Mehr Solidarität in der Altersvorsorge

Innovation statt Eigeninteresse: Wir können uns eine ausgewogene Altersvorsorge leisten. (iStock)

Innovation statt Eigeninteresse: Wir können uns eine ausgewogene Altersvorsorge leisten. (iStock)

Der «Tages-Anzeiger» brachte es in der letzten Woche an den Tag: Die Zahl der Menschen, die über das Renteneintrittsalter von 65 Jahren hinaus arbeiten, hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Er fragte: Was sind die Gründe?

Viele der heutigen Rentner fühlen sich beim Eintritt in den sogenannten Ruhestand noch fit und haben Lust, weiterhin tätig zu sein. Andere sehen sich gezwungen, neben der nicht vollen AHV-Rente, neben einer kleinen Rente aus der zweiten Säule, der beruflichen Vorsorge, noch hinzuzuverdienen, damit sie sich über Wasser halten, die Miete, die Krankenkassenbeiträge und den Lebensunterhalt bestreiten können.

Es sind vor allem Frauen, Alleinerziehende, die oft in prekären Verhältnissen leben müssen, obwohl sie ihr ganzes Leben arbeiteten, sei es als Mutter, als Teilzeitangestellte oder als Mitarbeitende in den unteren Lohnstufen. Sei es, weil viele Beschäftigte 5, 10 Jahre vor dem 65. Geburtstag entlassen wurden und trotz guter Qualifikationen keinen Job mehr fanden, weil sie der Wirtschaft zu teuer, eben auch zu alt waren. Und jetzt irgendetwas unternehmen müssen, das nicht annähernd ihren beruflichen Fähigkeiten entspricht.

Ich schlug in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» vor, dass die Politik innovative Ideen aufgreifen müsse, beispielsweise eine Lebensarbeitszeit von 40 bis 44 Jahren. Sodass ein Bauarbeiter, der mit 16 Jahren ins Berufsleben einsteige, mit 60 bei vollen Bezügen in den Ruhestand treten könnte, ein Arzt auf der anderen Seite, der spät, beispielsweise erst mit 32 ins Berufsleben einsteige, sich eben erst mit etwa 7O bis 72 Jahren bei vollen Bezügen zur Ruhe setzen könnte. Neben vielen positiven Reaktionen löste der Vorschlag auch harsche Kritik aus.

Erwin Rüegg aus Zürich schrieb in seinem Leserbrief an den «Tages-Anzeiger»:

Affront für Akademiker

Dem Präsidenten des Zürcher Seniorenverbands schwebt ein Solidaritätsfonds vor, ein Mechanismus, damit Leute nach 40 oder 44 Arbeitsjahren und nicht erst mit Alter 65 in Pension gehen können. Dabei erwähnt er: «Ein Bauarbeiter beginnt mit 16 zu arbeiten, ein Arzt beispielsweise erst mit 32.» Eine dumme Aussage von Anton Schaller! Damit impliziert er, dass weder ein Medizinstudium noch die sechs bis zehn Jahre dauernde Facharztausbildung als Assistenzarzt mit 50 bis 90 Wochenstunden eine Arbeit sind. Was denn: Spass und Hobby?

Eines macht die harsche Kritik deutlich: Je nach persönlicher Betroffenheit, je nach politischem Standort reagiert man anders, reklamiert eine für seine Verhältnisse möglichst gute Lösung. Das ist verständlich. Nur: An einer solidarischen Lösung, bei der alle aufeinander zugehen, an der eigenen Position Abstriche vornehmen, führt kein Weg vorbei.

Das 3-Säulen-Prinzip der schweizerischen Vorsorge ist das wichtigste Sozialwerk der Eidgenossenschaft, von unseren Vätern und Müttern erfunden und aus vielen politischen Kämpfen hervorgegangen. Es ist das beste Vorsorgesystem der ganzen Welt, sehr sorgfältig ausbalanciert. Darauf können wir stolz sein. Nur: In den letzten 10 Jahren konnte es nicht mehr der demografischen Entwicklung, den volkswirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden. Auch gelang es nicht, die langfristige Finanzierung sicherzustellen. Das Parlament war nicht in der Lage, sich zu einigen, einen gemeinsamen Weg zu finden.

Einzelinteressen bestimmen den politischen Prozess

Zurzeit berät das Parlament die grosse Vorlage «Vorsorge 2020» aus dem Hause Berset. Die Vorlage ist an sich ausgewogen, der Ständerat hat sie noch etwas aufgebessert. Der Vorlage fehlen aber innovative Impulse. Nun ist der Nationalrat dran. Die Vorzeichen lassen nichts Gutes erahnen. Statt gemeinsam neue Wege zu beschreiten, scheinen sich harte Auseinandersetzungen abzuzeichnen. Situative Betrachtungsweisen und vor allem Einzelinteressen der verschiedenen Akteure bestimmen anscheinend den politischen Prozess.

Wir sind ein kleines, aber volkswirtschaftlich sehr starkes Land. Wir können uns eine ausgewogene, auf die Zukunft bezogene, ausbalancierte Altersvorsorge leisten. Wie die AHV, die erste Säule, darf sie auch insgesamt soziale Aspekte enthalten. Dabei müssen Einzelinteressen gegenüber dem Gemeinwohl zurückstehen. Es geht nicht darum, Bauarbeiter gegen Akademiker auszuspielen, sondern um den Ausgleich zwischen Privilegierten und denen, die es im Berufsleben nicht so gut hatten. Übrigens: Ein Arztstudium kostet die Volkswirtschaft, je nach Berechnung, gegen 1 Million Franken, zum grossen Teil aus Steuergeldern finanziert. Und auch das ist für unsere Gesellschaft.