Gymnasium UND Lehre

Sowohl die gymnasiale als auch die Berufs- und Fachmaturität sollen ausgebaut werden. Fotos: Gaëtan Bally (Keystone)

Meinem Plädoyer für eine gymnasiale, eine Berufs- oder eine Fachmaturität für alle hält Rudolf Strahm in seiner Replik auf mein Interview in der TA-Serie «Fördern und Fordern im Bildungssystem» den dualen Bildungsweg entgegen. Dieses Entweder-oder ist nicht zielführend. Bildung dauert ein Leben lang, und es gibt verschiedene Wege zu verschiedenen Zielen. Das ist unbestritten. Aber das bedeutet nicht, dass man fehlende schulische Bildung erst später, zum Beispiel in der Höheren Berufsbildung, nachtragen und nachbessern soll. Es braucht beides: Die schulische Grundbildung in der Jugend muss ausgebaut werden – und auf dieses Fundament folgt das lebenslange Lernen. Diese Entwicklungen sind längst im Gang, nicht zuletzt dank Herrn Strahm selbst. Jetzt gilt es, diese neuen Möglichkeiten allen Jugendlichen zu eröffnen.

Rudolf Strahm unterstellt mir in seiner Replik Angstmacherei. Nun, die digitalisierte, globalisierte Zukunft mit ihren wachsenden Ansprüchen habe nicht ich erfunden. Don’t kill the messenger. Die Schweiz ist keine Insel. In international tätigen Firmen mit ihren ausländischen Chefs gelten neue Regeln – egal wie toll Herr Strahm die Schweizer Diplome findet. Auf diese Zukunft müssen wir unsere Kinder vorbereiten, darin liegt unsere Verantwortung.

Mythos arbeitslose Akademiker

Einmal mehr versucht Strahm, den Mythos arbeitsloser Akademiker heraufzubeschwören. Das ist Populismus pur. Laut Bundesamt für Statistik beträgt die Arbeitslosigkeit bei Uni-Masterabgängern fünf Jahre nach Abschluss 2,5 Prozent (bei den Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler 2,7 Prozent), bei Fachhochschulabgängern 2 Prozent. Die Studie von Aniela Wirz aus dem Zürcher Amt für Wirtschaft, auf die er sich bezieht, zeigt in aller Deutlichkeit: Durch Arbeitslosigkeit gefährdet sind vor allem niedrig qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Gesucht sind hingegen Hochqualifizierte: Ärztinnen, Ingenieure, Produktionsleiterinnen, Softwareentwickler. Dabei ist der Fachkräftemangel komplex: Gefragt sind neben den Ärzten auch Pflegepersonal, neben Elektroingenieuren auch Elektromonteure.

Nicht gegeneinander ausspielen

Aber eben: Laut Herrn Strahm habe ich ja keine Ahnung. Stattdessen leide ich an Bildungsdünkel. Eines möchte ich hier mal sagen: Ich komme aus einer Bauernfamilie und darauf bin ich stolz. Mir muss keiner kommen mit Bildungsdünkel. Ich gehöre nicht zu jenen, die vorne den Leuten Honig ums Maul schmieren, heuchlerisch ihre Berufslehre preisen – aber hintenherum die eigenen Kinder ans Gymnasium schleusen und Hochqualifizierte aus dem Ausland anstellen. Ich schwadroniere nicht von Gleichwertigkeit, zahle aber unterschiedlich. Das kann auch Herr Strahm nicht wollen.

Für mich stellt sich Strahms Titelfrage «Gymi oder Lehre?» überhaupt nicht in dieser Form. Im Gegensatz zu ihm spiele ich das Gymnasium eben gerade nicht gegen die Lehre aus. Ich plädiere für einen Ausbau sowohl der gymnasialen als auch der Berufs- und Fachmaturität. Denn es braucht beides, Herr Strahm: Gymnasium und Lehre.