Velofahrer – Rowdys wider Willen

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Politblog

Ein Ärgernis für Fussgänger: Velofahrer auf dem Trottoir. Foto: Dieter Seeger

Man kann die Schweizer Bevölkerung in zwei Gruppen unterteilen: jene, die Velo fahren – und jene, die sich über Velofahrer aufregen. Jeder politische Vorstoss, jede Kampagne und jeder Artikel über Veloförderung scheint einen Abwehrreflex der zweiten Gruppe zu provozieren. Das zentrale Argument in der Debatte ist immer dasselbe: Velofahrer halten sich nicht an die Regeln; das soll man auf keinen Fall mit millionenschweren Investitionen belohnen.

Tatsächlich fahren Velofahrer auf dem Trottoir und bei Rot. Und ja, sie werden dabei mitunter zur Plage oder gar zum Sicherheitsrisiko für ihre Mitmenschen. Das ist alles kein Grund gegen Veloförderung, sondern dafür. Velofahrer haben nicht von Natur aus einen schlechteren Charakter als alle anderen Menschen. Allerdings offenbaren sich ihre schlechten Seiten häufiger. Fast die gesamte Verkehrsfläche ist entweder für Fussgänger und ÖV reserviert oder wird von Autofahrern dominiert. Alle diese Verkehrsteilnehmer verfügen über durchgehende und sauber voneinander abgetrennte Verkehrsnetze, auf denen sie schnell und sicher von A nach B kommen. Dazwischen gibt es für Velofahrer gelegentlich 125 Zentimeter Veloweg, aber meistens gibt es am rechten Strassenrand kein Durchkommen.

Die Alternative zur Veloförderung: Verstopfte Strassen und Trams

Velofahrer fahren Velo, weil es eine schnelle Fortbewegung ermöglicht. Wenn nun die eigenen Absichten mit den Gesetzen kollidieren – und das soll keine Rechtfertigung sein – neigen Menschen zu einer grosszügigeren Auslegung von Regeln. So tun es Velofahrer, wenn sie auf das Trottoir ausweichen. So tun es Autofahrer, die ihr Auto im Parkverbot abstellen (nur kurz!), beim Überholen auch mal deutlich schneller fahren als erlaubt (ist sicherer!) oder auf der Autobahn immer 10 km/h zu schnell fahren (liegt in der Toleranz!). Oder wie die Fussgänger, die den kürzesten Weg über die Strasse wählen anstatt des legalen (sorry, bin im Stress!).

Wenn man sich nun überlegt, ob Veloförderung Konflikte auf der Strasse reduzieren könnte, muss man Folgendes wissen: Jede zweite Autofahrt ist kürzer als fünf Kilometer – eine Distanz, die mit dem Velo in 15 Minuten zu schaffen ist. Bei der Mehrheit dieser Fahrten wird nichts transportiert. Auf 90 Prozent aller Arbeitswege sitzt nur ein Mensch im Auto. Das geht aus dem Mikrozensus Mobilität und Verkehr des Bundes hervor.

Einige Menschen müssen Auto fahren. Andere wollen. Seis drum. Aber für viele ist es einfach ein Ärgernis, im Stau zu stehen. Unproduktiv vergeudete Zeit, die man lieber mit der Familie oder Freunden verbringen würde. Wenn es eine Alternative gäbe, die komfortabel, sicher und günstig wäre, würden sie umsteigen.

Wir haben nun zwei Möglichkeiten. Entweder wir bauen komfortable und sichere Velorouten und sorgen damit dafür, dass jeder Verkehrsträger seine Stärken ausspielen kann. Der Zug für weite Reisen, Tram und Bus für kürzere Strecken, das Auto für Transporte und das Fahrrad als schnellstes Verkehrsmittel auf kurzen Etappen. Das schafft Platz auf der Strasse für jene, die ihn brauchen.

Oder wir lassen alles beim Alten. Dann werden auch die 600’000 Alltagsvelofahrer irgendwann resigniert umsteigen und Strassen, Trams und Busse verstopfen.