Die Schweiz kann höher springen

Greenpeace-Protest in Bern gegen Amerikas Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. (Foto: Keystone/Anthony Anex)

Vom Rückzug der USA unbeeindruckt hat der Ständerat die Schweizer Ratifikation des Pariser Klimaabkommens genehmigt. Die Schweiz will also – und das haben wir mit 193 anderen Ländern und zahlreichen US-Bundesstaaten gemeinsam – ihren fairen Beitrag an die Vermeidung einer Klimakatastrophe leisten. Das Fieber soll auf «deutlich unter 2 Grad und möglichst 1,5 Grad Celsius» begrenzt werden. Weil mehr brandgefährlich ist.

Jedes Land bestimmt selbst, wie viel es zur Ausheilung des Klimafiebers beiträgt. Festgeschrieben ist lediglich, dass es reichen muss, um die Nettoemissionen weltweit auf null zu bringen. Alle fünf Jahre wird Bilanz gezogen und nachgebessert. Industriestaaten wie die Schweiz sollen dabei wegen der hohen historischen Emissionen und der grösseren Handlungsfreiheit vorangehen.

Weitere Details zur Festlegung nationaler Ziele und Massnahmen kann jeder Staat der ausführlichen wissenschaftlichen Literatur entnehmen, picobello aufbereitet vom Weltklimarat und auch von der Akademie der Wissenschaften Schweiz. Fazit: Paris umsetzen heisst, unsere Emissionen bis spätestens im Jahr 2050 auf netto null runterbringen.

Für null Emissionen …

Wir haben noch 33 Jahre bis zum Vollstopp: kein Benzin, Diesel, Heizöl, Kerosin oder Erdgas, keine Finanzanlagen in Kohle und Pipelines, Kursänderung in der Landwirtschaft. Einmal Systemwechsel mit allem und das Steuer herumreissen, bitte!

Die gute Nachricht: Wir haben schon angefangen. Mit Bekanntem aufhören kostet Überwindung, es bringt aber auch Chancen: saubere Luft, einheimische Arbeitsplätze, Unabhängigkeit von ausländischen Lieferanten und kriegerischen Handlungen. 10 Milliarden pro Jahr in der Schweiz ausgeben statt im Ausland.

Auch gut ist: Der Handlungsspielraum ist riesig. Wir haben die höchste Ölheizungsdichte in Europa, die verschwenderischste Automobilflotte und ein noch gänzlich brachliegendes Potenzial in der Landwirtschaft. Damit wir alle klimaklug handeln, muss der Rahmen stimmen. Die kommende Revision des CO₂-Gesetzes liegt perfekt dafür.

… brauchen wir drei Richtungswechsel

Erstens: Die Reduktion von Treibhausgasen im Inland muss den Pfad für null bis 2050 vorbereiten. Mehr am Anfang, weniger am Schluss. Damit bewahren wir unseren Handlungsspielraum und fahren langfristig billiger. Die aktuell vorgesehene Reduktion von 30% im Inland bis 2030 ist unverantwortlich tief. Zu sagen, 30% sei ambitiös, ist, als ob ein Hochspringer für seinen Sprung auf den Randstein Applaus erwarten würde.

Zweitens: Der Verkehr, Klimasünder Nummer 1, muss endlich liefern. Eine CO₂-Abgabe auf Treibstoffe wäre wünschenswert. Deutlich schärfere CO₂-Grenzwerte auch: zum Beispiel 50 g CO₂ pro km bis 2025. Oder wieso nicht ab 2025 keine Verbrennungsmotoren mehr erlauben? Andere Länder wie Norwegen haben das vor, wir verlieren uns derweil in ideologischen Grabenkämpfen.

Drittens: Wir müssen uns endlich wieder die Frage stellen: Weshalb machen wir das eigentlich? Verkehr und Konsum steigen rasant, doch glücklicher sind wir nicht. Der Stress steigt mit den Emissionen. Wenn wir klimaklug handeln, sinkt beides.