Keine Genossenschaftswohnungen für Reiche

Platz an der Sonne: Balkon einer Genossenschaftswohnung in Wallisellen-Dübendorf. (Thomas Egli)

Begehrter Platz an der Sonne: Balkon einer Genossenschaftswohnung in Wallisellen-Dübendorf. (Thomas Egli)

Es ist Hilfe zur Selbsthilfe. Zum Beispiel im abgelegenen Bündner Safiental, wo die Gemeinde Tenna eine Genossenschaft gründete, um ihren veralteten Bügellift zu retten: Mehrere Hundert Einheimische und Auswärtige halfen 2012, den Bau des weltweit ersten Solar-Skilifts zu finanzieren. Zur Selbsthilfe griffen auch die Stadtluzerner. Vor vier Jahren nahmen 58 Prozent die Initiative «Für bezahlbaren Wohnraum» an. In den nächsten 25 Jahren muss jede vierte Neubauwohnung gemeinnützig sein, damit sich der Anteil der genossenschaftlichen Wohnungen von 14 auf 16 Prozent erhöht. Für die Innerschweiz, wo der gemeinnützige Wohnungsbau praktisch inexistent ist, war es ein sensationeller Volksentscheid. Eine «Zugisierung», also die Verdrängung der unteren und mittleren Schichten durch Reiche wie im Kanton Zug, wollen die Stadtluzerner verhindern.

In Luzern ist es noch relativ einfach, an eine Genossenschaftswohnung (nicht zu verwechseln mit subventionierten Sozialwohnungen oder städtischen Wohnungen) zu kommen. Deshalb können die meisten Baugenossenschaften problemlos ihre Wohnungen nach den üblichen Belegungsvorschriften vergeben. So muss zum Beispiel eine 5½-Zimmer-Wohnung von mindestens vier Personen bewohnt werden. Mitentscheidend ist auch, wie lange jemand bereits Genossenschafter ist. Laut einer Studie des Bundesamts für Wohnungwesen über die Vermietungskriterien verfügt bloss jede fünfte Genossenschaft über verbindliche Einkommens‐ und Vermögenslimiten. Die grosse Mehrheit der rund 1500 gemeinnützigen Wohnbauträger der Schweiz steuert die Belegung nach der Zimmerregel.

Rigide Vermietungskriterien der Bürgerlichen

In der Stadt Zürich ist die Wohnungsnot jedoch dramatisch, weshalb Genossenschaften in den vergangenen Jahren viel politische Angriffsfläche boten. Nachdem sich die Stadtzürcher 2012 mit einem überwältigenden Mehr dafür aussprachen, den Anteil gemeinnütziger Wohnungen bis 2050 auf ein Drittel zu heben, versuchten die Bürgerlichen rigide Vermietungskriterien durchzusetzen. 2013 forderte die 4:1-Initiative, dass nur noch Leute in den Genuss vergünstigter Wohnungen kommen, deren Bruttoeinkommen maximal das Vierfache des Mietzinses beträgt.

Zum Glück versenkte sie der Zürcher Gemeinderat letzte Woche. Aber die Idee eines finanziellen Vergabekriteriums ist per se nicht schlecht, vor allem in Hotspots wie Zürich. Wenn schon, sollte jedoch das Nettoeinkommen herangezogen werden. Dann bekäme auch ein Lehrer, der Unterhalt für seine Kinder zahlen muss, eine Wohnung. Viel besser wäre es jedoch, eine Vermögenslimite einzuführen. Sie könnte beispielsweise eine Viertelmillion Franken betragen. Die Einkommenshöhe entspricht abgesehen von einigen Spitzenlöhnen grundsätzlich der persönlichen Marktleistung. Damit lassen sich ungleiche Einkommen im Gegensatz zu den Vermögen nach dem meritokratischen Prinzip rechtfertigen und sind eher gesellschaftlich akzeptiert. Wer also schon das Glück hatte, viel zu erben, sollte den weniger Glücklichen die Genossenschaftswohnung nicht streitig machen.