendigkeit höherer Bildung sind müssig. Die Forderungen aus diesem Blog werden laufend zu neuen Tatsachen. Falls wir uns irgendwann daran erinnern, werden wir sie reichlich antiquiert und ein wenig putzig finden. Die Veränderung kommt sowieso. Die Frage ist: Wollen wir ständig lückenfüllend hinterherhinken? Oder wollen wir sie aktiv und ein bisschen gerechter gestalten?